Besprechungen zu „Nazis und der Nahe Osten“

Hier finden Sie die folgenden Rezensionen:

Marc Neugröschel: Israelnetz, 29.10.2019.

Jamal Tuschick: der Freitag, 21.10.2019.

Thomas Klatt: Deutschlandfunk (Sendereihe Tag für Tag), 17.10.2019.

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Israelnetz (www.israelnetz.com), 29.10.2019

ISRAELHASS UND ISLAMISCHER ANTISEMITISMUS: DIE SPÄTEN FOLGEN DES NATIONALSOZIALISMUS

Gezielt verbreiteten die Nationalsozialisten ihre antisemitische Ideologie auch in der islamischen Welt. Damit trugen sie zur Entstehung des israelisch-palästinensischen Konfliktes bei. Mit seinem neuen Buch will der Politologe Matthias Küntzel diesen Aspekt deutscher Geschichte aufarbeiten.

Eine Rezension von Marc Neugröschel

Die These, dass der islamische Antisemitismus überhaupt erst durch den Nahostkonflikt ins Leben gerufen worden sei, ist weit verbreitet. Matthias Küntzel hält sie für falsch. Umgekehrt werde ein Schuh draus. In seinem neuen Buch „Nazis und der Nahe Osten: Wie der islamische Antisemitismus entstand“ argumentiert der Hamburger Politikwissenschaftler und Historiker, dass es den heutigen israelisch-palästinensischen Konflikt vielleicht gar nicht geben würde, wenn die Nazis den Nahen Osten nicht mit ihrer antisemitischen Ideologie infiziert hätten.

Anhand konkreter Quellen zeigt Küntzel, wie die Entscheidung gemäßigter arabischer Führer, dem gerade gegründeten Staat Israel 1948 den Krieg zu erklären, auf den Druck einer islamistisch-antisemitischen Bewegung zurückgeht, die kräftig von den Nazis befeuert, finanziert und vor allem auch geistig inspiriert wurde. So zeichnet er nach, wie der nationalsozialistische Antisemitismus bis heute im Nahen Osten nachwirkt und von Migranten aus dieser Region nun nach Europa reimportiert wird.

Küntzel beschreibt, wie nationalsozialistische Propagandisten und islamistische Agitatoren zur Zeit der Nazi-Herrschaft gezielt zusammenarbeiteten, um eine politische und ideologische Allianz gegen den Westen und die Moderne zu schmieden. Zu den Hauptprotagonisten dieser unheilvollen Kollaboration gehörten der Mufti von Jerusalem, Hadsch Amin al-Husseini, führende Köpfe der in Ägypten entstanden Muslim-Brüder und hochrangige Mitarbeiter aus Joseph Goebbels‘ nationalsozialistischem Propagandaministerium. Sie schufen einen giftigen propagandistischen Cocktail aus Versatzstücken islamistischer und antisemitischer Ideen, der per Schrift, vor allem aber per Radio in der islamischen Welt verbreitet wurde.

Propaganda durch arabische Radiosendungen aus Berlin

Eine besondere Rolle spielte hierbei der Kurzwellensender im Berliner Vorort Zeesen. Zur Zeit des Zweiten Weltkrieges gehörte er zu den modernsten und leistungsstärksten Sendeanlagen überhaupt. Anlässlich der Berliner Olympiade von 1936 war er auf den neusten technischen Stand gebracht worden. Mit ihm konnten die Nazis ihre Hasspropaganda auch unter jenen Teilen der arabischen Bevölkerung verbreiten, die des Lesens nicht mächtig waren. Hierfür scheute das deutsche Propagandaministerium keine Kosten und Mühe. Der Orient-Redaktion von Radio Zeesen gelang es gar, den damals in der arabischen Welt überaus populären irakischen Nachrichtensprecher Junis Bahri als Ansager zu verpflichten.

Eine Auswertung von Mitschriften dieser Radiosendungen gehört zu den wichtigsten Arbeiten des US-amerikanischen Historikers Jeffrey Herf. Bereits 2009 wurde sie unter dem englischen Titel „Nazi Propaganda for the Arab World“ (Nazi-Propaganda für die arabische Welt) veröffentlicht. Ausgerechnet ins Deutsche wurde die Abhandlung bis heute aber nicht übersetzt. Auch deswegen füllt Küntzels Buch eine wichtige Lücke in der deutschen historischen Literatur. Küntzel ergänzt Herfs Forschung aber auch mit eigenen Recherchen der im Berliner Bundesarchiv noch vorhandenen Sendemanuskripte.

