Besprechungen von "Die Deutschen und der Iran"

Wissenschaftlich äußerst fundiert

Eine Rezension der persischsprachigen Ausgabe von “Die Deutschen und der Iran” von Dr. Mostafa Danesch, Köln, den 10.09.2013

Das Buch von Dr. Matthias Küntzel “Deutschland und der Iran – Geschichte und Gegenwart einer verhängnisvollen Freundschaft” beschäftigt sich mit der Geschichte der Beziehungen zwischen Deutschland und dem Iran und umfasst eine Zeitspanne, die vom 19. Jahrhundert bis in die Gegenwart reicht. Das Buch wurde von Herrn Michael Mobasheri ins Persische übersetzt und erschien bei Forough Publishing in Köln.

Nach der Lektüre der persischen Fassung kann ich sagen, dass es wissenschaftlich äußerst fundiert ist. Viele Fakten, insbesondere aus der Zeit vor und nach dem Ersten Weltkrieg, in Nazi-Deutschland und während des Zweiten Weltkriegs, waren sogar mir unbekannt.
Es zeigt auf, wie eine ausländische Macht den Islam und die Kräfte im Iran missbrauchte, um die eigenen Interessen durchzusetzen.

Der Autor zeichnet die Beziehungen zwischen den beiden Ländern sogar bis ins 19. Jahrhundert nach. So besuchte 1873 Nassereddin Schah Berlin, und 1885 eröffnete der Iran die erste diplomatische Vertretung in Berlin. Die Beziehungen zwischen dem Iran und Deutschland waren so eng und herzlich, dass 1906 die erste deutsche Schule im Iran eröffnet wurde, deren Absolventen später in Deutschland studieren sollten. Deutschland wollte eine germanophile iranische Elite ausbilden. Für Deutschland war damals der Iran als “Tor nach Indien” von strategischer Bedeutung im Konkurrenzkampf mit dem Erzfeind Großbritannien. Während des Ersten Weltkriegs versuchte man, den Iran als Verbündeten auf die Seite Deutschlands und Österreichs zu ziehen.

Ab 1939, mit dem Beginn des Zweiten Weltkriegs, installierte Nazi-Deutschland im Iran ein Spionagenetzwerk von ca. 100 Personen, um den Iran gegen die westliche Koalition einzunehmen und in diesem Sinne besonders Einfluss auf den Islam im Iran auszuüben. Auf S. 62 der persischen Fassung lesen wir, dass 1936 Hjalmar Schacht, Handelsminister und Chef von Hitlers Zentralbank, nach Teheran reiste und von Reza Schah, dem Vater des letzten Schah, und seinem Nachfolger Mohammad Reza Schah herzlich empfangen wurde. Beim Abschied zeigten Reza Schah und Mohammad Reza Schah sogar den Hitlergruß.

Vor dem Zweiten Weltkrieg reisten häufig iranische Politiker nach Berlin, wo sie von Hitler, Göring und auch Schacht freundlich empfangen wurden. 1937 reiste Baldur von Schirach, Führer der Hitlerjugend, nach Teheran und wurde von Reza Schah empfangen. Seit 1938 war Nazi-Deutschland Irans bedeutendster Handelspartner im Westen.

Das Buch zeigt interessante Facetten dieser Einflussnahme auf: So predigten schließlich viele Geistliche im Iran von der Kanzel, Adolf Hitler sei die Verkörperung des zwölften, verborgenen Imam der Schiiten. Sie bezeichneten ihn als Retter der Welt vor dem Joch Großbritanniens. Zudem versuchte Hitlerdeutschland im Iran, seine antisemitische Politik durchzusetzen und die islamische Geistlichkeit gegen die Juden im Iran zu mobilisieren.

Das Buch behandelt jedoch nicht nur die Zeit vom Ende des 19. Jahrhunderts bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs, sondern auch die Islamische Republik und ihre engen Beziehungen vor allem zur Bonner Regierung. Der letzte Teil des Buchs schließlich zeichnet Deutschlands Politik gegenüber dem iranischen Atomprogramm nach.

Wie das Buch beeindruckend aufzeigt, bestehen trotz aller Differenzen, z.B. in Menschenrechtsfragen, die freundschaftlichen Beziehungen zwischen Deutschland und dem Iran durch politische Höhen und Tiefen hindurch weiter. Wie stark und wie tief in der Geschichte beider Länder diese Beziehungen verankert sind, ist das eigentliche Thema des Buchs, das dem Leser einen ganz neuen Blick auf das Verhältnis zwischen dem Iran und Deutschland eröffnet.

Wie der Autor in seinem Vorwort schreibt, war es gerade dieser Aspekt, der ihn bei seinen Recherchen faszinierte und ihn bewog, diesen Schwerpunkt zu setzen. Dies ist ihm ausgezeichnet gelungen.

Die persische Übersetzung von Michael Mobasheri ist hervorragend. Sie trifft den Ton des Originals und ist zugleich auch auf Persisch so flüssig geschrieben, dass sie sich ausgezeichnet lesen lässt.

Hervorzuheben sind die zahlreichen Fußnoten des Übersetzers, die weitere inhaltliche Erläuterungen und Fakten liefern. Dies erhöht den Lesegewinn für den persischsprachigen Leser noch zusätzlich.

Als jemand, der seit 40 Jahren journalistisch tätig ist und selbst mehrere Bücher über ähnliche Themen verfasst hat, kann ich dem persischsprachigen Leser, der sich über die Geschichte der deutsch-iranischen Beziehungen informieren möchte, dieses Werk nur wärmstens ans Herz legen.

Die iranische Übersetzung dieser Rezension finden Sie bei den Rezensionen der persischen Ausgabe dieses Buchs.
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CAMPUSBLOG ZÜRICH: EIN GROSSER WURF

(...) Auch Küntzels Ausführungen zum Islamismus iranischer Prägung und zum erzreaktionären Revolutionsführer Khomeini sind erhellend. Schonungslos stöbert er die Mythen auf, die das Regime und westliche Sympathisanten um seine Person gelegt haben. Kurzum: Küntzel gelingt mit die Deutschen und der Iran ein grosser Wurf. Mit grosser Schärfe schildert er die mehr als zweifelhafte Rolle Deutschlands im Iran in den letzten hundert Jahren, als dessen wesentliche Antriebskraft bis heute Küntzel ein anti-westliches und gegenaufklärerisches Motiv analysiert. Wenn die deutsche Regierung auch nur ein Quentchen Würde besässe, so müsste ihr ob dieser Darstellung die Schamesröte ins Gesicht steigen.

Das vollständige Interview befindet sich auf Campusblog Zürich

Veröffentlicht am 22. März 2010 auf CAMPUSBLOG, Zürich
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RUTH CONTRERAS (SPME-FACULTY FORUM): “COHERENT ANALYSIS”

Given the systematic violation of human rights in Iran, Ahmadinejad’s repeated threats to wipe Israel off the map and campaign of Holocaust denial, it is difficult to understand the long-lasting friendship between Germany and Iran.

In Die Deutschen und der Iran, Matthias Kuentzel comes to grips with this implicit contradiction by explaining the history of this relationship from its inception at the end of the Nineteenth Century, when Iran’s economy was still underdeveloped and based mainly on agriculture, to the present, when Iran is rapidly approaching the status of a nuclear power. Kuentzel’s study is based on several sources, particularly documents from the archives of the German Ministry of Foreign Affairs which have not been studied previously.

From 1888 on, Imperial Germany developed a policy with regard to the Middle East. Germany took an interest in Iran as a source for raw materials and as a commercial market. During the First World War, the relationship between Germany and Iran grew closer and, for the first time, Germany called on Muslims to join a “Holy War” against the enemies of Germany and the Austro-Hungarian Empire.

Kuentzel describes the relationship between Nazi Germany and Iran and documents the “Aryan” basis of this relationship as well as the veneration of Hitler as the Twelfth Imam. While the Iranian ruler Reza Shah was an admirer of Hitler during the early 1930s, he opposed antisemitism. This policy changed in 1936 when Jews fleeing from Nazi Germany were denied refuge in Iran.

In several previous articles, Kuentzel noted the role of German short-wave radio broadcasts of Nazi propaganda to the Middle East, which also reached Iran. The book documents the role of this radio-station, Radio Zeesen, which broadcasted daily doses of antisemitism to the Islamic world in Arabic, Turkish and Persian from April 1939 to April 1945, thus encouraging the growth of Muslim anti-Semitism.

The relationship between Germany and Iran continued after the Second World War. Iranians encouraged the Germans to shed their feelings of guilt for crimes which they committed during the Nazi era, and many Nazi-collaborators fled to Iran and escaped persecution. This fact may explain the origins of postwar Iranian antisemitism and Holocaust denial.

As Kuentzel shows, the friendship between Iran and Germany continued after the Khomeini Revolution and the establishment of the Islamic Republic in 1979. Kuentzel makes use of original sources in order to highlight the influence of the antisemitism of the Khomeini Revolution upon the development of Islamic antisemitism in general.

Islamism has its beginnings in the first half of the Twentieth Century and is rooted in in the Iranian Islamic fundamentalist secret society Fadayan-i-Islam (“Devotees of Islam”) and the connections with the Muslim Brotherhood, the Ikhwan, and the first urban Islamic mass movement, which was founded in Egypt in 1928. Since the 1950s, both movements organized campaigns against Zionism and Imperialism.

Kuentzel describes Khomeini’s fascistic ideology which defines Allah as the ruler over Iran and the antisemitic and authoritarian features of the Revolution. He shows how Western governments including Germany have misunderstood this revolution.

In 1979 young Iranians associated with the new regime occupied the United States Embassy in Tehran and held U.S. diplomats hostage for 444 days. During the Iran-Iraq war (1982-1988), the Khomeini regime sent thousands of Iranian children into mine fields to become martyrs.

Despite protests in the German Parliament, Foreign secretary Hans-Dietrich Genscher made a visit to Iran in 1984 to promote economic ties, and the government directed the media to avoid criticism of the Khomeini regime. Genscher pointed out that “Iran had no bad memories of Germany,” and that Germany never had a colonial presence in Iran, and many Iranians admired Nazi Germany. Kuentzel describes Genscher’s visit to Iran as an act of solidarity against the West and America in particular. Last but not least, Iran is important to Germany because of its strategic geographical location between Asia and Europe

Kuentzel tries to explain the reasons for this continuous friendship in spite of the Myconos case (in September 1992 Iranian agents in an act of state terrorism murdered four Kurdish leaders of the Iranian opposition in a Berlin restaurant), the Rushdie Affair, Holocaust-denial, terrorism and denial of the State of Israel’s right to exist.

The basis for this relationship was the long tradition of a friendship between Germany and Iran. Germans mistakenly believed that the Khomeini revolution was progressive, and the Iranians who did not accept any intervention or criticism were interested in benefiting from cooperation with Germany.

The last part of the book deals with the situation under Ahmadinejad. It appears that the same paradigm applies also to the present. Ahmadinejad repeatedly encourages Germans to “liberate themselves from their feelings of guilt for the crimes they committed during the Second World War and to defend themselves against the repression of the “Zionists.” According to a letter written by Ahmadinejad and quoted by Kuentzel, Iranian-German economic cooperation depends on an alliance against the USA and Israel. There has been no extensive discussion of this letter. Ahmadinejad’s repeated threats to wipe Israel off the map and his Holocaust denial are ignored in favour of promoting economic ties between Iran and Germany.

In view of the realistic possibility that Iran may soon possess the ability to construct a nuclear bomb, Kuentzel argues that there may be changes in the policies of Germany and Europe.

Hopefully, this coherent analysis of the cooperation between Germany and Iran will be translated into English and serve as an important basis for rethinking the relationship between Iran and the West in general and Germany in particular.
Quelle: Faculty Forum der “Scholars For Peace In The Middle East”, March 14, 2010
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CHRISTIAN STOCK (IZ3W): “AN KLARHEIT KAUM ZU ÜBERBIETEN”

Ausgangspunkt des neuen Buches von Matthias Küntzel über Die Deutschen und der Iran war die Irritation, die ein Erlebnis auf der Frankfurter Buchmesse 2005 auslöste. Iranische Buchhändler überreichten dem Hamburger Publizisten dort freundlich lächelnd ein Exemplar des antisemitischen Machwerks »Die Protokolle der Weisen von Zion«. Eine Woche später hielt Ahmadinejad seine berüchtigte Rede, in der er angekündigt haben soll, Israel von der Landkarte radieren zu wollen.

Überrascht war Küntzel weniger von diesen an Khomeini anknüpfenden Worten, sondern vom Ausbleiben massenhaften Protests. Gerade mal 60 Personen nahmen an einer Kundgebung vor dem iranischen Konsulat in Hamburg teil. Und die deutsche Wirtschaft samt der deutschen Außenpolitik? Business as usual: Deutsche Firmen machten weiterhin emsig Geschäfte mit dem Iran, man suchte den »Dialog« mit den Mullahs und beließ es bei einigen verbalen Missfallensbekundungen bezüglich des Atomprogramms. Die linke und grüne Opposition in Deutschland verteidigte derweil das Recht des Irans auf Atomanlagen und verwahrte sich gegen die Einmischung durch UNO, USA oder andere Staaten.

Zu Recht fragt sich Küntzel: »Woher kam jener Überschuss an Wohlwollen, der Teheran, bei allem, was es machte, entgegenschlug?«. Waren es die Geschäftsinteressen der deutschen Wirtschaft oder allgemeine geostrategische Interessen, Stichwort Öl? Beides reicht laut Küntzel nicht aus, um das enge Verhältnis zu begründen. Was Deutschland von anderen westlichen Staaten maßgeblich unterscheide, seien weniger die gegenwartsbezogenen Aspekte, sondern die »unsichtbare Vergangenheit« der deutsch-iranischen Beziehungen, deren »historisches Kontinuum«.

Gibt es also einen deutsch-iranischen Sonderweg? Küntzel präsentiert zahlreiche Fakten, die diesen Eindruck untermauern.

Die gemeinsame Geschichte begann Ende des 19. Jahrhunderts, als das junge deutsche Kaiserreich sich um intensive Beziehungen zu Persien bemühte, zunächst vor allem im wirtschaftlichen Bereich. Nicht zufällig reiste etwa Johannes Georg Siemens nach Persien – der Mitgründer jenes deutschen Konzerns, der bis heute im Iran aktiv ist und unter anderem Technologie zur Überwachung der Oppositionsbewegung lieferte.

Unter jungen persischen Intellektuellen galt es zu Beginn des 20. Jahrhunderts als modern, prodeutsch zu sein, war das Deutsche Reich doch Gegner jener Mächte, von denen Persien sich bedroht sah: Großbritannien und Russland.

Über die gemeinsamen wirtschaftlichen und machtpolitischen Interessen hinaus kam aber zunehmend ein weiteres Motiv zum Tragen: Die Islam-Sympathie weiter Teile der deutschen Elite und das damit verbundene romantische Motiv, die als »unverfälscht« wahrgenommene vormoderne Welt zu idealisieren. In Persien glaubte man einen geistesverwandten Verbündeten gegen den verhassten Westen gefunden zu haben.

Die beiderseitige Sympathie überstand bis heute all jene Entwicklungen, die eigentlich für eine deutliche Abkühlung der deutsch-iranischen Beziehungen hätten sorgen müssen: Erster Weltkrieg, Nationalsozialismus, Zweiter Weltkrieg, Schah-Regime, Islamische Revolution und schließlich die erneute Radikalisierung unter Ahmadinejad. Im Iran wurden von erheblichen Teilen der Bevölkerung erst der Kaiser, dann Hitler als »Befreier« verehrt. Hitler galt sogar als der »Zwölfte Imam« und wurde von schiitischen Scheichs als Nachkomme Mohammeds bezeichnet.

Zwar stellte sich der Iran im Zweiten Weltkrieg nie ganz offen auf die deutsche Seite. Doch es gab eine starke prodeutsche Bewegung und eine enge inoffizielle Zusammenarbeit, die erst durch den Einmarsch Russlands und Großbritanniens erschwert wurde.

Mit seiner historischen Spurensuche verfolgt Küntzel keineswegs rein wissenschaftliche Zwecke. Im Gegenteil, er schrieb ein im engeren Sinne politisches Buch, denn er will erklärtermaßen Einfluss nehmen auf die deutsche Iranpolitik. Er sieht zwei Alternativen: Die zahlreichen Verbindungsstränge zwischen Teheran und Berlin könnten entweder »Sicherungsnetz für die gegenwärtige Politik der iranischen Machthaber« sein oder aber »Druckmittel, um den Kurs Teherans zu ändern«.

Als Beispiel für den Einfluss Deutschlands führt Küntzel die iranische Abhängigkeit von deutscher Technologie an, die seit den 1920er Jahren bestehe und die auch heute nicht ohne weiteres durch russische oder chinesische Ersatzlieferungen aufgehoben werden könne.

Die Proteste der iranischen Bevölkerung seit Juni 2009 gegen das Regime begrüßt Küntzel als »potentiellen Wendepunkt«. Jedoch habe sich »die gefährlichste Gruppe innerhalb des islamistischen Systems an die Macht geputscht«. Die Gefahr nuklearer Abenteuer sei daher gestiegen. Daraus folgt für ihn: »Die Unterbindung der iranischen Bombe ist ein kategorischer Imperativ unserer Zeit«.

Auf Grundlage dieses Befundes kritisiert Küntzel einflussreiche Berater der deutschen Außenpolitik, wie Volker Perthes, Direktor der Stiftung Wissenschaft und Politik, und dessen Vorgänger Christoph Bertram. Ersterer verharmloste die iranische Atombombe als »Instrument zur Wahrung der nationalen Interessen der Islamischen Republik«. Letzterer empfahl im August 2009, ein »neues kooperatives Verhältnis zu Teheran zu suchen, ganz gleich, wer dort regiert«.

Küntzel argumentiert in sich schlüssig, und schon rein sprachlich ist seine Darstellung an Klarheit kaum zu überbieten. Das zeichnet sie aus gegenüber vielen anderen Publikationen zum Iran, die sich lieber nicht so genau festlegen wollen.

Ein Manko ist, dass Fakten, die seinen Thesen widersprechen, von Küntzel unterbelichtet werden. Beispielsweise kommt die Kritik, die dem Mullah-Regime seit 1979 durchaus auch aus Deutschland entgegenschallt, und zwar aus ganz verschiedenen politischen Lagern, bei ihm kaum vor. Der behauptete »diffuse Allparteienkonsens« ist nicht so umfassend, wie Küntzel es dramatisierend darstellt. Sein Buch ist der beste Beweis dafür.

Was allerdings bislang tatsächlich fehlt, ist eine konsequente Umorientierung der deutschen Iranpolitik inklusive ihrer zivilgesellschaftlichen Komponente: Unterstützung der demokratischen Opposition statt Dialog mit dem Regime. Dafür stehen die Chancen derzeit besser denn je.
Quelle: iz3w Nr. 317, März/ April 2010, S. 46
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STEPHAN GRIGAT (HAGALIL): “DETAILLIERTE ANALYSE UND LEIDENSCHAFTLICHES PLÄDOYER”

Die Wahrnehmung der “Islamischen Republik Iran” ist im deutschsprachigen Raum trotz des derzeitigen medialen Getöses weiterhin geprägt von einer Verharmlosung des antisemitischen Charakters des Regimes und Beschwichtigungen hinsichtlich der Bedrohung, die vom iranischen Atomprogramm für Israel, den Westen und die iranische Bevölkerung ausgeht.

Der Hamburger Politikwissenschaftler Matthias Küntzel führt in seiner kürzlich erschienenen Studie zahlreiche Beispiele für einen derart getrübten Blick auf die iranischen Machthaber an. Er setzt dagegen eine detaillierte Analyse der von antiwestlichem Antiliberalismus, Judenhass und Israelfeindschaft, pathologischer Misogynie und globalen Herrschaftsansprüchen geprägten Gedankenwelt und Praxis der khomenistischen Ajatollahs. Sowohl an seiner Darstellung der Anfänge des Islamismus in Iran in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts als auch an der Analyse des apokalyptischen Mahdi-Glaubens der derzeitigen iranischen Führung wird man in zukünftigen Debatten nicht vorbei kommen.

Küntzel stellt sich die Frage, warum ein Nachfolgestaat des Nationalsozialismus wie die Bundesrepublik zu einem derartigen Regime die engsten Beziehungen unterhält und dafür auch regelmäßig Konflikte mit seinen westlichen Verbündeten riskiert. Warum war es Hans-Dietrich Genscher, der 1984 als erster NATO-Außenminister den neuen Machthabern in Teheran seine Aufwartung machte? (Der erste Außenminister eines westlichen Landes, wie Küntzel schreibt, war er strenggenommen nicht. Wenige Monate vorher war bereits Erwin Lanc, der damalige sozialdemokratische Außenminister Österreichs zu einer Visite in den Iran aufgebrochen und hatte so den Besuch seines deutschen Amtskollegen mit vorbereitet.) Warum liefern deutsche Unternehmen mit staatlichen Förderungen jährlich Waren im Wert von rund 4 Milliarden Euro in den Iran? (Ein Konzern wie Siemens, der angekündigt hat, ab Mitte 2010 keine neuen Aufträge mehr aus dem Iran annehmen zu wollen, wird nichtsdestotrotz auch dieses Jahr voraussichtlich wieder Waren im dreistelligen Millionenbereich in den Iran liefern, und immer mehr deutsche Lieferungen gehen nicht direkt ins Reich der Mullahs, sondern beispielsweise über die Vereinigten Arabischen Emirate.) Und warum ist Deutschland weiterhin einer der größten Bremser in der Debatte um schärfere Sanktionen gegen Teheran, obwohl mittlerweile auch der deutschen Politik klar sein dürfte, dass die Diktatur aus Mullahs und Revolutionsgarden mit Hochdruck an Nuklearwaffen arbeitet? (Bei der aktuellen Debatte um neue UN-Sanktionen betreibt Deutschland, derzeit im Gegensatz zu Frankreich, eine Verwässerung der angestrebten Beschlüsse und schließt gleichzeitig jede militärische Intervention gegen die iranischen Nuklearanlagen aus – auch für die Zukunft, wie Außenminister Westerwelle vergangenen Sonntag in der ZDF-Sendung “Berlin direkt” unmissverständlich klar gemacht hat.)

Küntzel verweist zu recht darauf, dass das heutige deutsche Sonderverhältnis zum Iran nicht allein aus den politischen und ökonomischen Interessen der Bundesrepublik verstanden werden kann und zieht die historisch gewachsene Freundschaft der beiden Länder als Erklärung heran – eine Freundschaft, deren Grundlage schon im 19. Jahrhundert gelegt wurde und sich mit einer frappierenden Kontinuität vom Kaiserreich und der Nazizeit über die Modernisierungsdiktatur des Schah bis in die Gegenwart der “Islamischen Republik” hielt. Weder die islamische Revolution 1979 noch die von den Spitzen des iranischen Staates befohlenen Morde an iranischen Oppositionellen auf deutschem Territorium Anfang der 90er Jahre, die systematische Leugnung des Holocaust oder die Vernichtungsdrohungen gegenüber Israel konnten dieser Freundschaft bisher etwas anhaben.

Als der mit Abstand wichtigste Handelspartner des iranischen Regimes im Westen hätte Deutschland die besten Karten in der Hand, um die Machthaber in Teheran massiv unter Druck zu setzen. Als Gründe, warum das bisher aber nicht passiert, führt Küntzel neben den gewachsenen historischen Beziehungen und den ökonomischen und geopolitischen Interessen auch eine Mischung aus Kulturrelativismus, antiwestlichem Ressentiment und Naivität an, die tatsächlich die gesellschaftlichen und außenpolitischen Debatten in Deutschland stark prägen.
Küntzels Buch ist nicht nur eine detaillierte Analyse, sondern zugleich ein leidenschaftliches Plädoyer. Drastisch führt er die Gefahren vor Augen, die ein nuklear bewaffneter Iran für den Staat der Shoahüberlebenden und ihrer Nachkommen bedeuten würde. Er verdeutlicht, dass sich nicht nur Berliner Politiker, sondern auch die deutschen Unternehmen die Frage stellen müssen, wem im Iran sie in Zukunft die Hand reichen wollen: einer despotischen Theokratie, in der apokalyptische Djihadisten wie Ahmadinejad immer mehr Macht an sich reißen, oder “der nach Freiheit gierenden Bevölkerung”.

Fraglich bleibt, ob Küntzel recht hat, wenn er darauf insistiert, dass das vorpreschende Agieren des iranischen Regimes europäische Staaten wie Deutschland vor die Entscheidung stellt: “An der Seite des Westens gegen den Islamismus? Oder an der Seite des Islamismus gegen Israel und die USA?” Diese Alternative löst Beklemmungen aus, denn aus Gründen, die sich bei Küntzel nachlesen lassen, ist trotz 60 Jahren militärischer Westbindung keineswegs ausgemacht, wie Deutschland sich in dieser Frage in der Zukunft positionieren wird. Möglich wäre allerdings auch, sich nicht zu entscheiden und die bisherige Politik des postnazistischen Deutschlands fortzusetzen, bei der beständig zwischen Westbindung und “deutschem Weg” geschwankt wird.

Dementsprechend verwundert lässt einen der Schluss des Buches zurück. Küntzel postuliert, Deutschland solle “den moralischen Kompass, der Berlin abhandengekommen ist, wieder an seinen Platz stellen”, wo er doch gerade auf 300 Seiten die ebenso kontinuierliche wie skrupellose Iran-Politik vom Kaiserreich bis zur Berliner Republik beschrieben hat. Einmal abgesehen davon, dass sich der Sinn derartiger Kategorien für die Kritik der deutschen Außenpolitik nicht erschließt, fragt man sich, wann der “moralische Kompass” in Berlin denn “an seinem Platz” gestanden haben soll.
Quelle: http://buecher.hagalil.com/2010/02/kuentzel/print/ vom 10. Februar 2010
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FAHIMEH FARSAIE (DER FREITAG): “VERZERRUNG DER TATSACHEN”

Die “sichtbare Gegenwart der deutsch-iranischen Beziehungen wird durch deren unsichtbare Vergangenheit geprägt”, schreibt der Hamburger Politikwissenschaftler Matthias Küntzel in seinem jüngsten Buch Die Deutschen und der Iran. Einen Vorteil hat das Buch. Man weiß sofort, worauf sein Autor hinauswill. Denn der Untertitel dieses 300-seitigen Buches, das voller Zahlen, Belege und Beispiele ist, zeigt unmissverständlich seine kritische Sicht: Geschichte und Gegenwart einer verhängnisvollen Freundschaft.

Küntzels Recherche über die bilaterale Zusammenarbeit zwischen Iran und Deutschland seit 1979 stützt sich auf die Unterlagen der Archive des Auswärtigen Amts, die bis dato keinem Forscher zur Verfügung gestellt worden sind. Er zitiert aus ihnen. Vielleicht verschaffte ihm seine Tätigkeit als wissenschaftlicher Mitarbeiter der Bundestagsfraktion der Grünen (1984-1988) das Privileg des Einblicks in die noch “geheimen” Beweise.

Zudem bezieht er sich auf persische Quellen im Original, deren Herkunft er zum Teil nicht preisgibt. Die reichlich verwendeten englischen Referenzen dürften den deutschen Lesern weniger bekannt sein.

Der 1955 geborene Politologe und Publizist Küntzel ist nicht erst seiner Doktorarbeit über die Geschichte des Atomwaffensperrvertrags und das, was er die “deutsche nukleare Option” nennt, für seine kühnen Thesen bekannt.

