Besprechungen zu „Nazis und der Nahe Osten“

Hier finden Sie die folgenden Rezensionen:

Michael Kreutz: Jüdische Allgemeine, 28. August 2020

Anna Prizkau: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 31.05.2020

René Wildangel: Süddeutsche Zeitung, 18. Mai 2020

Philipp Henning: H-Soz-Kult, 3. April 2020

Stefan Frank: Audiatur-Online, 9. März 2020

Wahied Wahdat-Hagh: Portal für Politikwissenschaft, Februar 2020

Micha Neumann: iz3w Nr. 377, Februar 2020.

Jan Keetman: Radio Dreyeckland, 23. Januar 2020.

Michael Lausberg: scharf-links.de, 22. Januar 2020.

Nina Heinke: StuRadio Leipzig, 15. Januar 2020.

Armin Pfahl-Traughber: Hagalil, 15. Dezember 2019.

Jamal Tuschick: der Freitag, 14.11.2019.

Marc Neugröschel: Israelnetz, 29.10.2019.

Thomas Klatt: Deutschlandfunk (Sendereihe Tag für Tag), 17.10.2019.

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Autor: Michael Kreutz

Quelle: Jüdische Allgemeine, 28. April 2020.

“AUF FUNDIERTE UND ANGENEHM ZU LESENDE WEISE MACHT DAS BUCH DEUTLICH, WIE ERFOLGREICH DIE NS-PROPAGANDA IM NAHEN OSTEN WAR”

Dass der muslimische Antisemitismus im Wesentlichen ein Import aus Europa ist, darüber herrscht in der Forschung seit Langem Einigkeit. In jüngerer Zeit hat jedoch eine Akzentverschiebung stattgefunden, indem Nazideutschland als Quelle des antisemitischen Giftes stärker in den Mittelpunkt rückte.

Aber erst, seit der amerikanische Historiker Jeffrey Herf die Transkripte erschloss, die der US-Botschafter in Ägypten, Alexander C. Kirk, ab 1941 von den Radiosendungen der Nazis hatte anfertigen lassen, können wir das Ausmaß dieser Hasspropaganda erahnen, die möglicherweise bis heute fortwirkt.

Daran knüpft auch der Politikwissenschaftler und Historiker Matthias Küntzel an, der in der arabischsprachigen Propaganda der Nazis die tiefere Ursache für den heutigen muslimischen Antisemitismus ausmacht. Küntzel verweist hierbei auch auf die Propagandaschrift Islam und Judentum von 1937, deren Verbreitung belege, dass der islamische Antisemitismus nicht erst eine Reaktion auf die Unabhängigkeit des jüdischen Staates war. Der Unabhängigkeitskrieg, den er 1948 gegen angreifende arabische Nachbarstaaten führen musste, war demnach nichts anderes als der Langzeiteffekt jahrelanger Nazipropaganda.

Ob Küntzel mit diesen Thesen »Neuland« betritt, wie er glaubt, sei einmal dahingestellt. Zwar geht er auf vorhandene Literatur zum Thema nur flüchtig ein und ignoriert etwa Robert Wistrichs Buch Muslimischer Antisemitismus, in dem man schon in den 80er-Jahren lesen konnte, dass radikale muslimische Bewegungen faschistische Denkmuster übernahmen, seit sich das NS-Regime Ende 1937 entschlossen gezeigt hatte, einen jüdischen Staat in Palästina zu verhindern. Ebenso wenig geht er auf arabische Quellen mit Ausnahme einiger Texte ein, die er sich nach eigenen Angaben hat übersetzen lassen. Wertvoll ist sein Buch aber vor allem dort, wo er mit bislang unpublizierten Quellen britischer und deutscher Archive aufwarten kann.

Küntzel zeichnet nach, wie »Radio Zeesen« und weitere NS-Sender in Italien und Griechenland eine Flut antisemitischer Propaganda über den Nahen Osten ergossen. Dafür, dass diese Propaganda ausgesprochen wirkungsvoll war, führt er ein starkes Argument ins Feld: In muslimischen Zentren nämlich, die Radio Zeesen nicht erreichte, war der Hass auf Juden offenbar geringer, so in Bosnien-Herzegowina oder in Asien. Er positioniert sich sowohl gegen die These, der Antisemitismus im Nahen Osten sei von Missionaren und Kolonialmächten importiert worden, als auch dagegen, dass der arabisch-muslimische Antisemitismus vor allem eine Folge der israelischen Staatsgründung sei.

Etwas optimistisch gerät seine Annahme, wäre der mit Nazi-Deutschland kooperierende Mufti Amin al-Husseini von der britischen Mandatsmacht deportiert worden, sähe der Nahe Osten heute vielleicht anders aus. Schon auf dem Panislamischen Kongress in Jerusalem 1931 gab es zwar auch moderate Muslimführer, die vielleicht ihren Frieden mit dem jüdischen Staat gemacht hätten, darunter Shawkat Ali aus Indien. Allerdings waren die Gegner des Mandats und damit der Zionisten in der Mehrheit. Der Mufti war nur einer von ihnen.

Heutige Islamisten glauben ohnehin, dass die Hoheit über Gebiete, die einmal unter islamischer Herrschaft standen, von Nichtmuslimen nur usurpiert würde. Zu diesen Gebieten gehören neben Palästina auch Andalusien und Südosteuropa. Und auch, wenn Islam und Judentum keine »Konfrontationskulturen« (Amos Funkenstein) waren und es Juden und anderen Minderheiten unter muslimischer Herrschaft besser ergangen sein mochte als unter christlicher, so gibt es in muslimischen Quellen nicht wenige Anknüpfungspunkte für Judenfeindlichkeit.

Wie Zeev Maghen (2004) gezeigt hat, ist das Judenbild in der Prophetenbiografie (sira) überaus anschlussfähig an antisemitische Denkmuster. In der schiitischen Eschatologie wiederum finden sich Anzeichen dafür, dass der Antichrist (dajjal) jüdischer Herkunft sei. Ebenso finden wir schon bei Ibn Hazm (12. Jh.) und Ibn Taymiyya (13. Jh.) die Behauptung, ein Jude namens Abdallah Ibn Saba habe die Schia (oder andere Heterodoxien) in die Welt gesetzt, um die Muslime zu spalten und Bürgerkrieg unter ihnen zu entfachen.

Der Kernthese von Küntzel tut das freilich keinen Abbruch. Auf fundierte und angenehm zu lesende Weise macht sein Buch deutlich, wie erfolgreich die NS-Propaganda im Nahen Osten war, und diese Erkenntnis mag für Linke und Rechte gleichermaßen ein Ärgernis sein, lenkt sie doch den Blick weg von Israel und dem Islam hin zur deutschen Geschichte, die auch im Nahen Osten noch lange Schatten wirft.

Der Originalbeitrag befindet sich hier.

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Autorin: Anna Prizkau
Quelle: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 31.5.2020

“KÜNTZEL … WIDERSPRICHT DEN POPULÄREN, LINKSPOPULISTISCHEN BETRACHTUNGEN VOM JUDENHASS IM NAHEN OSTEN”

https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/ist-der-islamische-judenhass-ein-erbe-der-nazis-16792632.html (Paywall)

Ich verschicke bei Bedarf die vollständige Rezension als Scan-Anhang.

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Autor: René Wildangel
Quelle: Süddeutsche Zeitung, 18.05.2020

EINE ACHSE DER ANDEREN ART

Matthias Küntzel hält den Nahost-Konflikt für einen “Langzeiteffekt der jahrelangen antisemitischen Nazipropaganda”, die die muslimischen Führer stark beeinflusste. Doch seine Belege sind schwach.

Nach seinem tendenziösen Essay “Djihad und Judenhass” von 2002 hat der Historiker Matthias Küntzel mit seinem jüngsten Buch ein mit zahlreichen Quellen versehenes Sachbuch vorgelegt. Geradezu dreist ist aber die Behauptung des Verlages, das Buch beleuchte ein “bislang unbekanntes Kapitel deutscher Vergangenheit”, sind doch mittlerweile unzählige Werke zur Beziehungsgeschichte zwischen Nationalsozialismus und Nahem Osten entstanden.

Wie die Propaganda der Nazis im Nahen Osten funktionierte und rezipiert wurde, haben Historiker wie Stefan Wild oder Gerhard Höpp bereits vor Jahrzehnten dokumentiert mit Analysen zur Rezeption der arabischen Übersetzung von “Mein Kampf” oder antisemitischer Propagandaschriften wie der “Protokolle der Weisen von Zion”. Die arabische Kollaboration mit Deutschland, allen voran des palästinensischen Muftis Amin al-Husseini, ist umfassend dokumentiert. Neuere Studien schildern das vielschichtige Verhältnis von Nationalsozialismus und arabischer Welt. Die NS-Islam-Politik im Zweiten Weltkrieg hat kürzlich David Motadel in seiner Studie “Für Prophet und Führer” (Klett-Cotta, 2017) umfassend dargestellt. Diese wird von Küntzel nur beiläufig erwähnt.

Dabei macht Motadels Buch deutlich: “Islam” und “Naher Osten” sind nicht kongruent. Die islamische NS-Propaganda richtete sich zum Beispiel auch an Muslime auf dem Balkan, in der Sowjetunion oder in Indien. Zugleich ist der Nahe Osten kulturgeschichtlich durch viele Einflüsse geprägt und nicht auf “den Islam” zu verengen. Wenn Küntzel vom “islamischen Antisemitismus” spricht, geht es ihm aber gerade nicht um antijudaistische Motive in islamischen Kontexten, sondern um den aus Europa importierten Antisemitismus, den die Nazis laut Küntzel erfolgreich im “arabischen Raum” verankerten.

Darin sieht er ein Hauptmotiv für den Nahostkonflikt und den arabischen Krieg gegen den neu gegründeten Staat Israel im Jahr 1948, den er als “eine Art Nachbeben des vorausgegangenen Nazi-Kriegs gegen die Juden” bezeichnet. Küntzels zentrale geschichtspolitische These, die er bereits in zahlreichen Schriften dargelegt hat, lautet: Der Nahostkonflikt ist kein nationaler Konflikt um Land oder Ressourcen, sondern ein “Langzeiteffekt der jahrelangen antisemitischen Nazipropaganda”. Eine zentrale Rolle weist er dabei der nationalsozialistischen Radiopropaganda zu, die der amerikanische Historiker Jeffrey Herf erforscht hat. Obwohl Küntzel selbst einräumt, dass seriöse Schlussfolgerungen über die Rezeption vor Ort kaum möglich sind, behauptet er, dass sich durch die Propaganda die “Dämonisierung des Zionismus und der Juden im Bewusstsein vieler arabischer Führer” festgesetzt habe. Belege kann er für diese sehr weit gehende These aber nicht liefern.
Einzig die arabische Welt habe nach dem 8. Mai 1945 noch Sympathien für den NS gehabt

Küntzel blendet zudem Studien weitgehend aus, die in den vergangenen Jahren ein weitaus differenzierteres Bild der Wahrnehmung NS-Deutschlands in der arabischen Welt gezeichnet haben. So hat etwa der israelische Historiker Israel Gershoni eindrucksvoll gezeigt, dass es in Ägypten außer Zustimmung auch lautstarke und durchaus sehr weit verbreitete Kritik am Nationalsozialismus gab. Stattdessen suggeriert Küntzel durch Bezug auf Quellen, die NS-Kontakte zu den Muslimbrüdern belegen, eine nachhaltige Einflussnahme auf die islamistische Bewegung.

