Donald Trump und der iranische Angriff auf das Atomkraftwerk Barakah

Zeigt Trumps Schweigen über den iranischen Angriff auf das AKW Barakah, dass der US-Präsident zur Verhandlungstaktik Barack Obamas zurückgekehrt ist?

Kernkraftwerk Barakah

Von Matthias Küntzel

Mena-Watch, 11.06.2026

Donald Trump, der Mann, der Verlierer erklärtermaßen verachtet, ist nun selbst dabei, den Krieg gegen das iranische Regime zu verlieren.

Eigentlich zielte dieser darauf ab, die iranischen Atomwaffen- und Raketentechnologien zu zerstören und sein Proxy-Hilfstruppensystem zu zerschlagen. Doch davon ist schon lange keine Rede mehr. Stattdessen rückte eine andere Frage ins Zentrum der Aufmerksamkeit: Wann endlich ist die Straße von Hormus für die internationale Schifffahrt wieder frei?

Bereits am ersten Kriegstag hatte das iranische Militär die Straße von Hormus einseitig für den Schiffsverkehr gesperrt. Am 1. März, dem Folgetag, beschoss die Revolutionsgarde erstmals einen Tanker, um ihrer Drohung Glaubwürdigkeit zu verleihen. Mit der gewaltsamen Kontrolle über diese Meerenge fand Teheran einen Hebel, der nicht nur seine militärische Unterlegenheit kompensierte, sondern ihm eine neue Machtposition verlieh.

Denn schon die Androhung von Angriffen auf Öltanker reicht aus, die Weltenergieversorgung in gravierende Turbulenzen zu stürzen. Zugleich winkt die Aussicht, in Mafia-Manier künftig Schutzgelder in Milliardenhöhe erpressen zu können. Mit diesem Husarenstreich gelang es dem vom Krieg geschwächten Iran, die Großmacht USA in ein Dilemma zu stürzen und vor die Alternative zu stellen, entweder die Straße von Hormus freizukämpfen, also den Krieg erheblich auszuweiten oder aber die verhassten Mullahs als Herrscher anzuerkennen und mit ihnen zu verhandeln.

Trump hat sich vorerst für den zweiten Weg entschieden. Damit haben sich seine maßlosen Drohungen und Ultimaten als Aufschneiderei entpuppt. Gleichzeitig wurden die Rollen im Kriegsszenario vertauscht. Fortan hat Teheran den Ton angeben und die Zeitläufte kontrollieren können. Jetzt waren es die USA, die auf Verhandlungen drängten, während die iranischen Machthaber sie hochmütig zappeln ließen. Jetzt war es Teheran, das sich immer provokantere Verstöße gegen die Anfang April vereinbarte Waffenruhe erlaubte, während das Weiße Haus diese Angriffe kleinredete oder ignorierte, um ja nicht die Aussicht auf Verhandlungen zu gefährden.

Dies zeigte sich beispielhaft an dem Schweigen, mit dem die USA auf den kürzlich erfolgten Angriff Irans auf die Atomanlage Barakah in den Vereinigen Arabischen Emiraten reagierten. Was war hier vorgefallen? Schauen wir es uns genauer an.

Der Fall Barakah

Am 17. Mai 2026 schlidderte die Golfregion nur knapp an einer Reaktorkatastrophe vorbei. An diesem Tag lenkten pro-iranische Kräfte aus dem Irak ihre Drohnen auf das Atomkraftwerk Barakah in den Vereinigten Arabischen Emiraten (VAE).

Barakah besteht aus vier Druckwasser-Reaktoren, die mit südkoreanischer Unterstützung gebaut und zwischen 2021 und 2024 in Betrieb genommen wurden. Diese Anlage ist die erste und einzige kommerziell betriebene Atomanlage in der arabischen Welt. Sie gilt den VAE nicht nur als ein nationales Symbol, das ein Viertel des Strombedarfs des Landes deckt, sondern beweist zudem, dass es einer nationalen Urananreicherung, wie vom Iran betrieben, nicht bedarf: Für Barakah liefern die USA das angereicherte Uran und nehmen später die abgebrannten Brennelemente zurück.

Glücklicherweise konnten am 17. Mai zwei der drei Drohnen, die in Richtung Atomkraftwerk rasten, abgefangen werden. Die dritte stürzte außerhalb des Reaktors auf den elektrischen Generator von Block drei, der in einer riesigen Stichflamme aufging. Bei vollem Kraftwerkbetrieb musste ein Notfall-Dieselgenerator aktiviert werden, um größere Schäden, etwa eine Reaktorschmelze, zu verhindern.