Judenfeindliche Elemente der koranischen Überlieferung dienten den Nazis als willkommene Anknüpfungspunkte, die gezielt in Szene gesetzt wurden, um Muslime für den Antisemitismus christlich-europäischer Provenienz zu begeistern. Konzeptuell unterscheidet Küntzel sehr klar zwischen den beiden Formen der Judenfeindschaft, die so miteinander verschmolzen wurden. Während der Koran die Juden als besiegte Widersacher des Propheten Mohammeds erniedrige, sehe die christliche Doktrin sie als die Mörder Christi und somit als eine dunkle Macht und kosmische Gefahr.

„Für den Moslem mochte der Jude feindselig, verschlagen und rachsüchtig sein, aber er war schwach und unwirksam – ein Objekt der Lächerlichkeit, nicht der Furcht. Für die Christen hingegen stellt er eine dunkle und tödliche Macht dar, fähig zu Taten von kosmischer Bosheit“, zitiert Küntzel den Historiker und Islamforscher Bernard Lewis. Er schlussfolgert aus dieser Betrachtung: „Nur auf christlichem Boden konnte (…) die Propaganda von der ‚jüdischen Weltverschwörung‘ sprießen und gedeihen (…) Nur im christlichen Europa konnte sich der religiöse Antijudaismus zum Antisemitismus steigern.“

Auch Hamas-Charta relevante Quelle

Genau diese, originär christliche Vorstellung von einem verschwörerischen Judentum als kosmische Gefahr findet im zwanzigsten Jahrhundert dann aber, vor allem durch die Propaganda der Nazis, Einzug in die islamische Welt. Dort habe sie sich dann mit der islamischen Judenfeindschaft verbunden und anschließend zu der Vorstellung verdichtet, dass der Staat Israel ein Projekt zur Vernichtung der Muslime sei und dass Muslime erst dann frei sein könnten, wenn der Staat Israel und mit ihm alle Juden von der Bildfläche verschwunden seien.

Diese These belegt Küntzel anhand von drei wirkmächtigen Texten, welche die genannten Elemente von islamischer Judenfeindschaft und europäischem Antisemitismus miteinander verknüpfen und das Bild von Judentum und Israel unter Muslimen des Nahen Ostens bis heute maßgeblich prägen. Bei diesen drei Texten handelt es sich 1. um das Anfang der 1950er-Jahre veröffentlichte Pamphlet „Unser Kampf mit den Juden“ von Sajjid Qutb, einem der wichtigsten Ideologen der islamistischen Muslimbruderschaft; 2. die Charta der palästinensischen Terror-Organisation Hamas von 1988 und 3. den am 18. August 1937 in Kairo erschienenen Aufsatz „Islam und Judentum“.

Dieser ist laut Küntzel „die erste umfassende Erklärung, die eine durchgehende Linie zwischen Mohammeds Auseinandersetzungen mit den Juden in Medina und den zeitgenössischen Auseinandersetzungen in Palästina konstruiert und das siebte mit dem zwanzigsten Jahrhundert verknüpft“.

Vor allem anhand von Textstellen aus diesem letztgenannten Aufsatz zeigt Küntzel, dass ein jüdischer Staat, schon lange vor seiner Gründung und lange vor der Existenz der nach dem Sechs-Tage-Krieg errichteten jüdischen Siedlungen, als Feindbild und Verkörperung einer existentiellen Bedrohung für den Islam durch muslimische Köpfe geisterte. Das frühe Erscheinungsdatum dieses Textes, so schlussfolgert Küntzel, „legt nahe, dass nicht die späteren Zuspitzungen des Nahostkonflikts den Antisemitismus bewirkt haben, sondern der früh geschürte Antisemitismus jene Zuspitzungen“.