Die historischen Quellen deuten auf ein viel komplexeres Bild hin, das pauschale Aussagen über Ablehnung oder Zustimmung zum Nationalsozialismus in der arabischen Welt verbietet. Schließlich konnten die damaligen Mandats- oder Kolonialmächte Frankreich und Großbritannien vor Ort dem deutschen Einfluss mit den Mitteln der Zensur entgegentreten und ihre eigene Propaganda verbreiten. Nicht zuletzt kämpften Hunderttausende Muslime in den Reihen der Alliierten gegen Deutschland, viele verloren ihr Leben. Erst in den letzten Jahren sind diese im Kontext von Kolonialismus und Autoritarismus verschütteten Erfahrungen erinnerungsgeschichtlich aufgearbeitet worden.

Hier lägen viel größere Potenziale für die im letzten Kapitel des Buches angestellte Überlegung, wie man die Auseinandersetzung mit dem Thema Antisemitismus unter Muslimen in Deutschland führen könnte. Stattdessen sieht Küntzel in der Tradition anderer sogenannter “Islamkritiker” die Herausforderung in einer zu großen Toleranz und Tabuisierung des Themas in Gesellschaft und Medien.

Einzig die arabische Welt habe nach dem 8. Mai 1945, so Küntzel, noch Sympathien für den Nationalsozialismus gehabt: “Während Adolf Hitler und sein Regime in fast allen Teilen der Welt… als Inbegriff des Bösen galt, wandte sich die arabische Welt von diesem Konsens ab.” Damit weist Küntzel nicht nur der arabischen Welt eine unhaltbare Singularität zu, sondern ignoriert auch die deutsche Unfähigkeit, den beschriebenen Konsens anzuerkennen: Schließlich war es gerade Deutschland, wo die Aufarbeitung der Verbrechen Jahrzehnte dauerte und viele NS-Täter ungehindert Karriere machen konnten.

Die Instrumentalisierung der Beziehungsgeschichte zwischen arabischer Welt und Nationalsozialismus hat 2015 der israelische Ministerpräsident Benjamin Netanjahu auf die Spitze getrieben, als er behauptete, Hitler habe erst auf Anweisung des Muftis Amin al-Husseini die Ermordung der Juden erwogen. Dafür erntete er zu Recht Empörung. Auch Küntzels monokausale Erklärung der “Verbreitung eines islamisch eingefärbten Nazi-Antisemitismus in der arabischen Welt” fügt sich in ein geschichtspolitisches Narrativ, das Israel von der eigenen Verantwortung im israelisch-palästinensischen Konflikt freisprechen soll. Die gebotene Differenzierung, die der Autor für seine Studie immer wieder reklamiert, bleibt da auf der Strecke.

Der Originalbeitrag befindet sich hier.

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Autor: Philipp Henning
Redaktionelle Betreuung: Michael Wildt, 03. April 2020

Quelle: H-Soz-Kult: Kommunikation und Fachinformation für Geschichtswissenschaften

“EIN ÜBERFÄLLIGER BEITRAG ZUR AUFKLÄRUNG UND BEWUSSTWERDUNG ÜBER EIN THEMA, DAS ZU WENIG PRÄSENT IN WISSENSCHAFTLICHEN UND ALLGEMEIN-ÖFFENTLICHEN DISKURSEN IST”

Die nationalsozialistischen Verbindungen zur arabisch-islamischen Welt sind ein Thema, das in der Debatte um einen islamischen Antisemitismus in der Gegenwart noch immer ideologisch geführte Kontroversen auslöst. Auch in der Forschung ist in einer großen Zahl von Publikationen eine „Vergegenwärtigung der Vergangenheit“[1] zu beobachten, um dieses Thema für den modernen Israel-Palästina-Konflikt – auf beiden Seiten – nutzbar zu machen.

Der Politikwissenschaftler Matthias Küntzel ist durch zahlreiche Veröffentlichungen zur wichtigsten deutschen Stimme auf diesem Gebiet geworden, räumt jedoch gleich zu Beginn ein, das Buch aus einem „gewissen Maß an Parteilichkeit“ geschrieben zu haben. Auch in Bezug auf den Nahostkonflikt bezeichnet er sich als „nicht vollständig neutral“ (S. 17). Für ihn könne es aus historischen Gründen keine andere als die pro-Israel-Position geben.

Im ersten Kapitel definiert Küntzel den islamischen Antisemitismus als Phänomen, das über das islamistische Lager weit hinausgeht und allgemein das religiöse Potential der Judenfeindschaft im Islam mobilisiert. Das Christentum und der Islam unterschieden sich durch einen „Erfolg“ der Juden über Christus gegenüber einem „Misserfolg“ gegen Mohammed (S. 30). Juden seien daher für Muslime feindlich aber ungefährlich, wohingegen sie für Christen eine obskure Gefahr darstellten. Die These von der jüdischen Weltverschwörung, so Küntzel, konnte deshalb nur im christlichen Europa entstehen. Im 20. Jahrhundert hätten auch Muslime begonnen, diese christlich-europäische Vorstellung zu übernehmen. Dabei habe eine „Verquickung“ der „alt-islamischen Bilder von jüdischer Schwäche und Feigheit mit der westlichen Verschwörungsparanoia vom Juden, der heimlich die Fäden zieht“, (S. 34) stattgefunden. Besonders Amin el-Husseini, der Großmufti von Jerusalem, und die Muslimbrüder seien dafür verantwortlich gewesen. Das Judenbild des Koran habe durch das Hinzufügen der Weltverschwörungstheorie eine „eliminatorische Dimension“ (S. 39) erfahren.

Im zweiten Kapitel soll der Beweis dafür geliefert werden, dass der islamische Antisemitismus schon 1937 in Verbindung mit dem ersten Teilungsplan für Palästina (Peel-Plan) entstand, der damals durch die Opposition des Muftis verhindert worden sei. Seither habe sich eine Wende hin zu einem ideologisierten Feindbild vollzogen, das den Koran und das Wirken Mohammeds einzig auf die Feindschaft zu den Juden reduziert. Vor allem die Konferenz von Bludan im September 1937 sei „eine Manifestation der Judeophobie“ (S. 67) gewesen und habe als Verbreitungsplattform für die Hetzschrift „Islam und Judentum“, den „grundlegenden Text“ (S. 70) für den islamischen Antisemitismus – dessen Autorenschaft ungeklärt ist – gedient. „Dieser frühe Zeitpunkt legt nahe,“ so Küntzel, „dass nicht die späteren Zuspitzungen des Nahostkonfliktes den Antisemitismus bewirkt haben, sondern der früh geschürte Antisemitismus jene Zuspitzung“ (S. 66).

Das dritte Kapitel behandelt die nationalsozialistische Rundfunkpropaganda auf Arabisch. Nach Küntzel „verankerte die sechsjährige Dauerbeschallung den islamischen Antisemitismus im Bewusstsein der ‚arabischen Straße‘ und beeinflusste selbst noch die Nachkriegszeit“ (S. 78). Der Mufti sei es gewesen, der ab 1941 den NS-Antisemitismus per Radio in die arabische Welt exportierte und nach 1947 die Araber gegen Israel aufstachelte. Auch wenn der Effekt der Propaganda ansonsten eher gering war, so habe sie bei „Verbreitung und Eskalation von Judenhass in diesem Teil der Welt“ (S. 99) großen Erfolg gehabt. Heute seien Ankara und Teheran die Führungsmächte des Antisemitismus. Mit der Rückwendung zum Religiösen und der Gegnerschaft zum Liberalismus setzte sich „im arabischen Teil der islamischen Welt nicht der Modernismus eines Kemal Atatürk, sondern eine konservative Lesart des Koran und der islamische Antisemitismus durch“ (S. 110).

Küntzels Darstellung ist typisch für die Debatte, die den Mufti, der von 1941 bis 1945 in Berlin residierte, als den Drahtzieher der NS-Rundfunkpropaganda auf Arabisch nennt und sich auf seine Person fokussiert, als sei dieser allein verantwortlich gewesen. Damit bleiben sowohl zahlreiche NS-kritische Stimmen in der arabischen Welt als auch die araberfeindliche Ausrichtung des NS – etwa in Hitlers Buch „Mein Kampf“ – unbeachtet.

Die Hauptthese des Buches bringt Küntzel im vierten Kapitel. Demnach habe die NS-Propaganda den „maßgeblichen Faktor“ (S. 16) dargestellt, der den Krieg der arabischen Staaten gegen Israel 1948 auslöste. Der Krieg sei gar eine „Art Nachbeben“ (S. 16) der Zeit zwischen 1939 und 1945 gewesen. Die Kontinuität dieses antijüdischen Feldzuges verkörperte Amin el-Husseini nach seiner Rückkehr nach Ägypten 1946 zusammen mit einigen geflüchteten NS-Propagandisten. Die gängige Erklärung, dass der arabische Krieg eine Reaktion auf die Gründung des Staates Israel war, hält Küntzel nicht für zwingend. Die arabischen Staaten hätten sich mit dem neuen Staat arrangieren können. Der Auslöser für den Krieg sei einzig der Antisemitismus gewesen.

Somit verflechten sich in Küntzels Buch historisch ausgelegte Kapitel mit Bezügen zu aktuellen politischen Ereignissen, weswegen seine historische Argumentation zuweilen den Eindruck erweckt, vor allem gegenwärtige politische Aussagen stützen zu wollen. So bleibt zum Beispiel unbeachtet, dass in der Anfangszeit (1939–1941) der deutschen Rundfunkpropaganda auf Arabisch die Radikalisierung von Judenhass und Islam noch nicht existierte und die Sendungen eher antibritisch ausgerichtet waren.

Küntzel schließt sein Buch mit dem Blick auf die Gegenwart und den Erfahrungen, die er als Politiklehrer an einer Hamburger Berufsschule im Umgang mit muslimischen Schülern gewonnen hat. Mit Berufung auf Yehuda Bauer sieht er „das Hauptproblem des radikalen Islam darin, dass sich seine Auffassungen im allgemeinen Islam verbreitet haben“.[2] Küntzel wirft der deutschen Politik und Forschung eine „aktive Ignoranz“ (S. 163) gegenüber dem radikalen Islam vor und fordert dazu auf, „die Quellen dieser Hass-Ideologie“ (S. 197) dort einzudämmen, wo sie entspringen: in der islamischen Welt. Dass ein anderes, moderneres Verständnis von Islam möglich sei, hätten die Türkei und der Iran in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts gezeigt.

