7. Oktober und Islam

Warum bezeichnet die Hamas ihre Angriffe auf Israel als "religiösen Krieg"? Und was haben die zahllosen Allahu-Akbar-Rufe während des Massakers vom 7. Oktober zu bedeuten?

Von Matthias Küntzel

Hamburg, 14. Juli 2026

Stellungnahme anlässlich der Konferenz „Contemporary Antisemitism Haifa 2026“, die vom 7.-9. Juli 2026 in Haifa/Israel stattfand.

Seit den schrecklichen Ereignissen vom 7. Oktober sind mehr als 1.000 Tage vergangen. Und doch sind viele Fragen weiterhin offen. Mich interessiert zum Beispiel der Zusammenhang zwischen dem Massaker und dem Islam. Was bedeutet es, wenn die Hamas ihre Angriffe auf Israel als „religiösen Krieg“ bezeichnet? Was haben die zahllosen Allahu-Akbar-Rufe während des Massakers vom 7. Oktober zu bedeuten? Und wie haben die wichtigsten religiösen Zentren des Islam auf diesen antisemitischen Exzess reagiert?

Diese Fragen werden selten gestellt. Es gibt noch keine seriösen Untersuchungen, die sie umfassend beantworten. Dabei haben sie ein erhebliches Gewicht. Der Islam ist mit mittlerweile zwei Milliarden Anhängern die zweitwichtigste und die zudem am schnellsten wachsende Religion.

Wurde diese Religion missbraucht, als während des Massakers vom 7. Oktober Allah als eine Art Schirmherr angerufen wurde, so als sei das Töten und Vergewaltigen von Israelis eine Art Gottesdienst? Und falls wir diese Frage mit Ja beantworten – wo bleibt dann der von Muslimen geäußerte Protest?

Mein Vortrag wird zunächst die religiöse Dimension des 7. Oktober in Erinnerung rufen. Ich werde anschließend auf die Reaktionen einiger sunnitischer Zentren eingehen.

Zur religiösen Komponente des 7. Oktober

Der Historiker Gideon Kressel berichtete über ein Gespräch, dass er in Israel mit einer Gruppe von Arabern führte. Diese erklärten ihm beim Frühstück „in ruhiger und freundlicher Weise“, wie er schreibt, dass Israel bald aufhören werde zu existieren; der Grund dafür sei, „dass dies Gottes Wille ist – nichts kann daran etwas ändern.“[1] Diese Siegesgewissheit – Allah hat Israels Vernichtung vorgesehen, also wird Israel vernichtet werden – gehört zu den Kennzeichen des Islamismus. Sie trat auch beim Angriff des 7. Oktober in Form von Jubelrufen zutage und verstärkte den Terror gegen die Juden.

„Setze dein Vertrauen in Allah“, stand zum Beispiel auf dem Handzettel, den ein Hamas-Führer am Abend des 6. Oktober verteilte. „Verlasse dich auf Ihn und […] lass die Rufe Allahu Akbar der krönende Ruhm sein.“[2] „Weitere beschlagnahmte Dokumente, die im Besitz von Hamas-Kämpfern gefunden wurden […], zeigten, wie die Führung […] die Kämpfer vor Ort anwies, sich gegenüber Juden, Soldaten und Zivilisten wie Barbaren zu verhalten, und diese Handlungen damit rechtfertigte, dass sie im Namen des Islam durchgeführt würden“, heißt es in dem Bericht der britischen All Parliamentary Group über den 7. Oktober. „In der Tasche eines Kommandanten des militärischen Flügels der Hamas wurde eine handschriftliche Notiz gefunden. […] Darin forderte er seine Kämpfer auf, so viele Juden wie möglich zu töten, sie zu enthaupten und ihnen für den Islam Herz und Leber herauszureißen.“[3]

Auch für Yahya Sinwar, dem Planer und Anführer des Massakers, war das religiöse Motiv zentral. Er glaubte an die Verheißungen des Paradieses, die der Koran verspricht. Er glaubte, dass die Ermordung von Juden eine Voraussetzung für die Erlösung der Welt sei und war bereit hierfür sich selbst und das Leben von Zehntausenden Muslimen zu opfern.

Schon in seinem autobiographischen Roman, den er 2004 unter dem Titel „The Thorn and the Carnation“ veröffentlichte, ging es darum, so viele Israelis wie möglich mit barbarischer Grausamkeit zu töten. Sinwar legte den Protagonisten dieses Romans, nachdem sie ein tödliches Geschoss auf Juden geworfen hatten, die folgenden Worte in den Mund: „Im Namen Gottes, Gott ist der Größte, und du hast nicht geworfen, als du geworfen hast; es war Gott, der geworfen hat.“[4] Hier erklären diese Wahnsinnigen Gott zum eigentlichen Täter oder machen sich selbst zu Gott. So oder so gilt ihnen das Abschlachten von Juden als eine Art religiöser Dienst; daher die enthusiastische Stimmung am 7. Oktober und die ständigen Rufe Allahu Akbar.