Richtschnur Antisemitismus

“Terrorismus” heißt bei ihm “Djihadismus”. Im Zusammenhang mit den Attentaten vom 11. September 2001 stellt er fest, dass Islamismus und Nationalsozialismus historisch und ideologisch eng miteinander verknüpft seien. Sein Argument stützt sich auf die Behauptung, der Antisemitismus sei nicht nur das zentrale Motiv des Nationalsozialismus, sondern auch des Islamismus. Antisemitismus ist ebenso die zentrale Richtschnur, an der Küntzel die bilaterale Beziehung zwischen Iran und Deutschland misst. Er fängt mit dem Anfangskapitel des aus fünf Kapiteln bestehenden Buches an: “Das Kaiserreich, die Nazis und Iran”.

In diesem Abschnitt versucht Küntzel, die Züge des deutschen Nationalsozialismus in den persischen Islamismus hineinzulesen, und zeichnet die historische Entwicklung dieser “verhängnisvollen Freundschaft” seit dem 19. Jahrhundert nach. Seit der Zeit also von Kaiser Wilhelms Orientreise und dem “künstlichen Djihad” des Max Freiherr von Oppenheim aus der Kölner Bankerdynastie. Dieser renommierte Orientalist und Amateurarchäologe wollte vor dem ersten Weltkrieg militante Moslems für die deutsche Kriegsmaschine einspannen.

Ein besonderes Kapitel widmet Küntzel “Deutschland als Gründer der persischen Industrie”, in dem er “die wirtschaftliche und ideologische Kooperation” zwischen Deutschland und Iran, besonders in der Zeit des Nationalsozialismus hervorhebt. Damals wurde Hitler von manchen schiitischen Predigern im Iran als zwölfter Imam, also als lang ersehnter muslimischer Messias, angesehen.

Nach dem Nationalsozialismus setzten Deutschland und Iran ihre Beziehungen wieder fort, wobei die iranische Seite immer wieder betonte, an die guten Kontakte mit dem Hitlerregime anknüpfen zu wollen. Nach der islamischen Revolution von 1979 hatte die neue Regierung in Teheran keine Probleme, die Zusammenarbeit mit Deutschland, das kurz zuvor das Schah-Regime unterstützt hat, weiter zu vertiefen.

Auch Deutschland führte die bilaterale Zusammenarbeit fort, selbst nach der Präsidentschaft von Mahmud Ahmadinedjad mit seinem Propagandaapparat, der ununterbrochen Antisemitismus in Iran, dem “arischen Partnerstaat Deutschlands” schürt. Das ist die Kernaussage des Buches: 100 Jahre verhängnisvolle Freundschaft, die vor allem von der Rassenideologie der Nazis gepflegt und getrieben und begleitet wurde/wird, ganz abgesehen von der Art des politischen Systems, der Ideologie, des Regierungsprogramms und der Staatschefs beider Länder; Kaiser Wilhelm, Hitler, Schröder, Merkel, Mossadegh, Reza Schah, Khatami, Ahmadinedjad. Für den Verfasser dieses Buches sind sie alle aus dem gleichen Holz geschnitzt.

Küntzel will Licht in die “unsichtbare Vergangenheit” der deutsch-iranischen Beziehungen bringen, scheitert aber an seiner Befangenheit und der Verzerrung der Tatsachen. Er schreibt den politischen Brüchen und Spannungen in den verschiedenen Epochen, die diese Freundschaft überschattet haben, keine große Bedeutung zu und berücksichtigt sie bei seiner Schlussfolgerung auch nicht: wie etwa der Widerstand der iranischen Regierung gegen Hitlers Antisemitismus zeigt.

Zufluchtsland Persien

Reza Schah, der Vater des späteren Mohammad Schah Reza Pahlavi etwa, der Iran zu Beginn des Zweiten Weltkrieges neutral erklärt hatte, lehnte es im Oktober 1940 vehement ab, die Rassenideologie der Nazis im Iran umzusetzen. Dadurch schützte die Regierung die persischen Juden vor den antisemitischen Maßnahmen der Nazibesatzer (Deportation und Ermordung) erfolgreich.

In vielen Details ist Küntzels Buch durchaus aufschlussreich. Er erwähnt sogar, dass Persien damals für viele deutsche Juden ein lebensrettendes Zufluchtsland gewesen sei, weil sie vor Abschiebung und Verfolgung geschützt waren, wie das Schicksal von etwa 1.000 jüdischen Kindern, den so genannten “Teheraner Kindern” offenbart.

Diese Kinder hatten den deutschen Terror in Polen überlebt und landeten nach einer Odyssee über Sibirien und dem Kaukasus im Sommer 1942 in Teheran: “Dort konnten sie gepflegt und betreut werden und erreichen im Februar 1943 nach einer weiteren Odyssee über Karachi und Suez schließlich Palästina”, schreibt Küntzel.

Die “Teheraner Kinder” sind nicht die einzigen historischen Zeugen, die Küntzels Theorie von der inneren Wesensverwandtschaft des iranischen und des nazistischen Regimes widerlegen. Sie zeigen aber wie problematisch er vorgeht: Er reduziert seine umfangreiche gesellschaftliche und wirtschaftliche Analyse auf einen einzigen ideologischen Faktor, den Antisemitismus.

Der erlaubt es zwar durchaus, Parallelen zur deutschen NS-Geschichte zu ziehen. Daraus aber eine historische Kontinuität der “verhängnisvollen Freundschaft” zwischen beiden Ländern zu entnehmen zu wollen, ist fatal und macht die Gegenwart der deutsch-iranischen Beziehungen letzten Endes nicht richtig sichtbar.
Quelle: Der Freitag, 1. Februar 2010
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KATAJUN AMIPUR (DEUTSCHLANDRADIO): “SCHADE UND DUMM”

Wenn man der Logik des Matthias Küntzel einmal folgt, erscheint alles ganz plausibel: Die Nazis haben die iranische Bevölkerung einst indoktriniert – über Radio Zeesen. Weil man gemeinsame Feinde hatte – die Briten und die Russen – verfing die Propaganda auch; außerdem hatte man gemeinsame arische Wurzeln. Und auf dieser Klaviatur spielten die Nazis. Dann geriet dies Projekt, die Judenfeindschaft, in Vergessenheit – allein die deutsch-iranische Freundschaft dauerte weiter an.

Doch in den letzten Jahren, grundsätzlich seit der Islamischen Revolution, aber vor allem seit Ahmadinedschad an der Macht ist, knüpft die iranische Seite wieder an das Projekt der Judenverfolgung an. Das liest sich dann so:

“Seit 1933 wurde die deutsch-iranische Freundschaft auch rassistisch, als Zusammengehörigkeit der ‘Arier’ definiert. Seither ist sie vom Nationalismus kontaminiert und hat diesen Flair bis heute beibehalten.

Denn im Unterschied zu Deutschland, wo man von dem Arier-Phantasma nach 1945 kaum noch etwas wissen wollte, hat sich in Iran die fixe Idee, dass Deutsche Arier und somit ‘rassisch’ höherwertiger als andere seien, bewahrt. Nicht selten wird der Nationalsozialismus mit einem unreflektierten Stolz in Erinnerung gerufen.”

Das ist ein bisschen dicke. Küntzels Äußerungen sind von einer absoluten Unkenntnis der iranischen Gesellschaft geprägt. Aber es kommt noch besser:

“Wir sehen daran, dass Iran nicht nur der Horror einer nationalsozialistischen Besatzung erspart geblieben ist. Sie blieben auch von jedweder kritischen Aufarbeitung dieses Geschichtsabschnitts ‘verschont’.

Hätten die Deutschen nach 1945 mit der Nazivergangenheit wirklich gebrochen, hätten iranische Liebesbekundungen für Hitler und das ‘Ariertum’ auf Empörung stoßen müssen. Doch ganz so geläutert waren die Deutschen, zumal jene, die die deutsche Iranpolitik organisierten, nicht. Die Hitler-Begeisterung vieler Iraner wurde ignoriert oder akzeptiert, belächelt und manchmal vielleicht ein bisschen genossen.”

Die Hitlerbegeisterung also ist für Küntzel der Grund für das bis heute sehr gute deutsch-iranische Verhältnis. Dumm daran ist nur, dass das nicht stimmt: Es ist absurd, die Iraner als ein Volk von Antisemiten und Hitlerverehrern hinzustellen, aus den Äußerungen Ahmadinedschads auf die Gesellschaft zu schließen und dann auch noch die Brücke zu schlagen vom Islamismus über die Atombombe zu Israel, womit dann ja klar sei, dass Iran die Judenvernichtung plane. Wie will Küntzel in diesem Zusammenhang erklären, dass in Iran bis heute die größte jüdische Gemeinde des gesamten Nahen Ostens- abgesehen von Israel natürlich – lebt?

Dabei ist die grundsätzliche Frage, die er stellt, ja richtig. Sie wurde allerdings nicht von Küntzel gestellt, wie er selber schreibt, sondern von Salman Rushdie. Rushdie hatte vor Langem gefragt:

“Deutschland unterhält mehr Wirtschaftsbeziehungen zum Iran als jeder andere europäische Staat. Ich muss mich fragen, warum eigentlich? Warum gibt es in Ihrem Land diese geradezu begeisterte Unterstützung für dieses Regime?”

Es sei dahingestellt, ob es sich hier um eine “begeisterte” Unterstützung handelt. Aber sicher ist es eine interessante Frage, warum Deutschland diese außergewöhnlich guten Beziehungen nie genutzt hat, um Druck auf die iranische Führung auszuüben: in Menschenrechtsfragen, bei der Mykonos-Affäre, bei der Rushdie-Affäre, nach den Wahlen im Sommer und in der Atomfrage. Das ist sicher ein großer Fehler der Bundespolitik. Aber die Ursache für dieses Fehlverhalten, die Küntzel nahe legt, ist haarsträubend.

Hinzu kommt: Küntzel liegt in einigen Fällen so nachweißlich falsch, dass es dem Leser schwer fällt, ihm da Glauben zu schenken, wo er Recht haben könnte. Das ist schade, denn das Thema, das Küntzel hier zum ersten Mal bearbeitet, ist wirklich interessant und viele Fragen sind offen. Aber wenn er behauptet, dass Ahmadinejad im Jahre 1979 an der Besetzung der Teheraner US-Botschaft beteiligt gewesen sein soll, obschon selbst der amerikanische Geheimdienst bereits vor Jahren erklärt hat, dass dem nicht so war, dann macht er sich einfach unglaubwürdig.

Oder wenn er behauptet, dass Khomeyni gemeinsam mit anderen religiösen Fanatikern 1953 den Sturz des Ministerpräsidenten Mossadegh herbeigeführt haben soll. Khomeyni war daran nicht beteiligt, weil er sich nämlich damals an die Order seines Mentors hielt, dass sich die Geistlichkeit nicht in die Politik einmischen darf. Küntzel schreibt:

“Als Mossadegh 1953 mit dem Gedanken spielte, das Frauenwahlrecht einzuführen, schlug sich Khomeini auf die Seite des Schahs, um Mossadegh, den Frevler, zu stürzen. Als später der Schah das Frauenwahlrecht einführte, wandte sich Khomeini abrupt auch von ihm ab und propagierte seinen Sturz.”

In zwei kurzen Sätzen schafft es Küntzel mehrere Unwahrheiten unterzubringen: Khomeini hat sich nie auf die Seite des Schahs geschlagen; er hat nie gegen Mossadegh agitiert, sondern ihn – aus eben genanntem Grund – nur nie unterstützt und er hat sich nicht später abrupt vom Schah abgewendet, sondern war dem Schah schon immer feindlich gesonnen – und zwar keineswegs nur, weil dieser Frauen das Wahlrecht geben wollte, sondern auch wegen dessen Politik der gewaltsamen Verwestlichung und wegen seiner diktatorischen Herrschaftsweise.

Küntzel aber lässt alles weg, was nicht zu seinem Geschichtsbild und seiner Agenda passt. Man fragt sich, wo Küntzel seine Informationen über die iranische Geschichte her nimmt. Es gibt eine ganze Palette hervorragend recherchierter Sekundärliteratur zur neueren iranischen Geschichte: Berge von Büchern, die vor allem von iranischen Iranisten aus den USA oder iranischen Journalisten der BBC verfasst worden sind, die dem Regime bestimmt nicht freundlich gesonnen sind, denn es hat sie ins Exil getrieben; die sich aber im Gegensatz zu Küntzel an den Fakten orientieren und nicht an dem, was ins eigene Bild passt. Dass Küntzel anders verfährt, ist schade und dumm: Denn die Fakten sind schon schlimm genug, die braucht man nicht noch aufzublähen.
Quelle: “Lesart” vom 10. 1. 2010, in: Deutschlandradio Kultur; mein Kommentar über diese Rezension findet sich hier
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RALF BALKE (HANDELSBLATT): SEIT 30 JAHREN AUF DEM SONDERWEG

Deutsche Unternehmen und der Iran unterhalten schon seit langem intensive Wirtschaftsbeziehungen – die oft kritisierte Zusammenarbeit hat nicht nur wirtschaftliche Gründe. Der Politologe Matthias Küntzel hat jetzt in einem Buch eine beunruhigende Analyse der deutsch-iranischen Beziehungen vorgelegt.

DÜSSELDORF. “Deutschland unterhält mehr Wirtschaftsbeziehungen zu Iran als jeder andere europäische Staat. Ich muss mich fragen, warum eigentlich?” Mit dieser Frage konfrontierte der Schriftsteller Salman Rushdie bereits 1996 in einem Interview mit deutschen Journalisten seine Gesprächspartner. Die Antwort blieben sie ihm damals schuldig. Schließlich machen deutsche Unternehmen in Iran ungeachtet der Tatsachen, dass Teheran überall in der Welt den islamistischen Terror sponsert und auf dem besten Wege ist, eine Atommacht zu werden, weiterhin gute Geschäfte. Laut Bundesagentur für Außenwirtschaft sind sie gerade in Schlüsselindustrien wie dem Maschinenbau die wichtigsten Zulieferer. Gerade deshalb wären deutsche Sanktionen besonders schmerzhaft für die Mullahs.

“Der Grundstein für diese Sonderstellung wurde in den zwanziger Jahren gelegt”, schreibt Matthias Küntzel. Der Politologe hat eine Bestandsaufnahme der deutsch-iranischen Beziehungen seit ihren Anfängen im späten 19. Jahrhundert verfasst. Dabei richtet er den Fokus insbesondere auf die Zeit nach der islamischen Revolution.

Denn das Jahr 1979 bedeutet eine tiefgreifende Zäsur. Zum einen wurde der Schah gestürzt. Zum anderen entstand mit der “Islamischen Republik” ein Gottesstaat, dessen politisches System eigentlich im völligen Widerspruch zu allen gängigen republikanischen Werten steht. Für das deutsch-iranische Verhältnis blieb das nicht ohne Folgen: “Vor 1979 war die Sonderbeziehung zu Iran in eine vom Westen insgesamt präferierte Kooperationspolitik eingebettet. Jetzt ging Bonn zur westlichen Iranpolitik auf Distanz und beschritt einen Sonderweg”, so Küntzel.

Obwohl Teheran die Angehörigen der Botschaft des deutschen Bündnispartners USA als Geiseln festhielt und die Uno gegen den Mullah-Staat immer wieder Sanktionen verhängte, verzeichnete der deutsch-iranische Handel neue Rekorde. Und selbst der Einsatz iranischer Todesschwadrone auf deutschem Boden, die 1992 in dem Berliner Restaurant Mykonos Oppositionelle hinrichteten, konnte daran nichts ändern. “Was hält Deutschland davon ab, seine Beziehungen abzubrechen oder auf ein Minimum zu reduzieren?” fragt Küntzel. Wirtschaftliche Interessen alleine könnten es nicht sein bei 0,6 Prozent Anteil des Iran-Handels am Gesamtvolumen der deutschen Exporte. Also sucht Küntzel die Antworten in der Vergangenheit und macht auf Affinitäten zwischen beiden Ländern aufmerksam. Die Faktenfülle muss jeden interessierten Leser nicht nur beeindrucken, sondern auch beunruhigen.
Quelle: Handelsblatt vom 8. Januar 2010
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HARALD ASEL (RBB-INFORADIO): “LESENSWERT”

Und schließlich hat sich der Hamburger Politikwissenschaftler Matthias Küntzel mit der über alle Regime hinweg beständig engen Zusammenarbeit von Deutschland und Iran befasst. Was bei Wilhelm Zwo und seinem Ziel, einen muslimischen Dschihad gegen die Engländer und Russen zu entfesseln beginnt, was über die Arierfreundschaft zwischen Hitler und dem ersten Pahlewischah trägt, es findet auch in der nicht nur wirtschaftlichen Zusammenarbeit von Bundesrepublik und Islamischer Republik Iran ihre Fortsetzung. Die Stoßrichtung Küntzels ist klar: er fordert den Abbruch des nur vermeintlich “kritischen Dialoges”, wirtschaftliche Sanktionen, gegebenenfalls auch militärisches Eingreifen.

Was das Buch lesenswert macht, ist die Analyse der im Westen, vor allem in Deutschland, bereitwillig aufgenommenen antiwestlichen Ressentiments, das kritischen Strömungen im Iran ihre Argumente aus den Händen schlägt. Wo er die Naivität jener kritisiert, die auf Reformkräfte im iranischen Establishment setzen, mag seine eigene Überzeugung, nur ein regime change in Richtung Westen löse die Atombombengefahr ebenso hinterfragt werden. Denn die Frontlinien sind in der iranischen Gesellschaft nicht so leicht zu ziehen – wie uns der Roman von Doulatabadi vorführt.
Quelle: Neu im Buchregal, in: Radio Berlin-Brandenburg – Inforadio, 5. Januar 2010
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WOLFGANG G. SCHWANITZ (TAGESSPIEGEL): “ZEIT, DIESE FREUNDSCHAFT AUFZUKÜNDIGEN”

Deutschland, schreibt der Hamburger Politikwissenschaftler Matthias Küntzel, pflege seit jeher eine “verhängnisvolle Traditionsfreundschaft” mit dem Iran. Es sei auch angesichts der Tatsache, dass Irans Präsident Mahmud Ahmadinedschad den Holocaust leugnet und Teheran Israel auslöschen will, Zeit, diese Freundschaft aufzukündigen und “den moralischen Kompass, der Berlin abhandengekommen ist, wieder an seinen Platz zu stellen”.

Küntzel, der durch sein Werk “Jihad und Judenhass” bekannt geworden ist, nimmt in seinem Buch die bilateralen Beziehungen zwischen Deutschland und Iran unter die Lupe, er zeigt Licht und Schatten in der gemeinsamen Geschichte auf. Küntzel führt den Leser in Zeiten zurück, in denen Kaiser Wilhelm Dschihadrevolten im Rücken seiner Feinde anzettelte. Die Iraner erzählten sich damals Geschichten von “Hajj Wilhelm Muhammad”, der zum Islam konvertiert sei.

Darauf bauten die Nazis auf. Laut Küntzel setzten sie nicht nur auf das gemeinsame “Ariertum”, sondern stellten Adolf Hitler zugleich als den im Koran angezeigten Messias vor. Das half am Ende wenig, doch geblieben sind fragwürdige Achsen im Spiel der Nationen – und eine Beziehung, in der antidemokratische Trends zum Vorschein kommen und virulenter Judenhass. Erst der Schah und dann die Islamische Revolution: Hier Unternehmer, die nach der Islamischen Revolution 1979 Mullahs auf den Pfauenthron halfen; dort Ayatollahs, die politische Gegner gar in Europa und Deutschland verfolgen und ermorden ließen. Die lange Hatz auf Salman Rushdie und die Toten im Berliner Mykonos-Restaurant belegen das. (Laut Küntzel hätten Politiker in Bonn versagt. Hier ist das Buch zu westdeutsch. Ostdeutsche waren im Kalten Krieg auch aktiv: Schah Reza Pahlavi wollte Erich Honecker besuchen, die Laudatio lag in der Humboldt-Universität vor, Stasi-Chef Mielke sperrte – Aktion “Koexistenz” – die Stadt ab, Spitzel beschatteten Kritiker.)

Küntzel sieht in der besonderen Abhängigkeit Irans von der Technologie aus Deutschland aber auch eine Chance. “Die Verhärtung des internationalen Atomkonflikts ging mit der statuspolitischen Aufwertung der Bundesrepublik einher.” Deutschland verfüge daher über einen Hebel, schreibt er, das Regime in Teheran zum Einlenken zu bewegen. Er macht aber auch deutlich, warum die Führer des iranischen Regimes durchaus schwierige Verhandlungspartner sind: Todessüchtige Märtyrer lassen sich nicht abschrecken. Und damit schließt er historisch einen Kreis: Kann und will Berlin seine Rolle erfüllen, um den zweiten Holocaust und das nukleare Wettrüsten in Mittelost zu verhindern?

“Berlin”, schreibt Küntzel, “steht auch beim Atomstreit in der vordersten Reihe – aber nicht bei jenen, die das Unheil abzuwenden suchen, sondern bei jenen, die ihm den Weg bereiten.”
Quelle: Der Tagesspiegel, 4. Januar 2010
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WOLFGANG G. SCHWANITZ (SÜDDEUTSCHE ZEITUNG): “EINFACH AUFWÜHLEND”

Irans Atomforschung sei eine Wende in der Weltpolitik, jubelte Irans Präsident Ahmadinedschad seinen Anhängern zu. Sie diene allen, die sich entschlossen Aggressoren widersetzten. Nie zuvor, vermerkt Matthias Küntzel in seinem Buch über Deutsche und Iraner, griff ein Regime mit einer solcher Fanfare nach Kernwaffen. Der Hamburger Politologe, bekannt durch sein Buch über den Dschihad und den Judenhass, spitzt das so zu: Teheran gehe es nicht um die Suche nach Stabilität, sondern darum, mit
einigem Wirbel die bestehende Weltordnung zu beseitigen.

Aber der iranische Frieden sei nicht unser Frieden. Denn in Teheran stehe er im Kontext des Judenhasses. Dazu zitiert der Autor erneut den Präsidenten: Wenn sich dieser Frieden ausbreitet, merzen die Völker auch den Zionismus aus. Laut Küntzel liege das voll auf der Linie der Nazis, die 1943 ihr Kriegsziel als die weltweite Beseitigung der Juden angaben, was erst den ewigen Frieden erlaube.

Die Nuklearisierung Irans ist für Küntzel ein Albtraum. Denn nuklear gerüstete Terroristen könnten dann ihre erpresserische Rolle spielen. Im Übrigen würde die arabische Welt atomar nachziehen: Sunniten suchten Schutz gegen das nukleare Schwert der Mullahs. Sollte das Teheraner Regime Atomwaffen bekommen, drohe den sechs Millionen Juden Israels ein
weiterer Holocaust. Diesmal mit Hilfe von Raketen. Und durch die falsche Politik der Großmächte, darf man ergänzen, die sich durch den vermeintlichen Dialog täuschen lassen.

Ist das nicht nur ein böser Traum, fragt sich der Autor, funktioniert nicht mehr die Logik der Abschreckung? Irans ehemaliger Präsident Haschemi Rafsandschani hat aber Ende 2001 einen Atomschlag gegen Israel als “nicht irrational” bezeichnet, selbst wenn unzählige Muslime bei einem nachfolgenden Gegenschlag umkämen. Israel, so diese Logik des
Ayatollahs, sei dann ausgelöscht, während der islamische Raum “nur beschädigt” wäre. Also könne man bei den Jüngern Chomeinis nicht davon ausgehen, dass, wie einst im Kalten Krieg, das rationale Kalkül der gegenseitigen Abschreckung den Ernstfall verhütet. Die Sowjets und Amerikaner wollten überleben. Daher habe diese Abschreckung damals auch gewirkt.

In Chomeinis Lehre hingegen sei die Parole “Ihr liebt das Leben, wir lieben den Tod” und die massenhafte Opferung der Bassidschi-Kinder auf den Minenfeldern im Krieg gegen den Irak der Beweis, dass es sich um eine lebensfeindliche Anschauung handele. Küntzel erhebt das zur Regel: Wer dem Märtyrertod entgegenfiebere, der lasse sich nicht abschrecken.
Dies führt zu der Kernaussage des Buches. Es sei nicht die Technik, die Irans Atomehrgeiz so gefährlich mache. Sondern ihr Kontext. Jenes Gebräu aus Todessehnsucht und Waffen-Uran, aus Holocaustleugnung und Hightech, aus Schia-Erlösertum und waffenfähigem Plutonium.

Für Leser, die Provokationen mögen, fügt der Autor zwei Gedanken hinzu. Lediglich im Iran gehe das schiitische Phantasma religiöser Auserwähltheit mit der Physik der Massenvernichtung einher. Hier komme erstmals die
Destruktivität der Atombombe mit dem Furor eines neuen Religionskrieges zusammen.

Starke Thesen. Man mag sich fragen, ob das nicht überzogen ist und Momente aus Epochen und Räumen verknüpft, die auf den ersten Blick recht wenig miteinander zu tun haben. Also ist dies eine typisch europäische Übertreibung? Ja und nein.

Ja, weil der Autor seine Erfahrungen aus dem Werden Europas einspeist. Dabei recherchierte er gut die wechselseitigen Beeinflussungen in der deutsch-iranischen Historie. Darin zeigt er Überraschendes: wie Wilhelm II. den Dschihad im Weltkrieg schürte, wie die Nazis daran anknüpften und “Arier im Iran” entdeckten, und was zwischen Bonn und Teheran nach dem Krieg alles ablief. Die deutsche Wirtschaft, auch das erhellt Küntzel, lieferte Bausteine für Irans atomares Mosaik. Aber mit ihrem Gewicht als Haupthandelspartner kann sie Böseres verhüten.

Nein, dieser Autor denkt universell, zumal es seit dem Holocaust nicht mehr verniedlicht werden darf, wenn die radikalsten Regime nach Massenvernichtungswaffen streben. Er nimmt deren Erklärungen ernst. Der regionale Rüstungswettlauf muss gestoppt werden. Seine Beziehungen sollte Berlin in Teheran dafür benutzen. Das ist die Botschaft, die Küntzels deutsch-iranisches Prisma ausleuchtet.

Nicht alles mag der Leser teilen und einiges, so die ostdeutsche Seite, fehlt. Doch spannungsreich ist dieser Band bis zum Schluss. Einfach aufwühlend.
Quelle: Süddeutsche Zeitung, 21. Dezember 2009
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DR. JOHANNES KANDEL (BERLIN): “UNVERZICHTBARE AUFKLÄRUNG”

Matthias Küntzels Buch sollte zur Pflichtlektüre insbesondere der Damen und Herren im Auswärtigen Amt werden, die sich um die Entwicklung des deutsch-iranischen “Sonderverhältnis” so zweifelhafte Verdienste erworben haben. Auch die außenpolitischen Sprecher der Parteien sollten Küntzels kenntnisreiches und spannend geschriebenes Buch zur Kenntnis nehmen.

Das wäre auch hilfreich für diejenigen Wissenschaftler, etwa bei der Stiftung Wissenschaft und Politik, die sich seit Jahren darum mühen, das iranische staatsterroristische Mullahregime als “normalen Staat” mit “berechtigten Interessen” (u.a. auch auf Atomkraft) darzustellen, die ideologischen Komponenten der islamistischen Staatsräson ausblenden und die Bedrohung durch eine mögliche Atommacht Iran gefährlich herunterspielen.