Solides wissenschaftliches Fundament

Wer Küntzels Buch liest, erhält somit also nicht nur einen Einblick in ein oft vernachlässigtes Kapitel deutscher Geschichte. Es bietet auch eine Perspektive auf aktuelle politische Probleme und gesellschaftliche Debatten, die gängige Erklärungsmuster in Frage stellt. In den Fokus gerät dabei nicht nur der israelisch-palästinensische Konflikt, sondern auch das Problem des Antisemitismus unter Migranten, die aus dem Nahen Osten nach Europa einwandern.

Diese Verbindung zwischen Vergangenheit und Gegenwart basiert auf einem soliden wissenschaftlichen Fundament. Neben den Ergebnissen seiner eigenen Recherchen berücksichtigt Küntzel die Erkenntnisse der einschlägigen historischen Literatur und beruft sich dabei auf bedeutende Geschichtswissenschaftler wie Jeffrey Herf, Yehuda Bauer, Georges Bensoussan, Léon Poliakov und Bernard Lewis. Um die Brücke zu den aktuellen Geschehnissen zu schlagen, bezieht Küntzel sich aber auch auf Werke der neueren sozialwissenschaftlichen Literatur. So zitiert er etwa aus aktuellen Studien der Berliner Antisemitismusforscherin Monika Schwarz-Friesel oder des Soziologen und Historikers Günther Jikeli, der sich mit Antisemitismus unter Europas Muslimen befasst.

Trotz seiner wissenschaftlichen Fundierung ist das Buch im eingängigen Stil eines journalistischen Essays geschrieben und somit auch für Laien ohne Vorkenntnisse gut lesbar.

Matthias Küntzel: „Nazis und der Nahe Osten. Wie der islamische Antisemitismus entstand“, Hentrich & Hentrich, 272 Seiten, 19,90 Euro, ISBN: 978-3-95565-347-7

Die Originalveröffentlichung findet sich hier.

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der Freitag, 21.10.2019.

NAZIS UND DER NAHE OSTEN

Jamal Tuschick – Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

„Antisemitismus (kann) unter den 15 bis 22 Millionen in Europa lebenden Muslimen nicht auf Ausnahmen reduziert werden, sondern (ist) so weit verbreitet, dass Judenhass oft die Norm bildet.“ Mit dieser Einschätzung von Günther Jikeli argumentiert Matthias Küntzel in seiner historischen Bestandsaufnahme „Nazis und der Nahe Osten“.

Zweifellos hat „die migrantische Täterschaft“ als Topos in einem mehrheitsgesellschaftlichen Diskurs der Verdächtigungen eine verlässliche Repräsentanz. Sobald es aber um Antisemitismus geht, so Christian Geyer, herrsche eine Tendenz der Relativierung und Kontextualisierung von Täterschaften, „bis sie unsichtbar geworden sind, damit nur kein fremdenfeindlicher Zungenschlag aufkommt“.

Matthias Küntzel zitiert Geyer in seiner Untersuchung des eingewanderten Judenhasses. Der Autor verbindet die Hoffnung auf Hassheilung mit Diagnosepräzision. Er nennt Antisemitismus eine Krankheit in Anführungszeichen.

Küntzel betreibt narrative Soziologie. Er schneidet solche Vignetten: drei Söhne muslimischer Eltern im Berufsschulalter individualisieren sich in ihren Reaktionen auf Ramadan-Fastenvorschriften. Einer isst öffentlich und lässt einen Dissens zum Standard der Altvorderen im Verzehr von Schweinefleisch eskalieren. Einer verzieht sich mit Lebensmitteln aufs Klo. Einer verzichtet traditionell auf den Pausensnack.
So pluralistisch die Berufsschüler in ihrer Eigenmächtigkeit erscheinen, so hermetisch könnten sie im antisemitischen Einvernehmen wirken.

Feind ohne Nimbus

Küntzel erkennt einen Ausgangspunkt des im Ornat der uneinholbaren Überlegenheit sich gerierenden arabischen Anti-Judaismus in Mohammeds Sieg über den letzten in Medina verbliebenen jüdischen Stamm: den Banū Quraiza.
Fortan „war jüdische Präsenz für muslimische Gesellschaften ein untergeordnetes Problem … solange sich Juden ihrer Demütigung fügten“.

Der Politikwissenschaftler setzt Fleiß in seine Beispielliste. Als Feind ohne Nimbus macht der arabische Blick den anderen*, so der Islamforscher Bernhard Lewis, zitiert nach Küntzel, zum „Objekt der Lächerlichkeit“.