Wie also reagierten wichtige Institutionen des Islam auf den religiös begründeten Terror dieses Tages? Beginnen wir mit der mit Abstand bedeutendsten sunnitische Lehrstätte – der Al-Azhar-Universität in Kairo, bei der mehr als 500.000 Studierende eingeschrieben sind.

Wie reagierte Al-Azhar?

Schon am 7. Oktober, wenige Stunden nach Beginn des Hamas-Überfalls, veröffentliche Al-Azhar eine Erklärung, in der es heißt: „Al-Azhar würdigt mit größtem Stolz den Widerstand des stolzen palästinensischen Volkes, das uns mit Geist und Glauben erfüllt hat.“[5] Am 18. Oktober ging Al-Azhar noch einen Schritt weiter und erklärte in einer fatwa, dass „zionistische Zivilisten in den besetzten Gebieten die Bezeichnung ,Zivilisten‘ nicht verdienen“, wobei für sie auch das Kernland Israel zu den „besetzten Gebieten“ gehört.[6] Mit anderen Worten: Alle Israelis dürfen getötet werden.

Mit dieser fatwa hat die bekannteste Universität des sunnitischen Islam die Geiselnahmen und die Morde und damit auch die Verbrennungen, Verstümmelungen, Vergewaltigungen und Folterungen, von denen man inzwischen wusste, legitimiert. Es war dies eine gravierende Weichenstellung innerhalb der Welt des Islam, zumal sich die Al-Azhar bis dahin von religiösem Extremismus eher distanziert und sich ein „moderates“ Image zugelegt hatte. Bemerkenswerterweise haben die westlichen Medien diesen alarmierenden Vorgang so gut wie vollständig ignoriert.

Offensive der Muslimbruderschaft

Kommen wir als nächstes zu den Gruppen der Muslimbruderschaft, zu denen auch die Hamas gehört. Während die Al-Azhar manchmal zumindest vorgibt, die Existenz Israels im Rahmen einer Zweistaaten-Lösung akzeptieren zu wollen, bestehen die radikal antisemitischen Islamisten darauf, dass Israel in Gänze ausgelöscht wird.

Diese Gruppen sahen in dem Massaker den Anfang einer islamischen Entscheidungsschlacht um Palästina. Sie verabschiedeten eine Erklärung und eine fatwa, die sich sämtliche Hamas-Forderungen zu eigen machte.[7]

Doch damit nicht genug. Am 27. Juni 2025 kamen Hunderte islamische Gelehrte in Istanbul zusammen, um eine Charta zu verabschieden. Diese hat den Titel: „Charta der Religionsgelehrten der islamischen Nation bezüglich der Al-Aqsa-Flut und ihrer Auswirkungen.“ Mit „Al-Aqsa-Flut“ ist das Massaker der Hamas gemeint.[8]

Diese Charta ist ein umfassendes religiöses Manifest, das von über 500 Geistlichen und 39 islamischen Organisationen veröffentlicht wurde. Sie dient dem Zweck, dem Massaker des 7. Oktober eine religiöse Legitimation zu verschaffen. Sie verteidigt die Hamas insbesondere gegen die häufig geäußerte Kritik, sie habe mit ihrer Offensive des 7. Oktober den nachfolgenden Tod zahlloser Gaza-Muslime bewusst einkalkuliert. Hierzu heißt es in dieser Charta:

„Der hohe Preis, den die Menschen in Gaza während der Operation gezahlt haben, ist kein Grund zum Bedauern oder zur Verzweiflung. Er ist ein Zeugnis für wahren Glauben und Opferbereitschaft. Ihr Lohn liegt bei Allah.“

Dieser zynische Absatz bestätigt somit Sinwars Kurs, der den Tod Zehntausender Muslime in Gaza als „wahren Glauben“ einkalkuliert und öffentlich verteidigt hat, ohne allerdings zu fragen, ob die Bewohner Gazas damit einverstanden sind, für höhere Ziele der Hamas geopfert zu werden.[9] Und er erinnert uns an die Aussage des früheren iranischen Präsidenten Rafsandjani, der erklärte, dass „schon eine einzige Atombombe in Israel alles auslöschen“ würde, während der israelische Gegenschlag „die islamische Welt nur beschädigen“ würde. Einige Hundertausend zusätzliche Märtyrer des „wahren Glaubens“ – dieser Preis war auch ihm nicht zu hoch.