Küntzel zeigt schonungslos den Charakter des Regimes auf: Es ist ein islamistisches, von religiös-apokalyptischer Vernichtungsideologie geprägtes Herrschaftssystem, das sich als Inkarnation des “wahren Islam” betrachtet und diese schariageleitete totalitäre Ordnung global durchsetzen will. Viel zu lange hat der Westen diese religiös-ideologische Dynamik unterschätzt und mit immer neuen Beschwichtigungsgesten den Mullahs signalisiert, dass sie nichts zu befürchten haben.

Namentlich die Bundesrepublik Deutschland scheint an der Entwicklung des “Sonderverhältnisses” zum Iran, vorrangig aus ökonomischen Gründen, ein besonderes Interesse zu haben. Küntzel arbeitet glänzend die Geschichte dieses “Sonderverhältnisses” auf, vom Kaiserreich über den Nationalsozialismus (der bei Antisemiten wie Ahmadinedschad und seiner Herrschaftsclique bis heute große Sympathien findet!) bis in die Gegenwart.

Bis auf wenige Ausnahmen war die deutsche Politik gegenüber dem Iran von zögerlicher Kritik (“kritischer Dialog”),appeasement und wohlwollender Unterstützung geprägt. Weder die Bedrohungen Salman Rushdies durch Khomeinis berüchtigte “Todesfatwa”, die Mykonos Morde (Ermordung kurdischer Politiker 1992 im Lokal Mykonos in Berlin durch Geheimdienstmitarbeiter des Iran auf Anordnung von Ayatollash Khamenei!), die Besetzung der US-Botschaft und die kontinuierliche brutale Unterdrückung der politischen Opposition im Lande, konnten bisherige Bundesregierungen dazu veranlassen, sich den – auch häufig noch zögerlichen – Forderungen der US-Regierung nach Sanktionen anzuschließen. Selbst die durch Griff nach der Atombombe dranmatisch verschäfte Vernichtungsdrohung gegen Israel hat – abgesehen von gelegentlich starker Rhetorik – daran wenig geändert.

Es ist zu wünschen, dass Küntzels Buch endlich eine breite öffentliche Diskussion über die “verhängnisvolle Freundschaft” mit einem undemokratischen, die Menschenrechte mit Füßen tretenden, Regime befördert. Wir brauchen eine deutliche Wende in der Iranpolitik.
Quelle: www.amazon.de, 10.Dezember 2009
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CHAIM NOLL (DIE WELT): “DIESES BUCH KÖNNTE ANSTOSS ZU EINEM RETTENDEN GESINNUNGSWANDEL WERDEN”

Kein anderes Land sorgt derzeit für solche Verwirrung in der internationalen Politik wie der Iran, wörtlich “Land der Arier”, in der selbstgewählten Bezeichnung des dort seit 1979 herrschenden Regimes radikaler Kleriker: “Islamische Republik Iran”. Seit der Machtergreifung durch fundamentalistische Geistliche vor dreißig Jahren ist die Politik dieses Landes strikt gegen den Westen gerichtet. Der staatsoffizielle Hass gilt besonders den USA und Israel, deren “Vernichtung” offen propagiert wird. Auch Irans Nachbarn werden bedroht. Sie gelten als vom Westen korrumpiert. Im März 2009 erhob der Iran Anspruch auf das Territorium des arabischen Nachbarlandes Bahrain. Auch die Beziehungen zu Saudi Arabien, Ägypten, Kuwait, den Vereinigten Arabischen Emiraten und anderen Staaten der Region sind überaus gespannt. Die vom Iran unterhaltenen Terror-Organisationen Hamas und Hisbollah haben weltweite Netzwerke installiert, mit Zellen in zahlreichen westlichen Staaten.

Dieser ohnehin den Mittleren Osten beunruhigende, fundamentalistische Staat betreibt seit längerem ein forciertes Nuklear-Programm und den Ausbau seines Raketensystems, was den Drohgebärden gegenüber der westlichen Welt und den Nachbarstaaten erschreckenden Nachdruck verleiht. Seit dem Amtsantritt des derzeitigen Präsidenten Ahmadinedschad 2005, der einen neuen Höhepunkt der expansiven, anti-westlichen Außenpolitik verkörpert, wird das iranische Atomprogramm zunehmend zur internationalen Gefahr. Ein atomar gerüsteter Iran könnte nicht nur die nukleare Drohung zur Durchsetzung seiner hegemonialen Ansprüche in der nahöstlichen Region einsetzen, er würde auch ein nukleares Wettrüsten im mittleren Osten auslösen und atomare Waffen in die Verfügbarkeit internationaler Terrorgruppen lancieren, woraus eine Bedrohung für Nordamerika, Europa und andere Zentren westlichen Lebens erwüchse.

Die Unentschlossenheit der westlichen Staaten, auf diese Bedrohungen zu reagieren, ihre Uneinigkeit, ihre Neigung zum Aufschieben und Ausweichen, ihre, wie der Exil-Iraner Amir Taheri schreibt, “präventive Kapitulation”, ist Grund wachsender Besorgnis bei Nahost-Experten und anderen Beobachtern. Der Hamburger Politikwissenschaftler Matthias Küntzel, ein ausgewiesener Kenner der iranischen Entwicklungen, widmet sein neues Buch einem speziellen Phänomen: den deutsch-iranischen Beziehungen und ihren Auswirkungen auf die Situation im Mittleren Osten und in der Welt.

Küntzel hat bereits seit Jahren die immensen Auswirkungen der “Achse Berlin-Teheran”, der “verhängnisvollen Freundschaft” zwischen Deutschland und dem Iran dargestellt. Das neue Buch gibt ihm Gelegenheit, die historische Entwicklung dieser Beziehung seit dem 19. Jahrhunderts, seit Kaiser Wilhelms Orientreise und dem “künstlichen Djihad” des Barons von Oppenheim, nachzuzeichnen. Ein besonderes Kapitel gilt “Deutschland als Gründer der persischen Industrie”. Die Zusammenarbeit wurde in der NS-Zeit durch Hitlers Wirtschaftsminister Hjalmar Schacht vertieft. Schon damals sei, so Küntzel, der Grundstein für die heutige “Sonderstellung” Deutschlands innerhalb des iranischen Wirtschaftsgefüges gelegt worden: “Heute wird viel über das iranische Atomprogramm und die Effektivität wirtschaftlicher Sanktionen diskutiert. Wer in diesem Zusammenhang den Stellenwert des deutschen Maschinenbaus für Iran überprüft, kann nur staunen.”

Inzwischen versorgen deutsche Firmen iranische Produzenten mit technologischer Hilfe bei Uran-Anreicherung und Raketenbau. Hightech-Ausrüstungen von Siemens befähigen das Regime, wie anlässlich der blutig niedergeschlagenen Proteste kürzlich bekannt wurde, Internet und Mobiltelefon-Netze des Landes zu blockieren, eine Hilfe bei der Unterdrückung der iranischen Bevölkerung.

Deutschland ist seit längerem der größte Handelspartner des Teheraner Regimes. Dabei werden amerikanische und UN-Sanktionen umgangen, aber auch deutsche Gesetze verletzt, etwa das Waffenkontrollgesetz, und schwere Vorwürfe der westlichen Alliierten in Kauf genommen. Detailliert belegt Küntzel die ständige Zunahme des deutschen Handelsvolumens mit dem Iran. Nach seiner These erfolgte der entscheidende Schritt 1984: “Die westdeutsche Außenpolitik stand 1984 vor der Wahl. Mit der Geiselnahme von 1979 und der massenhaften Opferung iranischer ‘Märtyrer’-Kinder hatten Irans neue Herrscher ihr Gesicht gezeigt. Spätestens jetzt hätte die Bundesregierung ihre Beziehungen zum Iran entkoppeln und auf ein Mindestmaß beschränken können. Diese Option schlug man aus.” Stattdessen habe der Besuch des damaligen deutschen Außenministers Hans-Dietrich Genscher die Fortsetzung des Sonderverhältnisses zwischen Deutschland und Iran besiegelt. Küntzel zitiert Salman Rushdie, der 1996 erklärte:

“Deutschland unterhält mehr Handelsbeziehungen zum Iran als jeder europäische Staat. Ich muss mich fragen, warum eigentlich? Warum gibt es in Ihrem Land diese geradezu begeisterte Unterstützung für dieses Regime?... Wenn die Deutschen ernsthaft entschlossen wären, dieses Problem zu lösen, dann könnten Sie es auch.”

Küntzel wirft Schlaglichter in eine Welt schattenhafter Geschäfte und geheimer politischer Abmachungen. Sein Buch ist voller Zahlen, Belege und Beispiele für eine Mesalliance, der man als Leser ein baldiges Ende wünscht. Der Autor bemüht sich um eine leidenschaftslose, klare Sprache, er beschränkt sich auf die beredten Fakten und erspart dem Leser polemische Ausfälle gegen das Regime, selbst wo diese nahe liegen. Es wird schwer sein, mitten in einer Wirtschaftskrise den Rückzug aus profitablen Geschäften populär zu machen, doch dieses Buch könnte Anstoß zu einem rettenden Gesinnungswandel werden.
Quelle: Die Welt, 28. November 2009
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HENRYK M. BRODER: “DAS BUCH IST AUFREGEND UND SPANNEND VON DER ERSTEN BIS ZUR LETZTEN SEITE”

In diesen Tagen kommt der neue Film des auf Katastrophen und Untergänge spezialisierten Regisseurs Roland Emmerich in die Kinos. “2012” greift eine Vorhersage der Maya auf, wonach die Welt am 21. Dezember 2012, also in drei Jahren, zu existieren aufhört. Laut Emmerichs Co-Autor, Harald Kloser, soll es der ultimative Katastrophenfilm werden, einer, “nach dem es eigentlich keine weiteren Katastrophenfilme mehr geben” kann.

Das klingt vielversprechend, und falls Sie schon mal einen Film von Emmerich gesehen haben, wissen Sie, was sie erwartet: eine digitale Gruselpartie, die freilich nach 158 Minuten vorbei ist.

Wenn Sie sich allerdings wirklich und nachhaltig gruseln wollen, wenn Sie nach einer Geschichte suchen, die Ihnen nachts den Schlaf raubt und Sie tagsüber in einen Albtraum versetzt, dann besorgen Sie sich das eben erschienene Buch “Die Deutschen und der Iran” des Hamburger Politologen Matthias Küntzel. Und lassen Sie sich von dem ruhigen Titel nicht täuschen, das Buch ist aufregend und spannend, von der ersten bis zur letzten Seite.

Küntzel beschreibt die “Geschichte und Gegenwart einer verhängnisvollen Freundschaft” zwischen Deutschland und dem Iran (bzw. Persien), von der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts über die Weimarer Republik und das Dritte Reich bis heute. Man könnte von einer Liebesaffäre zwischen zwei extrem ungleichen Partnern sprechen, die alle Kriege, Krisen und Kalamitäten überstanden hat.

Ob in Deutschland der Kaiser regierte, ein Gefreiter aus Österreich oder ein Sozialdemokrat, die deutsch-iranische Freundschaft stand nie zur Disposition, völlig unabhängig davon, wer in Teheran das Sagen hatte – der Schah, eine durch Wahlen legitimierte Regierung oder eine Bande von Klerikern, die sich an die Macht geputscht hatte.

Schon Adolf Hitler, schreibt Küntzel, “wurde, solange er Kriege gewann, als der ‘Zwölfte Imam’, als schiitischer Messias, verehrt.” Später pflegte man erst einen “kritischen”, dann einen “konstruktiven Dialog”, immer mit dem Ziel, die deutsch-iranische Freundschaft über alle Zeitläufe zu bewahren. “Wenn es etwas gibt, was jene hundertjährige Tradition auszeichnet”, sagt Küntzel, dann war es die Unterdrückung von Menschenrechten und Demokratie, “mal im Iran, mal in Deutschland, mal in beiden Ländern zur gleichen Zeit”. Hinzu kam: man hatte gemeinsame Feinde, gegen die man sich wehren musste, früher Russland, heute die USA. Inzwischen ist Deutschland Teil eines europäischen Schutzschilds, der “sich zwischen Iran und Amerika stellt – nicht um die USA vor den Islamisten, sondern um die Islamisten vor den USA zu schützen”.

Durchgesetzt wird diese Strategie mit einer Politik der Arbeitsteilung. Während die Kanzlerin erklärt, man könne einen Iran, der nach Atomwaffen strebe, nicht gewähren lassen, sorgt die deutsche Politik mit Hilfe der deutschen Wirtschaft dafür, dass der Iran in die Lage versetzt wird, seine nuklearen Fantasien zu verwirklichen.

Diese Heuchelei ist kein Privileg der Konservativen. Im Jahre 2000 wurden von der grünen Böll-Stiftung siebzehn iranische “Persönlichkeiten aus Politik, Wissenschaft, Religion und Medien” zu einer Konferenz nach Berlin eingeladen, um über “die Reformdynamik in der islamischen Republik” zu diskutieren. Zurück im Iran, wurden die Teilnehmer der Konferenz festgenommen und vor ein Revolutionsgericht gestellt – weil sie angeblich die Sicherheit Irans gefährdet und gegen Allah gekämpft hatten. Zehn der siebzehn Angeklagten wurden “zu schockierend hohen Strafen” verurteilt, so bekamen zwei iranische Dolmetscher zehn beziehungsweise neun Jahre. Dennoch hielt sich der damalige grüne Außenminister Fischer mit Kritik an den Urteilen zurück, um die Beziehungen zum Iran nicht zu gefährden. Man könnte auch sagen: Die Grünen haben ihre Gäste der Staatsräson geopfert.

Für eine solche Politik des Appeasements können wirtschaftliche Gründe allein nicht entscheidend sein. Die deutsche Wirtschaft macht zwar Milliardengeschäfte mit dem Iran, aber die machen nicht einmal ein Prozent der deutschen Exporte aus. Was ist es dann? Die “sichtbare Gegenwart der deutsch-iranischen Beziehungen”, so Küntzel, “wird durch deren unsichtbare Vergangenheit geprägt”.

Man könnte auch sagen: Alte Liebe rostet nicht.
Quelle: Weltwoche (Schweiz) 47/09, 19. November 2009
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RALPH GERSTENBERG (DEUTSCHLANDFUNK): “LESENSWERT UND ERHELLEND”

Im Herbst 2005 machte der Politikwissenschaftler und Publizist Matthias Küntzel auf der Frankfurter Buchmesse eine befremdliche Entdeckung: Freundlich lächelnd händigten ihm iranische Buchhändler englische Ausgaben der “Protokolle der Waisen von Zion” sowie anderer antisemitischer Machwerke aus. Wenig später kündigte der iranische Präsident Mahmoud Ahmadinedschad in seiner berühmt-berüchtigten Rede an, Israel von der Landkarte radieren zu wollen. Als Ahmadinedschad ein Jahr danach den Holocaust leugnete, war die öffentliche Entrüstung hierzulande zwar groß, auf politische Konsequenzen wartete man jedoch vergebens. Spätestens als 2007 die iranischen Kernwaffenpläne bekannt wurden und man in Deutschland das Recht des Irans auf bombenfähige Atomanlagen diskutierte, stellte sich für Matthias Küntzel eine dringende Frage:

Auf der einen Seite haben wir ein Regime, das den Antisemitismus leugnet und die Holocaustleugnung als einziges Land der Welt zur Staatspolitik erklärt und ein Land wie Israel auslöschen will, auf der anderen Seite unterhält Deutschland mehr kulturelle, politische und wirtschaftliche Beziehungen zu diesem Land als jede andere westliche Macht. Ich muss mich fragen: Warum ist das eigentlich so? Und das ist der Ausgangspunkt meines Buches.

Matthias Küntzel beschreibt in seinem Buch “Die Deutschen und der Iran” detailliert die “Geschichte und Gegenwart einer verhängnisvollen Freundschaft, die ihre Wurzeln bereits in der Kaiserzeit hatte. Unter Wilhelm II. wurde der Iran zum Rohstofflieferanten und Technologieimporteur Deutschlands. Mit deutscher Technik, die bis heute beinahe fetischartig in dem persischen Staat verehrt wird, wurde in den 20er-Jahren maßgeblich die iranische Industrie aufgebaut. Bereits in den Jahren des Ersten Weltkriegs versuchten die Deutschen den Handelspartner im Nahen Osten auch politisch zu instrumentalisieren, indem sie das islamische Land zum Dschihad gegen die verfeindeten Briten und Russen anstachelten. Den Höhepunkt erreichte die wirtschaftliche und ideologische Kooperation zwischen Deutschland und dem Iran in der Zeit des Nationalsozialismus. Damals wurde Hitler von schiitischen Predigern gar als zwölfter Imam, also als lang ersehnter muslimischer Messias, angesehen. Der goebbelssche Propagandaapparat konzentrierte sich darauf, den Antisemitismus in dem arischen Partnerstaat zu schüren.

Man hatte am Anfang große Probleme, den rassistischen Judenhass der Deutschen im Iran zu schüren. Iran bedeutet zwar das Land der Arier. Aber dieser Arierbegriff schließt Juden und andere Religionen mit ein. Es war eine nationalistische Konzeption und keine religiöse Konzeption. Von daher hatten die Deutschen am Anfang richtig Schwierigkeiten, ihren rassistischen Antisemitismus nach Iran zu verpflanzen. Aber es gelang dann über diese Schiene, dass man sagte: Mohammed hat ja auch schon die Juden vernichtet in Medina, heute will Hitler die Juden vernichten, da ist der Zusammenhang zur Religion. Darüber wurde sehr offen in den Propagandatexten und in den Propagandaanweisungen der Nazis diskutiert, wie man das erreichen könnte, aus dem Iran ein antisemitisches, aber auch dann später ein antiamerikanisches Land zu machen. Und man macht sich gar nicht klar, wie stark Geschichte heute nachwirkt.

Matthias Küntzel zeigt in seinem Buch eine frappierende Kontinuität der “verhängnisvollen Freundschaft” zwischen beiden Ländern, die politische Brüche erstaunlich mühelos überstanden hat. Als ob sich weltpolitisch nichts verändert hätte, wurden nach dem Zweiten Weltkrieg die bilateralen Beziehungen bald wieder aufgenommen, wobei man von iranischer Seite immer wieder betonte, an die guten Kontakte mit dem Hitlerregime anknüpfen zu wollen. Nach der islamischen Revolution von 1979 hatte die neue Regierung in Teheran keine Probleme, mit Deutschland, das kurz zuvor noch fest an der Seite des Schahs gestanden hat, die Zusammenarbeit weiter zu vertiefen. Weder der Mordaufruf gegen Salman Rushdie, noch der vom iranischen Geheimdienst in Auftrag gegebene Anschlag im Berliner Restaurant Mykonos konnten dieser Allianz etwas anhaben.

Nun ist es aber durch den Atomkonflikt so, dass Deutschland an der Seite der fünf Vetomächte des Sicherheitsrates eine global bedeutsame Rolle beim Iran-Dossier spielt, das heißt, was immer das Außenministerium in dieser Frage entscheidet, hat eine globale Relevanz. Dennoch gibt es in Deutschland keine richtig entwickelte Diskussion über die Stoßrichtung dieser deutschen Iranpolitik. Das möchte mein Buch gerne verändern.

Matthias Küntzel weist auf die massive Gefährdung Israels durch iranische Atomwaffen und die besondere Verantwortung Deutschlands hin, das mit seinen Technologielieferungen immer wieder die Sanktionspläne des Sicherheitsrates, dem es selbst angehört, konterkariert. Ein Gleichgewicht des Schreckens, das im Kalten Krieg ein nukleares Inferno verhindert hat, weil jede Atommacht den Gegenschlag fürchtete, scheitert heute am religiösen Fanatismus der Mullahs.

Wenn es eine Erfahrung gibt, die wir als Nachgeborene aus dem Schrecken des Holocaust und des Zweiten Weltkrieges ziehen können, dann ja wohl die, dass man die Ankündigungen von Antisemiten, die behaupten, sie seien von der Vorsehung oder von einem 12. Imam geschickt worden, um ihr Werk zu vollenden, dass man die Ankündigung von solchen Leuten sehr ernst nehmen muss, dass man sie nicht nur verlachen darf. Und wenn also jetzt seit 30 Jahren und in den letzten Jahren verschärft die Auslöschung Israels durch den Iran propagiert wird, dann muss man auch das richtig ernst nehmen.

Matthias Küntzels lesenswertes und erhellendes Buch, das vor allem mit der Darstellung der deutsch-iranischen Beziehungen der letzten 30 Jahre Neuland betritt, ist auch ein leidenschaftliches Plädoyer. Küntzel ruft dazu auf, die seit der Kaiserzeit gewachsenen wirtschaftlichen, kulturellen und politischen Beziehungen mit dem Iran dafür zu nutzen, eine andere Politik in dem Golfstaat zu erzwingen. Angesichts der blutig niedergeschlagenen Proteste nach dem Wahlbetrug in Teheran sei es besonders wichtig, seinen politischen Standpunkt klar zu definieren. Die Gesellschaft im Iran stehe längst nicht mehr homogen hinter den regierenden Mullahs.

Insofern muss auch die deutsche Industrie sich die Frage stellen: Wem wollen wir für die Zukunft die Hand reichen? Denjenigen, die gieren nach Freiheit, oder denjenigen, die diese Freiheit unterdrücken.
Quelle: Andruck, in: Deutschlandfunk, 26. Oktober 2009
http://www.dradio.de/dlf/sendungen/andruck/1058164/
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MICHA BRUMLIK (taz): “UNERLÄSSLICH”

Den künftigen deutschen Außenminister wird wohl die FDP, die Partei Möllemanns und Kinkels, stellen. Mit Blick auf den größten weltpolitischen Krisenherd, die iranische Atomrüstung, wirkt das keineswegs beruhigend. Angesichts der erwartbaren Debatten ist es unerlässlich, sich die eigentümliche Zuneigung Deutschlands zum Iran zu vergegenwärtigen. Das macht die neue Studie von Matthias Küntzel, die dieser Beziehung in den letzten 100 Jahren nachgeht.

Küntzel zeigt, wie sich das Kaiserreich an der Modernisierung Persiens beteiligte, wie wichtig Iran nach dem Ersten Weltkrieg für die deutsche Exportindustrie wurde und wie gut die Beziehungen des NS-Regimes zu Iran waren. Einige Mullahs hielten Hitler gar für den 12. Imam. Die brisanteste Erkenntnis mit der Küntzel aufwartet, ist sein Nachweis, dass der Putsch gegen Premier Mossadegh 1953 nicht nur von Briten und CIA zu verantworten ist, sondern auch von der schiitischen Geistlichkeit, die Mossadegh noch mehr hasste als die monarchistische Restauration und deswegen stillhielt.

Küntzels Deutungen hinterlassen Fragen: War es nur das Deutsche Reich, das den theologischen Gedanken des Dschihad politisch instrumentalisierte und damit den modernen Islamismus auf den Weg brachte? Ist es erstaunlich, dass sich Teile der Eliten in halb kolonialen Ländern wie dem von der Sowjetunion und Großbritannien besetzten Iran an deren Hauptfeind Nazideutschland hielten? Für noch mehr Streit dürfte die Bemühung sorgen, nachzuweisen, dass Joschka Fischer entgegen seiner stets beteuerten Solidarität mit Israel der deutschen Exportwirtschaft und somit der iranischen nuklearen Aufrüstung erheblich geholfen habe. Von Kinkel über Fischer zu Westerwelle: Man wird den künftigen Außenminister daraufhin beobachten müssen, ob er in die Spur dieser Tradition tritt.
Quelle: taz, 14. Oktober 2009

" /> Besprechungen von "Die Deutschen und der Iran"

Wissenschaftlich äußerst fundiert

Eine Rezension der persischsprachigen Ausgabe von “Die Deutschen und der Iran” von Dr. Mostafa Danesch, Köln, den 10.09.2013

Das Buch von Dr. Matthias Küntzel “Deutschland und der Iran – Geschichte und Gegenwart einer verhängnisvollen Freundschaft” beschäftigt sich mit der Geschichte der Beziehungen zwischen Deutschland und dem Iran und umfasst eine Zeitspanne, die vom 19. Jahrhundert bis in die Gegenwart reicht. Das Buch wurde von Herrn Michael Mobasheri ins Persische übersetzt und erschien bei Forough Publishing in Köln.

Nach der Lektüre der persischen Fassung kann ich sagen, dass es wissenschaftlich äußerst fundiert ist. Viele Fakten, insbesondere aus der Zeit vor und nach dem Ersten Weltkrieg, in Nazi-Deutschland und während des Zweiten Weltkriegs, waren sogar mir unbekannt.
Es zeigt auf, wie eine ausländische Macht den Islam und die Kräfte im Iran missbrauchte, um die eigenen Interessen durchzusetzen.

Der Autor zeichnet die Beziehungen zwischen den beiden Ländern sogar bis ins 19. Jahrhundert nach. So besuchte 1873 Nassereddin Schah Berlin, und 1885 eröffnete der Iran die erste diplomatische Vertretung in Berlin. Die Beziehungen zwischen dem Iran und Deutschland waren so eng und herzlich, dass 1906 die erste deutsche Schule im Iran eröffnet wurde, deren Absolventen später in Deutschland studieren sollten. Deutschland wollte eine germanophile iranische Elite ausbilden. Für Deutschland war damals der Iran als “Tor nach Indien” von strategischer Bedeutung im Konkurrenzkampf mit dem Erzfeind Großbritannien. Während des Ersten Weltkriegs versuchte man, den Iran als Verbündeten auf die Seite Deutschlands und Österreichs zu ziehen.

Ab 1939, mit dem Beginn des Zweiten Weltkriegs, installierte Nazi-Deutschland im Iran ein Spionagenetzwerk von ca. 100 Personen, um den Iran gegen die westliche Koalition einzunehmen und in diesem Sinne besonders Einfluss auf den Islam im Iran auszuüben. Auf S. 62 der persischen Fassung lesen wir, dass 1936 Hjalmar Schacht, Handelsminister und Chef von Hitlers Zentralbank, nach Teheran reiste und von Reza Schah, dem Vater des letzten Schah, und seinem Nachfolger Mohammad Reza Schah herzlich empfangen wurde. Beim Abschied zeigten Reza Schah und Mohammad Reza Schah sogar den Hitlergruß.

Vor dem Zweiten Weltkrieg reisten häufig iranische Politiker nach Berlin, wo sie von Hitler, Göring und auch Schacht freundlich empfangen wurden. 1937 reiste Baldur von Schirach, Führer der Hitlerjugend, nach Teheran und wurde von Reza Schah empfangen. Seit 1938 war Nazi-Deutschland Irans bedeutendster Handelspartner im Westen.

Das Buch zeigt interessante Facetten dieser Einflussnahme auf: So predigten schließlich viele Geistliche im Iran von der Kanzel, Adolf Hitler sei die Verkörperung des zwölften, verborgenen Imam der Schiiten. Sie bezeichneten ihn als Retter der Welt vor dem Joch Großbritanniens. Zudem versuchte Hitlerdeutschland im Iran, seine antisemitische Politik durchzusetzen und die islamische Geistlichkeit gegen die Juden im Iran zu mobilisieren.

Das Buch behandelt jedoch nicht nur die Zeit vom Ende des 19. Jahrhunderts bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs, sondern auch die Islamische Republik und ihre engen Beziehungen vor allem zur Bonner Regierung. Der letzte Teil des Buchs schließlich zeichnet Deutschlands Politik gegenüber dem iranischen Atomprogramm nach.