Küntzels klare Positionierung, allein die NS-Propaganda habe heutigen Hass der muslimischen Welt auf den Westen und die Juden geschürt, blendet allerdings die Erfahrungen in der Region mit dem Kolonialismus gänzlich aus.
Dennoch liefert Matthias Küntzel mit diesem Buch einen überfälligen Beitrag zur Aufklärung und Bewusstwerdung über ein Thema, das, wie der Autor zu Recht beklagt, zu wenig präsent in wissenschaftlichen und allgemein-öffentlichen Diskursen ist.

Anmerkungen:
[1] Ulrike Freitag / Israel Gershoni, The Politics of Memory. The Necessity for Historical Investigation into Arab Responses to Fascism and Nazism, in: Geschichte und Gesellschaft 37 (2011), S. 311–331, hier S. 312.
[2] Yehuda Bauer, Der islamische Antisemitismus. Eine aktuelle Bedrohung, Berlin 2018, S. 34.

Der Originalbeitrag findet sich hier.

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Stefan Frank: Audiatur, 9. März 2020:

“HIER ZEIGT KÜNTZEL EINE WICHTIGE VERBINDUNG ZUR GEGENWART AUF”

Wie ist der islamische Antisemitismus entstanden und welche Rolle spielte der deutsche Nationalsozialismus dabei? Das ist die Frage, der Matthias Küntzel in seinem neuen Buch nachgeht: “Nazis und der Nahe Osten. Wie der islamische Antisemitismus entstand.”

Es ist ein Thema, das in Deutschlands Wissenschaftswelt zuerst durch Klaus Gensickes Studie über die Kollaboration zwischen Hitler und dem Jerusalemer Grossmufti Amin al-Husseini ins Licht gerückt wurde. Gensicke verfasste sie bereits 1988, sie erschien aber erst knapp 20 Jahre später in veränderter Form als Buch, etwa zur gleichen Zeit wie Klaus-Michael Mallmanns und Martin Cüppers Studie Halbmond und Hakenkreuz. Das Dritte Reich, die Araber und Palästina. Matthias Küntzel beschäftigt sich seit geraumer Zeit mit den Wurzeln des Judenhasses in der arabischen Welt. Schon 2003 – auf dem Höhepunkt der “Al-Aqsa-Intifada” – veröffentlichte er Djihad und Judenhass. Über den neuen antijüdischen Krieg.

Sein neues Buch schlägt einen Bogen vom Judenhass im Koran über Sayyid Qutb – den wichtigsten Ideologen der Muslimbruderschaft in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts (“Unser Kampf mit den Juden”, lautet der Titel eines seiner Werke) – und die Unterstützung des NS-Regimes für den “arabischen Volksaufstand” in Palästina (1936-39) bis hin zur Gegenwart.
Zwar gebe es im Koran “durchaus auch Verse, die die banu Isra’il, ‘die Kinder Israels’, loben”, schreibt Küntzel. Judenfeindliche Aussagen wie “Wahrlich, du wirst finden, dass unter allen Menschen die Juden und die, welche Allah Götter zur Seite stellen, den Gläubigen am meisten Feind sind”, tauchten jedoch weitaus häufiger auf.

Mit dem Grossmufti Amin al-Husseini (1896-1974) wurde der religiöse Judenhass zu einem politischen Programm im Palästina des 20. Jahrhunderts. Gleichzeitig verlieh sein Schlachtruf “Al-Aqsa in Gefahr!” dem Judenhass die Botschaft eines gleichermassen dringenden und heiligen Abwehrkampfes gegen angebliche Invasoren – das findet sich noch heute im Repertoire von Fatah und Hamas.

In einem kurzen Kapitel über Sayyid Qutb (1906-1966) beschreibt Küntzel, wie dieser den religiösen Judenhass des Koran in die rassistische Kategorie eines seit jeher unveränderten jüdischen Kollektivs umwandelte, dieses gleichzeitig mit bestimmten Verhaltensweisen in Verbindung brachte und selbst hinter arabisch-muslimischen Gelehrten “jüdische Agenten” vermutete, wenn deren Lehren ihm nicht genehm waren. “Das zeigt”, so Küntzel, “worum es ihm beim Antisemitismus geht: Das seit der Frühzeit des Islam etablierte Feindbild ‘Jude’ wird revitalisiert und ins Masslose vergrössert, um den Vormarsch der Moderne in islamische Gesellschaften zu stoppen.”

Den Kern von Küntzels Buch bilden die beiden Kapitel, die der Zusammenarbeit von NS-Regime und arabischen Führern im britischen Mandatsgebiet Palästina und den Folgen gewidmet sind. 1937 nennt Küntzel “das Jahr der Weichenstellung”. Anfang Juli 1937 empfahl eine von der britischen Regierung eingesetzte Kommission, die – Peel Commission – die Teilung des Mandatsgebiets in einen jüdischen und einen arabischen Teil, während Jerusalem unter internationaler Kontrolle bleiben sollte. Die Reaktionen auf den Plan reichten bis nach Berlin. Husseini schickte zwei Emissäre zu Fritz Grobba, dem deutschen Botschafter in Bagdad. Sie erklärten, dass Grossbritannien nur durch einen “grösseren Aufstand” zum Verzicht auf den Teilungsplan gezwungen werden könne. Grobba telegrafierte nach Berlin:

“Araber bereiten daher diesen Kampf vor. Einzige Grossmacht, die an arabischem Sieg über Juden Palästinas interessiert sei und zu der Araber volles Vertrauen hätten, sei Deutschland. Oberster arabischer Rat reche daher auf deutsche Hilfe.”

Auch das Nazireich war, wie sich denken lässt, gegen einen wie auch immer gearteten jüdischen Staat. Es bestehe “ein deutsches Interesse an Stärkung des Arabertums als Gegengewicht gegen etwaigen solchen Machtzuwachs des Judentums”, hiess es am 1. Juni 1937 in einem Rundschreiben von Aussenminister Konstantin von Neurath, aus dem der Autor zitiert. Ein Runderlass des Auswärtigen Amtes vom 22. Juni 1937 ist ebenso deutlich: “Die Judenfrage” sei “eines der wichtigsten Probleme der deutschen Aussenpolitik”. Es bestehe daher “auch ein erhebliches deutsches Interesse an der Entwicklung in Palästina”.

Folglich unterstützten die Nationalsozialisten Amin al-Husseini: “Der Grossmufti hat mir [...] seinen aufrichtigen Dank für ihm bisher geleistete Unterstützung aussprechen lassen”, zitiert Küntzel eine Mitteilung von Oberst Hans Pieckenbrock, dem Leiter der Auslandsspionage, an seinen Chef Admiral Wilhelm Canaris. “Nur durch die ihm von uns gewährten Geldmittel war es ihm möglich, den Aufstand in Palästina durchzuführen.” Alfred Rosenberg, Leiter des Aussenpolitischen Amts der NSDAP, schrieb 1938:
“Je länger der Brand in Palästina anhält, umso mehr festigen sich die Widerstände gegen das jüdische Gewaltregime in allen arabischen Staaten und darüber hinaus auch in den anderen moslemischen Ländern.”

Zudem bekam Husseini seine eigene Sendung im deutschen Propagandakurzwellenradio. Deren Wirkung beschrieb ein von Küntzel zitierter Bericht des britischen War Office vom 13. Oktober 1939:

“Man kann ganz allgemein sagen, dass die mittlere und untere Klasse den arabischen Sendungen aus Berlin mit grossem Vergnügen lauscht. Sie mögen das feurige ‘saftige’ Zeug, was da rüberkommt; sie amüsieren sich über die verleumderischen und beleidigenden Angriffe auf britische Persönlichkeiten. Doch nicht mal der leichtgläubige Araber aus bescheidenen Verhältnissen kann all das schlucken, was die Deutschen über den Äther schicken. ... Was der durchschnittliche palästinensische Araber aber in sich aufnimmt, ist das Anti-Juden-Material. Das will er hören, daran will er glauben und er tut beides. In dieser Hinsicht ist die deutsche Propaganda definitiv erfolgreich.”

Antisemitische Nazipropaganda in arabischer Sprache

Matthias Küntzel ist überzeugt, dass die antisemitische Propaganda aus Berlin eine tiefe und anhaltende Wirkung hatte – bis hin zur Entscheidung der arabischen Führer, 1948 gegen die Juden Palästinas in den Krieg zu ziehen. Zwar habe es dafür eine Gemengelage politischer Motive gegeben, doch die “tollkühne Mobilisierung arabischer Streitkräfte gegen den Teilungsbeschluss der Vereinten Nationen” habe ein “Bedrohungsszenario” zur Voraussetzung gehabt – das nicht zuletzt durch die deutsche Propaganda geschürte Gefühl, “durch den Zionismus existenziell gefährdet” zu werden:
“Dieser Krieg war nicht ‘unvermeidlich’. Er fand trotz all der entgegenstehenden Umstände statt, weil die antisemitische Nazipropaganda in arabischer Sprache das Klima der Nachkriegsjahre prägte und weil in diesem aufgehetzten Klima niemand der Politik des Mufti und der Muslimbruderschaft eine Grenze zu setzen in der Lage war”, so Küntzel.

Hier zeigt Küntzel eine wichtige Verbindung zur Gegenwart auf. Sie besteht nicht nur darin, dass sich PLO-Führer wie Jassir Arafat als Erben des Grossmuftis sahen; auch heute noch werden muslimische Jugendliche durch antisemitische Rundfunkpropaganda indoktriniert. Das, was man auf Berliner Schulhöfen an antisemitischen Verschwörungstheorien hören kann, habe seinen Ursprung auch in Propagandaanstalten wie dem Satellitenfernsehsender Al-Manar der Hisbollah. Die westlichen Staaten müssten gemeinsam Druck ausüben, glaubt Küntzel:
“Wer würde Russland an der Ausstrahlung von al-Manar TV hindern können? Hier kommen nur Regierungen infrage, denen Sanktionsmöglichkeiten zur Verfügung stehen. Insofern hat der Kampf gegen den islamischen Antisemitismus eine besondere aussenpolitische Dimension. Vor allem müsste Aussenpolitik die derzeitigen Hauptstädte des islamischen Antisemitismus ins Visier nehmen – Ankara und Teheran.”
Wie stehen die Chancen, dass das passiert? Selbst die Alliierten im Zweiten Weltkrieg hätten sich lieber mit Antisemitismus abgefunden, statt ihm entgegenzutreten, schreibt der Autor. Eine solche Tendenz präge leider auch die deutsche Aussenpolitik, die immer unter dem Paradigma der “Ausgewogenheit” steht: “Es scheint, als wolle auch Berlin nicht in den Verdacht geraten, auf der Seite der Juden zu stehen”, so Küntzel. Auch das also ist eine Kontinuität. Der Autor schliesst sein Buch darum mit einem dringenden Appell:
“Antisemitismus ist kein Thema, das sich für ‘Ausgewogenheit’ und ‘Maklerpositionen’ eignet. Dies gilt besonders in dem Land, das einst die Shoah initiierte und keinen Aufwand scheute, den Judenhass auch unter Muslimen zu schüren. Die Parteilichkeit, die Thomas Mann 1941 einklagte, wird heute wieder gebraucht: ‘Wer nicht gegen das Übel ist, leidenschaftlich und mit ganzer Seele dagegen, der ist mehr oder weniger dafür.’”