Solch Ungeheuerlichkeiten ernst zu nehmen, fällt uns schwer. Wenn jedoch 500 muslimische Gelehrte und 39 muslimische Organisationen im Juni 2025 erklären, dass der religiöse Nutzen groß genug ist, um solch humanitäre Katastrophen in Kauf zu nehmen, dann muss man das wohl ernst nehmen.

Muslimische Anti-Islamisten in der Defensive

Last but not least gab und gibt es selbstverständlich auch zahllose muslimische Einzelpersonen in Israel, in Gaza, in Saudi-Arabien in Großbritannien und anderswo, die das Hamas-Massaker scharf kritisierten. Allerdings fanden diese Muslime in den westlichen Medien wenig Gehör.

So blieben auch die Erklärungen des Global Imams Council (GIC), der behauptet, für fast 1.500 Imame sprechen zu können, weitgehend unbekannt. Diese Organisation hat die IHRA-Definition von Antisemitismus übernommen. Sie hatte bereits im März 2023 eine Fatwa gegen die Hamas beschlossen und den Überfall des 7. Oktober scharf kritisiert. „Wir stehen an der Seite des jüdischen Volkes in seinem Kampf gegen den islamistischen Terrorismus der Hamas“, heißt es in ihrer diesbezüglichen Erklärung.[10]

Auch die muslimische Ahmadiyya-Bewegung, die weltweit über mehr als 15 Millionen Anhänger verfügt, hat das Massaker kritisiert: Es sei „völlig im Widerspruch zur Lehre des Islam und müsse verurteilt werden.“ Soviel ich weiß, waren diese beiden Gruppen – Global Imams Council und Ahmadiyya – die einzigen muslimischen Organisationen, die sich vorbehaltlos von dem Hamas-Angriff distanzierten. Doch auch von ihnen wollten die großen westlichen Medien wenig oder gar nichts wissen.

Kommen wir also zum Schluss. Ich begann meine Ausführungen mit der Erwartung, dass die Instrumentalisierung einer Religion mit dem Ziel, Gräuel gegen Zivilisten zu rechtfertigen, massive Proteste der Anhänger dieser Religion, ob Juden, Christen oder Muslime provozieren müsste. Diese Erwartung wurde, was den 7. Oktober anbelangt, enttäuscht. Der Mainstream-Islam, wie ihn etwa Saudi-Arabien repräsentiert, distanzierte sich weniger von der Hamas als von Israel, während die Islamisten – von Erdogans Türkei und Katar unterstützt – den Terror des 7. Oktober feierten und dessen Fortsetzung ankündigten. Diese Entwicklung sollte nicht nur der muslimischen, sondern auch der nicht-muslimischen Welt wesentlich mehr Sorgen bereiten, als dies gegenwärtig der Fall ist. Ich danke für Ihre Aufmerksamkeit.

[1] Zit. nach Martin Gilbert, In Ishmael’s House: A History Of Jews In Muslim Lands, Yale University Press, 2010, XVIII.

[2] Itay Ilnai and Filipp Piatov, Like sadistic Nazis: Secret Hamas papers reveal step-by-step action plan for Oct.7, Israel Hayom, June 28, 2024.

[3] The Second Edition, 7 October Parliamentary Commission Report, London: March 2026, p.59. https://www.7octparliamentarycommission.co.uk/second-edition.

[4] Yahya Al-Sinwar, The Thorn and the Carnation, Dublin 2024, p. 388.

[5] Zitiert nach Andrew G.Bostom, Introduction to: A Modern Qur’anic Kampf Against The Jews, January 2026, p. cxliv.

[6] Ofir Winter & Michael Barak, From Moderate Islam to Radical Islam? Al-Azhar Stands with Hamas, INSS Insight No. 1777, November 2, 2023.

[7] Y. Yehoshua and N. Mozes, Charter Signed By Hundreds Of Muslim Scholars Supports Hamas‘ October 7 Attack On Israel, MEMRI, July 10,2025; Pesach Wolicki, Pushback in Arab World after New Call for Global Jihad Against Israel, Jerusalem Post, March 31, 2025.

[8] Charter of the Islamic Nation’s Religious Scholars regarding the Al-Aqsa-Flood and its implications. Mein Dank gilt dem Historiker und Islamismus-Experten Shaul Bartal, der mich auf diese Charta hinwies.

[9] „We are ready to die, and tens of thousands will die with us“, erklärte er 2018. Zit. nach The Second Edition, 7 October Parliamentary Commission Report, London: March 2026, p.60.

[10] Nearly 1,500 Muslim Imams Endorse Fatwa Against Hamas Following Israel Attack, The Yeshivaworld.com, October 15, 2023.

Image: Al-Azhar mosque in Cairo · Source: Wikimedia Commons · Author: Ismaiel · License: CC BY-SA 4.0