Wie das Buch beeindruckend aufzeigt, bestehen trotz aller Differenzen, z.B. in Menschenrechtsfragen, die freundschaftlichen Beziehungen zwischen Deutschland und dem Iran durch politische Höhen und Tiefen hindurch weiter. Wie stark und wie tief in der Geschichte beider Länder diese Beziehungen verankert sind, ist das eigentliche Thema des Buchs, das dem Leser einen ganz neuen Blick auf das Verhältnis zwischen dem Iran und Deutschland eröffnet.

Wie der Autor in seinem Vorwort schreibt, war es gerade dieser Aspekt, der ihn bei seinen Recherchen faszinierte und ihn bewog, diesen Schwerpunkt zu setzen. Dies ist ihm ausgezeichnet gelungen.

Die persische Übersetzung von Michael Mobasheri ist hervorragend. Sie trifft den Ton des Originals und ist zugleich auch auf Persisch so flüssig geschrieben, dass sie sich ausgezeichnet lesen lässt.

Hervorzuheben sind die zahlreichen Fußnoten des Übersetzers, die weitere inhaltliche Erläuterungen und Fakten liefern. Dies erhöht den Lesegewinn für den persischsprachigen Leser noch zusätzlich.

Als jemand, der seit 40 Jahren journalistisch tätig ist und selbst mehrere Bücher über ähnliche Themen verfasst hat, kann ich dem persischsprachigen Leser, der sich über die Geschichte der deutsch-iranischen Beziehungen informieren möchte, dieses Werk nur wärmstens ans Herz legen.

Die iranische Übersetzung dieser Rezension finden Sie bei den Rezensionen der persischen Ausgabe dieses Buchs.
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CAMPUSBLOG ZÜRICH: EIN GROSSER WURF

(...) Auch Küntzels Ausführungen zum Islamismus iranischer Prägung und zum erzreaktionären Revolutionsführer Khomeini sind erhellend. Schonungslos stöbert er die Mythen auf, die das Regime und westliche Sympathisanten um seine Person gelegt haben. Kurzum: Küntzel gelingt mit die Deutschen und der Iran ein grosser Wurf. Mit grosser Schärfe schildert er die mehr als zweifelhafte Rolle Deutschlands im Iran in den letzten hundert Jahren, als dessen wesentliche Antriebskraft bis heute Küntzel ein anti-westliches und gegenaufklärerisches Motiv analysiert. Wenn die deutsche Regierung auch nur ein Quentchen Würde besässe, so müsste ihr ob dieser Darstellung die Schamesröte ins Gesicht steigen.

Das vollständige Interview befindet sich auf Campusblog Zürich

Veröffentlicht am 22. März 2010 auf CAMPUSBLOG, Zürich
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RUTH CONTRERAS (SPME-FACULTY FORUM): “COHERENT ANALYSIS”

Given the systematic violation of human rights in Iran, Ahmadinejad’s repeated threats to wipe Israel off the map and campaign of Holocaust denial, it is difficult to understand the long-lasting friendship between Germany and Iran.

In Die Deutschen und der Iran, Matthias Kuentzel comes to grips with this implicit contradiction by explaining the history of this relationship from its inception at the end of the Nineteenth Century, when Iran’s economy was still underdeveloped and based mainly on agriculture, to the present, when Iran is rapidly approaching the status of a nuclear power. Kuentzel’s study is based on several sources, particularly documents from the archives of the German Ministry of Foreign Affairs which have not been studied previously.

From 1888 on, Imperial Germany developed a policy with regard to the Middle East. Germany took an interest in Iran as a source for raw materials and as a commercial market. During the First World War, the relationship between Germany and Iran grew closer and, for the first time, Germany called on Muslims to join a “Holy War” against the enemies of Germany and the Austro-Hungarian Empire.

Kuentzel describes the relationship between Nazi Germany and Iran and documents the “Aryan” basis of this relationship as well as the veneration of Hitler as the Twelfth Imam. While the Iranian ruler Reza Shah was an admirer of Hitler during the early 1930s, he opposed antisemitism. This policy changed in 1936 when Jews fleeing from Nazi Germany were denied refuge in Iran.

In several previous articles, Kuentzel noted the role of German short-wave radio broadcasts of Nazi propaganda to the Middle East, which also reached Iran. The book documents the role of this radio-station, Radio Zeesen, which broadcasted daily doses of antisemitism to the Islamic world in Arabic, Turkish and Persian from April 1939 to April 1945, thus encouraging the growth of Muslim anti-Semitism.

The relationship between Germany and Iran continued after the Second World War. Iranians encouraged the Germans to shed their feelings of guilt for crimes which they committed during the Nazi era, and many Nazi-collaborators fled to Iran and escaped persecution. This fact may explain the origins of postwar Iranian antisemitism and Holocaust denial.

As Kuentzel shows, the friendship between Iran and Germany continued after the Khomeini Revolution and the establishment of the Islamic Republic in 1979. Kuentzel makes use of original sources in order to highlight the influence of the antisemitism of the Khomeini Revolution upon the development of Islamic antisemitism in general.

Islamism has its beginnings in the first half of the Twentieth Century and is rooted in in the Iranian Islamic fundamentalist secret society Fadayan-i-Islam (“Devotees of Islam”) and the connections with the Muslim Brotherhood, the Ikhwan, and the first urban Islamic mass movement, which was founded in Egypt in 1928. Since the 1950s, both movements organized campaigns against Zionism and Imperialism.

Kuentzel describes Khomeini’s fascistic ideology which defines Allah as the ruler over Iran and the antisemitic and authoritarian features of the Revolution. He shows how Western governments including Germany have misunderstood this revolution.

In 1979 young Iranians associated with the new regime occupied the United States Embassy in Tehran and held U.S. diplomats hostage for 444 days. During the Iran-Iraq war (1982-1988), the Khomeini regime sent thousands of Iranian children into mine fields to become martyrs.

Despite protests in the German Parliament, Foreign secretary Hans-Dietrich Genscher made a visit to Iran in 1984 to promote economic ties, and the government directed the media to avoid criticism of the Khomeini regime. Genscher pointed out that “Iran had no bad memories of Germany,” and that Germany never had a colonial presence in Iran, and many Iranians admired Nazi Germany. Kuentzel describes Genscher’s visit to Iran as an act of solidarity against the West and America in particular. Last but not least, Iran is important to Germany because of its strategic geographical location between Asia and Europe

Kuentzel tries to explain the reasons for this continuous friendship in spite of the Myconos case (in September 1992 Iranian agents in an act of state terrorism murdered four Kurdish leaders of the Iranian opposition in a Berlin restaurant), the Rushdie Affair, Holocaust-denial, terrorism and denial of the State of Israel’s right to exist.

The basis for this relationship was the long tradition of a friendship between Germany and Iran. Germans mistakenly believed that the Khomeini revolution was progressive, and the Iranians who did not accept any intervention or criticism were interested in benefiting from cooperation with Germany.

The last part of the book deals with the situation under Ahmadinejad. It appears that the same paradigm applies also to the present. Ahmadinejad repeatedly encourages Germans to “liberate themselves from their feelings of guilt for the crimes they committed during the Second World War and to defend themselves against the repression of the “Zionists.” According to a letter written by Ahmadinejad and quoted by Kuentzel, Iranian-German economic cooperation depends on an alliance against the USA and Israel. There has been no extensive discussion of this letter. Ahmadinejad’s repeated threats to wipe Israel off the map and his Holocaust denial are ignored in favour of promoting economic ties between Iran and Germany.

In view of the realistic possibility that Iran may soon possess the ability to construct a nuclear bomb, Kuentzel argues that there may be changes in the policies of Germany and Europe.

Hopefully, this coherent analysis of the cooperation between Germany and Iran will be translated into English and serve as an important basis for rethinking the relationship between Iran and the West in general and Germany in particular.
Quelle: Faculty Forum der “Scholars For Peace In The Middle East”, March 14, 2010
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CHRISTIAN STOCK (IZ3W): “AN KLARHEIT KAUM ZU ÜBERBIETEN”

Ausgangspunkt des neuen Buches von Matthias Küntzel über Die Deutschen und der Iran war die Irritation, die ein Erlebnis auf der Frankfurter Buchmesse 2005 auslöste. Iranische Buchhändler überreichten dem Hamburger Publizisten dort freundlich lächelnd ein Exemplar des antisemitischen Machwerks »Die Protokolle der Weisen von Zion«. Eine Woche später hielt Ahmadinejad seine berüchtigte Rede, in der er angekündigt haben soll, Israel von der Landkarte radieren zu wollen.

Überrascht war Küntzel weniger von diesen an Khomeini anknüpfenden Worten, sondern vom Ausbleiben massenhaften Protests. Gerade mal 60 Personen nahmen an einer Kundgebung vor dem iranischen Konsulat in Hamburg teil. Und die deutsche Wirtschaft samt der deutschen Außenpolitik? Business as usual: Deutsche Firmen machten weiterhin emsig Geschäfte mit dem Iran, man suchte den »Dialog« mit den Mullahs und beließ es bei einigen verbalen Missfallensbekundungen bezüglich des Atomprogramms. Die linke und grüne Opposition in Deutschland verteidigte derweil das Recht des Irans auf Atomanlagen und verwahrte sich gegen die Einmischung durch UNO, USA oder andere Staaten.

Zu Recht fragt sich Küntzel: »Woher kam jener Überschuss an Wohlwollen, der Teheran, bei allem, was es machte, entgegenschlug?«. Waren es die Geschäftsinteressen der deutschen Wirtschaft oder allgemeine geostrategische Interessen, Stichwort Öl? Beides reicht laut Küntzel nicht aus, um das enge Verhältnis zu begründen. Was Deutschland von anderen westlichen Staaten maßgeblich unterscheide, seien weniger die gegenwartsbezogenen Aspekte, sondern die »unsichtbare Vergangenheit« der deutsch-iranischen Beziehungen, deren »historisches Kontinuum«.

Gibt es also einen deutsch-iranischen Sonderweg? Küntzel präsentiert zahlreiche Fakten, die diesen Eindruck untermauern.

Die gemeinsame Geschichte begann Ende des 19. Jahrhunderts, als das junge deutsche Kaiserreich sich um intensive Beziehungen zu Persien bemühte, zunächst vor allem im wirtschaftlichen Bereich. Nicht zufällig reiste etwa Johannes Georg Siemens nach Persien – der Mitgründer jenes deutschen Konzerns, der bis heute im Iran aktiv ist und unter anderem Technologie zur Überwachung der Oppositionsbewegung lieferte.

Unter jungen persischen Intellektuellen galt es zu Beginn des 20. Jahrhunderts als modern, prodeutsch zu sein, war das Deutsche Reich doch Gegner jener Mächte, von denen Persien sich bedroht sah: Großbritannien und Russland.

Über die gemeinsamen wirtschaftlichen und machtpolitischen Interessen hinaus kam aber zunehmend ein weiteres Motiv zum Tragen: Die Islam-Sympathie weiter Teile der deutschen Elite und das damit verbundene romantische Motiv, die als »unverfälscht« wahrgenommene vormoderne Welt zu idealisieren. In Persien glaubte man einen geistesverwandten Verbündeten gegen den verhassten Westen gefunden zu haben.

Die beiderseitige Sympathie überstand bis heute all jene Entwicklungen, die eigentlich für eine deutliche Abkühlung der deutsch-iranischen Beziehungen hätten sorgen müssen: Erster Weltkrieg, Nationalsozialismus, Zweiter Weltkrieg, Schah-Regime, Islamische Revolution und schließlich die erneute Radikalisierung unter Ahmadinejad. Im Iran wurden von erheblichen Teilen der Bevölkerung erst der Kaiser, dann Hitler als »Befreier« verehrt. Hitler galt sogar als der »Zwölfte Imam« und wurde von schiitischen Scheichs als Nachkomme Mohammeds bezeichnet.

Zwar stellte sich der Iran im Zweiten Weltkrieg nie ganz offen auf die deutsche Seite. Doch es gab eine starke prodeutsche Bewegung und eine enge inoffizielle Zusammenarbeit, die erst durch den Einmarsch Russlands und Großbritanniens erschwert wurde.

Mit seiner historischen Spurensuche verfolgt Küntzel keineswegs rein wissenschaftliche Zwecke. Im Gegenteil, er schrieb ein im engeren Sinne politisches Buch, denn er will erklärtermaßen Einfluss nehmen auf die deutsche Iranpolitik. Er sieht zwei Alternativen: Die zahlreichen Verbindungsstränge zwischen Teheran und Berlin könnten entweder »Sicherungsnetz für die gegenwärtige Politik der iranischen Machthaber« sein oder aber »Druckmittel, um den Kurs Teherans zu ändern«.

Als Beispiel für den Einfluss Deutschlands führt Küntzel die iranische Abhängigkeit von deutscher Technologie an, die seit den 1920er Jahren bestehe und die auch heute nicht ohne weiteres durch russische oder chinesische Ersatzlieferungen aufgehoben werden könne.

Die Proteste der iranischen Bevölkerung seit Juni 2009 gegen das Regime begrüßt Küntzel als »potentiellen Wendepunkt«. Jedoch habe sich »die gefährlichste Gruppe innerhalb des islamistischen Systems an die Macht geputscht«. Die Gefahr nuklearer Abenteuer sei daher gestiegen. Daraus folgt für ihn: »Die Unterbindung der iranischen Bombe ist ein kategorischer Imperativ unserer Zeit«.

Auf Grundlage dieses Befundes kritisiert Küntzel einflussreiche Berater der deutschen Außenpolitik, wie Volker Perthes, Direktor der Stiftung Wissenschaft und Politik, und dessen Vorgänger Christoph Bertram. Ersterer verharmloste die iranische Atombombe als »Instrument zur Wahrung der nationalen Interessen der Islamischen Republik«. Letzterer empfahl im August 2009, ein »neues kooperatives Verhältnis zu Teheran zu suchen, ganz gleich, wer dort regiert«.

Küntzel argumentiert in sich schlüssig, und schon rein sprachlich ist seine Darstellung an Klarheit kaum zu überbieten. Das zeichnet sie aus gegenüber vielen anderen Publikationen zum Iran, die sich lieber nicht so genau festlegen wollen.

Ein Manko ist, dass Fakten, die seinen Thesen widersprechen, von Küntzel unterbelichtet werden. Beispielsweise kommt die Kritik, die dem Mullah-Regime seit 1979 durchaus auch aus Deutschland entgegenschallt, und zwar aus ganz verschiedenen politischen Lagern, bei ihm kaum vor. Der behauptete »diffuse Allparteienkonsens« ist nicht so umfassend, wie Küntzel es dramatisierend darstellt. Sein Buch ist der beste Beweis dafür.

Was allerdings bislang tatsächlich fehlt, ist eine konsequente Umorientierung der deutschen Iranpolitik inklusive ihrer zivilgesellschaftlichen Komponente: Unterstützung der demokratischen Opposition statt Dialog mit dem Regime. Dafür stehen die Chancen derzeit besser denn je.
Quelle: iz3w Nr. 317, März/ April 2010, S. 46
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STEPHAN GRIGAT (HAGALIL): “DETAILLIERTE ANALYSE UND LEIDENSCHAFTLICHES PLÄDOYER”

Die Wahrnehmung der “Islamischen Republik Iran” ist im deutschsprachigen Raum trotz des derzeitigen medialen Getöses weiterhin geprägt von einer Verharmlosung des antisemitischen Charakters des Regimes und Beschwichtigungen hinsichtlich der Bedrohung, die vom iranischen Atomprogramm für Israel, den Westen und die iranische Bevölkerung ausgeht.

Der Hamburger Politikwissenschaftler Matthias Küntzel führt in seiner kürzlich erschienenen Studie zahlreiche Beispiele für einen derart getrübten Blick auf die iranischen Machthaber an. Er setzt dagegen eine detaillierte Analyse der von antiwestlichem Antiliberalismus, Judenhass und Israelfeindschaft, pathologischer Misogynie und globalen Herrschaftsansprüchen geprägten Gedankenwelt und Praxis der khomenistischen Ajatollahs. Sowohl an seiner Darstellung der Anfänge des Islamismus in Iran in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts als auch an der Analyse des apokalyptischen Mahdi-Glaubens der derzeitigen iranischen Führung wird man in zukünftigen Debatten nicht vorbei kommen.

Küntzel stellt sich die Frage, warum ein Nachfolgestaat des Nationalsozialismus wie die Bundesrepublik zu einem derartigen Regime die engsten Beziehungen unterhält und dafür auch regelmäßig Konflikte mit seinen westlichen Verbündeten riskiert. Warum war es Hans-Dietrich Genscher, der 1984 als erster NATO-Außenminister den neuen Machthabern in Teheran seine Aufwartung machte? (Der erste Außenminister eines westlichen Landes, wie Küntzel schreibt, war er strenggenommen nicht. Wenige Monate vorher war bereits Erwin Lanc, der damalige sozialdemokratische Außenminister Österreichs zu einer Visite in den Iran aufgebrochen und hatte so den Besuch seines deutschen Amtskollegen mit vorbereitet.) Warum liefern deutsche Unternehmen mit staatlichen Förderungen jährlich Waren im Wert von rund 4 Milliarden Euro in den Iran? (Ein Konzern wie Siemens, der angekündigt hat, ab Mitte 2010 keine neuen Aufträge mehr aus dem Iran annehmen zu wollen, wird nichtsdestotrotz auch dieses Jahr voraussichtlich wieder Waren im dreistelligen Millionenbereich in den Iran liefern, und immer mehr deutsche Lieferungen gehen nicht direkt ins Reich der Mullahs, sondern beispielsweise über die Vereinigten Arabischen Emirate.) Und warum ist Deutschland weiterhin einer der größten Bremser in der Debatte um schärfere Sanktionen gegen Teheran, obwohl mittlerweile auch der deutschen Politik klar sein dürfte, dass die Diktatur aus Mullahs und Revolutionsgarden mit Hochdruck an Nuklearwaffen arbeitet? (Bei der aktuellen Debatte um neue UN-Sanktionen betreibt Deutschland, derzeit im Gegensatz zu Frankreich, eine Verwässerung der angestrebten Beschlüsse und schließt gleichzeitig jede militärische Intervention gegen die iranischen Nuklearanlagen aus – auch für die Zukunft, wie Außenminister Westerwelle vergangenen Sonntag in der ZDF-Sendung “Berlin direkt” unmissverständlich klar gemacht hat.)

Küntzel verweist zu recht darauf, dass das heutige deutsche Sonderverhältnis zum Iran nicht allein aus den politischen und ökonomischen Interessen der Bundesrepublik verstanden werden kann und zieht die historisch gewachsene Freundschaft der beiden Länder als Erklärung heran – eine Freundschaft, deren Grundlage schon im 19. Jahrhundert gelegt wurde und sich mit einer frappierenden Kontinuität vom Kaiserreich und der Nazizeit über die Modernisierungsdiktatur des Schah bis in die Gegenwart der “Islamischen Republik” hielt. Weder die islamische Revolution 1979 noch die von den Spitzen des iranischen Staates befohlenen Morde an iranischen Oppositionellen auf deutschem Territorium Anfang der 90er Jahre, die systematische Leugnung des Holocaust oder die Vernichtungsdrohungen gegenüber Israel konnten dieser Freundschaft bisher etwas anhaben.

Als der mit Abstand wichtigste Handelspartner des iranischen Regimes im Westen hätte Deutschland die besten Karten in der Hand, um die Machthaber in Teheran massiv unter Druck zu setzen. Als Gründe, warum das bisher aber nicht passiert, führt Küntzel neben den gewachsenen historischen Beziehungen und den ökonomischen und geopolitischen Interessen auch eine Mischung aus Kulturrelativismus, antiwestlichem Ressentiment und Naivität an, die tatsächlich die gesellschaftlichen und außenpolitischen Debatten in Deutschland stark prägen.
Küntzels Buch ist nicht nur eine detaillierte Analyse, sondern zugleich ein leidenschaftliches Plädoyer. Drastisch führt er die Gefahren vor Augen, die ein nuklear bewaffneter Iran für den Staat der Shoahüberlebenden und ihrer Nachkommen bedeuten würde. Er verdeutlicht, dass sich nicht nur Berliner Politiker, sondern auch die deutschen Unternehmen die Frage stellen müssen, wem im Iran sie in Zukunft die Hand reichen wollen: einer despotischen Theokratie, in der apokalyptische Djihadisten wie Ahmadinejad immer mehr Macht an sich reißen, oder “der nach Freiheit gierenden Bevölkerung”.

Fraglich bleibt, ob Küntzel recht hat, wenn er darauf insistiert, dass das vorpreschende Agieren des iranischen Regimes europäische Staaten wie Deutschland vor die Entscheidung stellt: “An der Seite des Westens gegen den Islamismus? Oder an der Seite des Islamismus gegen Israel und die USA?” Diese Alternative löst Beklemmungen aus, denn aus Gründen, die sich bei Küntzel nachlesen lassen, ist trotz 60 Jahren militärischer Westbindung keineswegs ausgemacht, wie Deutschland sich in dieser Frage in der Zukunft positionieren wird. Möglich wäre allerdings auch, sich nicht zu entscheiden und die bisherige Politik des postnazistischen Deutschlands fortzusetzen, bei der beständig zwischen Westbindung und “deutschem Weg” geschwankt wird.

Dementsprechend verwundert lässt einen der Schluss des Buches zurück. Küntzel postuliert, Deutschland solle “den moralischen Kompass, der Berlin abhandengekommen ist, wieder an seinen Platz stellen”, wo er doch gerade auf 300 Seiten die ebenso kontinuierliche wie skrupellose Iran-Politik vom Kaiserreich bis zur Berliner Republik beschrieben hat. Einmal abgesehen davon, dass sich der Sinn derartiger Kategorien für die Kritik der deutschen Außenpolitik nicht erschließt, fragt man sich, wann der “moralische Kompass” in Berlin denn “an seinem Platz” gestanden haben soll.
Quelle: http://buecher.hagalil.com/2010/02/kuentzel/print/ vom 10. Februar 2010
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FAHIMEH FARSAIE (DER FREITAG): “VERZERRUNG DER TATSACHEN”

Die “sichtbare Gegenwart der deutsch-iranischen Beziehungen wird durch deren unsichtbare Vergangenheit geprägt”, schreibt der Hamburger Politikwissenschaftler Matthias Küntzel in seinem jüngsten Buch Die Deutschen und der Iran. Einen Vorteil hat das Buch. Man weiß sofort, worauf sein Autor hinauswill. Denn der Untertitel dieses 300-seitigen Buches, das voller Zahlen, Belege und Beispiele ist, zeigt unmissverständlich seine kritische Sicht: Geschichte und Gegenwart einer verhängnisvollen Freundschaft.

Küntzels Recherche über die bilaterale Zusammenarbeit zwischen Iran und Deutschland seit 1979 stützt sich auf die Unterlagen der Archive des Auswärtigen Amts, die bis dato keinem Forscher zur Verfügung gestellt worden sind. Er zitiert aus ihnen. Vielleicht verschaffte ihm seine Tätigkeit als wissenschaftlicher Mitarbeiter der Bundestagsfraktion der Grünen (1984-1988) das Privileg des Einblicks in die noch “geheimen” Beweise.

Zudem bezieht er sich auf persische Quellen im Original, deren Herkunft er zum Teil nicht preisgibt. Die reichlich verwendeten englischen Referenzen dürften den deutschen Lesern weniger bekannt sein.

Der 1955 geborene Politologe und Publizist Küntzel ist nicht erst seiner Doktorarbeit über die Geschichte des Atomwaffensperrvertrags und das, was er die “deutsche nukleare Option” nennt, für seine kühnen Thesen bekannt.

Richtschnur Antisemitismus

“Terrorismus” heißt bei ihm “Djihadismus”. Im Zusammenhang mit den Attentaten vom 11. September 2001 stellt er fest, dass Islamismus und Nationalsozialismus historisch und ideologisch eng miteinander verknüpft seien. Sein Argument stützt sich auf die Behauptung, der Antisemitismus sei nicht nur das zentrale Motiv des Nationalsozialismus, sondern auch des Islamismus. Antisemitismus ist ebenso die zentrale Richtschnur, an der Küntzel die bilaterale Beziehung zwischen Iran und Deutschland misst. Er fängt mit dem Anfangskapitel des aus fünf Kapiteln bestehenden Buches an: “Das Kaiserreich, die Nazis und Iran”.

In diesem Abschnitt versucht Küntzel, die Züge des deutschen Nationalsozialismus in den persischen Islamismus hineinzulesen, und zeichnet die historische Entwicklung dieser “verhängnisvollen Freundschaft” seit dem 19. Jahrhundert nach. Seit der Zeit also von Kaiser Wilhelms Orientreise und dem “künstlichen Djihad” des Max Freiherr von Oppenheim aus der Kölner Bankerdynastie. Dieser renommierte Orientalist und Amateurarchäologe wollte vor dem ersten Weltkrieg militante Moslems für die deutsche Kriegsmaschine einspannen.

Ein besonderes Kapitel widmet Küntzel “Deutschland als Gründer der persischen Industrie”, in dem er “die wirtschaftliche und ideologische Kooperation” zwischen Deutschland und Iran, besonders in der Zeit des Nationalsozialismus hervorhebt. Damals wurde Hitler von manchen schiitischen Predigern im Iran als zwölfter Imam, also als lang ersehnter muslimischer Messias, angesehen.

Nach dem Nationalsozialismus setzten Deutschland und Iran ihre Beziehungen wieder fort, wobei die iranische Seite immer wieder betonte, an die guten Kontakte mit dem Hitlerregime anknüpfen zu wollen. Nach der islamischen Revolution von 1979 hatte die neue Regierung in Teheran keine Probleme, die Zusammenarbeit mit Deutschland, das kurz zuvor das Schah-Regime unterstützt hat, weiter zu vertiefen.

Auch Deutschland führte die bilaterale Zusammenarbeit fort, selbst nach der Präsidentschaft von Mahmud Ahmadinedjad mit seinem Propagandaapparat, der ununterbrochen Antisemitismus in Iran, dem “arischen Partnerstaat Deutschlands” schürt. Das ist die Kernaussage des Buches: 100 Jahre verhängnisvolle Freundschaft, die vor allem von der Rassenideologie der Nazis gepflegt und getrieben und begleitet wurde/wird, ganz abgesehen von der Art des politischen Systems, der Ideologie, des Regierungsprogramms und der Staatschefs beider Länder; Kaiser Wilhelm, Hitler, Schröder, Merkel, Mossadegh, Reza Schah, Khatami, Ahmadinedjad. Für den Verfasser dieses Buches sind sie alle aus dem gleichen Holz geschnitzt.

Küntzel will Licht in die “unsichtbare Vergangenheit” der deutsch-iranischen Beziehungen bringen, scheitert aber an seiner Befangenheit und der Verzerrung der Tatsachen. Er schreibt den politischen Brüchen und Spannungen in den verschiedenen Epochen, die diese Freundschaft überschattet haben, keine große Bedeutung zu und berücksichtigt sie bei seiner Schlussfolgerung auch nicht: wie etwa der Widerstand der iranischen Regierung gegen Hitlers Antisemitismus zeigt.

Zufluchtsland Persien

Reza Schah, der Vater des späteren Mohammad Schah Reza Pahlavi etwa, der Iran zu Beginn des Zweiten Weltkrieges neutral erklärt hatte, lehnte es im Oktober 1940 vehement ab, die Rassenideologie der Nazis im Iran umzusetzen. Dadurch schützte die Regierung die persischen Juden vor den antisemitischen Maßnahmen der Nazibesatzer (Deportation und Ermordung) erfolgreich.