Der Originalbeitrag findet sich hier.

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Wahied Wahdat-Hagh, Portal für Politikwissenschaft, 17. Februar 2020:

“DIESE NOCH IN DEN KINDERSCHUHEN STECKENDE DEBATTE MUSS VERTIEFT UND FAIR GEFÜHRT WERDEN”

In Anlehnung an den Antisemitismusforscher Günther Jikeli geht Matthias Küntzel davon aus, dass Antisemitismus unter den 12 bis 22 Millionen Muslimen in Europa stark verbreitet, sogar “oft die Norm” (23) sei.

Bei der Beantwortung der Frage, wie sich der Judenhass unter europäischen Muslimen erklären lässt, holt der Autor weit aus, indem er erläutert, wie die moderne Geschichte der arabischen Welt vom Nationalsozialismus geprägt wurde und wie sie sich auf die Gegenwart auswirkt. Küntzel arbeitet einige Probleme in der islamischen Frühgeschichte auf und geht über den Nahost-Konflikt auf das Phänomen des Antisemitismus unter Muslimen in den heutigen deutsch-europäischen Gesellschaften ein.

Er beobachtet eine “Widersprüchlichkeit des Judenbildes im Koran” (25): dieses sei pro- und anti-jüdisch zugleich. Anders als in Mekka seien in Medina etwa 10.000 jüdische Monotheisten ansässig gewesen. Mohammad habe zunächst gehofft, dass diese seine neue Religion annehmen würden, als dies aber nicht geschehen sei, habe er begonnen, Juden zu ermorden.
Wie jüdische und christliche Minderheiten als Dhimmis unter islamischer Herrschaft leben mussten, wird in diesem Band aufgezeigt, dabei wird eine Linie bis nach Berlin im Sommer 2014 gezogen, als arabische Jugendliche antisemitische Parolen verbreiteten.

Der islamistische Antisemitismus sei eine spezifische Form des Antisemitismus, die auch im islamistischen Lager verbreitet sei, sie mobilisiere das religiöse Potenzial der Judenfeindschaft. In diesem Kontext spricht Küntzel von einem “religiösen Krieg” (48), der mit dem Dreißigjährigen Krieg im 17. Jahrhundert vergleichbar sei. Ihm liege eine Märtyrerideologie zugrunde, die von der islamischen Nation geführt werde und ein totalitäres Moment umfasse, den eines Endkampfes der Partei Gottes, der “die Menschheit von der Gegenwart der Juden” (49) befreie. Diese Form des religiösen Antisemitismus werde über verwandtschaftliche Beziehungen und über arabisch- oder türkischsprachige Massenmedien nach Europa importiert. Dabei spiele die Solidarität mit den Gegnern Israels eine Rolle, obwohl die Bewunderung für Hitler schon vor der Gründung des Staates Israel existiert habe.

Wie wichtig wurde der Antisemitismus für die deutsche Außenpolitik in den 1930er-Jahren? Zur Beantwortung dieser Frage setzt Küntzel im Jahr 1937 an, als die NS-Führung begann, die Politik des Mufti El-Husseini zu unterstützen. Ein Versuch der Briten, den antijüdischen Prediger zu verhaften und nach Madagaskar zu verbannen, scheiterte im selben Jahr.

Tatsächlich hatten die Muslimbrüder schon 1936 zum Boykott von jüdischen Geschäften in Ägypten aufgerufen. Küntzel schreibt, dass er einen 30-seitigen Bericht im britischen National Archive entdeckt habe, wonach “NS-Vertreter an Konferenzen der Muslimbruderschaft teilnahmen” (60) und zitiert aus einer Vortragsnotiz von Oberst Hans Piekenbrock, dem Leiter der militärischen Auslandsspionage: Danach habe sich der Großmufti “für die ihm bisher geleistete Unterstützung” (61) bedankt. Die deutsche Hilfe beschränkte sich nicht nur auf Beratung, die muslimischen Rebellen erhielten auch Waffen und Geld.

Auch im Archiv des Auswärtigen Amtes ist Küntzel fündig geworden: Der deutsche Generalkonsul in Beirut, Ferdinand Seiler, erklärt die Vereitelung des Peel-Plans im September 1937 als einen Versuch der Araber, “durch Terror die Juden einzuschüchtern und gleichzeitig auf die Engländer [...] Druck auszuüben” (62). Ihm zufolge handele es sich bei der Broschüre “Islam und Judentum” um ein Traktat, das am 18. August 1937 in Kairo auf Arabisch veröffentlicht wurde und die antijüdische Haltung Mohammads in Medina mit den zeitgenössischen Auseinandersetzungen verknüpfte und konstruierte.

Der Herausgeber dieser Broschüre sei Mohammad Ali-Taher, Direktor des Palästinensisch-Arabischen Informationsbüros, der nach Angaben des britischen Geheimdienstes “als prominente® Ägypter unter deutschem Einfluss” (70) eingestuft worden sei. Eine ähnliche Position habe auch die französische Botschaft in Kairo vertreten. Es sei “unklar” (71), ob el-Husseini, der Mufti von Jerusalem, Autor dieses Pamphlets sei, das die Nationalsozialisten für ihre Propagandazwecke benutzt hatten. Zumindest gingen die Nazis davon aus, dass el-Husseini die Texte geschrieben habe. Mit deren Veröffentlichung habe der islamische Antisemitismus begonnen. Dies belege, dass “nicht die späteren Zuspitzungen des Nahostkonflikts den Antisemitismus bewirkt haben, sondern der früh geschürte Antisemitismus jene Zuspitzungen” (66).

Ferner geht Küntzel auf den deutschen Kurzwellensender Zeesen ein, der den Judenhass verbreitete. Für die Nationalsozialisten habe sich die “Endlösung der Judenfrage” nicht auf Europa beschränkt, wie Küntzel aus einer NSDAP-Direktive aus dem Mai 1943 zitiert: “Dieser Krieg wird mit einer antisemitischen Weltrevolution und mit der Auslöschung der Juden überall in der Welt enden.” (87) Es sei Hitlers Wille gewesen, den Massenmord im Namen der “Endlösung” auf die etwa 700.000 orientalischen Juden auszudehnen, was Hitler dem Mufti von Jerusalem am 28. November 1941 in Berlin versprochen habe. Küntzel spricht von einem “Pro-Nazi-Symptom” (155), das in der islamischen Welt bis heute vorherrsche.

Zudem geht der Autor auf die verbreitete Rechtfertigung des Holocaust im Nahen Osten ein und zitiert dabei die israelischen Wissenschaftler Meir Litvak und Esther Webman, die die arabische Leugnung des Holocaust als eine antisemitische Mainstream-Kultur beschrieben haben. Es wird deutlich, dass israelische Wissenschaftler*innen eine eindeutige Analyse bezüglich des Antisemitismus in der islamischen Welt haben, was aufgrund der eigenen Betroffenheit nachvollziehbar sei.

Gleichzeitig kritisiert Küntzel eine Reihe von deutschen Wissenschaftler*innen und Politiker*innen, wie etwa die renommierte Islamwissenschaftlerin und ehemalige Leiterin des Instituts für Islamwissenschaft an der FU Berlin Gudrun Krämer, die Holocaust-Leugner in der islamischen Welt damit freispreche, dass für sie die “Anerkennung der Shoa gleichbedeutend mit der Anerkennung des Staates Israel” (157) sei. Küntzel will diese scheinbar distanzierte Haltung nicht hinnehmen und kritisiert, dass den Arabern nicht zugemutet werde, die Legitimität des Staates Israel anzuerkennen.

Außerdem kritisiert er Juliane Wetzel, Historikerin am Berliner Zentrum für Antisemitismusforschung. Sie vertritt die These, dass “die Erinnerung an den Holocaust den Antisemitismus unter Muslimen verstärken könnte” (159) und nimmt an, dass sich Jugendliche mit oder ohne Migrationshintergrund, die sich selbst als Underdogs sehen, gegenüber der jüdischen Minderheit “zurückgesetzt” (159) fühlen. Küntzels Kritik richtet sich unter anderem darauf, dass Wetzel ohne eine Untersuchung, die die Position belegt, in einem 2009 veröffentlichten Text davon ausging, ein Gros der in Deutschland lebenden Muslime mit Migrationshintergrund sei von einer “postkolonialen Verfolgungsgeschichte” (160) betroffen.

Vieles läuft schief in der neu begonnenen Diskussion über den Antisemitismus unter den Migranten. Diese geradezu noch in den Kinderschuhen steckende Debatte muss vertieft und fair geführt werden, sonst könnten sich die Probleme vergrößern, ohne dass Lösungsansätze dafür gefunden werden.

Der Originalbeitrag befindet sich hier.

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Micha Neumann, iz32 Nr. 377, Februar 2020:

“DAS BUCH DIENT AUCH ALS GRUNDLAGE FÜR DIE BEKÄMPFUNG DES HEUTIGEN ANTISEMITISMUS”

Wenn gegenwärtig über Antisemitismus diskutiert wird, bleibt der Verweis auf antisemitische Einstellungen unter Muslim*innen nicht aus. Insbesondere im Zuge von Migrationsbewegungen aus arabischen Staaten nach Europa hat sich dahingehend eine Debatte entwickelt. Diese greift der Politikwissenschaftler Matthias Küntzel in seinem neuen Buch Nazis und der Nahe Osten auf und verweist einleitend auf Angriffe auf Jüdinnen und Juden, die in Europa durch Muslim*innen begangen wurden. Küntzel geht es dabei vor allem um eine »semantische und historische Analyse« für die Ursachen des Problems, welche er vornehmlich im Wirken des Nationalsozialismus sieht.

Quellenreich beschreibt Küntzel, wie die Nazis gezielt antisemitische Ideologie in arabischen Staaten verbreiteten, um einen jüdischen Staat in Palästina zu verhindern. 1937 begannen die Kollaboration zwischen Nationalsozialisten und Amin el-Husseini, dem »Mufti von Jerusalem«, einem ausgewiesenem Judenhasser. Die mutmaßlich von ihm verfasste Schrift »Islam und Judentum«, die eine grundsätzliche Feindschaft zwischen Muslimen und Juden propagiert, ließen die Nazis übersetzen und breit zirkulieren.