*Zu bedenken ist hier das Thema Othering: „Der Begriff Othering bezeichnet die Differenzierung und Distanzierung der Gruppe, der man sich zugehörig fühlt, von anderen Gruppen.“ (Wikipedia)

Der in Berlin auf offener Straße mit einem Gürtel geschlagene Kippaträger weist sich als nicht-jüdischer Israeli aus. Ohne Kippa wird er arabisch gelesen.

Küntzel will darauf hinaus: Dem arabisch-muslimischen, primär religiös motivierten Anti-Judaismus fehlt die diabolische Dimension. „Die jüdische Weltverschwörung“ gedieh als witterungsbeständiges Hassformat in Europa. Sie aspirierte die Renaissance.

Die Neuzeit kam mit der Pest, die, so die Theorie, „im Pakt mit dem Teufel (von) Juden … über die Christenheit gebracht“ wurde.
Was aber geschah, als der arabische, auf einem Suprematie-Phantasma aufbauende Anti-Judaismus mit dem im Dritten Reich zur Staatsdoktrin erklärten Antisemitismus verkoppelt wurde? Dazu bald mehr.

Der Originalbeitrag findet sich hier.

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Deutschlandfunk, 17.10.2019

NS UND NAHER OSTEN. EXPORTIERTER ANTISEMITISMUS

Der Antisemitismus der arabischen Welt kam aus Berlin, meint der Politikwissenschaftler Matthias Küntzel. In seinem neuen Buch zeigt er, wie die Nationalsozialisten auch auf Radio-Propaganda setzten, um im Nahen Osten Judenhass zu verbreiten. Das wirkt bis heute nach.

Von Thomas Klatt

Die Nazis und der Nahe Osten – dieses Zweckbündnis lässt sich personalisieren – und auf den Führer und Großmufti von Jerusalem reduzieren. Wie etwa in der Deutschen Wochenschau im Dezember 1941:

„Der Führer empfing den Großmufti von Jerusalem, einen der einflussreichsten Männer des arabischen Nationalismus. Der Großmufti ist das religiöse Oberhaupt der Araber in Palästina und gleichzeitig deren oberster Richter und Finanzverwalter. Wegen seiner nationalen Haltung verfolgten ihn die Engländer erbittert und setzten auf seinen Kopf einen Preis von 25.000 Pfund aus. Auf abenteuerlichen Wegen gelangte er über Italien nach Deutschland.“

Die Zusammenkunft Adolf Hitlers mit dem Großmufti von Jerusalem Mohammad Amin Al-Husseini war demonstrativer Höhepunkt einer längeren Zusammenarbeit. Die Nationalsozialisten versuchten schon vor Kriegsbeginn, die arabische Welt auf ihre Seite zu ziehen. Bereits im August 1937 wurde in Kairo die Schrift „Islam und Judentum“ veröffentlicht und auf der ersten panarabischen Konferenz verteilt.
Latenter Antijudaismus wird zu politischem Antisemitismus.

„Es war das erste Dokument, das tatsächlich den muslimischen Antijudaismus, also die Geschichte Mohammeds mit den Juden in Medina, verbunden hat mit dem europäischen Antisemitismus. Das ‚Weltjudentum‘, die also nur ‚den Islam zerstören wollen‘. Das war ein ganz neuer Schritt und das war eine neue Etappe in der Geschichte des Antisemitismus, dass diese Broschüre damals erschien und auch diese massenweise Verbreitung erfuhr, weil die Nazis mit Beginn des Zweiten Weltkrieges diese Broschüre auf Arabisch, auch Serbokroatisch massenweise verbreitet hatten“, weiß Politikwissenschaftler Matthias Küntzel.

In der arabischen Welt gab es traditionell immer einen latenten Antijudaismus. Es war die Überlegenheit der Muslime über die Dhimmis, die Schutzbefohlenen, also Christen und Juden, die bestenfalls geduldet wurden. Die Nazis verstanden es, diese Haltung gegenüber Juden mit Hilfe ihrer Propaganda in einen politischen Antisemitismus umzuwandeln, so die These von Matthias Küntzel.