In vielen Details ist Küntzels Buch durchaus aufschlussreich. Er erwähnt sogar, dass Persien damals für viele deutsche Juden ein lebensrettendes Zufluchtsland gewesen sei, weil sie vor Abschiebung und Verfolgung geschützt waren, wie das Schicksal von etwa 1.000 jüdischen Kindern, den so genannten “Teheraner Kindern” offenbart.

Diese Kinder hatten den deutschen Terror in Polen überlebt und landeten nach einer Odyssee über Sibirien und dem Kaukasus im Sommer 1942 in Teheran: “Dort konnten sie gepflegt und betreut werden und erreichen im Februar 1943 nach einer weiteren Odyssee über Karachi und Suez schließlich Palästina”, schreibt Küntzel.

Die “Teheraner Kinder” sind nicht die einzigen historischen Zeugen, die Küntzels Theorie von der inneren Wesensverwandtschaft des iranischen und des nazistischen Regimes widerlegen. Sie zeigen aber wie problematisch er vorgeht: Er reduziert seine umfangreiche gesellschaftliche und wirtschaftliche Analyse auf einen einzigen ideologischen Faktor, den Antisemitismus.

Der erlaubt es zwar durchaus, Parallelen zur deutschen NS-Geschichte zu ziehen. Daraus aber eine historische Kontinuität der “verhängnisvollen Freundschaft” zwischen beiden Ländern zu entnehmen zu wollen, ist fatal und macht die Gegenwart der deutsch-iranischen Beziehungen letzten Endes nicht richtig sichtbar.
Quelle: Der Freitag, 1. Februar 2010
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KATAJUN AMIPUR (DEUTSCHLANDRADIO): “SCHADE UND DUMM”

Wenn man der Logik des Matthias Küntzel einmal folgt, erscheint alles ganz plausibel: Die Nazis haben die iranische Bevölkerung einst indoktriniert – über Radio Zeesen. Weil man gemeinsame Feinde hatte – die Briten und die Russen – verfing die Propaganda auch; außerdem hatte man gemeinsame arische Wurzeln. Und auf dieser Klaviatur spielten die Nazis. Dann geriet dies Projekt, die Judenfeindschaft, in Vergessenheit – allein die deutsch-iranische Freundschaft dauerte weiter an.

Doch in den letzten Jahren, grundsätzlich seit der Islamischen Revolution, aber vor allem seit Ahmadinedschad an der Macht ist, knüpft die iranische Seite wieder an das Projekt der Judenverfolgung an. Das liest sich dann so:

“Seit 1933 wurde die deutsch-iranische Freundschaft auch rassistisch, als Zusammengehörigkeit der ‘Arier’ definiert. Seither ist sie vom Nationalismus kontaminiert und hat diesen Flair bis heute beibehalten.

Denn im Unterschied zu Deutschland, wo man von dem Arier-Phantasma nach 1945 kaum noch etwas wissen wollte, hat sich in Iran die fixe Idee, dass Deutsche Arier und somit ‘rassisch’ höherwertiger als andere seien, bewahrt. Nicht selten wird der Nationalsozialismus mit einem unreflektierten Stolz in Erinnerung gerufen.”

Das ist ein bisschen dicke. Küntzels Äußerungen sind von einer absoluten Unkenntnis der iranischen Gesellschaft geprägt. Aber es kommt noch besser:

“Wir sehen daran, dass Iran nicht nur der Horror einer nationalsozialistischen Besatzung erspart geblieben ist. Sie blieben auch von jedweder kritischen Aufarbeitung dieses Geschichtsabschnitts ‘verschont’.

Hätten die Deutschen nach 1945 mit der Nazivergangenheit wirklich gebrochen, hätten iranische Liebesbekundungen für Hitler und das ‘Ariertum’ auf Empörung stoßen müssen. Doch ganz so geläutert waren die Deutschen, zumal jene, die die deutsche Iranpolitik organisierten, nicht. Die Hitler-Begeisterung vieler Iraner wurde ignoriert oder akzeptiert, belächelt und manchmal vielleicht ein bisschen genossen.”

Die Hitlerbegeisterung also ist für Küntzel der Grund für das bis heute sehr gute deutsch-iranische Verhältnis. Dumm daran ist nur, dass das nicht stimmt: Es ist absurd, die Iraner als ein Volk von Antisemiten und Hitlerverehrern hinzustellen, aus den Äußerungen Ahmadinedschads auf die Gesellschaft zu schließen und dann auch noch die Brücke zu schlagen vom Islamismus über die Atombombe zu Israel, womit dann ja klar sei, dass Iran die Judenvernichtung plane. Wie will Küntzel in diesem Zusammenhang erklären, dass in Iran bis heute die größte jüdische Gemeinde des gesamten Nahen Ostens- abgesehen von Israel natürlich – lebt?

Dabei ist die grundsätzliche Frage, die er stellt, ja richtig. Sie wurde allerdings nicht von Küntzel gestellt, wie er selber schreibt, sondern von Salman Rushdie. Rushdie hatte vor Langem gefragt:

“Deutschland unterhält mehr Wirtschaftsbeziehungen zum Iran als jeder andere europäische Staat. Ich muss mich fragen, warum eigentlich? Warum gibt es in Ihrem Land diese geradezu begeisterte Unterstützung für dieses Regime?”

Es sei dahingestellt, ob es sich hier um eine “begeisterte” Unterstützung handelt. Aber sicher ist es eine interessante Frage, warum Deutschland diese außergewöhnlich guten Beziehungen nie genutzt hat, um Druck auf die iranische Führung auszuüben: in Menschenrechtsfragen, bei der Mykonos-Affäre, bei der Rushdie-Affäre, nach den Wahlen im Sommer und in der Atomfrage. Das ist sicher ein großer Fehler der Bundespolitik. Aber die Ursache für dieses Fehlverhalten, die Küntzel nahe legt, ist haarsträubend.

Hinzu kommt: Küntzel liegt in einigen Fällen so nachweißlich falsch, dass es dem Leser schwer fällt, ihm da Glauben zu schenken, wo er Recht haben könnte. Das ist schade, denn das Thema, das Küntzel hier zum ersten Mal bearbeitet, ist wirklich interessant und viele Fragen sind offen. Aber wenn er behauptet, dass Ahmadinejad im Jahre 1979 an der Besetzung der Teheraner US-Botschaft beteiligt gewesen sein soll, obschon selbst der amerikanische Geheimdienst bereits vor Jahren erklärt hat, dass dem nicht so war, dann macht er sich einfach unglaubwürdig.

Oder wenn er behauptet, dass Khomeyni gemeinsam mit anderen religiösen Fanatikern 1953 den Sturz des Ministerpräsidenten Mossadegh herbeigeführt haben soll. Khomeyni war daran nicht beteiligt, weil er sich nämlich damals an die Order seines Mentors hielt, dass sich die Geistlichkeit nicht in die Politik einmischen darf. Küntzel schreibt:

“Als Mossadegh 1953 mit dem Gedanken spielte, das Frauenwahlrecht einzuführen, schlug sich Khomeini auf die Seite des Schahs, um Mossadegh, den Frevler, zu stürzen. Als später der Schah das Frauenwahlrecht einführte, wandte sich Khomeini abrupt auch von ihm ab und propagierte seinen Sturz.”

In zwei kurzen Sätzen schafft es Küntzel mehrere Unwahrheiten unterzubringen: Khomeini hat sich nie auf die Seite des Schahs geschlagen; er hat nie gegen Mossadegh agitiert, sondern ihn – aus eben genanntem Grund – nur nie unterstützt und er hat sich nicht später abrupt vom Schah abgewendet, sondern war dem Schah schon immer feindlich gesonnen – und zwar keineswegs nur, weil dieser Frauen das Wahlrecht geben wollte, sondern auch wegen dessen Politik der gewaltsamen Verwestlichung und wegen seiner diktatorischen Herrschaftsweise.

Küntzel aber lässt alles weg, was nicht zu seinem Geschichtsbild und seiner Agenda passt. Man fragt sich, wo Küntzel seine Informationen über die iranische Geschichte her nimmt. Es gibt eine ganze Palette hervorragend recherchierter Sekundärliteratur zur neueren iranischen Geschichte: Berge von Büchern, die vor allem von iranischen Iranisten aus den USA oder iranischen Journalisten der BBC verfasst worden sind, die dem Regime bestimmt nicht freundlich gesonnen sind, denn es hat sie ins Exil getrieben; die sich aber im Gegensatz zu Küntzel an den Fakten orientieren und nicht an dem, was ins eigene Bild passt. Dass Küntzel anders verfährt, ist schade und dumm: Denn die Fakten sind schon schlimm genug, die braucht man nicht noch aufzublähen.
Quelle: “Lesart” vom 10. 1. 2010, in: Deutschlandradio Kultur; mein Kommentar über diese Rezension findet sich hier
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RALF BALKE (HANDELSBLATT): SEIT 30 JAHREN AUF DEM SONDERWEG

Deutsche Unternehmen und der Iran unterhalten schon seit langem intensive Wirtschaftsbeziehungen – die oft kritisierte Zusammenarbeit hat nicht nur wirtschaftliche Gründe. Der Politologe Matthias Küntzel hat jetzt in einem Buch eine beunruhigende Analyse der deutsch-iranischen Beziehungen vorgelegt.

DÜSSELDORF. “Deutschland unterhält mehr Wirtschaftsbeziehungen zu Iran als jeder andere europäische Staat. Ich muss mich fragen, warum eigentlich?” Mit dieser Frage konfrontierte der Schriftsteller Salman Rushdie bereits 1996 in einem Interview mit deutschen Journalisten seine Gesprächspartner. Die Antwort blieben sie ihm damals schuldig. Schließlich machen deutsche Unternehmen in Iran ungeachtet der Tatsachen, dass Teheran überall in der Welt den islamistischen Terror sponsert und auf dem besten Wege ist, eine Atommacht zu werden, weiterhin gute Geschäfte. Laut Bundesagentur für Außenwirtschaft sind sie gerade in Schlüsselindustrien wie dem Maschinenbau die wichtigsten Zulieferer. Gerade deshalb wären deutsche Sanktionen besonders schmerzhaft für die Mullahs.

“Der Grundstein für diese Sonderstellung wurde in den zwanziger Jahren gelegt”, schreibt Matthias Küntzel. Der Politologe hat eine Bestandsaufnahme der deutsch-iranischen Beziehungen seit ihren Anfängen im späten 19. Jahrhundert verfasst. Dabei richtet er den Fokus insbesondere auf die Zeit nach der islamischen Revolution.

Denn das Jahr 1979 bedeutet eine tiefgreifende Zäsur. Zum einen wurde der Schah gestürzt. Zum anderen entstand mit der “Islamischen Republik” ein Gottesstaat, dessen politisches System eigentlich im völligen Widerspruch zu allen gängigen republikanischen Werten steht. Für das deutsch-iranische Verhältnis blieb das nicht ohne Folgen: “Vor 1979 war die Sonderbeziehung zu Iran in eine vom Westen insgesamt präferierte Kooperationspolitik eingebettet. Jetzt ging Bonn zur westlichen Iranpolitik auf Distanz und beschritt einen Sonderweg”, so Küntzel.

Obwohl Teheran die Angehörigen der Botschaft des deutschen Bündnispartners USA als Geiseln festhielt und die Uno gegen den Mullah-Staat immer wieder Sanktionen verhängte, verzeichnete der deutsch-iranische Handel neue Rekorde. Und selbst der Einsatz iranischer Todesschwadrone auf deutschem Boden, die 1992 in dem Berliner Restaurant Mykonos Oppositionelle hinrichteten, konnte daran nichts ändern. “Was hält Deutschland davon ab, seine Beziehungen abzubrechen oder auf ein Minimum zu reduzieren?” fragt Küntzel. Wirtschaftliche Interessen alleine könnten es nicht sein bei 0,6 Prozent Anteil des Iran-Handels am Gesamtvolumen der deutschen Exporte. Also sucht Küntzel die Antworten in der Vergangenheit und macht auf Affinitäten zwischen beiden Ländern aufmerksam. Die Faktenfülle muss jeden interessierten Leser nicht nur beeindrucken, sondern auch beunruhigen.
Quelle: Handelsblatt vom 8. Januar 2010
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HARALD ASEL (RBB-INFORADIO): “LESENSWERT”

Und schließlich hat sich der Hamburger Politikwissenschaftler Matthias Küntzel mit der über alle Regime hinweg beständig engen Zusammenarbeit von Deutschland und Iran befasst. Was bei Wilhelm Zwo und seinem Ziel, einen muslimischen Dschihad gegen die Engländer und Russen zu entfesseln beginnt, was über die Arierfreundschaft zwischen Hitler und dem ersten Pahlewischah trägt, es findet auch in der nicht nur wirtschaftlichen Zusammenarbeit von Bundesrepublik und Islamischer Republik Iran ihre Fortsetzung. Die Stoßrichtung Küntzels ist klar: er fordert den Abbruch des nur vermeintlich “kritischen Dialoges”, wirtschaftliche Sanktionen, gegebenenfalls auch militärisches Eingreifen.

Was das Buch lesenswert macht, ist die Analyse der im Westen, vor allem in Deutschland, bereitwillig aufgenommenen antiwestlichen Ressentiments, das kritischen Strömungen im Iran ihre Argumente aus den Händen schlägt. Wo er die Naivität jener kritisiert, die auf Reformkräfte im iranischen Establishment setzen, mag seine eigene Überzeugung, nur ein regime change in Richtung Westen löse die Atombombengefahr ebenso hinterfragt werden. Denn die Frontlinien sind in der iranischen Gesellschaft nicht so leicht zu ziehen – wie uns der Roman von Doulatabadi vorführt.
Quelle: Neu im Buchregal, in: Radio Berlin-Brandenburg – Inforadio, 5. Januar 2010
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WOLFGANG G. SCHWANITZ (TAGESSPIEGEL): “ZEIT, DIESE FREUNDSCHAFT AUFZUKÜNDIGEN”

Deutschland, schreibt der Hamburger Politikwissenschaftler Matthias Küntzel, pflege seit jeher eine “verhängnisvolle Traditionsfreundschaft” mit dem Iran. Es sei auch angesichts der Tatsache, dass Irans Präsident Mahmud Ahmadinedschad den Holocaust leugnet und Teheran Israel auslöschen will, Zeit, diese Freundschaft aufzukündigen und “den moralischen Kompass, der Berlin abhandengekommen ist, wieder an seinen Platz zu stellen”.

Küntzel, der durch sein Werk “Jihad und Judenhass” bekannt geworden ist, nimmt in seinem Buch die bilateralen Beziehungen zwischen Deutschland und Iran unter die Lupe, er zeigt Licht und Schatten in der gemeinsamen Geschichte auf. Küntzel führt den Leser in Zeiten zurück, in denen Kaiser Wilhelm Dschihadrevolten im Rücken seiner Feinde anzettelte. Die Iraner erzählten sich damals Geschichten von “Hajj Wilhelm Muhammad”, der zum Islam konvertiert sei.

Darauf bauten die Nazis auf. Laut Küntzel setzten sie nicht nur auf das gemeinsame “Ariertum”, sondern stellten Adolf Hitler zugleich als den im Koran angezeigten Messias vor. Das half am Ende wenig, doch geblieben sind fragwürdige Achsen im Spiel der Nationen – und eine Beziehung, in der antidemokratische Trends zum Vorschein kommen und virulenter Judenhass. Erst der Schah und dann die Islamische Revolution: Hier Unternehmer, die nach der Islamischen Revolution 1979 Mullahs auf den Pfauenthron halfen; dort Ayatollahs, die politische Gegner gar in Europa und Deutschland verfolgen und ermorden ließen. Die lange Hatz auf Salman Rushdie und die Toten im Berliner Mykonos-Restaurant belegen das. (Laut Küntzel hätten Politiker in Bonn versagt. Hier ist das Buch zu westdeutsch. Ostdeutsche waren im Kalten Krieg auch aktiv: Schah Reza Pahlavi wollte Erich Honecker besuchen, die Laudatio lag in der Humboldt-Universität vor, Stasi-Chef Mielke sperrte – Aktion “Koexistenz” – die Stadt ab, Spitzel beschatteten Kritiker.)

Küntzel sieht in der besonderen Abhängigkeit Irans von der Technologie aus Deutschland aber auch eine Chance. “Die Verhärtung des internationalen Atomkonflikts ging mit der statuspolitischen Aufwertung der Bundesrepublik einher.” Deutschland verfüge daher über einen Hebel, schreibt er, das Regime in Teheran zum Einlenken zu bewegen. Er macht aber auch deutlich, warum die Führer des iranischen Regimes durchaus schwierige Verhandlungspartner sind: Todessüchtige Märtyrer lassen sich nicht abschrecken. Und damit schließt er historisch einen Kreis: Kann und will Berlin seine Rolle erfüllen, um den zweiten Holocaust und das nukleare Wettrüsten in Mittelost zu verhindern?

“Berlin”, schreibt Küntzel, “steht auch beim Atomstreit in der vordersten Reihe – aber nicht bei jenen, die das Unheil abzuwenden suchen, sondern bei jenen, die ihm den Weg bereiten.”
Quelle: Der Tagesspiegel, 4. Januar 2010
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WOLFGANG G. SCHWANITZ (SÜDDEUTSCHE ZEITUNG): “EINFACH AUFWÜHLEND”

Irans Atomforschung sei eine Wende in der Weltpolitik, jubelte Irans Präsident Ahmadinedschad seinen Anhängern zu. Sie diene allen, die sich entschlossen Aggressoren widersetzten. Nie zuvor, vermerkt Matthias Küntzel in seinem Buch über Deutsche und Iraner, griff ein Regime mit einer solcher Fanfare nach Kernwaffen. Der Hamburger Politologe, bekannt durch sein Buch über den Dschihad und den Judenhass, spitzt das so zu: Teheran gehe es nicht um die Suche nach Stabilität, sondern darum, mit
einigem Wirbel die bestehende Weltordnung zu beseitigen.

Aber der iranische Frieden sei nicht unser Frieden. Denn in Teheran stehe er im Kontext des Judenhasses. Dazu zitiert der Autor erneut den Präsidenten: Wenn sich dieser Frieden ausbreitet, merzen die Völker auch den Zionismus aus. Laut Küntzel liege das voll auf der Linie der Nazis, die 1943 ihr Kriegsziel als die weltweite Beseitigung der Juden angaben, was erst den ewigen Frieden erlaube.

Die Nuklearisierung Irans ist für Küntzel ein Albtraum. Denn nuklear gerüstete Terroristen könnten dann ihre erpresserische Rolle spielen. Im Übrigen würde die arabische Welt atomar nachziehen: Sunniten suchten Schutz gegen das nukleare Schwert der Mullahs. Sollte das Teheraner Regime Atomwaffen bekommen, drohe den sechs Millionen Juden Israels ein
weiterer Holocaust. Diesmal mit Hilfe von Raketen. Und durch die falsche Politik der Großmächte, darf man ergänzen, die sich durch den vermeintlichen Dialog täuschen lassen.

Ist das nicht nur ein böser Traum, fragt sich der Autor, funktioniert nicht mehr die Logik der Abschreckung? Irans ehemaliger Präsident Haschemi Rafsandschani hat aber Ende 2001 einen Atomschlag gegen Israel als “nicht irrational” bezeichnet, selbst wenn unzählige Muslime bei einem nachfolgenden Gegenschlag umkämen. Israel, so diese Logik des
Ayatollahs, sei dann ausgelöscht, während der islamische Raum “nur beschädigt” wäre. Also könne man bei den Jüngern Chomeinis nicht davon ausgehen, dass, wie einst im Kalten Krieg, das rationale Kalkül der gegenseitigen Abschreckung den Ernstfall verhütet. Die Sowjets und Amerikaner wollten überleben. Daher habe diese Abschreckung damals auch gewirkt.

In Chomeinis Lehre hingegen sei die Parole “Ihr liebt das Leben, wir lieben den Tod” und die massenhafte Opferung der Bassidschi-Kinder auf den Minenfeldern im Krieg gegen den Irak der Beweis, dass es sich um eine lebensfeindliche Anschauung handele. Küntzel erhebt das zur Regel: Wer dem Märtyrertod entgegenfiebere, der lasse sich nicht abschrecken.
Dies führt zu der Kernaussage des Buches. Es sei nicht die Technik, die Irans Atomehrgeiz so gefährlich mache. Sondern ihr Kontext. Jenes Gebräu aus Todessehnsucht und Waffen-Uran, aus Holocaustleugnung und Hightech, aus Schia-Erlösertum und waffenfähigem Plutonium.

Für Leser, die Provokationen mögen, fügt der Autor zwei Gedanken hinzu. Lediglich im Iran gehe das schiitische Phantasma religiöser Auserwähltheit mit der Physik der Massenvernichtung einher. Hier komme erstmals die
Destruktivität der Atombombe mit dem Furor eines neuen Religionskrieges zusammen.

Starke Thesen. Man mag sich fragen, ob das nicht überzogen ist und Momente aus Epochen und Räumen verknüpft, die auf den ersten Blick recht wenig miteinander zu tun haben. Also ist dies eine typisch europäische Übertreibung? Ja und nein.

Ja, weil der Autor seine Erfahrungen aus dem Werden Europas einspeist. Dabei recherchierte er gut die wechselseitigen Beeinflussungen in der deutsch-iranischen Historie. Darin zeigt er Überraschendes: wie Wilhelm II. den Dschihad im Weltkrieg schürte, wie die Nazis daran anknüpften und “Arier im Iran” entdeckten, und was zwischen Bonn und Teheran nach dem Krieg alles ablief. Die deutsche Wirtschaft, auch das erhellt Küntzel, lieferte Bausteine für Irans atomares Mosaik. Aber mit ihrem Gewicht als Haupthandelspartner kann sie Böseres verhüten.

Nein, dieser Autor denkt universell, zumal es seit dem Holocaust nicht mehr verniedlicht werden darf, wenn die radikalsten Regime nach Massenvernichtungswaffen streben. Er nimmt deren Erklärungen ernst. Der regionale Rüstungswettlauf muss gestoppt werden. Seine Beziehungen sollte Berlin in Teheran dafür benutzen. Das ist die Botschaft, die Küntzels deutsch-iranisches Prisma ausleuchtet.

Nicht alles mag der Leser teilen und einiges, so die ostdeutsche Seite, fehlt. Doch spannungsreich ist dieser Band bis zum Schluss. Einfach aufwühlend.
Quelle: Süddeutsche Zeitung, 21. Dezember 2009
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DR. JOHANNES KANDEL (BERLIN): “UNVERZICHTBARE AUFKLÄRUNG”

Matthias Küntzels Buch sollte zur Pflichtlektüre insbesondere der Damen und Herren im Auswärtigen Amt werden, die sich um die Entwicklung des deutsch-iranischen “Sonderverhältnis” so zweifelhafte Verdienste erworben haben. Auch die außenpolitischen Sprecher der Parteien sollten Küntzels kenntnisreiches und spannend geschriebenes Buch zur Kenntnis nehmen.

Das wäre auch hilfreich für diejenigen Wissenschaftler, etwa bei der Stiftung Wissenschaft und Politik, die sich seit Jahren darum mühen, das iranische staatsterroristische Mullahregime als “normalen Staat” mit “berechtigten Interessen” (u.a. auch auf Atomkraft) darzustellen, die ideologischen Komponenten der islamistischen Staatsräson ausblenden und die Bedrohung durch eine mögliche Atommacht Iran gefährlich herunterspielen.

Küntzel zeigt schonungslos den Charakter des Regimes auf: Es ist ein islamistisches, von religiös-apokalyptischer Vernichtungsideologie geprägtes Herrschaftssystem, das sich als Inkarnation des “wahren Islam” betrachtet und diese schariageleitete totalitäre Ordnung global durchsetzen will. Viel zu lange hat der Westen diese religiös-ideologische Dynamik unterschätzt und mit immer neuen Beschwichtigungsgesten den Mullahs signalisiert, dass sie nichts zu befürchten haben.

Namentlich die Bundesrepublik Deutschland scheint an der Entwicklung des “Sonderverhältnisses” zum Iran, vorrangig aus ökonomischen Gründen, ein besonderes Interesse zu haben. Küntzel arbeitet glänzend die Geschichte dieses “Sonderverhältnisses” auf, vom Kaiserreich über den Nationalsozialismus (der bei Antisemiten wie Ahmadinedschad und seiner Herrschaftsclique bis heute große Sympathien findet!) bis in die Gegenwart.

Bis auf wenige Ausnahmen war die deutsche Politik gegenüber dem Iran von zögerlicher Kritik (“kritischer Dialog”),appeasement und wohlwollender Unterstützung geprägt. Weder die Bedrohungen Salman Rushdies durch Khomeinis berüchtigte “Todesfatwa”, die Mykonos Morde (Ermordung kurdischer Politiker 1992 im Lokal Mykonos in Berlin durch Geheimdienstmitarbeiter des Iran auf Anordnung von Ayatollash Khamenei!), die Besetzung der US-Botschaft und die kontinuierliche brutale Unterdrückung der politischen Opposition im Lande, konnten bisherige Bundesregierungen dazu veranlassen, sich den – auch häufig noch zögerlichen – Forderungen der US-Regierung nach Sanktionen anzuschließen. Selbst die durch Griff nach der Atombombe dranmatisch verschäfte Vernichtungsdrohung gegen Israel hat – abgesehen von gelegentlich starker Rhetorik – daran wenig geändert.

Es ist zu wünschen, dass Küntzels Buch endlich eine breite öffentliche Diskussion über die “verhängnisvolle Freundschaft” mit einem undemokratischen, die Menschenrechte mit Füßen tretenden, Regime befördert. Wir brauchen eine deutliche Wende in der Iranpolitik.
Quelle: www.amazon.de, 10.Dezember 2009
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CHAIM NOLL (DIE WELT): “DIESES BUCH KÖNNTE ANSTOSS ZU EINEM RETTENDEN GESINNUNGSWANDEL WERDEN”

Kein anderes Land sorgt derzeit für solche Verwirrung in der internationalen Politik wie der Iran, wörtlich “Land der Arier”, in der selbstgewählten Bezeichnung des dort seit 1979 herrschenden Regimes radikaler Kleriker: “Islamische Republik Iran”. Seit der Machtergreifung durch fundamentalistische Geistliche vor dreißig Jahren ist die Politik dieses Landes strikt gegen den Westen gerichtet. Der staatsoffizielle Hass gilt besonders den USA und Israel, deren “Vernichtung” offen propagiert wird. Auch Irans Nachbarn werden bedroht. Sie gelten als vom Westen korrumpiert. Im März 2009 erhob der Iran Anspruch auf das Territorium des arabischen Nachbarlandes Bahrain. Auch die Beziehungen zu Saudi Arabien, Ägypten, Kuwait, den Vereinigten Arabischen Emiraten und anderen Staaten der Region sind überaus gespannt. Die vom Iran unterhaltenen Terror-Organisationen Hamas und Hisbollah haben weltweite Netzwerke installiert, mit Zellen in zahlreichen westlichen Staaten.