Um auch die teils nicht alphabetisierte Bevölkerung zu erreichen und den Antisemitismus »auf der Straße« zu schüren, wurden ab 1939 Radioprogramme in arabischer Sprache über einen Kurzwellensender in Zeesen, einem Ort bei Berlin, gesendet. Mit ihrer Mischung aus religiösen Inhalten und offenem Antisemitismus erreichten die Sendungen in der arabischen Welt eine breite Zuhörerschaft und schworen diese auf den Kampf gegen die Juden und Jüdinnen in Palästina ein. Küntzel vermutet zudem, die starke Rezeption der Sendungen auch im Iran habe den Antisemitismus des späteren Revolutionsführers Khomeini beeinflusst.

Das Buch zeigt, wie die nationalsozialistische Propaganda Elemente des modernen europäischen Antisemitismus mit einem bereits vorhandenen islamischen Antijudaismus verknüpft. Hieraus entwickelte sich dann wesentlich der »islamische Antisemitismus«, wie Küntzel die Verbindung einer antijüdischen Lesart des Korans mit antisemitischer Verschwörungsideologie und dem Hass auf Israel nennt.

Vor diesem Hintergrund wendet sich Küntzel gegen die Annahme, der Antisemitismus in der arabischen Welt sei erst mit der Staatsgründung Israels entstanden, sondern betrachtet ihn als eine Folge des Nationalsozialismus. Er geht sogar so weit, den »arabischen Krieg gegen Israel als eine Art des Nachlebens des vorausgegangenen Nazi-Kriegs gegen die Juden« zu verstehen. Man muss dieser Analogie nicht folgen, dennoch drängt sich nach der Lektüre des Buches die Frage auf, warum der islamische Antisemitismus angesichts seiner Historie selten die gleiche Aufmerksamkeit wie seine neonazistische Variante erfährt – und wenn, dann oft nur zum Zweck rechtspopulistischer Instrumentalisierung. Wohl auch deswegen stellt Küntzel im Schlusskapitel Überlegungen zum politischen und pädagogischen Handeln an.

Küntzel ist eine aufschlussreiche und verständliche Darstellung der Genese des islamischen Antisemitismus gelungen. Das Buch beleuchtet nicht nur die unheilvolle und oft unbekannte Begegnung zwischen Nationalsozialismus und Islamismus, sondern dient auch als Grundlage für die Bekämpfung des heutigen Antisemitismus.

Der Originalbeitrag befindet sich hier.

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Jan Keetman: Radio Dreyeckland, 23. Januar 2020:

“NAZIS UND DER NAHE OSTEN IST EINS VON DEN BÜCHERN, DIE MAN GELESEN HABEN SOLLTE”

Der elf-minütige Beitrag kann hier nachgehört werden.

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Michael Lausberg, scharf-links.de, 22. Januar 2020:

“EIN WICHTIGER BEITRAG FÜR DIE ENTSTEHUNGSGESCHICHTE DES ISLAMISCHEN ANTISEMITISMUS”

Der Historiker und Politikwissenschaftler Matthias Küntzel beschäftigt sich in diesem Buch mit der Entstehungsgeschichte des islamischen Antisemitismus, bei der es auch um eine Darstellung der nationalsozialistischen Politik im Nahen Osten geht.
Auf der Suche nach Verbündeten und Einflusssphären waren die Nationalsozialisten schon vor dem Beginn des 2. Weltkrieges an guten Beziehungen mit der arabischen Welt interessiert. Dass dies ihrer eigenen Rassenideologie widersprach, interessierte niemanden. Neue Archivfunde über die Zusammenarbeit des Muftis von Jerusalem, Hadsch Amin al-Husseini, führende Köpfe der in Ägypten entstanden Muslim-Brüder und hochrangige Mitarbeiter aus Joseph Goebbels‘ nationalsozialistischem Propagandaministerium. Er zeigt, wie sich das Judenbild in Teilen des Islams unter dem Einfluss der arabischsprachigen Nazi-Propaganda verändert hat. Dabei spielt die Schrift „Islam und Judentum“, die den latenten Antijudaismus mit dem europäischen Antisemitismus verband, eine wichtige Rolle. Bereits im August 1937 wurde in Kairo die Schrift „Islam-Judentum“ veröffentlicht und auf der ersten panarabischen Konferenz verteilt. Zu Beginn des Zweiten Weltkrieges wurde diese Propagandabroschüre auf Arabisch massenweise verbreitet. Diese unheilvolle Allianz wurde noch durch den Fundamentalisten und Antisemiten Mohammed Amin al-Husseini bestärkt. Al-Husseini reiste mehrfach nach Bosnien, wo er im Auftrag der SS muslimische Regimenter rekrutierte, u. a. die bosniakische Waffen-Gebirgs-Division-SS Handschar. Im Anhang ist die Broschüre „Islam-Judentum“ abgedruckt.

Ihre antisemitische Propaganda verbreiten die Nationalsozialisten für die Teile der arabischen Welt, die nicht lesen konnte auch per Radio. Sie verfügten über einen Kurzwellensender im Berliner Vorort Zeesen, der zu den damals technisch besten der Welt gehörte. Für das deutsche Propagandaministerium gehörte das Radio Zeesen im Kampf um die Köpfe zu einem wichtigen Instrument. Für die arabische Welt war die Orient-Redaktion von Radio Zeesen zuständig. Der große Durchbruch war die Installation des in der arabischen Welt bekannten irakischen Nachrichtensprecher Junis Bahri als Ansager. Dabei stützt sich Küntzel auf die Auswertung von Mitschriften dieser Radiosendungen des Historikers Jeffrey Herf, die nicht in deutscher Sprache vorliegen und Recherchen im Berliner Bundesarchiv.
Wie sich dieses Erbe auch nach dem Ende des Nazi-Regime ausgewirkt hat, beschreibt Küntzel kurz anhand des ersten Nahostkrieges und der Kontinuitätslinie Amin al-Husseini.

Mit dieser Darstellung weist Küntzel nach, dass die Entstehung des islamischen Antisemitismus viel früher zu datieren ist, als bisherige Ansätze, die von 1967 oder 1979 ausgingen. Die nationalsozialistische Propaganda sorgte dafür, dass sich ein latent existierender Antijudaismus radikalisierte und dauerhaft manifestierte. Die von führenden Regierungsvertretern des Iran arrangierte International Conference on «Review of the Holocaust: Global Vision» am 11. und 12. Dezember 2006 in Teheran, bei dem Antisemiten, Neonazis und Islamisten aus 30 Staaten den Holocaust in Frage stellten oder leugneten und das Existenzrecht Israels bestritten, ist dafür den sichtbarste Ausdruck.

Eine nähere Untersuchung der bosniakischen Waffen-Gebirgs-Division-SS Handschar, zu der es in der Forschung viele Quellen gibt, in Verbindung mit antisemitischer Propaganda sucht man allerdings vergeblich in dem Buch. Auch der Hinweis auf die widersprüchliche Politik der Nationalsozialisten in Bezug auf den Islam fehlt. Einerseits die schon beschriebene Anbiederung an die arabische Welt, andererseits die nachweisbare Einweisung von „rassisch-minderwertigen“ Muslimen in KZ’s und Arbeitslager. Auch die Frage, welche Anknüpfungspunkte der vorher latent existierende islamische Antijudaismus für die Festigung des islamischen Antisemitismus durch die Nazi-Propaganda gab, bleibt offen. Dennoch leistet das Buch einen wichtigen Beitrag für die Entstehungsgeschichte des islamischen Antisemitismus.

Der Originalbeitrag findet sich hier.

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Nina Heinke: StuRadio Leizpig, 15. Januar 2019:

“DAS BUCH ÜBERZEUGT DURCH EINEN KLAREN, NACHVOLLZIEHBAREN ARGUMENTATIONSSTIL.”

Am 15. Januar sendete Nina Heinke im StuRadio der Universität Leipzig eine 40-minütige Sendung über “Nazis und der Nahe Osten” – bestehend aus einem mehrteiligen Interview, einer kleinen Lesung und kurzen Musikeinspielungen. Die Sendung kann hier nachgehört werden.

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Armin Pfahl-Traughber: Hagalil, 15. Dezember 2019:

“DIESE KONZENTRATION DES STOFFS (IST) WICHTIG, UM DEN AKTUELLEN ISLAMISCHEN ANTISEMITISMUS ZU ERKENNEN”

Wie kam der europäische Antisemitismus in die arabische Welt? Eine Antwort auf diese Frage will der promovierte Historiker und Politikwissenschaftler Matthias Küntzel in seiner Studie „Nazis und der Nahe Osten. Wie der islamische Antisemitismus entstand“ geben. Demnach sieht der Autor insbesondere in der NS-Propaganda die entscheidende Ursache.

Diese Auffassung mag zunächst irritieren, ist doch deren dortiges Wirken kaum bekannt. Der Autor macht daher auch auf die Bedeutung einer Broschüre „Islam und Judentum“ und dann auf einschlägige Rundfunkpropaganda aufmerksam.

Zum ersten Gesichtspunkt heißt es gleich auf der ersten Textseite: „In diesem Pamphlet wurde der Antijudaismus des frühen Islam erstmals mit dem europäischen Antisemitismus der Nazis verknüpft und so eine jahrhundertealte Todfeindschaft zwischen Muslimen und Juden konstruiert.“ Und danach heißt es: „Das Berlin zwischen 1937 und 1945 keinen Aufwand scheute, um den Antisemitismus unter Muslimen zu schüren, ist in Deutschland wenig bekannt“ (S. 9).

Bevor Küntzel auf diese Zusammenhänge eingeht, wird definitorische und ideengeschichtliche Vorarbeit geleistet. Dabei unterscheidet er einen islamischen Antijudiaismus und einen europäischen Antisemitismus. Was dies in Kombination miteinander bedeutete, wird anhand des islamistischen „Klassikers“ Sayyid Qutb und der Charta der Hamas aufgezeigt.

Erst danach geht es um das eigentliche Thema, wird doch die Entwicklung im Jahr 1937 als wichtige Weichenstellung behandelt. Damals kam es zu einem Bündnis des Muftis von Jerusalem und der deutschen Nationalsozialisten, was sich gegen die Briten wie die Juden richten sollte. 1937 erschien auch erstmals die arabische Ausgabe von „Islam und Judentum“, eine NS-Propagandaschrift, die Mohammeds Auseinandersetzung mit jüdischen Stämmen mit den seinerzeitigen antijüdischen Stimmungen in Palästina verband. Der Autor macht anhand des Textes dabei deutlich, wie hier eine antisemitische Ideologiesierung von bereits bestehenden antijüdischen Ressentiments erfolgte.