Allerdings mussten sich die Nazis zu dieser Linie erst durchringen. Denn schon im Ersten Weltkrieg war der Plan der deutschen Heeresführung gescheitert, einen arabischen Dschihad gegen die Entente auszurufen. Erst der Plan der so genannten Peel-Kommission brachte Hitler 1937 zum Umdenken. Denn die Briten planten, ihr Mandatsgebiet in einen jüdischen und einen arabischen Staat zu teilen. Nun setzte das Deutsche Reich ganz auf die arabische Karte. Obwohl Hitler ursprünglich nicht viel übrig hatte für Muslime und Araber.

NS-Nahost-Politik: den jüdischen Staat verhindern

„Und Hitler hat sich in ‚Mein Kampf‘ lustig gemacht darüber, man könne mit diesen Leuten nicht arbeiten. Er hat seinen ganzen Rassismus da auch gegen die Araber gewandt in ‚Mein Kampf‘. Und es gab in der Nazi-Szene in den 30er-Jahren eine Auseinandersetzung, wie man jetzt die Muslime ansprechen soll. Ob man mehr den Nationalismus, also mehr Kemal Atatürk als Vorbild nehmen soll, was lange Zeit in Nazi-Deutschland der Fall war. Oder man sich tatsächlich auf dieses Gebiet des Islam begeben soll. Und dann kam tatsächlich hinzu, dass ein jüdischer Staat in Palästina gegründet werden sollte.

Von da ab begann eine aktive Nahost-Politik des Nationalsozialismus mit dem Ziel, diesen jüdischen Staat, den man als eine Art jüdischen Vatikan befürchtet hatte, zu verhindern. Und damit begann eine Zusammenarbeit, die vorher schon vom Mufti von Jerusalem gesucht worden ist, aber bis dahin immer abgelehnt wurde, dass dieser Islam in seiner islamistischen Variante durchaus Massen zu bewegen vermag. Am Freitag, am Tag des Gebetes, sind immer die größten Demonstrationen. Und dann hat man auf Anregung des Mufti begonnen, diesen arabischsprachigen Radiosender zu installieren“, so Küntzel.

Propaganda-Sender Zeesen bei Königs Wusterhausen

„Und von dieser Warte aus haben sie zum Beispiel ihre Radiopropagandasendungen gegen die Juden mit Koran-Zitaten eröffnet. Sie haben religiöse Talks gemacht in den Radiosendungen. Sie haben also die Araber nicht angesprochen als nationalistische Araber, sondern als fromme Muslime“, sagt Küntzel.

Alles lief über den Sender Zeesen bei Königs Wusterhausen südlich von Berlin. Antisemitische Dauerpropaganda bis 1945 – bis zum Zusammenbruch des Deutschen Reiches.

Küntzel: „Man hat den ehemaligen Rundfunkansager aus dem Irak Younis Bahri gewinnen können. Und der war nun jemand, der eine Artikulation hatte, die sehr an die Reden von Hitler erinnert hat. Allerdings nur auf Arabisch. Das gilt auch für das Persische. Auch der Mufti von Jerusalem hat viele Reden gehalten in dem Radio. Es gab aber auch Palästina-Deutsche, also Deutsche, die in Palästina aufgewachsen waren, die Arabisch sehr gut beherrschten.“

Einrichten von Fake-Untergrundsendern

Hauptbotschaft der vor allem arabischsprachigen Sendungen: Das angebliche Weltjudentum beherrsche die Engländer und die Amerikaner. Das Weltjudentum wolle im Krieg den ganzen Islam vernichten. Jeder gute Muslim müsse sich zusammen mit den Deutschen wehren.

„Es ging so weit, dass man Geheimsender eingerichtet hat. Die Nazis waren so schlau zu ahnen, dass das, was direkt aus Berlin kommt, mit Misstrauen betrachtet wird. Also haben sie Sender eingerichtet, die so taten, als seien sie Untergrundsender in Ägypten. Dass sie aus Berlin sendeten in Wirklichkeit, das blieb geheim. Da brauchte man Leute, die das Lokalkolorit perfekt treffen konnten. Und diese Geheimsender konnten dann in der Propaganda der Nazis den größten Irrsinn verbreiten, weil keiner ihren Ursprung zurückverfolgen konnte. Und dann konnten sich die offiziellen Nazi-Medien auf die Information des so genannten Geheimsenders dann stützen“, so Küntzel.