Dieser ohnehin den Mittleren Osten beunruhigende, fundamentalistische Staat betreibt seit längerem ein forciertes Nuklear-Programm und den Ausbau seines Raketensystems, was den Drohgebärden gegenüber der westlichen Welt und den Nachbarstaaten erschreckenden Nachdruck verleiht. Seit dem Amtsantritt des derzeitigen Präsidenten Ahmadinedschad 2005, der einen neuen Höhepunkt der expansiven, anti-westlichen Außenpolitik verkörpert, wird das iranische Atomprogramm zunehmend zur internationalen Gefahr. Ein atomar gerüsteter Iran könnte nicht nur die nukleare Drohung zur Durchsetzung seiner hegemonialen Ansprüche in der nahöstlichen Region einsetzen, er würde auch ein nukleares Wettrüsten im mittleren Osten auslösen und atomare Waffen in die Verfügbarkeit internationaler Terrorgruppen lancieren, woraus eine Bedrohung für Nordamerika, Europa und andere Zentren westlichen Lebens erwüchse.

Die Unentschlossenheit der westlichen Staaten, auf diese Bedrohungen zu reagieren, ihre Uneinigkeit, ihre Neigung zum Aufschieben und Ausweichen, ihre, wie der Exil-Iraner Amir Taheri schreibt, “präventive Kapitulation”, ist Grund wachsender Besorgnis bei Nahost-Experten und anderen Beobachtern. Der Hamburger Politikwissenschaftler Matthias Küntzel, ein ausgewiesener Kenner der iranischen Entwicklungen, widmet sein neues Buch einem speziellen Phänomen: den deutsch-iranischen Beziehungen und ihren Auswirkungen auf die Situation im Mittleren Osten und in der Welt.

Küntzel hat bereits seit Jahren die immensen Auswirkungen der “Achse Berlin-Teheran”, der “verhängnisvollen Freundschaft” zwischen Deutschland und dem Iran dargestellt. Das neue Buch gibt ihm Gelegenheit, die historische Entwicklung dieser Beziehung seit dem 19. Jahrhunderts, seit Kaiser Wilhelms Orientreise und dem “künstlichen Djihad” des Barons von Oppenheim, nachzuzeichnen. Ein besonderes Kapitel gilt “Deutschland als Gründer der persischen Industrie”. Die Zusammenarbeit wurde in der NS-Zeit durch Hitlers Wirtschaftsminister Hjalmar Schacht vertieft. Schon damals sei, so Küntzel, der Grundstein für die heutige “Sonderstellung” Deutschlands innerhalb des iranischen Wirtschaftsgefüges gelegt worden: “Heute wird viel über das iranische Atomprogramm und die Effektivität wirtschaftlicher Sanktionen diskutiert. Wer in diesem Zusammenhang den Stellenwert des deutschen Maschinenbaus für Iran überprüft, kann nur staunen.”

Inzwischen versorgen deutsche Firmen iranische Produzenten mit technologischer Hilfe bei Uran-Anreicherung und Raketenbau. Hightech-Ausrüstungen von Siemens befähigen das Regime, wie anlässlich der blutig niedergeschlagenen Proteste kürzlich bekannt wurde, Internet und Mobiltelefon-Netze des Landes zu blockieren, eine Hilfe bei der Unterdrückung der iranischen Bevölkerung.

Deutschland ist seit längerem der größte Handelspartner des Teheraner Regimes. Dabei werden amerikanische und UN-Sanktionen umgangen, aber auch deutsche Gesetze verletzt, etwa das Waffenkontrollgesetz, und schwere Vorwürfe der westlichen Alliierten in Kauf genommen. Detailliert belegt Küntzel die ständige Zunahme des deutschen Handelsvolumens mit dem Iran. Nach seiner These erfolgte der entscheidende Schritt 1984: “Die westdeutsche Außenpolitik stand 1984 vor der Wahl. Mit der Geiselnahme von 1979 und der massenhaften Opferung iranischer ‘Märtyrer’-Kinder hatten Irans neue Herrscher ihr Gesicht gezeigt. Spätestens jetzt hätte die Bundesregierung ihre Beziehungen zum Iran entkoppeln und auf ein Mindestmaß beschränken können. Diese Option schlug man aus.” Stattdessen habe der Besuch des damaligen deutschen Außenministers Hans-Dietrich Genscher die Fortsetzung des Sonderverhältnisses zwischen Deutschland und Iran besiegelt. Küntzel zitiert Salman Rushdie, der 1996 erklärte:

“Deutschland unterhält mehr Handelsbeziehungen zum Iran als jeder europäische Staat. Ich muss mich fragen, warum eigentlich? Warum gibt es in Ihrem Land diese geradezu begeisterte Unterstützung für dieses Regime?... Wenn die Deutschen ernsthaft entschlossen wären, dieses Problem zu lösen, dann könnten Sie es auch.”

Küntzel wirft Schlaglichter in eine Welt schattenhafter Geschäfte und geheimer politischer Abmachungen. Sein Buch ist voller Zahlen, Belege und Beispiele für eine Mesalliance, der man als Leser ein baldiges Ende wünscht. Der Autor bemüht sich um eine leidenschaftslose, klare Sprache, er beschränkt sich auf die beredten Fakten und erspart dem Leser polemische Ausfälle gegen das Regime, selbst wo diese nahe liegen. Es wird schwer sein, mitten in einer Wirtschaftskrise den Rückzug aus profitablen Geschäften populär zu machen, doch dieses Buch könnte Anstoß zu einem rettenden Gesinnungswandel werden.
Quelle: Die Welt, 28. November 2009
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HENRYK M. BRODER: “DAS BUCH IST AUFREGEND UND SPANNEND VON DER ERSTEN BIS ZUR LETZTEN SEITE”

In diesen Tagen kommt der neue Film des auf Katastrophen und Untergänge spezialisierten Regisseurs Roland Emmerich in die Kinos. “2012” greift eine Vorhersage der Maya auf, wonach die Welt am 21. Dezember 2012, also in drei Jahren, zu existieren aufhört. Laut Emmerichs Co-Autor, Harald Kloser, soll es der ultimative Katastrophenfilm werden, einer, “nach dem es eigentlich keine weiteren Katastrophenfilme mehr geben” kann.

Das klingt vielversprechend, und falls Sie schon mal einen Film von Emmerich gesehen haben, wissen Sie, was sie erwartet: eine digitale Gruselpartie, die freilich nach 158 Minuten vorbei ist.

Wenn Sie sich allerdings wirklich und nachhaltig gruseln wollen, wenn Sie nach einer Geschichte suchen, die Ihnen nachts den Schlaf raubt und Sie tagsüber in einen Albtraum versetzt, dann besorgen Sie sich das eben erschienene Buch “Die Deutschen und der Iran” des Hamburger Politologen Matthias Küntzel. Und lassen Sie sich von dem ruhigen Titel nicht täuschen, das Buch ist aufregend und spannend, von der ersten bis zur letzten Seite.

Küntzel beschreibt die “Geschichte und Gegenwart einer verhängnisvollen Freundschaft” zwischen Deutschland und dem Iran (bzw. Persien), von der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts über die Weimarer Republik und das Dritte Reich bis heute. Man könnte von einer Liebesaffäre zwischen zwei extrem ungleichen Partnern sprechen, die alle Kriege, Krisen und Kalamitäten überstanden hat.

Ob in Deutschland der Kaiser regierte, ein Gefreiter aus Österreich oder ein Sozialdemokrat, die deutsch-iranische Freundschaft stand nie zur Disposition, völlig unabhängig davon, wer in Teheran das Sagen hatte – der Schah, eine durch Wahlen legitimierte Regierung oder eine Bande von Klerikern, die sich an die Macht geputscht hatte.

Schon Adolf Hitler, schreibt Küntzel, “wurde, solange er Kriege gewann, als der ‘Zwölfte Imam’, als schiitischer Messias, verehrt.” Später pflegte man erst einen “kritischen”, dann einen “konstruktiven Dialog”, immer mit dem Ziel, die deutsch-iranische Freundschaft über alle Zeitläufe zu bewahren. “Wenn es etwas gibt, was jene hundertjährige Tradition auszeichnet”, sagt Küntzel, dann war es die Unterdrückung von Menschenrechten und Demokratie, “mal im Iran, mal in Deutschland, mal in beiden Ländern zur gleichen Zeit”. Hinzu kam: man hatte gemeinsame Feinde, gegen die man sich wehren musste, früher Russland, heute die USA. Inzwischen ist Deutschland Teil eines europäischen Schutzschilds, der “sich zwischen Iran und Amerika stellt – nicht um die USA vor den Islamisten, sondern um die Islamisten vor den USA zu schützen”.

Durchgesetzt wird diese Strategie mit einer Politik der Arbeitsteilung. Während die Kanzlerin erklärt, man könne einen Iran, der nach Atomwaffen strebe, nicht gewähren lassen, sorgt die deutsche Politik mit Hilfe der deutschen Wirtschaft dafür, dass der Iran in die Lage versetzt wird, seine nuklearen Fantasien zu verwirklichen.

Diese Heuchelei ist kein Privileg der Konservativen. Im Jahre 2000 wurden von der grünen Böll-Stiftung siebzehn iranische “Persönlichkeiten aus Politik, Wissenschaft, Religion und Medien” zu einer Konferenz nach Berlin eingeladen, um über “die Reformdynamik in der islamischen Republik” zu diskutieren. Zurück im Iran, wurden die Teilnehmer der Konferenz festgenommen und vor ein Revolutionsgericht gestellt – weil sie angeblich die Sicherheit Irans gefährdet und gegen Allah gekämpft hatten. Zehn der siebzehn Angeklagten wurden “zu schockierend hohen Strafen” verurteilt, so bekamen zwei iranische Dolmetscher zehn beziehungsweise neun Jahre. Dennoch hielt sich der damalige grüne Außenminister Fischer mit Kritik an den Urteilen zurück, um die Beziehungen zum Iran nicht zu gefährden. Man könnte auch sagen: Die Grünen haben ihre Gäste der Staatsräson geopfert.

Für eine solche Politik des Appeasements können wirtschaftliche Gründe allein nicht entscheidend sein. Die deutsche Wirtschaft macht zwar Milliardengeschäfte mit dem Iran, aber die machen nicht einmal ein Prozent der deutschen Exporte aus. Was ist es dann? Die “sichtbare Gegenwart der deutsch-iranischen Beziehungen”, so Küntzel, “wird durch deren unsichtbare Vergangenheit geprägt”.

Man könnte auch sagen: Alte Liebe rostet nicht.
Quelle: Weltwoche (Schweiz) 47/09, 19. November 2009
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RALPH GERSTENBERG (DEUTSCHLANDFUNK): “LESENSWERT UND ERHELLEND”

Im Herbst 2005 machte der Politikwissenschaftler und Publizist Matthias Küntzel auf der Frankfurter Buchmesse eine befremdliche Entdeckung: Freundlich lächelnd händigten ihm iranische Buchhändler englische Ausgaben der “Protokolle der Waisen von Zion” sowie anderer antisemitischer Machwerke aus. Wenig später kündigte der iranische Präsident Mahmoud Ahmadinedschad in seiner berühmt-berüchtigten Rede an, Israel von der Landkarte radieren zu wollen. Als Ahmadinedschad ein Jahr danach den Holocaust leugnete, war die öffentliche Entrüstung hierzulande zwar groß, auf politische Konsequenzen wartete man jedoch vergebens. Spätestens als 2007 die iranischen Kernwaffenpläne bekannt wurden und man in Deutschland das Recht des Irans auf bombenfähige Atomanlagen diskutierte, stellte sich für Matthias Küntzel eine dringende Frage:

Auf der einen Seite haben wir ein Regime, das den Antisemitismus leugnet und die Holocaustleugnung als einziges Land der Welt zur Staatspolitik erklärt und ein Land wie Israel auslöschen will, auf der anderen Seite unterhält Deutschland mehr kulturelle, politische und wirtschaftliche Beziehungen zu diesem Land als jede andere westliche Macht. Ich muss mich fragen: Warum ist das eigentlich so? Und das ist der Ausgangspunkt meines Buches.

Matthias Küntzel beschreibt in seinem Buch “Die Deutschen und der Iran” detailliert die “Geschichte und Gegenwart einer verhängnisvollen Freundschaft, die ihre Wurzeln bereits in der Kaiserzeit hatte. Unter Wilhelm II. wurde der Iran zum Rohstofflieferanten und Technologieimporteur Deutschlands. Mit deutscher Technik, die bis heute beinahe fetischartig in dem persischen Staat verehrt wird, wurde in den 20er-Jahren maßgeblich die iranische Industrie aufgebaut. Bereits in den Jahren des Ersten Weltkriegs versuchten die Deutschen den Handelspartner im Nahen Osten auch politisch zu instrumentalisieren, indem sie das islamische Land zum Dschihad gegen die verfeindeten Briten und Russen anstachelten. Den Höhepunkt erreichte die wirtschaftliche und ideologische Kooperation zwischen Deutschland und dem Iran in der Zeit des Nationalsozialismus. Damals wurde Hitler von schiitischen Predigern gar als zwölfter Imam, also als lang ersehnter muslimischer Messias, angesehen. Der goebbelssche Propagandaapparat konzentrierte sich darauf, den Antisemitismus in dem arischen Partnerstaat zu schüren.

Man hatte am Anfang große Probleme, den rassistischen Judenhass der Deutschen im Iran zu schüren. Iran bedeutet zwar das Land der Arier. Aber dieser Arierbegriff schließt Juden und andere Religionen mit ein. Es war eine nationalistische Konzeption und keine religiöse Konzeption. Von daher hatten die Deutschen am Anfang richtig Schwierigkeiten, ihren rassistischen Antisemitismus nach Iran zu verpflanzen. Aber es gelang dann über diese Schiene, dass man sagte: Mohammed hat ja auch schon die Juden vernichtet in Medina, heute will Hitler die Juden vernichten, da ist der Zusammenhang zur Religion. Darüber wurde sehr offen in den Propagandatexten und in den Propagandaanweisungen der Nazis diskutiert, wie man das erreichen könnte, aus dem Iran ein antisemitisches, aber auch dann später ein antiamerikanisches Land zu machen. Und man macht sich gar nicht klar, wie stark Geschichte heute nachwirkt.

Matthias Küntzel zeigt in seinem Buch eine frappierende Kontinuität der “verhängnisvollen Freundschaft” zwischen beiden Ländern, die politische Brüche erstaunlich mühelos überstanden hat. Als ob sich weltpolitisch nichts verändert hätte, wurden nach dem Zweiten Weltkrieg die bilateralen Beziehungen bald wieder aufgenommen, wobei man von iranischer Seite immer wieder betonte, an die guten Kontakte mit dem Hitlerregime anknüpfen zu wollen. Nach der islamischen Revolution von 1979 hatte die neue Regierung in Teheran keine Probleme, mit Deutschland, das kurz zuvor noch fest an der Seite des Schahs gestanden hat, die Zusammenarbeit weiter zu vertiefen. Weder der Mordaufruf gegen Salman Rushdie, noch der vom iranischen Geheimdienst in Auftrag gegebene Anschlag im Berliner Restaurant Mykonos konnten dieser Allianz etwas anhaben.

Nun ist es aber durch den Atomkonflikt so, dass Deutschland an der Seite der fünf Vetomächte des Sicherheitsrates eine global bedeutsame Rolle beim Iran-Dossier spielt, das heißt, was immer das Außenministerium in dieser Frage entscheidet, hat eine globale Relevanz. Dennoch gibt es in Deutschland keine richtig entwickelte Diskussion über die Stoßrichtung dieser deutschen Iranpolitik. Das möchte mein Buch gerne verändern.

Matthias Küntzel weist auf die massive Gefährdung Israels durch iranische Atomwaffen und die besondere Verantwortung Deutschlands hin, das mit seinen Technologielieferungen immer wieder die Sanktionspläne des Sicherheitsrates, dem es selbst angehört, konterkariert. Ein Gleichgewicht des Schreckens, das im Kalten Krieg ein nukleares Inferno verhindert hat, weil jede Atommacht den Gegenschlag fürchtete, scheitert heute am religiösen Fanatismus der Mullahs.

Wenn es eine Erfahrung gibt, die wir als Nachgeborene aus dem Schrecken des Holocaust und des Zweiten Weltkrieges ziehen können, dann ja wohl die, dass man die Ankündigungen von Antisemiten, die behaupten, sie seien von der Vorsehung oder von einem 12. Imam geschickt worden, um ihr Werk zu vollenden, dass man die Ankündigung von solchen Leuten sehr ernst nehmen muss, dass man sie nicht nur verlachen darf. Und wenn also jetzt seit 30 Jahren und in den letzten Jahren verschärft die Auslöschung Israels durch den Iran propagiert wird, dann muss man auch das richtig ernst nehmen.

Matthias Küntzels lesenswertes und erhellendes Buch, das vor allem mit der Darstellung der deutsch-iranischen Beziehungen der letzten 30 Jahre Neuland betritt, ist auch ein leidenschaftliches Plädoyer. Küntzel ruft dazu auf, die seit der Kaiserzeit gewachsenen wirtschaftlichen, kulturellen und politischen Beziehungen mit dem Iran dafür zu nutzen, eine andere Politik in dem Golfstaat zu erzwingen. Angesichts der blutig niedergeschlagenen Proteste nach dem Wahlbetrug in Teheran sei es besonders wichtig, seinen politischen Standpunkt klar zu definieren. Die Gesellschaft im Iran stehe längst nicht mehr homogen hinter den regierenden Mullahs.

Insofern muss auch die deutsche Industrie sich die Frage stellen: Wem wollen wir für die Zukunft die Hand reichen? Denjenigen, die gieren nach Freiheit, oder denjenigen, die diese Freiheit unterdrücken.
Quelle: Andruck, in: Deutschlandfunk, 26. Oktober 2009
http://www.dradio.de/dlf/sendungen/andruck/1058164/
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MICHA BRUMLIK (taz): “UNERLÄSSLICH”

Den künftigen deutschen Außenminister wird wohl die FDP, die Partei Möllemanns und Kinkels, stellen. Mit Blick auf den größten weltpolitischen Krisenherd, die iranische Atomrüstung, wirkt das keineswegs beruhigend. Angesichts der erwartbaren Debatten ist es unerlässlich, sich die eigentümliche Zuneigung Deutschlands zum Iran zu vergegenwärtigen. Das macht die neue Studie von Matthias Küntzel, die dieser Beziehung in den letzten 100 Jahren nachgeht.

Küntzel zeigt, wie sich das Kaiserreich an der Modernisierung Persiens beteiligte, wie wichtig Iran nach dem Ersten Weltkrieg für die deutsche Exportindustrie wurde und wie gut die Beziehungen des NS-Regimes zu Iran waren. Einige Mullahs hielten Hitler gar für den 12. Imam. Die brisanteste Erkenntnis mit der Küntzel aufwartet, ist sein Nachweis, dass der Putsch gegen Premier Mossadegh 1953 nicht nur von Briten und CIA zu verantworten ist, sondern auch von der schiitischen Geistlichkeit, die Mossadegh noch mehr hasste als die monarchistische Restauration und deswegen stillhielt.

Küntzels Deutungen hinterlassen Fragen: War es nur das Deutsche Reich, das den theologischen Gedanken des Dschihad politisch instrumentalisierte und damit den modernen Islamismus auf den Weg brachte? Ist es erstaunlich, dass sich Teile der Eliten in halb kolonialen Ländern wie dem von der Sowjetunion und Großbritannien besetzten Iran an deren Hauptfeind Nazideutschland hielten? Für noch mehr Streit dürfte die Bemühung sorgen, nachzuweisen, dass Joschka Fischer entgegen seiner stets beteuerten Solidarität mit Israel der deutschen Exportwirtschaft und somit der iranischen nuklearen Aufrüstung erheblich geholfen habe. Von Kinkel über Fischer zu Westerwelle: Man wird den künftigen Außenminister daraufhin beobachten müssen, ob er in die Spur dieser Tradition tritt.
Quelle: taz, 14. Oktober 2009

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Besprechungen von "Die Deutschen und der Iran"

Wissenschaftlich äußerst fundiert

Eine Rezension der persischsprachigen Ausgabe von “Die Deutschen und der Iran” von Dr. Mostafa Danesch, Köln, den 10.09.2013

Das Buch von Dr. Matthias Küntzel “Deutschland und der Iran – Geschichte und Gegenwart einer verhängnisvollen Freundschaft” beschäftigt sich mit der Geschichte der Beziehungen zwischen Deutschland und dem Iran und umfasst eine Zeitspanne, die vom 19. Jahrhundert bis in die Gegenwart reicht. Das Buch wurde von Herrn Michael Mobasheri ins Persische übersetzt und erschien bei Forough Publishing in Köln.

Nach der Lektüre der persischen Fassung kann ich sagen, dass es wissenschaftlich äußerst fundiert ist. Viele Fakten, insbesondere aus der Zeit vor und nach dem Ersten Weltkrieg, in Nazi-Deutschland und während des Zweiten Weltkriegs, waren sogar mir unbekannt.
Es zeigt auf, wie eine ausländische Macht den Islam und die Kräfte im Iran missbrauchte, um die eigenen Interessen durchzusetzen.

Der Autor zeichnet die Beziehungen zwischen den beiden Ländern sogar bis ins 19. Jahrhundert nach. So besuchte 1873 Nassereddin Schah Berlin, und 1885 eröffnete der Iran die erste diplomatische Vertretung in Berlin. Die Beziehungen zwischen dem Iran und Deutschland waren so eng und herzlich, dass 1906 die erste deutsche Schule im Iran eröffnet wurde, deren Absolventen später in Deutschland studieren sollten. Deutschland wollte eine germanophile iranische Elite ausbilden. Für Deutschland war damals der Iran als “Tor nach Indien” von strategischer Bedeutung im Konkurrenzkampf mit dem Erzfeind Großbritannien. Während des Ersten Weltkriegs versuchte man, den Iran als Verbündeten auf die Seite Deutschlands und Österreichs zu ziehen.

Ab 1939, mit dem Beginn des Zweiten Weltkriegs, installierte Nazi-Deutschland im Iran ein Spionagenetzwerk von ca. 100 Personen, um den Iran gegen die westliche Koalition einzunehmen und in diesem Sinne besonders Einfluss auf den Islam im Iran auszuüben. Auf S. 62 der persischen Fassung lesen wir, dass 1936 Hjalmar Schacht, Handelsminister und Chef von Hitlers Zentralbank, nach Teheran reiste und von Reza Schah, dem Vater des letzten Schah, und seinem Nachfolger Mohammad Reza Schah herzlich empfangen wurde. Beim Abschied zeigten Reza Schah und Mohammad Reza Schah sogar den Hitlergruß.

Vor dem Zweiten Weltkrieg reisten häufig iranische Politiker nach Berlin, wo sie von Hitler, Göring und auch Schacht freundlich empfangen wurden. 1937 reiste Baldur von Schirach, Führer der Hitlerjugend, nach Teheran und wurde von Reza Schah empfangen. Seit 1938 war Nazi-Deutschland Irans bedeutendster Handelspartner im Westen.

Das Buch zeigt interessante Facetten dieser Einflussnahme auf: So predigten schließlich viele Geistliche im Iran von der Kanzel, Adolf Hitler sei die Verkörperung des zwölften, verborgenen Imam der Schiiten. Sie bezeichneten ihn als Retter der Welt vor dem Joch Großbritanniens. Zudem versuchte Hitlerdeutschland im Iran, seine antisemitische Politik durchzusetzen und die islamische Geistlichkeit gegen die Juden im Iran zu mobilisieren.

Das Buch behandelt jedoch nicht nur die Zeit vom Ende des 19. Jahrhunderts bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs, sondern auch die Islamische Republik und ihre engen Beziehungen vor allem zur Bonner Regierung. Der letzte Teil des Buchs schließlich zeichnet Deutschlands Politik gegenüber dem iranischen Atomprogramm nach.

Wie das Buch beeindruckend aufzeigt, bestehen trotz aller Differenzen, z.B. in Menschenrechtsfragen, die freundschaftlichen Beziehungen zwischen Deutschland und dem Iran durch politische Höhen und Tiefen hindurch weiter. Wie stark und wie tief in der Geschichte beider Länder diese Beziehungen verankert sind, ist das eigentliche Thema des Buchs, das dem Leser einen ganz neuen Blick auf das Verhältnis zwischen dem Iran und Deutschland eröffnet.

Wie der Autor in seinem Vorwort schreibt, war es gerade dieser Aspekt, der ihn bei seinen Recherchen faszinierte und ihn bewog, diesen Schwerpunkt zu setzen. Dies ist ihm ausgezeichnet gelungen.

Die persische Übersetzung von Michael Mobasheri ist hervorragend. Sie trifft den Ton des Originals und ist zugleich auch auf Persisch so flüssig geschrieben, dass sie sich ausgezeichnet lesen lässt.

Hervorzuheben sind die zahlreichen Fußnoten des Übersetzers, die weitere inhaltliche Erläuterungen und Fakten liefern. Dies erhöht den Lesegewinn für den persischsprachigen Leser noch zusätzlich.

Als jemand, der seit 40 Jahren journalistisch tätig ist und selbst mehrere Bücher über ähnliche Themen verfasst hat, kann ich dem persischsprachigen Leser, der sich über die Geschichte der deutsch-iranischen Beziehungen informieren möchte, dieses Werk nur wärmstens ans Herz legen.

Die iranische Übersetzung dieser Rezension finden Sie bei den Rezensionen der persischen Ausgabe dieses Buchs.
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CAMPUSBLOG ZÜRICH: EIN GROSSER WURF

(...) Auch Küntzels Ausführungen zum Islamismus iranischer Prägung und zum erzreaktionären Revolutionsführer Khomeini sind erhellend. Schonungslos stöbert er die Mythen auf, die das Regime und westliche Sympathisanten um seine Person gelegt haben. Kurzum: Küntzel gelingt mit die Deutschen und der Iran ein grosser Wurf. Mit grosser Schärfe schildert er die mehr als zweifelhafte Rolle Deutschlands im Iran in den letzten hundert Jahren, als dessen wesentliche Antriebskraft bis heute Küntzel ein anti-westliches und gegenaufklärerisches Motiv analysiert. Wenn die deutsche Regierung auch nur ein Quentchen Würde besässe, so müsste ihr ob dieser Darstellung die Schamesröte ins Gesicht steigen.

Das vollständige Interview befindet sich auf Campusblog Zürich

Veröffentlicht am 22. März 2010 auf CAMPUSBLOG, Zürich
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RUTH CONTRERAS (SPME-FACULTY FORUM): “COHERENT ANALYSIS”

Given the systematic violation of human rights in Iran, Ahmadinejad’s repeated threats to wipe Israel off the map and campaign of Holocaust denial, it is difficult to understand the long-lasting friendship between Germany and Iran.

In Die Deutschen und der Iran, Matthias Kuentzel comes to grips with this implicit contradiction by explaining the history of this relationship from its inception at the end of the Nineteenth Century, when Iran’s economy was still underdeveloped and based mainly on agriculture, to the present, when Iran is rapidly approaching the status of a nuclear power. Kuentzel’s study is based on several sources, particularly documents from the archives of the German Ministry of Foreign Affairs which have not been studied previously.

From 1888 on, Imperial Germany developed a policy with regard to the Middle East. Germany took an interest in Iran as a source for raw materials and as a commercial market. During the First World War, the relationship between Germany and Iran grew closer and, for the first time, Germany called on Muslims to join a “Holy War” against the enemies of Germany and the Austro-Hungarian Empire.

Kuentzel describes the relationship between Nazi Germany and Iran and documents the “Aryan” basis of this relationship as well as the veneration of Hitler as the Twelfth Imam. While the Iranian ruler Reza Shah was an admirer of Hitler during the early 1930s, he opposed antisemitism. This policy changed in 1936 when Jews fleeing from Nazi Germany were denied refuge in Iran.