Danach geht es ausführlich um den „Kurzwellensender Zeesen“, der Judenhass als NS-Propaganda per Radio in der islamischen Welt verbreitete. Damit konnten auch die Araber, die nicht des Lesens kundig waren, mit einschlägigen Ressentiments erreicht werden. Die Attraktivität und Beliebtheit des Senders wird von Küntzel anhand von zeitgenössischen Quellen veranschaulicht. Bilanzierend heißt es, dass diese Agitation „im Rückblick als die Schnittstelle, die die antisemitische Weltanschauung den Massen der arabischen Welt nahebrachte und frühe Ansätze des Islamismus mit dem späten Nationalsozialismus verband“ (S.110).

Anschaulich zeigt sich dies beim Blick auf die Inhalte der Sendungen, worin nicht nur Feindbilder propagiert, sondern auch Pogrome gefordert wurden. Daraus leitet der Autor seine Deutung ab, wonach „die arabischsprachige Nazi-Propaganda zu den Faktoren gehörte, die den verheerenden Krieg von 1948 mit auslösten …“ (S. 142). Dieser sei auch eine antisemitische Mobilisierung gewesen, was man gegenwärtig häufig verkenne.

Küntzel macht auf viele geschichtliche Details aufmerksam, welche aus ganz unterschiedlichen Gründen ausgeblendet werden. Einiges wie etwa zur Hamas oder Qutb bzw. zum Radiosender Zeesen hatte er schon in früheren Veröffentlichungen thematisiert. Jeffrey Herf analysierte bereits früher den erwähnten Kurzwellensender und sein verhängnisvolles Wirken.

Gleichwohl ist diese Konzentration des Stoffs hier noch einmal wichtig, auch und gerade um den aktuellen islamischen Antisemitismus zu erkennen. Immer wieder gibt es Anmerkungen zur Gegenwart, wo Küntzel entsprechende Relativierungen und Verharmlosungen thematisiert. Gelegentlich mag er manche Kollegenkritik dabei überspitzen, in der Grundtendenz sind seine Urteile aber treffend.

Indessen fanden Formen einer europäischen Judenfeindschaft bereits seit Mitte des 19.Jahrhunderts in der arabischen Welt Verbreitung. Darauf weist Küntzel auch kurz hin (vgl. S. 52). Insofern erfolgte eine derartige Ideologisierung der dortigen Judenfeindschaft schon vor der NS-Propaganda. Dieser detaillierte Einwand zur Studie schmälert aber nicht ihren aufklärerischen Wert.

Der Originalbeitrag findet sich hier.

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Jamal Tuschick: der Freitag, 14.11.2019.

“ICH KANN NUR JEDEM RATEN, DAS BUCH ZU LESEN.”

In einem Vortrag an der Berliner Humboldt Universität exponierte Matthias Küntzel die Weigerung “der Linken, den islamischen Antisemitismus in den Blick zu nehmen.” Von Jamal Tuschick

Nazis und der Nahe Osten – “Antisemitismus (kann) unter den 15 bis 22 Millionen in Europa lebenden Muslimen nicht auf Ausnahmen reduziert werden, sondern (ist) so weit verbreitet, dass Judenhass oft die Norm bildet.” Mit dieser Einschätzung von Günther Jikeli argumentiert Matthias Küntzel in seiner historischen Bestandsaufnahme “Nazis und der Nahe Osten”. In einem Vortrag an der Berliner Humboldt Universität exponierte Küntzel die Weigerung “der Linken, den islamischen Antisemitismus in den Blick zu nehmen.” “Die migrantische Täterschaft” besitzt als Topos in einem mehrheitsgesellschaftlichen Diskurs der Verdächtigungen gleichwohl eine verlässliche Repräsentanz. Sobald es aber um Antisemitismus geht, so Christian Geyer – und mit ihm den Geyer zitierenden Küntzel, herrsche eine Tendenz der Relativierung und Kontextualisierung von Täterschaften, “bis sie unsichtbar geworden sind, damit nur kein fremdenfeindlicher Zungenschlag aufkommt”.

Französische Verhältnisse

Der Politikwissenschaftler Matthias Küntzel beginnt mit einer Kurzanalyse der toxischen Ladung des Attentäters von Halle. Zwar sei des Hallenser Hass umfassend, aber Juden bildeten das Herzstück. Was anderenorts im Pamphlet klein und kursiv gesetzt sei, der schlichte, primär islamophobe Rassismus und Antifeminismus, umspielt den Judenhass in fetten Großbuchstaben.

Küntzel erinnert daran, dass in den letzten Jahren über zwanzigtausend französische Juden nach Israel ausgewandert sind – so wie viele ihre angestammten Bezirke verließen, um in einer weniger antisemitischen Umgebung weiterzumachen wie nie zuvor. Der islamische Antisemitismus, so Küntzel, entfaltet eine prägende Kraft. In Kombination mit dem europäischen Antisemitismus ergibt sich daraus eine ständig heruntergespielte Gefahr.

In “Nazis und der Nahe Osten” untersucht Küntzel ein Phänomen des 20. Jahrhunderts: die Verkopplung zweier antisemitischer Modelle, die zum islamischen Antisemitismus führten. Zum Gründungsmanifest des islamischen Antisemitismus erklärt Küntzel die 1937 in Kairo erstmals publizierte Schrift “Islam und Judentum”. Darin wird der Judenhass im Koran als religiöses Kernstück verankert.

Küntzel betreibt narrative Soziologie. Er schneidet solche Vignetten: drei Söhne muslimischer Eltern im Berufsschulalter individualisieren sich in ihren Reaktionen auf Ramadan-Fastenvorschriften. Einer isst öffentlich und lässt einen Dissens zum Standard der Altvorderen im Verzehr von Schweinefleisch eskalieren. Einer verzieht sich mit Lebensmitteln aufs Klo. Einer verzichtet traditionell auf den Pausensnack.

Die arabische Straße

Das Manifest von Kairo etablierte eine Reihe ahistorischer Stereotypen. Es fundamentalisierte einen Feindschaftsbegriff, der nicht aus der Geschichte, sondern aus einer Ideologie geschöpft ist. Auf dieser Grundlage hieß es dann ex Cathedra: Die Palästinafrage entscheidet über das Überleben des Islam. Damit habe man die “arabische Straße” mobilisiert und Millionen “Analphabeten” aufgestachelt. Entscheidend ist hier, dass es dieses Ermächtigungspotential ohne die angedeutete Amalgamierung nicht gegeben hätte.

Ich kann nur jedem raten, das Buch zu lesen. Es nimmt wenigstens einen Allgemeinplatz aus dem Debattenfeld. Allgemein heißt es, der islamische Antisemitismus sei eine Folge des Nahostkonflikts. Küntzel zeigt, dass der islamische Antisemitismus ein deutsch-arabischer Propagandacoup war. Dessen räumliches Zentrum lag in Zeesen. Darüber bald mehr.

Ein Rezeptionssplitter

Der Liberalismus des 19. Jahrhunderts litt unter dem 1873er-Börsenkrach, soweit es Deutschland betraf, in der Konsequenz einer überhitzten Konjunktur, zu der fünf Milliarden französische Reparations-Goldfranken beigetragen hatten. Der als Gründerkrach in die Geschichte eingegangene Absturz zerstörte eine Spekulationsblase.

Küntzel schreibt: “Man suchte und fand für diese Katastrophe einen Sündenbock. Im Chaos … wurde dem als ‚jüdisch‘ abgestempelten Liberalismus der Prozess gemacht”.

Das half dem religiös-basierten Antisemitismus neue Biotope im aufkeimenden Säkularismus zu verschaffen. Ein nichtkonfessioneller Standpunkt verschaffte sich Geltung. Er bot dem Antisemitismus eine für das 20. Jahrhundert passende Grundlage.

Während Küntzel im Hörsaal 2002 spricht, fällt es mir wieder ein. In meiner Kindheit gab es noch die zur Vehemenz einladende Ansicht, Antisemitismus sei ein neutraler Begriff. Küntzel liefert die Ableitung. Sie läuft über eine soziale Achse in der Unterscheidung zwischen Integrierten (Integrierbaren) und nicht integrierten (nicht zu Integrierenden), um eine pseudowissenschaftlich angestrichene rassistische Bilanz zu ziehen. Dabei werden die Integrierten zu Antisemiten.

In der arabischen Welt entstand kein Äquivalent zur Säkularisierung des Antisemitismus. Die orientalische Ablehnung speiste sich immer weiter aus den alten Quellen des frühislamisch “degradierenden Antijudaismus”, bis “die negativsten Judenbilder aus Christentum und Islam” zusammengeführt wurden.

Georg Simmel begreift Antisemitismus “als Nebenprodukt der Zivilisation”. “Die große Explosion des Antisemitismus” (Max Horkheimer) war kein Unfall der Geschichte. Seine Einordnung als zivilisatorische Entgleisung ist weniger als eine geeignete Entlastungsstrategie. Wie in einer kollektiven Psychose lief Jahrzehnte alles Mögliche auf den Holocaust zu und zwar so sehr im Schubverbund mit bürgerlichen Maßstäben, dass die Maßstäbe als Korsett des seelischen Überlebens der Täter*innen nicht versagten. Eine Tragik des Holocausts liegt in Verhältnissen, die den Täter*innen ein persönliches Weitermachen erlaubten und sogar Gewinne aus der Tabuisierung des offenen Antisemitismus nach Fünfundvierzig gestatteten. Antisemitismus avancierte zum heimlichen Wissensvorsprung in Umkehrung seiner Voraussetzungen bis Fünfundvierzig.

Freud beobachtet in seiner “Massenpsychologie” reaktive Veränderungen des Einzelnen sobald ihn eine Masse ansaugt. Es kommt zu Vereinheitlichungen und Vereinfachungen im Zuge eines Abtrags des “psychischen Oberbaus”. Diesen homogenisierenden Abtrag stellten Antisemiten nach Fünfundvierzig dem Kollektiv in Rechnung, als etwas, dass notwendig da ist, nur eben gerade mal nicht so sichtbar wie vorher. Da liegt der antisemitische Hase im Pfeffer, oder, um es mit Natan Sznaider zu sagen: “Ohne Christentum und Islam keinen Antisemitismus.”

Feind ohne Nimbus

Küntzel erkennt einen Ausgangspunkt des im Ornat der uneinholbaren Überlegenheit sich gerierenden arabischen Anti-Judaismus in Mohammeds Sieg über den letzten in Medina verbliebenen jüdischen Stamm: den Banū Quraiza.

Fortan “war jüdische Präsenz für muslimische Gesellschaften ein untergeordnetes Problem … solange sich Juden ihrer Demütigung fügten”.

Der Politikwissenschaftler setzt Fleiß in seine Beispielliste. Als Feind ohne Nimbus macht der arabische Blick den anderen*, so der Islamforscher Bernhard Lewis, zitiert nach Küntzel, zum “Objekt der Lächerlichkeit”.
Zu bedenken ist hier das Thema Othering: “Der Begriff Othering bezeichnet die Differenzierung und Distanzierung der Gruppe, der man sich zugehörig fühlt, von anderen Gruppen.” (Wikipedia)
Der in Berlin auf offener Straße mit einem Gürtel geschlagene Kippaträger weist sich als nicht-jüdischer Israeli aus. Ohne Kippa würde er arabisch gelesen.