Alliierte wollten nicht pro-jüdisch auftreten

Natürlich sendeten die Alliierten Gegenpropaganda. Allerdings: Engländer und Amerikaner wollten auf keinen Fall als Freunde der Juden auftreten.

„Sie haben Störsender eingerichtet, haben angefangen, den Koran zu rezitieren in BBC-Sendungen auf Arabisch“, sagt Küntzel. „Sie haben versucht, muslimische Kräfte wie den Emir Abdullah von Transjordanien als Gegenstück zum Mufti von Jerusalem zu präsentieren. In einem Punkt blieben sie ganz still. Und das betraf den Antisemitismus von Radio Zeesen. Weil, wenn man sich als BBC eingesetzt hätte gegen den Antisemitismus, man vielleicht den Verdacht erregt hätte, man sei selber pro-jüdisch. Und dann würde man der ganzen Logik des Antisemitismus der Nazis eine Bestätigung liefern. Und das war der Punkt, wo die Nazis freie Hand hatten.“

Nazis nutzten Koran-Zitate und Hadithe

Sie nutzten, was sie nutzen wollten: Koran-Zitate und Hadithe, also Überlieferungen von Aussprüchen und Handlungen Mohammeds. Etwa den Hadith vom Stein und Baum, der bereits in der Nazi-Broschüre „Islam und Judentum“ von 1937 Verbreitung fand. Zuvor hatte er in der islamischen Welt kaum eine Rolle gespielt.

„Das ist ein schrecklicher Hadith, der besagt, dass am Ende der Tage die Muslime die Juden töten werden. Die Juden werden sich hinter einem Baum und einem Stein verstecken, und der Baum und der Stein werden sagen: Komm her Moslem, hinter mir versteckt sich ein Jude. Komm her und töte ihn! Und dieser Hadith wurde dann nach der Gründung Israels neu interpretiert. Als die Juden als Dhimmis überall verstreut lebten, hatten wir gar keine Möglichkeit, alle Juden zu töten. Aber Allah in seiner Größe hat gewollt, dass die Juden einen Staat bilden, in dem sie sich alle konzentrieren und dann kann man sie auch zusammen töten. Dann kann der Hadith Wirklichkeit werden.“

Propaganda wirkte nach Ende des Zweiten Weltkriegs weiter

Bis heute werde dieser Hadith in der islamisch geprägten Welt zitiert. Auch nach Ende des Zweiten Weltkriegs wirkte die Nazi-Propaganda weiter, sagt Küntzel. Nur so sei auch der arabische Überfall auf den gerade erst gegründeten Staat Israel 1948 zu erklären.

Küntzel: „Dass die Nazis schon ab 1944, als sie wussten, sie werden das nicht schaffen mit dem Zweiten Weltkrieg, sicherstellen wollten, dass zumindest dann auch ein Israel nicht entstehen kann. Da gab es die Abwürfe von Munitionskisten 1944 über Palästina. Da gab es die besonderen Gelder, die der Mufti noch im April 1945, die den Zweck verfolgten, ihm zu helfen für die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg. Und es gab die Propaganda in Radio Zeesen, die in grellsten Farben ausgemalt hat, was passieren würde, wenn jetzt die Alliierten den Krieg gewinnen und ein jüdischer Staat entstehen könnte. Es wurde immer behauptet, der jüdische Staat würde nur entstehen, um den Islam zerstören zu können, um die arabische Welt zerstören zu können. Von daher hat das Nachwirkungen gehabt nach dem Zweiten Weltkrieg.“

Bis heute werden Adolf Hitler und seine Nationalsozialisten in Teilen der muslimisch geprägten Welt bewundert – etwa wenn auf YouTube die SS-Division „Handschar“ verherrlicht wird. Bosnische Muslime, die für Hitler kämpften, werden immer noch verehrt wie Helden. Politikwissenschaftler Matthias Küntzel will dagegen mit seinem Buch aufklären und die bis heute wirkende Nazi-Propaganda entlarven.

Matthias Küntzel: Nazis und der Nahe Osten. Wie der islamische Antisemitismus entstand.
264 Seiten, Hentrich & Hentrich Berlin Leipzig, 19,90 €.

Der Originalbeitrag findet sich hier.