In several previous articles, Kuentzel noted the role of German short-wave radio broadcasts of Nazi propaganda to the Middle East, which also reached Iran. The book documents the role of this radio-station, Radio Zeesen, which broadcasted daily doses of antisemitism to the Islamic world in Arabic, Turkish and Persian from April 1939 to April 1945, thus encouraging the growth of Muslim anti-Semitism.

The relationship between Germany and Iran continued after the Second World War. Iranians encouraged the Germans to shed their feelings of guilt for crimes which they committed during the Nazi era, and many Nazi-collaborators fled to Iran and escaped persecution. This fact may explain the origins of postwar Iranian antisemitism and Holocaust denial.

As Kuentzel shows, the friendship between Iran and Germany continued after the Khomeini Revolution and the establishment of the Islamic Republic in 1979. Kuentzel makes use of original sources in order to highlight the influence of the antisemitism of the Khomeini Revolution upon the development of Islamic antisemitism in general.

Islamism has its beginnings in the first half of the Twentieth Century and is rooted in in the Iranian Islamic fundamentalist secret society Fadayan-i-Islam (“Devotees of Islam”) and the connections with the Muslim Brotherhood, the Ikhwan, and the first urban Islamic mass movement, which was founded in Egypt in 1928. Since the 1950s, both movements organized campaigns against Zionism and Imperialism.

Kuentzel describes Khomeini’s fascistic ideology which defines Allah as the ruler over Iran and the antisemitic and authoritarian features of the Revolution. He shows how Western governments including Germany have misunderstood this revolution.

In 1979 young Iranians associated with the new regime occupied the United States Embassy in Tehran and held U.S. diplomats hostage for 444 days. During the Iran-Iraq war (1982-1988), the Khomeini regime sent thousands of Iranian children into mine fields to become martyrs.

Despite protests in the German Parliament, Foreign secretary Hans-Dietrich Genscher made a visit to Iran in 1984 to promote economic ties, and the government directed the media to avoid criticism of the Khomeini regime. Genscher pointed out that “Iran had no bad memories of Germany,” and that Germany never had a colonial presence in Iran, and many Iranians admired Nazi Germany. Kuentzel describes Genscher’s visit to Iran as an act of solidarity against the West and America in particular. Last but not least, Iran is important to Germany because of its strategic geographical location between Asia and Europe

Kuentzel tries to explain the reasons for this continuous friendship in spite of the Myconos case (in September 1992 Iranian agents in an act of state terrorism murdered four Kurdish leaders of the Iranian opposition in a Berlin restaurant), the Rushdie Affair, Holocaust-denial, terrorism and denial of the State of Israel’s right to exist.

The basis for this relationship was the long tradition of a friendship between Germany and Iran. Germans mistakenly believed that the Khomeini revolution was progressive, and the Iranians who did not accept any intervention or criticism were interested in benefiting from cooperation with Germany.

The last part of the book deals with the situation under Ahmadinejad. It appears that the same paradigm applies also to the present. Ahmadinejad repeatedly encourages Germans to “liberate themselves from their feelings of guilt for the crimes they committed during the Second World War and to defend themselves against the repression of the “Zionists.” According to a letter written by Ahmadinejad and quoted by Kuentzel, Iranian-German economic cooperation depends on an alliance against the USA and Israel. There has been no extensive discussion of this letter. Ahmadinejad’s repeated threats to wipe Israel off the map and his Holocaust denial are ignored in favour of promoting economic ties between Iran and Germany.

In view of the realistic possibility that Iran may soon possess the ability to construct a nuclear bomb, Kuentzel argues that there may be changes in the policies of Germany and Europe.

Hopefully, this coherent analysis of the cooperation between Germany and Iran will be translated into English and serve as an important basis for rethinking the relationship between Iran and the West in general and Germany in particular.
Quelle: Faculty Forum der “Scholars For Peace In The Middle East”, March 14, 2010
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CHRISTIAN STOCK (IZ3W): “AN KLARHEIT KAUM ZU ÜBERBIETEN”

Ausgangspunkt des neuen Buches von Matthias Küntzel über Die Deutschen und der Iran war die Irritation, die ein Erlebnis auf der Frankfurter Buchmesse 2005 auslöste. Iranische Buchhändler überreichten dem Hamburger Publizisten dort freundlich lächelnd ein Exemplar des antisemitischen Machwerks »Die Protokolle der Weisen von Zion«. Eine Woche später hielt Ahmadinejad seine berüchtigte Rede, in der er angekündigt haben soll, Israel von der Landkarte radieren zu wollen.

Überrascht war Küntzel weniger von diesen an Khomeini anknüpfenden Worten, sondern vom Ausbleiben massenhaften Protests. Gerade mal 60 Personen nahmen an einer Kundgebung vor dem iranischen Konsulat in Hamburg teil. Und die deutsche Wirtschaft samt der deutschen Außenpolitik? Business as usual: Deutsche Firmen machten weiterhin emsig Geschäfte mit dem Iran, man suchte den »Dialog« mit den Mullahs und beließ es bei einigen verbalen Missfallensbekundungen bezüglich des Atomprogramms. Die linke und grüne Opposition in Deutschland verteidigte derweil das Recht des Irans auf Atomanlagen und verwahrte sich gegen die Einmischung durch UNO, USA oder andere Staaten.

Zu Recht fragt sich Küntzel: »Woher kam jener Überschuss an Wohlwollen, der Teheran, bei allem, was es machte, entgegenschlug?«. Waren es die Geschäftsinteressen der deutschen Wirtschaft oder allgemeine geostrategische Interessen, Stichwort Öl? Beides reicht laut Küntzel nicht aus, um das enge Verhältnis zu begründen. Was Deutschland von anderen westlichen Staaten maßgeblich unterscheide, seien weniger die gegenwartsbezogenen Aspekte, sondern die »unsichtbare Vergangenheit« der deutsch-iranischen Beziehungen, deren »historisches Kontinuum«.

Gibt es also einen deutsch-iranischen Sonderweg? Küntzel präsentiert zahlreiche Fakten, die diesen Eindruck untermauern.

Die gemeinsame Geschichte begann Ende des 19. Jahrhunderts, als das junge deutsche Kaiserreich sich um intensive Beziehungen zu Persien bemühte, zunächst vor allem im wirtschaftlichen Bereich. Nicht zufällig reiste etwa Johannes Georg Siemens nach Persien – der Mitgründer jenes deutschen Konzerns, der bis heute im Iran aktiv ist und unter anderem Technologie zur Überwachung der Oppositionsbewegung lieferte.

Unter jungen persischen Intellektuellen galt es zu Beginn des 20. Jahrhunderts als modern, prodeutsch zu sein, war das Deutsche Reich doch Gegner jener Mächte, von denen Persien sich bedroht sah: Großbritannien und Russland.

Über die gemeinsamen wirtschaftlichen und machtpolitischen Interessen hinaus kam aber zunehmend ein weiteres Motiv zum Tragen: Die Islam-Sympathie weiter Teile der deutschen Elite und das damit verbundene romantische Motiv, die als »unverfälscht« wahrgenommene vormoderne Welt zu idealisieren. In Persien glaubte man einen geistesverwandten Verbündeten gegen den verhassten Westen gefunden zu haben.

Die beiderseitige Sympathie überstand bis heute all jene Entwicklungen, die eigentlich für eine deutliche Abkühlung der deutsch-iranischen Beziehungen hätten sorgen müssen: Erster Weltkrieg, Nationalsozialismus, Zweiter Weltkrieg, Schah-Regime, Islamische Revolution und schließlich die erneute Radikalisierung unter Ahmadinejad. Im Iran wurden von erheblichen Teilen der Bevölkerung erst der Kaiser, dann Hitler als »Befreier« verehrt. Hitler galt sogar als der »Zwölfte Imam« und wurde von schiitischen Scheichs als Nachkomme Mohammeds bezeichnet.

Zwar stellte sich der Iran im Zweiten Weltkrieg nie ganz offen auf die deutsche Seite. Doch es gab eine starke prodeutsche Bewegung und eine enge inoffizielle Zusammenarbeit, die erst durch den Einmarsch Russlands und Großbritanniens erschwert wurde.

Mit seiner historischen Spurensuche verfolgt Küntzel keineswegs rein wissenschaftliche Zwecke. Im Gegenteil, er schrieb ein im engeren Sinne politisches Buch, denn er will erklärtermaßen Einfluss nehmen auf die deutsche Iranpolitik. Er sieht zwei Alternativen: Die zahlreichen Verbindungsstränge zwischen Teheran und Berlin könnten entweder »Sicherungsnetz für die gegenwärtige Politik der iranischen Machthaber« sein oder aber »Druckmittel, um den Kurs Teherans zu ändern«.

Als Beispiel für den Einfluss Deutschlands führt Küntzel die iranische Abhängigkeit von deutscher Technologie an, die seit den 1920er Jahren bestehe und die auch heute nicht ohne weiteres durch russische oder chinesische Ersatzlieferungen aufgehoben werden könne.

Die Proteste der iranischen Bevölkerung seit Juni 2009 gegen das Regime begrüßt Küntzel als »potentiellen Wendepunkt«. Jedoch habe sich »die gefährlichste Gruppe innerhalb des islamistischen Systems an die Macht geputscht«. Die Gefahr nuklearer Abenteuer sei daher gestiegen. Daraus folgt für ihn: »Die Unterbindung der iranischen Bombe ist ein kategorischer Imperativ unserer Zeit«.

Auf Grundlage dieses Befundes kritisiert Küntzel einflussreiche Berater der deutschen Außenpolitik, wie Volker Perthes, Direktor der Stiftung Wissenschaft und Politik, und dessen Vorgänger Christoph Bertram. Ersterer verharmloste die iranische Atombombe als »Instrument zur Wahrung der nationalen Interessen der Islamischen Republik«. Letzterer empfahl im August 2009, ein »neues kooperatives Verhältnis zu Teheran zu suchen, ganz gleich, wer dort regiert«.

Küntzel argumentiert in sich schlüssig, und schon rein sprachlich ist seine Darstellung an Klarheit kaum zu überbieten. Das zeichnet sie aus gegenüber vielen anderen Publikationen zum Iran, die sich lieber nicht so genau festlegen wollen.

Ein Manko ist, dass Fakten, die seinen Thesen widersprechen, von Küntzel unterbelichtet werden. Beispielsweise kommt die Kritik, die dem Mullah-Regime seit 1979 durchaus auch aus Deutschland entgegenschallt, und zwar aus ganz verschiedenen politischen Lagern, bei ihm kaum vor. Der behauptete »diffuse Allparteienkonsens« ist nicht so umfassend, wie Küntzel es dramatisierend darstellt. Sein Buch ist der beste Beweis dafür.

Was allerdings bislang tatsächlich fehlt, ist eine konsequente Umorientierung der deutschen Iranpolitik inklusive ihrer zivilgesellschaftlichen Komponente: Unterstützung der demokratischen Opposition statt Dialog mit dem Regime. Dafür stehen die Chancen derzeit besser denn je.
Quelle: iz3w Nr. 317, März/ April 2010, S. 46
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STEPHAN GRIGAT (HAGALIL): “DETAILLIERTE ANALYSE UND LEIDENSCHAFTLICHES PLÄDOYER”

Die Wahrnehmung der “Islamischen Republik Iran” ist im deutschsprachigen Raum trotz des derzeitigen medialen Getöses weiterhin geprägt von einer Verharmlosung des antisemitischen Charakters des Regimes und Beschwichtigungen hinsichtlich der Bedrohung, die vom iranischen Atomprogramm für Israel, den Westen und die iranische Bevölkerung ausgeht.

Der Hamburger Politikwissenschaftler Matthias Küntzel führt in seiner kürzlich erschienenen Studie zahlreiche Beispiele für einen derart getrübten Blick auf die iranischen Machthaber an. Er setzt dagegen eine detaillierte Analyse der von antiwestlichem Antiliberalismus, Judenhass und Israelfeindschaft, pathologischer Misogynie und globalen Herrschaftsansprüchen geprägten Gedankenwelt und Praxis der khomenistischen Ajatollahs. Sowohl an seiner Darstellung der Anfänge des Islamismus in Iran in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts als auch an der Analyse des apokalyptischen Mahdi-Glaubens der derzeitigen iranischen Führung wird man in zukünftigen Debatten nicht vorbei kommen.

Küntzel stellt sich die Frage, warum ein Nachfolgestaat des Nationalsozialismus wie die Bundesrepublik zu einem derartigen Regime die engsten Beziehungen unterhält und dafür auch regelmäßig Konflikte mit seinen westlichen Verbündeten riskiert. Warum war es Hans-Dietrich Genscher, der 1984 als erster NATO-Außenminister den neuen Machthabern in Teheran seine Aufwartung machte? (Der erste Außenminister eines westlichen Landes, wie Küntzel schreibt, war er strenggenommen nicht. Wenige Monate vorher war bereits Erwin Lanc, der damalige sozialdemokratische Außenminister Österreichs zu einer Visite in den Iran aufgebrochen und hatte so den Besuch seines deutschen Amtskollegen mit vorbereitet.) Warum liefern deutsche Unternehmen mit staatlichen Förderungen jährlich Waren im Wert von rund 4 Milliarden Euro in den Iran? (Ein Konzern wie Siemens, der angekündigt hat, ab Mitte 2010 keine neuen Aufträge mehr aus dem Iran annehmen zu wollen, wird nichtsdestotrotz auch dieses Jahr voraussichtlich wieder Waren im dreistelligen Millionenbereich in den Iran liefern, und immer mehr deutsche Lieferungen gehen nicht direkt ins Reich der Mullahs, sondern beispielsweise über die Vereinigten Arabischen Emirate.) Und warum ist Deutschland weiterhin einer der größten Bremser in der Debatte um schärfere Sanktionen gegen Teheran, obwohl mittlerweile auch der deutschen Politik klar sein dürfte, dass die Diktatur aus Mullahs und Revolutionsgarden mit Hochdruck an Nuklearwaffen arbeitet? (Bei der aktuellen Debatte um neue UN-Sanktionen betreibt Deutschland, derzeit im Gegensatz zu Frankreich, eine Verwässerung der angestrebten Beschlüsse und schließt gleichzeitig jede militärische Intervention gegen die iranischen Nuklearanlagen aus – auch für die Zukunft, wie Außenminister Westerwelle vergangenen Sonntag in der ZDF-Sendung “Berlin direkt” unmissverständlich klar gemacht hat.)

Küntzel verweist zu recht darauf, dass das heutige deutsche Sonderverhältnis zum Iran nicht allein aus den politischen und ökonomischen Interessen der Bundesrepublik verstanden werden kann und zieht die historisch gewachsene Freundschaft der beiden Länder als Erklärung heran – eine Freundschaft, deren Grundlage schon im 19. Jahrhundert gelegt wurde und sich mit einer frappierenden Kontinuität vom Kaiserreich und der Nazizeit über die Modernisierungsdiktatur des Schah bis in die Gegenwart der “Islamischen Republik” hielt. Weder die islamische Revolution 1979 noch die von den Spitzen des iranischen Staates befohlenen Morde an iranischen Oppositionellen auf deutschem Territorium Anfang der 90er Jahre, die systematische Leugnung des Holocaust oder die Vernichtungsdrohungen gegenüber Israel konnten dieser Freundschaft bisher etwas anhaben.

Als der mit Abstand wichtigste Handelspartner des iranischen Regimes im Westen hätte Deutschland die besten Karten in der Hand, um die Machthaber in Teheran massiv unter Druck zu setzen. Als Gründe, warum das bisher aber nicht passiert, führt Küntzel neben den gewachsenen historischen Beziehungen und den ökonomischen und geopolitischen Interessen auch eine Mischung aus Kulturrelativismus, antiwestlichem Ressentiment und Naivität an, die tatsächlich die gesellschaftlichen und außenpolitischen Debatten in Deutschland stark prägen.
Küntzels Buch ist nicht nur eine detaillierte Analyse, sondern zugleich ein leidenschaftliches Plädoyer. Drastisch führt er die Gefahren vor Augen, die ein nuklear bewaffneter Iran für den Staat der Shoahüberlebenden und ihrer Nachkommen bedeuten würde. Er verdeutlicht, dass sich nicht nur Berliner Politiker, sondern auch die deutschen Unternehmen die Frage stellen müssen, wem im Iran sie in Zukunft die Hand reichen wollen: einer despotischen Theokratie, in der apokalyptische Djihadisten wie Ahmadinejad immer mehr Macht an sich reißen, oder “der nach Freiheit gierenden Bevölkerung”.

Fraglich bleibt, ob Küntzel recht hat, wenn er darauf insistiert, dass das vorpreschende Agieren des iranischen Regimes europäische Staaten wie Deutschland vor die Entscheidung stellt: “An der Seite des Westens gegen den Islamismus? Oder an der Seite des Islamismus gegen Israel und die USA?” Diese Alternative löst Beklemmungen aus, denn aus Gründen, die sich bei Küntzel nachlesen lassen, ist trotz 60 Jahren militärischer Westbindung keineswegs ausgemacht, wie Deutschland sich in dieser Frage in der Zukunft positionieren wird. Möglich wäre allerdings auch, sich nicht zu entscheiden und die bisherige Politik des postnazistischen Deutschlands fortzusetzen, bei der beständig zwischen Westbindung und “deutschem Weg” geschwankt wird.

Dementsprechend verwundert lässt einen der Schluss des Buches zurück. Küntzel postuliert, Deutschland solle “den moralischen Kompass, der Berlin abhandengekommen ist, wieder an seinen Platz stellen”, wo er doch gerade auf 300 Seiten die ebenso kontinuierliche wie skrupellose Iran-Politik vom Kaiserreich bis zur Berliner Republik beschrieben hat. Einmal abgesehen davon, dass sich der Sinn derartiger Kategorien für die Kritik der deutschen Außenpolitik nicht erschließt, fragt man sich, wann der “moralische Kompass” in Berlin denn “an seinem Platz” gestanden haben soll.
Quelle: http://buecher.hagalil.com/2010/02/kuentzel/print/ vom 10. Februar 2010
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FAHIMEH FARSAIE (DER FREITAG): “VERZERRUNG DER TATSACHEN”

Die “sichtbare Gegenwart der deutsch-iranischen Beziehungen wird durch deren unsichtbare Vergangenheit geprägt”, schreibt der Hamburger Politikwissenschaftler Matthias Küntzel in seinem jüngsten Buch Die Deutschen und der Iran. Einen Vorteil hat das Buch. Man weiß sofort, worauf sein Autor hinauswill. Denn der Untertitel dieses 300-seitigen Buches, das voller Zahlen, Belege und Beispiele ist, zeigt unmissverständlich seine kritische Sicht: Geschichte und Gegenwart einer verhängnisvollen Freundschaft.

Küntzels Recherche über die bilaterale Zusammenarbeit zwischen Iran und Deutschland seit 1979 stützt sich auf die Unterlagen der Archive des Auswärtigen Amts, die bis dato keinem Forscher zur Verfügung gestellt worden sind. Er zitiert aus ihnen. Vielleicht verschaffte ihm seine Tätigkeit als wissenschaftlicher Mitarbeiter der Bundestagsfraktion der Grünen (1984-1988) das Privileg des Einblicks in die noch “geheimen” Beweise.

Zudem bezieht er sich auf persische Quellen im Original, deren Herkunft er zum Teil nicht preisgibt. Die reichlich verwendeten englischen Referenzen dürften den deutschen Lesern weniger bekannt sein.

Der 1955 geborene Politologe und Publizist Küntzel ist nicht erst seiner Doktorarbeit über die Geschichte des Atomwaffensperrvertrags und das, was er die “deutsche nukleare Option” nennt, für seine kühnen Thesen bekannt.

Richtschnur Antisemitismus

“Terrorismus” heißt bei ihm “Djihadismus”. Im Zusammenhang mit den Attentaten vom 11. September 2001 stellt er fest, dass Islamismus und Nationalsozialismus historisch und ideologisch eng miteinander verknüpft seien. Sein Argument stützt sich auf die Behauptung, der Antisemitismus sei nicht nur das zentrale Motiv des Nationalsozialismus, sondern auch des Islamismus. Antisemitismus ist ebenso die zentrale Richtschnur, an der Küntzel die bilaterale Beziehung zwischen Iran und Deutschland misst. Er fängt mit dem Anfangskapitel des aus fünf Kapiteln bestehenden Buches an: “Das Kaiserreich, die Nazis und Iran”.

In diesem Abschnitt versucht Küntzel, die Züge des deutschen Nationalsozialismus in den persischen Islamismus hineinzulesen, und zeichnet die historische Entwicklung dieser “verhängnisvollen Freundschaft” seit dem 19. Jahrhundert nach. Seit der Zeit also von Kaiser Wilhelms Orientreise und dem “künstlichen Djihad” des Max Freiherr von Oppenheim aus der Kölner Bankerdynastie. Dieser renommierte Orientalist und Amateurarchäologe wollte vor dem ersten Weltkrieg militante Moslems für die deutsche Kriegsmaschine einspannen.

Ein besonderes Kapitel widmet Küntzel “Deutschland als Gründer der persischen Industrie”, in dem er “die wirtschaftliche und ideologische Kooperation” zwischen Deutschland und Iran, besonders in der Zeit des Nationalsozialismus hervorhebt. Damals wurde Hitler von manchen schiitischen Predigern im Iran als zwölfter Imam, also als lang ersehnter muslimischer Messias, angesehen.

Nach dem Nationalsozialismus setzten Deutschland und Iran ihre Beziehungen wieder fort, wobei die iranische Seite immer wieder betonte, an die guten Kontakte mit dem Hitlerregime anknüpfen zu wollen. Nach der islamischen Revolution von 1979 hatte die neue Regierung in Teheran keine Probleme, die Zusammenarbeit mit Deutschland, das kurz zuvor das Schah-Regime unterstützt hat, weiter zu vertiefen.

Auch Deutschland führte die bilaterale Zusammenarbeit fort, selbst nach der Präsidentschaft von Mahmud Ahmadinedjad mit seinem Propagandaapparat, der ununterbrochen Antisemitismus in Iran, dem “arischen Partnerstaat Deutschlands” schürt. Das ist die Kernaussage des Buches: 100 Jahre verhängnisvolle Freundschaft, die vor allem von der Rassenideologie der Nazis gepflegt und getrieben und begleitet wurde/wird, ganz abgesehen von der Art des politischen Systems, der Ideologie, des Regierungsprogramms und der Staatschefs beider Länder; Kaiser Wilhelm, Hitler, Schröder, Merkel, Mossadegh, Reza Schah, Khatami, Ahmadinedjad. Für den Verfasser dieses Buches sind sie alle aus dem gleichen Holz geschnitzt.

Küntzel will Licht in die “unsichtbare Vergangenheit” der deutsch-iranischen Beziehungen bringen, scheitert aber an seiner Befangenheit und der Verzerrung der Tatsachen. Er schreibt den politischen Brüchen und Spannungen in den verschiedenen Epochen, die diese Freundschaft überschattet haben, keine große Bedeutung zu und berücksichtigt sie bei seiner Schlussfolgerung auch nicht: wie etwa der Widerstand der iranischen Regierung gegen Hitlers Antisemitismus zeigt.

Zufluchtsland Persien

Reza Schah, der Vater des späteren Mohammad Schah Reza Pahlavi etwa, der Iran zu Beginn des Zweiten Weltkrieges neutral erklärt hatte, lehnte es im Oktober 1940 vehement ab, die Rassenideologie der Nazis im Iran umzusetzen. Dadurch schützte die Regierung die persischen Juden vor den antisemitischen Maßnahmen der Nazibesatzer (Deportation und Ermordung) erfolgreich.

In vielen Details ist Küntzels Buch durchaus aufschlussreich. Er erwähnt sogar, dass Persien damals für viele deutsche Juden ein lebensrettendes Zufluchtsland gewesen sei, weil sie vor Abschiebung und Verfolgung geschützt waren, wie das Schicksal von etwa 1.000 jüdischen Kindern, den so genannten “Teheraner Kindern” offenbart.

Diese Kinder hatten den deutschen Terror in Polen überlebt und landeten nach einer Odyssee über Sibirien und dem Kaukasus im Sommer 1942 in Teheran: “Dort konnten sie gepflegt und betreut werden und erreichen im Februar 1943 nach einer weiteren Odyssee über Karachi und Suez schließlich Palästina”, schreibt Küntzel.

Die “Teheraner Kinder” sind nicht die einzigen historischen Zeugen, die Küntzels Theorie von der inneren Wesensverwandtschaft des iranischen und des nazistischen Regimes widerlegen. Sie zeigen aber wie problematisch er vorgeht: Er reduziert seine umfangreiche gesellschaftliche und wirtschaftliche Analyse auf einen einzigen ideologischen Faktor, den Antisemitismus.

Der erlaubt es zwar durchaus, Parallelen zur deutschen NS-Geschichte zu ziehen. Daraus aber eine historische Kontinuität der “verhängnisvollen Freundschaft” zwischen beiden Ländern zu entnehmen zu wollen, ist fatal und macht die Gegenwart der deutsch-iranischen Beziehungen letzten Endes nicht richtig sichtbar.
Quelle: Der Freitag, 1. Februar 2010
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KATAJUN AMIPUR (DEUTSCHLANDRADIO): “SCHADE UND DUMM”

Wenn man der Logik des Matthias Küntzel einmal folgt, erscheint alles ganz plausibel: Die Nazis haben die iranische Bevölkerung einst indoktriniert – über Radio Zeesen. Weil man gemeinsame Feinde hatte – die Briten und die Russen – verfing die Propaganda auch; außerdem hatte man gemeinsame arische Wurzeln. Und auf dieser Klaviatur spielten die Nazis. Dann geriet dies Projekt, die Judenfeindschaft, in Vergessenheit – allein die deutsch-iranische Freundschaft dauerte weiter an.

Doch in den letzten Jahren, grundsätzlich seit der Islamischen Revolution, aber vor allem seit Ahmadinedschad an der Macht ist, knüpft die iranische Seite wieder an das Projekt der Judenverfolgung an. Das liest sich dann so:

“Seit 1933 wurde die deutsch-iranische Freundschaft auch rassistisch, als Zusammengehörigkeit der ‘Arier’ definiert. Seither ist sie vom Nationalismus kontaminiert und hat diesen Flair bis heute beibehalten.

Denn im Unterschied zu Deutschland, wo man von dem Arier-Phantasma nach 1945 kaum noch etwas wissen wollte, hat sich in Iran die fixe Idee, dass Deutsche Arier und somit ‘rassisch’ höherwertiger als andere seien, bewahrt. Nicht selten wird der Nationalsozialismus mit einem unreflektierten Stolz in Erinnerung gerufen.”

Das ist ein bisschen dicke. Küntzels Äußerungen sind von einer absoluten Unkenntnis der iranischen Gesellschaft geprägt. Aber es kommt noch besser:

“Wir sehen daran, dass Iran nicht nur der Horror einer nationalsozialistischen Besatzung erspart geblieben ist. Sie blieben auch von jedweder kritischen Aufarbeitung dieses Geschichtsabschnitts ‘verschont’.

Hätten die Deutschen nach 1945 mit der Nazivergangenheit wirklich gebrochen, hätten iranische Liebesbekundungen für Hitler und das ‘Ariertum’ auf Empörung stoßen müssen. Doch ganz so geläutert waren die Deutschen, zumal jene, die die deutsche Iranpolitik organisierten, nicht. Die Hitler-Begeisterung vieler Iraner wurde ignoriert oder akzeptiert, belächelt und manchmal vielleicht ein bisschen genossen.”