Küntzel will darauf hinaus: Dem arabisch-muslimischen, primär religiös motivierten Anti-Judaismus fehlt die diabolische Dimension. “Die jüdische Weltverschwörung” gedieh als witterungsbeständiges Hassformat in Europa. Sie aspirierte die Renaissance.
Die Neuzeit kam mit der Pest, die, so die Theorie, “im Pakt mit dem Teufel (von) Juden … über die Christenheit gebracht” wurde.
Was aber geschah, als der arabische, auf einem Suprematie-Phantasma aufbauende Anti-Judaismus mit dem im Dritten Reich zur Staatsdoktrin erklärten Antisemitismus verkoppelt wurde?

Der Originalbeitrag findet sich hier.

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Israelnetz (www.israelnetz.com), 29.10.2019

ISRAELHASS UND ISLAMISCHER ANTISEMITISMUS: DIE SPÄTEN FOLGEN DES NATIONALSOZIALISMUS

Gezielt verbreiteten die Nationalsozialisten ihre antisemitische Ideologie auch in der islamischen Welt. Damit trugen sie zur Entstehung des israelisch-palästinensischen Konfliktes bei. Mit seinem neuen Buch will der Politologe Matthias Küntzel diesen Aspekt deutscher Geschichte aufarbeiten.

Eine Rezension von Marc Neugröschel

Die These, dass der islamische Antisemitismus überhaupt erst durch den Nahostkonflikt ins Leben gerufen worden sei, ist weit verbreitet. Matthias Küntzel hält sie für falsch. Umgekehrt werde ein Schuh draus. In seinem neuen Buch “Nazis und der Nahe Osten: Wie der islamische Antisemitismus entstand” argumentiert der Hamburger Politikwissenschaftler und Historiker, dass es den heutigen israelisch-palästinensischen Konflikt vielleicht gar nicht geben würde, wenn die Nazis den Nahen Osten nicht mit ihrer antisemitischen Ideologie infiziert hätten.

Anhand konkreter Quellen zeigt Küntzel, wie die Entscheidung gemäßigter arabischer Führer, dem gerade gegründeten Staat Israel 1948 den Krieg zu erklären, auf den Druck einer islamistisch-antisemitischen Bewegung zurückgeht, die kräftig von den Nazis befeuert, finanziert und vor allem auch geistig inspiriert wurde. So zeichnet er nach, wie der nationalsozialistische Antisemitismus bis heute im Nahen Osten nachwirkt und von Migranten aus dieser Region nun nach Europa reimportiert wird.

Küntzel beschreibt, wie nationalsozialistische Propagandisten und islamistische Agitatoren zur Zeit der Nazi-Herrschaft gezielt zusammenarbeiteten, um eine politische und ideologische Allianz gegen den Westen und die Moderne zu schmieden. Zu den Hauptprotagonisten dieser unheilvollen Kollaboration gehörten der Mufti von Jerusalem, Hadsch Amin al-Husseini, führende Köpfe der in Ägypten entstanden Muslim-Brüder und hochrangige Mitarbeiter aus Joseph Goebbels‘ nationalsozialistischem Propagandaministerium. Sie schufen einen giftigen propagandistischen Cocktail aus Versatzstücken islamistischer und antisemitischer Ideen, der per Schrift, vor allem aber per Radio in der islamischen Welt verbreitet wurde.

Propaganda durch arabische Radiosendungen aus Berlin

Eine besondere Rolle spielte hierbei der Kurzwellensender im Berliner Vorort Zeesen. Zur Zeit des Zweiten Weltkrieges gehörte er zu den modernsten und leistungsstärksten Sendeanlagen überhaupt. Anlässlich der Berliner Olympiade von 1936 war er auf den neusten technischen Stand gebracht worden. Mit ihm konnten die Nazis ihre Hasspropaganda auch unter jenen Teilen der arabischen Bevölkerung verbreiten, die des Lesens nicht mächtig waren. Hierfür scheute das deutsche Propagandaministerium keine Kosten und Mühe. Der Orient-Redaktion von Radio Zeesen gelang es gar, den damals in der arabischen Welt überaus populären irakischen Nachrichtensprecher Junis Bahri als Ansager zu verpflichten.

Eine Auswertung von Mitschriften dieser Radiosendungen gehört zu den wichtigsten Arbeiten des US-amerikanischen Historikers Jeffrey Herf. Bereits 2009 wurde sie unter dem englischen Titel “Nazi Propaganda for the Arab World” (Nazi-Propaganda für die arabische Welt) veröffentlicht. Ausgerechnet ins Deutsche wurde die Abhandlung bis heute aber nicht übersetzt. Auch deswegen füllt Küntzels Buch eine wichtige Lücke in der deutschen historischen Literatur. Küntzel ergänzt Herfs Forschung aber auch mit eigenen Recherchen der im Berliner Bundesarchiv noch vorhandenen Sendemanuskripte.

Judenfeindliche Elemente der koranischen Überlieferung dienten den Nazis als willkommene Anknüpfungspunkte, die gezielt in Szene gesetzt wurden, um Muslime für den Antisemitismus christlich-europäischer Provenienz zu begeistern. Konzeptuell unterscheidet Küntzel sehr klar zwischen den beiden Formen der Judenfeindschaft, die so miteinander verschmolzen wurden. Während der Koran die Juden als besiegte Widersacher des Propheten Mohammeds erniedrige, sehe die christliche Doktrin sie als die Mörder Christi und somit als eine dunkle Macht und kosmische Gefahr.

“Für den Moslem mochte der Jude feindselig, verschlagen und rachsüchtig sein, aber er war schwach und unwirksam – ein Objekt der Lächerlichkeit, nicht der Furcht. Für die Christen hingegen stellt er eine dunkle und tödliche Macht dar, fähig zu Taten von kosmischer Bosheit”, zitiert Küntzel den Historiker und Islamforscher Bernard Lewis. Er schlussfolgert aus dieser Betrachtung: “Nur auf christlichem Boden konnte (…) die Propaganda von der ‚jüdischen Weltverschwörung‘ sprießen und gedeihen (…) Nur im christlichen Europa konnte sich der religiöse Antijudaismus zum Antisemitismus steigern.”

Auch Hamas-Charta relevante Quelle

Genau diese, originär christliche Vorstellung von einem verschwörerischen Judentum als kosmische Gefahr findet im zwanzigsten Jahrhundert dann aber, vor allem durch die Propaganda der Nazis, Einzug in die islamische Welt. Dort habe sie sich dann mit der islamischen Judenfeindschaft verbunden und anschließend zu der Vorstellung verdichtet, dass der Staat Israel ein Projekt zur Vernichtung der Muslime sei und dass Muslime erst dann frei sein könnten, wenn der Staat Israel und mit ihm alle Juden von der Bildfläche verschwunden seien.

Diese These belegt Küntzel anhand von drei wirkmächtigen Texten, welche die genannten Elemente von islamischer Judenfeindschaft und europäischem Antisemitismus miteinander verknüpfen und das Bild von Judentum und Israel unter Muslimen des Nahen Ostens bis heute maßgeblich prägen. Bei diesen drei Texten handelt es sich 1. um das Anfang der 1950er-Jahre veröffentlichte Pamphlet “Unser Kampf mit den Juden” von Sajjid Qutb, einem der wichtigsten Ideologen der islamistischen Muslimbruderschaft; 2. die Charta der palästinensischen Terror-Organisation Hamas von 1988 und 3. den am 18. August 1937 in Kairo erschienenen Aufsatz “Islam und Judentum”.

Dieser ist laut Küntzel “die erste umfassende Erklärung, die eine durchgehende Linie zwischen Mohammeds Auseinandersetzungen mit den Juden in Medina und den zeitgenössischen Auseinandersetzungen in Palästina konstruiert und das siebte mit dem zwanzigsten Jahrhundert verknüpft”.

Vor allem anhand von Textstellen aus diesem letztgenannten Aufsatz zeigt Küntzel, dass ein jüdischer Staat, schon lange vor seiner Gründung und lange vor der Existenz der nach dem Sechs-Tage-Krieg errichteten jüdischen Siedlungen, als Feindbild und Verkörperung einer existentiellen Bedrohung für den Islam durch muslimische Köpfe geisterte. Das frühe Erscheinungsdatum dieses Textes, so schlussfolgert Küntzel, “legt nahe, dass nicht die späteren Zuspitzungen des Nahostkonflikts den Antisemitismus bewirkt haben, sondern der früh geschürte Antisemitismus jene Zuspitzungen”.

Solides wissenschaftliches Fundament

Wer Küntzels Buch liest, erhält somit also nicht nur einen Einblick in ein oft vernachlässigtes Kapitel deutscher Geschichte. Es bietet auch eine Perspektive auf aktuelle politische Probleme und gesellschaftliche Debatten, die gängige Erklärungsmuster in Frage stellt. In den Fokus gerät dabei nicht nur der israelisch-palästinensische Konflikt, sondern auch das Problem des Antisemitismus unter Migranten, die aus dem Nahen Osten nach Europa einwandern.

Diese Verbindung zwischen Vergangenheit und Gegenwart basiert auf einem soliden wissenschaftlichen Fundament. Neben den Ergebnissen seiner eigenen Recherchen berücksichtigt Küntzel die Erkenntnisse der einschlägigen historischen Literatur und beruft sich dabei auf bedeutende Geschichtswissenschaftler wie Jeffrey Herf, Yehuda Bauer, Georges Bensoussan, Léon Poliakov und Bernard Lewis. Um die Brücke zu den aktuellen Geschehnissen zu schlagen, bezieht Küntzel sich aber auch auf Werke der neueren sozialwissenschaftlichen Literatur. So zitiert er etwa aus aktuellen Studien der Berliner Antisemitismusforscherin Monika Schwarz-Friesel oder des Soziologen und Historikers Günther Jikeli, der sich mit Antisemitismus unter Europas Muslimen befasst.

Trotz seiner wissenschaftlichen Fundierung ist das Buch im eingängigen Stil eines journalistischen Essays geschrieben und somit auch für Laien ohne Vorkenntnisse gut lesbar.

Matthias Küntzel: “Nazis und der Nahe Osten. Wie der islamische Antisemitismus entstand”, Hentrich & Hentrich, 272 Seiten, 19,90 Euro, ISBN: 978-3-95565-347-7

Die Originalveröffentlichung findet sich hier.

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Deutschlandfunk, 17.10.2019

NS UND NAHER OSTEN. EXPORTIERTER ANTISEMITISMUS

Der Antisemitismus der arabischen Welt kam aus Berlin, meint der Politikwissenschaftler Matthias Küntzel. In seinem neuen Buch zeigt er, wie die Nationalsozialisten auch auf Radio-Propaganda setzten, um im Nahen Osten Judenhass zu verbreiten. Das wirkt bis heute nach.