Zwei Tage später trat der UN-Sicherheitsrat zu einer Sondersitzung zusammen, um über diesen „unprovozierten terroristischen Angriff“, so der VAE-Botschafter, zu beraten. Diese Sondersitzung fand nicht auf Initiative der USA oder Israels, sondern auf Anstoß Bahrains statt. Rafael Grossi, der Generaldirektor der Internationalen Atomenergieagentur IAEA, war anwesend und warnte vor den „katastrophalen Konsequenzen“, die ein Direktangriff auf einen laufenden Reaktor zur Folge haben könnte. Am 3. Juni inspizierte er den Reaktor vor Ort und kam zu dem Schluss, dass es sich „um eine sehr genau gezielte Operation“ gehandelt habe. „Das bedeutet, dass derjenige, der dahintersteckte, genau wusste, was er tat. Das ist äußerst schwerwiegend“, so Grossi.

„Äußerst schwerwiegend“ – in der Tat. Doch warum wurde diese gefährliche Eskalation so totgeschwiegen? Warum hielten sich die Repräsentanten der westlichen Welt, allen voran Donald Trump, mit Kritik an diesem Angriff auffällig zurück?

Dieser Reaktorbeschuss hätte dem amerikanischen Präsidenten eine hervorragende Gelegenheit bieten können, die US-Amerikaner und die Welt aufzurütteln und ihnen zu erklären, warum das iranische Regime und dessen Schattenarmeen mit aller Kraft bekämpft und besiegt werden müssen. Denn immerhin wurde mit diesem Angriff nicht nur der Waffenstillstand eklatant gebrochen, sondern eine ganze Region vorsätzlich in Gefahr gebracht. Donald Trump aber wollte hiervon nichts wissen. Anstatt die Wahrheit über die Revolutionsgarden zu verbreiten, schwieg und schweigt das Weiße Haus; vermutlich, um das vorrangige Ziel, das iranische Regime an den Verhandlungstisch zu holen, nicht zu gefährden.

Verhandeln wie unter Obama?

Es ist bezeichnend, dass die iranische Seite die realen Differenzen zwischen den Kontrahenten betont, während Donald Trump im Kontext der Vorbereitung auf Verhandlungen über „sehr positive Entwicklungen“ phantasiert, die jedoch mehr seinem Wunschdenken als der Realität entspringen.

Die Absichtserklärung, über deren Ausformulierung derzeit Washington und Teheran im Streit liegen, soll in einer ersten Phase die Schifffahrt in der Straße von Hormus wieder ermöglichen. Teheran spekuliert darauf, dass ihm als „Belohnung“ der Zugang zu eingefrorenen Geldern in Höhe von zwölf Milliarden Dollar sowie die Aufhebung von Öl-Sanktionen gewährt wird. In einer zweiten Phase soll binnen eines Zeitraums von sechzig Tagen der Rahmen für künftige Atomverhandlungen festgelegt werden, wobei selbst dieser Zeitraum noch verlängert werden kann.

Führende Republikaner haben diesen Rahmenplan zu Recht als „desaströsen Fehler“ und „Alptraum für Israel“ bezeichnet, weil er die Stellung Irans erheblich stärkt. Denn selbst wenn es gelänge, die freie Durchfahrt durch die Meeresstraße von Hormus sicherzustellen, also den Status quo ante wiederherzustellen, wäre dies ein Sieg für Teheran. Denn dann bliebe als einziges greifbares Resultat des israelisch-amerikanischen Waffengangs nur die Aussicht auf eine monatelanges Diplomatie-Marathon über Details des iranischen Atomprogramms, wie er unter Barak Obama bereits ergebnislos stattgefunden hat.

Es geht bei diesem Krieg nicht um Kleinigkeiten. Eine Niederlage Israels und der USA käme einer globalen Tragödie gleich. Sie hätte nicht nur für die iranische Bevölkerung schreckliche Folgen, sondern würde auch den Status der westlichen Welt dramatisch verändern. Die sich so mächtig gebenden USA hätten sich als „Papiertiger“ entpuppt, während das islamistische Regime als Beherrscher der Straße von Hormus eine Schlüsselrolle in der Region wie auch global einnehmen könnte. Die Achse, die Russland, Nordkorea, China und den Iran verbindet würde gestärkt werden und der iranische Griff zur Bombe erleichtert anstatt erschwert.

Diese Bombe aber ist und bleibt der Worst Case in einem Land, dessen Führung gemäß der islamistischen Parole „Ihr liebt das Leben, wir lieben den Tod“ stolz darauf ist, dass angeblich vierzehn Millionen Iraner bereit sind, ihr Leben für die Verteidigung dieses Regimes zu opfern. Die Todesliebe dieser religiösen Fanatiker macht den Fall Barakah – den Versuch, aus einem Atomkraftwerk eine tödliche Waffe zu machen – bedeutsam und das Schweigen hierüber so ominös.

Die Originalveröffentlichung findet sich hier.

Bild: Das im Bau befindliche Kernkraftwerk Barakah im Jahr 2017 · Autor: Wikiemirati · Lizenz: CC BY-SA 4.0