Von Thomas Klatt

Die Nazis und der Nahe Osten – dieses Zweckbündnis lässt sich personalisieren – und auf den Führer und Großmufti von Jerusalem reduzieren. Wie etwa in der Deutschen Wochenschau im Dezember 1941:

“Der Führer empfing den Großmufti von Jerusalem, einen der einflussreichsten Männer des arabischen Nationalismus. Der Großmufti ist das religiöse Oberhaupt der Araber in Palästina und gleichzeitig deren oberster Richter und Finanzverwalter. Wegen seiner nationalen Haltung verfolgten ihn die Engländer erbittert und setzten auf seinen Kopf einen Preis von 25.000 Pfund aus. Auf abenteuerlichen Wegen gelangte er über Italien nach Deutschland.”

Die Zusammenkunft Adolf Hitlers mit dem Großmufti von Jerusalem Mohammad Amin Al-Husseini war demonstrativer Höhepunkt einer längeren Zusammenarbeit. Die Nationalsozialisten versuchten schon vor Kriegsbeginn, die arabische Welt auf ihre Seite zu ziehen. Bereits im August 1937 wurde in Kairo die Schrift “Islam und Judentum” veröffentlicht und auf der ersten panarabischen Konferenz verteilt.
Latenter Antijudaismus wird zu politischem Antisemitismus.

“Es war das erste Dokument, das tatsächlich den muslimischen Antijudaismus, also die Geschichte Mohammeds mit den Juden in Medina, verbunden hat mit dem europäischen Antisemitismus. Das ‚Weltjudentum‘, die also nur ‚den Islam zerstören wollen‘. Das war ein ganz neuer Schritt und das war eine neue Etappe in der Geschichte des Antisemitismus, dass diese Broschüre damals erschien und auch diese massenweise Verbreitung erfuhr, weil die Nazis mit Beginn des Zweiten Weltkrieges diese Broschüre auf Arabisch, auch Serbokroatisch massenweise verbreitet hatten”, weiß Politikwissenschaftler Matthias Küntzel.

In der arabischen Welt gab es traditionell immer einen latenten Antijudaismus. Es war die Überlegenheit der Muslime über die Dhimmis, die Schutzbefohlenen, also Christen und Juden, die bestenfalls geduldet wurden. Die Nazis verstanden es, diese Haltung gegenüber Juden mit Hilfe ihrer Propaganda in einen politischen Antisemitismus umzuwandeln, so die These von Matthias Küntzel.

Allerdings mussten sich die Nazis zu dieser Linie erst durchringen. Denn schon im Ersten Weltkrieg war der Plan der deutschen Heeresführung gescheitert, einen arabischen Dschihad gegen die Entente auszurufen. Erst der Plan der so genannten Peel-Kommission brachte Hitler 1937 zum Umdenken. Denn die Briten planten, ihr Mandatsgebiet in einen jüdischen und einen arabischen Staat zu teilen. Nun setzte das Deutsche Reich ganz auf die arabische Karte. Obwohl Hitler ursprünglich nicht viel übrig hatte für Muslime und Araber.

NS-Nahost-Politik: den jüdischen Staat verhindern

“Und Hitler hat sich in ‚Mein Kampf‘ lustig gemacht darüber, man könne mit diesen Leuten nicht arbeiten. Er hat seinen ganzen Rassismus da auch gegen die Araber gewandt in ‚Mein Kampf‘. Und es gab in der Nazi-Szene in den 30er-Jahren eine Auseinandersetzung, wie man jetzt die Muslime ansprechen soll. Ob man mehr den Nationalismus, also mehr Kemal Atatürk als Vorbild nehmen soll, was lange Zeit in Nazi-Deutschland der Fall war. Oder man sich tatsächlich auf dieses Gebiet des Islam begeben soll. Und dann kam tatsächlich hinzu, dass ein jüdischer Staat in Palästina gegründet werden sollte.

Von da ab begann eine aktive Nahost-Politik des Nationalsozialismus mit dem Ziel, diesen jüdischen Staat, den man als eine Art jüdischen Vatikan befürchtet hatte, zu verhindern. Und damit begann eine Zusammenarbeit, die vorher schon vom Mufti von Jerusalem gesucht worden ist, aber bis dahin immer abgelehnt wurde, dass dieser Islam in seiner islamistischen Variante durchaus Massen zu bewegen vermag. Am Freitag, am Tag des Gebetes, sind immer die größten Demonstrationen. Und dann hat man auf Anregung des Mufti begonnen, diesen arabischsprachigen Radiosender zu installieren”, so Küntzel.

Propaganda-Sender Zeesen bei Königs Wusterhausen

“Und von dieser Warte aus haben sie zum Beispiel ihre Radiopropagandasendungen gegen die Juden mit Koran-Zitaten eröffnet. Sie haben religiöse Talks gemacht in den Radiosendungen. Sie haben also die Araber nicht angesprochen als nationalistische Araber, sondern als fromme Muslime”, sagt Küntzel.

Alles lief über den Sender Zeesen bei Königs Wusterhausen südlich von Berlin. Antisemitische Dauerpropaganda bis 1945 – bis zum Zusammenbruch des Deutschen Reiches.

Küntzel: “Man hat den ehemaligen Rundfunkansager aus dem Irak Younis Bahri gewinnen können. Und der war nun jemand, der eine Artikulation hatte, die sehr an die Reden von Hitler erinnert hat. Allerdings nur auf Arabisch. Das gilt auch für das Persische. Auch der Mufti von Jerusalem hat viele Reden gehalten in dem Radio. Es gab aber auch Palästina-Deutsche, also Deutsche, die in Palästina aufgewachsen waren, die Arabisch sehr gut beherrschten.”

Einrichten von Fake-Untergrundsendern

Hauptbotschaft der vor allem arabischsprachigen Sendungen: Das angebliche Weltjudentum beherrsche die Engländer und die Amerikaner. Das Weltjudentum wolle im Krieg den ganzen Islam vernichten. Jeder gute Muslim müsse sich zusammen mit den Deutschen wehren.

“Es ging so weit, dass man Geheimsender eingerichtet hat. Die Nazis waren so schlau zu ahnen, dass das, was direkt aus Berlin kommt, mit Misstrauen betrachtet wird. Also haben sie Sender eingerichtet, die so taten, als seien sie Untergrundsender in Ägypten. Dass sie aus Berlin sendeten in Wirklichkeit, das blieb geheim. Da brauchte man Leute, die das Lokalkolorit perfekt treffen konnten. Und diese Geheimsender konnten dann in der Propaganda der Nazis den größten Irrsinn verbreiten, weil keiner ihren Ursprung zurückverfolgen konnte. Und dann konnten sich die offiziellen Nazi-Medien auf die Information des so genannten Geheimsenders dann stützen”, so Küntzel.

Alliierte wollten nicht pro-jüdisch auftreten

Natürlich sendeten die Alliierten Gegenpropaganda. Allerdings: Engländer und Amerikaner wollten auf keinen Fall als Freunde der Juden auftreten.

“Sie haben Störsender eingerichtet, haben angefangen, den Koran zu rezitieren in BBC-Sendungen auf Arabisch”, sagt Küntzel. “Sie haben versucht, muslimische Kräfte wie den Emir Abdullah von Transjordanien als Gegenstück zum Mufti von Jerusalem zu präsentieren. In einem Punkt blieben sie ganz still. Und das betraf den Antisemitismus von Radio Zeesen. Weil, wenn man sich als BBC eingesetzt hätte gegen den Antisemitismus, man vielleicht den Verdacht erregt hätte, man sei selber pro-jüdisch. Und dann würde man der ganzen Logik des Antisemitismus der Nazis eine Bestätigung liefern. Und das war der Punkt, wo die Nazis freie Hand hatten.”

Nazis nutzten Koran-Zitate und Hadithe

Sie nutzten, was sie nutzen wollten: Koran-Zitate und Hadithe, also Überlieferungen von Aussprüchen und Handlungen Mohammeds. Etwa den Hadith vom Stein und Baum, der bereits in der Nazi-Broschüre “Islam und Judentum” von 1937 Verbreitung fand. Zuvor hatte er in der islamischen Welt kaum eine Rolle gespielt.

“Das ist ein schrecklicher Hadith, der besagt, dass am Ende der Tage die Muslime die Juden töten werden. Die Juden werden sich hinter einem Baum und einem Stein verstecken, und der Baum und der Stein werden sagen: Komm her Moslem, hinter mir versteckt sich ein Jude. Komm her und töte ihn! Und dieser Hadith wurde dann nach der Gründung Israels neu interpretiert. Als die Juden als Dhimmis überall verstreut lebten, hatten wir gar keine Möglichkeit, alle Juden zu töten. Aber Allah in seiner Größe hat gewollt, dass die Juden einen Staat bilden, in dem sie sich alle konzentrieren und dann kann man sie auch zusammen töten. Dann kann der Hadith Wirklichkeit werden.”

Propaganda wirkte nach Ende des Zweiten Weltkriegs weiter

Bis heute werde dieser Hadith in der islamisch geprägten Welt zitiert. Auch nach Ende des Zweiten Weltkriegs wirkte die Nazi-Propaganda weiter, sagt Küntzel. Nur so sei auch der arabische Überfall auf den gerade erst gegründeten Staat Israel 1948 zu erklären.

Küntzel: “Dass die Nazis schon ab 1944, als sie wussten, sie werden das nicht schaffen mit dem Zweiten Weltkrieg, sicherstellen wollten, dass zumindest dann auch ein Israel nicht entstehen kann. Da gab es die Abwürfe von Munitionskisten 1944 über Palästina. Da gab es die besonderen Gelder, die der Mufti noch im April 1945, die den Zweck verfolgten, ihm zu helfen für die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg. Und es gab die Propaganda in Radio Zeesen, die in grellsten Farben ausgemalt hat, was passieren würde, wenn jetzt die Alliierten den Krieg gewinnen und ein jüdischer Staat entstehen könnte. Es wurde immer behauptet, der jüdische Staat würde nur entstehen, um den Islam zerstören zu können, um die arabische Welt zerstören zu können. Von daher hat das Nachwirkungen gehabt nach dem Zweiten Weltkrieg.”

Bis heute werden Adolf Hitler und seine Nationalsozialisten in Teilen der muslimisch geprägten Welt bewundert – etwa wenn auf YouTube die SS-Division “Handschar” verherrlicht wird. Bosnische Muslime, die für Hitler kämpften, werden immer noch verehrt wie Helden. Politikwissenschaftler Matthias Küntzel will dagegen mit seinem Buch aufklären und die bis heute wirkende Nazi-Propaganda entlarven.

Matthias Küntzel: Nazis und der Nahe Osten. Wie der islamische Antisemitismus entstand.
264 Seiten, Hentrich & Hentrich Berlin Leipzig, 19,90 €.

Der Originalbeitrag findet sich hier.