Die Hitlerbegeisterung also ist für Küntzel der Grund für das bis heute sehr gute deutsch-iranische Verhältnis. Dumm daran ist nur, dass das nicht stimmt: Es ist absurd, die Iraner als ein Volk von Antisemiten und Hitlerverehrern hinzustellen, aus den Äußerungen Ahmadinedschads auf die Gesellschaft zu schließen und dann auch noch die Brücke zu schlagen vom Islamismus über die Atombombe zu Israel, womit dann ja klar sei, dass Iran die Judenvernichtung plane. Wie will Küntzel in diesem Zusammenhang erklären, dass in Iran bis heute die größte jüdische Gemeinde des gesamten Nahen Ostens- abgesehen von Israel natürlich – lebt?

Dabei ist die grundsätzliche Frage, die er stellt, ja richtig. Sie wurde allerdings nicht von Küntzel gestellt, wie er selber schreibt, sondern von Salman Rushdie. Rushdie hatte vor Langem gefragt:

“Deutschland unterhält mehr Wirtschaftsbeziehungen zum Iran als jeder andere europäische Staat. Ich muss mich fragen, warum eigentlich? Warum gibt es in Ihrem Land diese geradezu begeisterte Unterstützung für dieses Regime?”

Es sei dahingestellt, ob es sich hier um eine “begeisterte” Unterstützung handelt. Aber sicher ist es eine interessante Frage, warum Deutschland diese außergewöhnlich guten Beziehungen nie genutzt hat, um Druck auf die iranische Führung auszuüben: in Menschenrechtsfragen, bei der Mykonos-Affäre, bei der Rushdie-Affäre, nach den Wahlen im Sommer und in der Atomfrage. Das ist sicher ein großer Fehler der Bundespolitik. Aber die Ursache für dieses Fehlverhalten, die Küntzel nahe legt, ist haarsträubend.

Hinzu kommt: Küntzel liegt in einigen Fällen so nachweißlich falsch, dass es dem Leser schwer fällt, ihm da Glauben zu schenken, wo er Recht haben könnte. Das ist schade, denn das Thema, das Küntzel hier zum ersten Mal bearbeitet, ist wirklich interessant und viele Fragen sind offen. Aber wenn er behauptet, dass Ahmadinejad im Jahre 1979 an der Besetzung der Teheraner US-Botschaft beteiligt gewesen sein soll, obschon selbst der amerikanische Geheimdienst bereits vor Jahren erklärt hat, dass dem nicht so war, dann macht er sich einfach unglaubwürdig.

Oder wenn er behauptet, dass Khomeyni gemeinsam mit anderen religiösen Fanatikern 1953 den Sturz des Ministerpräsidenten Mossadegh herbeigeführt haben soll. Khomeyni war daran nicht beteiligt, weil er sich nämlich damals an die Order seines Mentors hielt, dass sich die Geistlichkeit nicht in die Politik einmischen darf. Küntzel schreibt:

“Als Mossadegh 1953 mit dem Gedanken spielte, das Frauenwahlrecht einzuführen, schlug sich Khomeini auf die Seite des Schahs, um Mossadegh, den Frevler, zu stürzen. Als später der Schah das Frauenwahlrecht einführte, wandte sich Khomeini abrupt auch von ihm ab und propagierte seinen Sturz.”

In zwei kurzen Sätzen schafft es Küntzel mehrere Unwahrheiten unterzubringen: Khomeini hat sich nie auf die Seite des Schahs geschlagen; er hat nie gegen Mossadegh agitiert, sondern ihn – aus eben genanntem Grund – nur nie unterstützt und er hat sich nicht später abrupt vom Schah abgewendet, sondern war dem Schah schon immer feindlich gesonnen – und zwar keineswegs nur, weil dieser Frauen das Wahlrecht geben wollte, sondern auch wegen dessen Politik der gewaltsamen Verwestlichung und wegen seiner diktatorischen Herrschaftsweise.

Küntzel aber lässt alles weg, was nicht zu seinem Geschichtsbild und seiner Agenda passt. Man fragt sich, wo Küntzel seine Informationen über die iranische Geschichte her nimmt. Es gibt eine ganze Palette hervorragend recherchierter Sekundärliteratur zur neueren iranischen Geschichte: Berge von Büchern, die vor allem von iranischen Iranisten aus den USA oder iranischen Journalisten der BBC verfasst worden sind, die dem Regime bestimmt nicht freundlich gesonnen sind, denn es hat sie ins Exil getrieben; die sich aber im Gegensatz zu Küntzel an den Fakten orientieren und nicht an dem, was ins eigene Bild passt. Dass Küntzel anders verfährt, ist schade und dumm: Denn die Fakten sind schon schlimm genug, die braucht man nicht noch aufzublähen.
Quelle: “Lesart” vom 10. 1. 2010, in: Deutschlandradio Kultur; mein Kommentar über diese Rezension findet sich hier
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RALF BALKE (HANDELSBLATT): SEIT 30 JAHREN AUF DEM SONDERWEG

Deutsche Unternehmen und der Iran unterhalten schon seit langem intensive Wirtschaftsbeziehungen – die oft kritisierte Zusammenarbeit hat nicht nur wirtschaftliche Gründe. Der Politologe Matthias Küntzel hat jetzt in einem Buch eine beunruhigende Analyse der deutsch-iranischen Beziehungen vorgelegt.

DÜSSELDORF. “Deutschland unterhält mehr Wirtschaftsbeziehungen zu Iran als jeder andere europäische Staat. Ich muss mich fragen, warum eigentlich?” Mit dieser Frage konfrontierte der Schriftsteller Salman Rushdie bereits 1996 in einem Interview mit deutschen Journalisten seine Gesprächspartner. Die Antwort blieben sie ihm damals schuldig. Schließlich machen deutsche Unternehmen in Iran ungeachtet der Tatsachen, dass Teheran überall in der Welt den islamistischen Terror sponsert und auf dem besten Wege ist, eine Atommacht zu werden, weiterhin gute Geschäfte. Laut Bundesagentur für Außenwirtschaft sind sie gerade in Schlüsselindustrien wie dem Maschinenbau die wichtigsten Zulieferer. Gerade deshalb wären deutsche Sanktionen besonders schmerzhaft für die Mullahs.

“Der Grundstein für diese Sonderstellung wurde in den zwanziger Jahren gelegt”, schreibt Matthias Küntzel. Der Politologe hat eine Bestandsaufnahme der deutsch-iranischen Beziehungen seit ihren Anfängen im späten 19. Jahrhundert verfasst. Dabei richtet er den Fokus insbesondere auf die Zeit nach der islamischen Revolution.

Denn das Jahr 1979 bedeutet eine tiefgreifende Zäsur. Zum einen wurde der Schah gestürzt. Zum anderen entstand mit der “Islamischen Republik” ein Gottesstaat, dessen politisches System eigentlich im völligen Widerspruch zu allen gängigen republikanischen Werten steht. Für das deutsch-iranische Verhältnis blieb das nicht ohne Folgen: “Vor 1979 war die Sonderbeziehung zu Iran in eine vom Westen insgesamt präferierte Kooperationspolitik eingebettet. Jetzt ging Bonn zur westlichen Iranpolitik auf Distanz und beschritt einen Sonderweg”, so Küntzel.

Obwohl Teheran die Angehörigen der Botschaft des deutschen Bündnispartners USA als Geiseln festhielt und die Uno gegen den Mullah-Staat immer wieder Sanktionen verhängte, verzeichnete der deutsch-iranische Handel neue Rekorde. Und selbst der Einsatz iranischer Todesschwadrone auf deutschem Boden, die 1992 in dem Berliner Restaurant Mykonos Oppositionelle hinrichteten, konnte daran nichts ändern. “Was hält Deutschland davon ab, seine Beziehungen abzubrechen oder auf ein Minimum zu reduzieren?” fragt Küntzel. Wirtschaftliche Interessen alleine könnten es nicht sein bei 0,6 Prozent Anteil des Iran-Handels am Gesamtvolumen der deutschen Exporte. Also sucht Küntzel die Antworten in der Vergangenheit und macht auf Affinitäten zwischen beiden Ländern aufmerksam. Die Faktenfülle muss jeden interessierten Leser nicht nur beeindrucken, sondern auch beunruhigen.
Quelle: Handelsblatt vom 8. Januar 2010
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HARALD ASEL (RBB-INFORADIO): “LESENSWERT”

Und schließlich hat sich der Hamburger Politikwissenschaftler Matthias Küntzel mit der über alle Regime hinweg beständig engen Zusammenarbeit von Deutschland und Iran befasst. Was bei Wilhelm Zwo und seinem Ziel, einen muslimischen Dschihad gegen die Engländer und Russen zu entfesseln beginnt, was über die Arierfreundschaft zwischen Hitler und dem ersten Pahlewischah trägt, es findet auch in der nicht nur wirtschaftlichen Zusammenarbeit von Bundesrepublik und Islamischer Republik Iran ihre Fortsetzung. Die Stoßrichtung Küntzels ist klar: er fordert den Abbruch des nur vermeintlich “kritischen Dialoges”, wirtschaftliche Sanktionen, gegebenenfalls auch militärisches Eingreifen.

Was das Buch lesenswert macht, ist die Analyse der im Westen, vor allem in Deutschland, bereitwillig aufgenommenen antiwestlichen Ressentiments, das kritischen Strömungen im Iran ihre Argumente aus den Händen schlägt. Wo er die Naivität jener kritisiert, die auf Reformkräfte im iranischen Establishment setzen, mag seine eigene Überzeugung, nur ein regime change in Richtung Westen löse die Atombombengefahr ebenso hinterfragt werden. Denn die Frontlinien sind in der iranischen Gesellschaft nicht so leicht zu ziehen – wie uns der Roman von Doulatabadi vorführt.
Quelle: Neu im Buchregal, in: Radio Berlin-Brandenburg – Inforadio, 5. Januar 2010
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WOLFGANG G. SCHWANITZ (TAGESSPIEGEL): “ZEIT, DIESE FREUNDSCHAFT AUFZUKÜNDIGEN”

Deutschland, schreibt der Hamburger Politikwissenschaftler Matthias Küntzel, pflege seit jeher eine “verhängnisvolle Traditionsfreundschaft” mit dem Iran. Es sei auch angesichts der Tatsache, dass Irans Präsident Mahmud Ahmadinedschad den Holocaust leugnet und Teheran Israel auslöschen will, Zeit, diese Freundschaft aufzukündigen und “den moralischen Kompass, der Berlin abhandengekommen ist, wieder an seinen Platz zu stellen”.

Küntzel, der durch sein Werk “Jihad und Judenhass” bekannt geworden ist, nimmt in seinem Buch die bilateralen Beziehungen zwischen Deutschland und Iran unter die Lupe, er zeigt Licht und Schatten in der gemeinsamen Geschichte auf. Küntzel führt den Leser in Zeiten zurück, in denen Kaiser Wilhelm Dschihadrevolten im Rücken seiner Feinde anzettelte. Die Iraner erzählten sich damals Geschichten von “Hajj Wilhelm Muhammad”, der zum Islam konvertiert sei.

Darauf bauten die Nazis auf. Laut Küntzel setzten sie nicht nur auf das gemeinsame “Ariertum”, sondern stellten Adolf Hitler zugleich als den im Koran angezeigten Messias vor. Das half am Ende wenig, doch geblieben sind fragwürdige Achsen im Spiel der Nationen – und eine Beziehung, in der antidemokratische Trends zum Vorschein kommen und virulenter Judenhass. Erst der Schah und dann die Islamische Revolution: Hier Unternehmer, die nach der Islamischen Revolution 1979 Mullahs auf den Pfauenthron halfen; dort Ayatollahs, die politische Gegner gar in Europa und Deutschland verfolgen und ermorden ließen. Die lange Hatz auf Salman Rushdie und die Toten im Berliner Mykonos-Restaurant belegen das. (Laut Küntzel hätten Politiker in Bonn versagt. Hier ist das Buch zu westdeutsch. Ostdeutsche waren im Kalten Krieg auch aktiv: Schah Reza Pahlavi wollte Erich Honecker besuchen, die Laudatio lag in der Humboldt-Universität vor, Stasi-Chef Mielke sperrte – Aktion “Koexistenz” – die Stadt ab, Spitzel beschatteten Kritiker.)

Küntzel sieht in der besonderen Abhängigkeit Irans von der Technologie aus Deutschland aber auch eine Chance. “Die Verhärtung des internationalen Atomkonflikts ging mit der statuspolitischen Aufwertung der Bundesrepublik einher.” Deutschland verfüge daher über einen Hebel, schreibt er, das Regime in Teheran zum Einlenken zu bewegen. Er macht aber auch deutlich, warum die Führer des iranischen Regimes durchaus schwierige Verhandlungspartner sind: Todessüchtige Märtyrer lassen sich nicht abschrecken. Und damit schließt er historisch einen Kreis: Kann und will Berlin seine Rolle erfüllen, um den zweiten Holocaust und das nukleare Wettrüsten in Mittelost zu verhindern?

“Berlin”, schreibt Küntzel, “steht auch beim Atomstreit in der vordersten Reihe – aber nicht bei jenen, die das Unheil abzuwenden suchen, sondern bei jenen, die ihm den Weg bereiten.”
Quelle: Der Tagesspiegel, 4. Januar 2010
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WOLFGANG G. SCHWANITZ (SÜDDEUTSCHE ZEITUNG): “EINFACH AUFWÜHLEND”

Irans Atomforschung sei eine Wende in der Weltpolitik, jubelte Irans Präsident Ahmadinedschad seinen Anhängern zu. Sie diene allen, die sich entschlossen Aggressoren widersetzten. Nie zuvor, vermerkt Matthias Küntzel in seinem Buch über Deutsche und Iraner, griff ein Regime mit einer solcher Fanfare nach Kernwaffen. Der Hamburger Politologe, bekannt durch sein Buch über den Dschihad und den Judenhass, spitzt das so zu: Teheran gehe es nicht um die Suche nach Stabilität, sondern darum, mit
einigem Wirbel die bestehende Weltordnung zu beseitigen.

Aber der iranische Frieden sei nicht unser Frieden. Denn in Teheran stehe er im Kontext des Judenhasses. Dazu zitiert der Autor erneut den Präsidenten: Wenn sich dieser Frieden ausbreitet, merzen die Völker auch den Zionismus aus. Laut Küntzel liege das voll auf der Linie der Nazis, die 1943 ihr Kriegsziel als die weltweite Beseitigung der Juden angaben, was erst den ewigen Frieden erlaube.

Die Nuklearisierung Irans ist für Küntzel ein Albtraum. Denn nuklear gerüstete Terroristen könnten dann ihre erpresserische Rolle spielen. Im Übrigen würde die arabische Welt atomar nachziehen: Sunniten suchten Schutz gegen das nukleare Schwert der Mullahs. Sollte das Teheraner Regime Atomwaffen bekommen, drohe den sechs Millionen Juden Israels ein
weiterer Holocaust. Diesmal mit Hilfe von Raketen. Und durch die falsche Politik der Großmächte, darf man ergänzen, die sich durch den vermeintlichen Dialog täuschen lassen.

Ist das nicht nur ein böser Traum, fragt sich der Autor, funktioniert nicht mehr die Logik der Abschreckung? Irans ehemaliger Präsident Haschemi Rafsandschani hat aber Ende 2001 einen Atomschlag gegen Israel als “nicht irrational” bezeichnet, selbst wenn unzählige Muslime bei einem nachfolgenden Gegenschlag umkämen. Israel, so diese Logik des
Ayatollahs, sei dann ausgelöscht, während der islamische Raum “nur beschädigt” wäre. Also könne man bei den Jüngern Chomeinis nicht davon ausgehen, dass, wie einst im Kalten Krieg, das rationale Kalkül der gegenseitigen Abschreckung den Ernstfall verhütet. Die Sowjets und Amerikaner wollten überleben. Daher habe diese Abschreckung damals auch gewirkt.

In Chomeinis Lehre hingegen sei die Parole “Ihr liebt das Leben, wir lieben den Tod” und die massenhafte Opferung der Bassidschi-Kinder auf den Minenfeldern im Krieg gegen den Irak der Beweis, dass es sich um eine lebensfeindliche Anschauung handele. Küntzel erhebt das zur Regel: Wer dem Märtyrertod entgegenfiebere, der lasse sich nicht abschrecken.
Dies führt zu der Kernaussage des Buches. Es sei nicht die Technik, die Irans Atomehrgeiz so gefährlich mache. Sondern ihr Kontext. Jenes Gebräu aus Todessehnsucht und Waffen-Uran, aus Holocaustleugnung und Hightech, aus Schia-Erlösertum und waffenfähigem Plutonium.

Für Leser, die Provokationen mögen, fügt der Autor zwei Gedanken hinzu. Lediglich im Iran gehe das schiitische Phantasma religiöser Auserwähltheit mit der Physik der Massenvernichtung einher. Hier komme erstmals die
Destruktivität der Atombombe mit dem Furor eines neuen Religionskrieges zusammen.

Starke Thesen. Man mag sich fragen, ob das nicht überzogen ist und Momente aus Epochen und Räumen verknüpft, die auf den ersten Blick recht wenig miteinander zu tun haben. Also ist dies eine typisch europäische Übertreibung? Ja und nein.

Ja, weil der Autor seine Erfahrungen aus dem Werden Europas einspeist. Dabei recherchierte er gut die wechselseitigen Beeinflussungen in der deutsch-iranischen Historie. Darin zeigt er Überraschendes: wie Wilhelm II. den Dschihad im Weltkrieg schürte, wie die Nazis daran anknüpften und “Arier im Iran” entdeckten, und was zwischen Bonn und Teheran nach dem Krieg alles ablief. Die deutsche Wirtschaft, auch das erhellt Küntzel, lieferte Bausteine für Irans atomares Mosaik. Aber mit ihrem Gewicht als Haupthandelspartner kann sie Böseres verhüten.

Nein, dieser Autor denkt universell, zumal es seit dem Holocaust nicht mehr verniedlicht werden darf, wenn die radikalsten Regime nach Massenvernichtungswaffen streben. Er nimmt deren Erklärungen ernst. Der regionale Rüstungswettlauf muss gestoppt werden. Seine Beziehungen sollte Berlin in Teheran dafür benutzen. Das ist die Botschaft, die Küntzels deutsch-iranisches Prisma ausleuchtet.

Nicht alles mag der Leser teilen und einiges, so die ostdeutsche Seite, fehlt. Doch spannungsreich ist dieser Band bis zum Schluss. Einfach aufwühlend.
Quelle: Süddeutsche Zeitung, 21. Dezember 2009
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DR. JOHANNES KANDEL (BERLIN): “UNVERZICHTBARE AUFKLÄRUNG”

Matthias Küntzels Buch sollte zur Pflichtlektüre insbesondere der Damen und Herren im Auswärtigen Amt werden, die sich um die Entwicklung des deutsch-iranischen “Sonderverhältnis” so zweifelhafte Verdienste erworben haben. Auch die außenpolitischen Sprecher der Parteien sollten Küntzels kenntnisreiches und spannend geschriebenes Buch zur Kenntnis nehmen.

Das wäre auch hilfreich für diejenigen Wissenschaftler, etwa bei der Stiftung Wissenschaft und Politik, die sich seit Jahren darum mühen, das iranische staatsterroristische Mullahregime als “normalen Staat” mit “berechtigten Interessen” (u.a. auch auf Atomkraft) darzustellen, die ideologischen Komponenten der islamistischen Staatsräson ausblenden und die Bedrohung durch eine mögliche Atommacht Iran gefährlich herunterspielen.

Küntzel zeigt schonungslos den Charakter des Regimes auf: Es ist ein islamistisches, von religiös-apokalyptischer Vernichtungsideologie geprägtes Herrschaftssystem, das sich als Inkarnation des “wahren Islam” betrachtet und diese schariageleitete totalitäre Ordnung global durchsetzen will. Viel zu lange hat der Westen diese religiös-ideologische Dynamik unterschätzt und mit immer neuen Beschwichtigungsgesten den Mullahs signalisiert, dass sie nichts zu befürchten haben.

Namentlich die Bundesrepublik Deutschland scheint an der Entwicklung des “Sonderverhältnisses” zum Iran, vorrangig aus ökonomischen Gründen, ein besonderes Interesse zu haben. Küntzel arbeitet glänzend die Geschichte dieses “Sonderverhältnisses” auf, vom Kaiserreich über den Nationalsozialismus (der bei Antisemiten wie Ahmadinedschad und seiner Herrschaftsclique bis heute große Sympathien findet!) bis in die Gegenwart.

Bis auf wenige Ausnahmen war die deutsche Politik gegenüber dem Iran von zögerlicher Kritik (“kritischer Dialog”),appeasement und wohlwollender Unterstützung geprägt. Weder die Bedrohungen Salman Rushdies durch Khomeinis berüchtigte “Todesfatwa”, die Mykonos Morde (Ermordung kurdischer Politiker 1992 im Lokal Mykonos in Berlin durch Geheimdienstmitarbeiter des Iran auf Anordnung von Ayatollash Khamenei!), die Besetzung der US-Botschaft und die kontinuierliche brutale Unterdrückung der politischen Opposition im Lande, konnten bisherige Bundesregierungen dazu veranlassen, sich den – auch häufig noch zögerlichen – Forderungen der US-Regierung nach Sanktionen anzuschließen. Selbst die durch Griff nach der Atombombe dranmatisch verschäfte Vernichtungsdrohung gegen Israel hat – abgesehen von gelegentlich starker Rhetorik – daran wenig geändert.

Es ist zu wünschen, dass Küntzels Buch endlich eine breite öffentliche Diskussion über die “verhängnisvolle Freundschaft” mit einem undemokratischen, die Menschenrechte mit Füßen tretenden, Regime befördert. Wir brauchen eine deutliche Wende in der Iranpolitik.
Quelle: www.amazon.de, 10.Dezember 2009
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CHAIM NOLL (DIE WELT): “DIESES BUCH KÖNNTE ANSTOSS ZU EINEM RETTENDEN GESINNUNGSWANDEL WERDEN”

Kein anderes Land sorgt derzeit für solche Verwirrung in der internationalen Politik wie der Iran, wörtlich “Land der Arier”, in der selbstgewählten Bezeichnung des dort seit 1979 herrschenden Regimes radikaler Kleriker: “Islamische Republik Iran”. Seit der Machtergreifung durch fundamentalistische Geistliche vor dreißig Jahren ist die Politik dieses Landes strikt gegen den Westen gerichtet. Der staatsoffizielle Hass gilt besonders den USA und Israel, deren “Vernichtung” offen propagiert wird. Auch Irans Nachbarn werden bedroht. Sie gelten als vom Westen korrumpiert. Im März 2009 erhob der Iran Anspruch auf das Territorium des arabischen Nachbarlandes Bahrain. Auch die Beziehungen zu Saudi Arabien, Ägypten, Kuwait, den Vereinigten Arabischen Emiraten und anderen Staaten der Region sind überaus gespannt. Die vom Iran unterhaltenen Terror-Organisationen Hamas und Hisbollah haben weltweite Netzwerke installiert, mit Zellen in zahlreichen westlichen Staaten.

Dieser ohnehin den Mittleren Osten beunruhigende, fundamentalistische Staat betreibt seit längerem ein forciertes Nuklear-Programm und den Ausbau seines Raketensystems, was den Drohgebärden gegenüber der westlichen Welt und den Nachbarstaaten erschreckenden Nachdruck verleiht. Seit dem Amtsantritt des derzeitigen Präsidenten Ahmadinedschad 2005, der einen neuen Höhepunkt der expansiven, anti-westlichen Außenpolitik verkörpert, wird das iranische Atomprogramm zunehmend zur internationalen Gefahr. Ein atomar gerüsteter Iran könnte nicht nur die nukleare Drohung zur Durchsetzung seiner hegemonialen Ansprüche in der nahöstlichen Region einsetzen, er würde auch ein nukleares Wettrüsten im mittleren Osten auslösen und atomare Waffen in die Verfügbarkeit internationaler Terrorgruppen lancieren, woraus eine Bedrohung für Nordamerika, Europa und andere Zentren westlichen Lebens erwüchse.

Die Unentschlossenheit der westlichen Staaten, auf diese Bedrohungen zu reagieren, ihre Uneinigkeit, ihre Neigung zum Aufschieben und Ausweichen, ihre, wie der Exil-Iraner Amir Taheri schreibt, “präventive Kapitulation”, ist Grund wachsender Besorgnis bei Nahost-Experten und anderen Beobachtern. Der Hamburger Politikwissenschaftler Matthias Küntzel, ein ausgewiesener Kenner der iranischen Entwicklungen, widmet sein neues Buch einem speziellen Phänomen: den deutsch-iranischen Beziehungen und ihren Auswirkungen auf die Situation im Mittleren Osten und in der Welt.

Küntzel hat bereits seit Jahren die immensen Auswirkungen der “Achse Berlin-Teheran”, der “verhängnisvollen Freundschaft” zwischen Deutschland und dem Iran dargestellt. Das neue Buch gibt ihm Gelegenheit, die historische Entwicklung dieser Beziehung seit dem 19. Jahrhunderts, seit Kaiser Wilhelms Orientreise und dem “künstlichen Djihad” des Barons von Oppenheim, nachzuzeichnen. Ein besonderes Kapitel gilt “Deutschland als Gründer der persischen Industrie”. Die Zusammenarbeit wurde in der NS-Zeit durch Hitlers Wirtschaftsminister Hjalmar Schacht vertieft. Schon damals sei, so Küntzel, der Grundstein für die heutige “Sonderstellung” Deutschlands innerhalb des iranischen Wirtschaftsgefüges gelegt worden: “Heute wird viel über das iranische Atomprogramm und die Effektivität wirtschaftlicher Sanktionen diskutiert. Wer in diesem Zusammenhang den Stellenwert des deutschen Maschinenbaus für Iran überprüft, kann nur staunen.”

Inzwischen versorgen deutsche Firmen iranische Produzenten mit technologischer Hilfe bei Uran-Anreicherung und Raketenbau. Hightech-Ausrüstungen von Siemens befähigen das Regime, wie anlässlich der blutig niedergeschlagenen Proteste kürzlich bekannt wurde, Internet und Mobiltelefon-Netze des Landes zu blockieren, eine Hilfe bei der Unterdrückung der iranischen Bevölkerung.

Deutschland ist seit längerem der größte Handelspartner des Teheraner Regimes. Dabei werden amerikanische und UN-Sanktionen umgangen, aber auch deutsche Gesetze verletzt, etwa das Waffenkontrollgesetz, und schwere Vorwürfe der westlichen Alliierten in Kauf genommen. Detailliert belegt Küntzel die ständige Zunahme des deutschen Handelsvolumens mit dem Iran. Nach seiner These erfolgte der entscheidende Schritt 1984: “Die westdeutsche Außenpolitik stand 1984 vor der Wahl. Mit der Geiselnahme von 1979 und der massenhaften Opferung iranischer ‘Märtyrer’-Kinder hatten Irans neue Herrscher ihr Gesicht gezeigt. Spätestens jetzt hätte die Bundesregierung ihre Beziehungen zum Iran entkoppeln und auf ein Mindestmaß beschränken können. Diese Option schlug man aus.” Stattdessen habe der Besuch des damaligen deutschen Außenministers Hans-Dietrich Genscher die Fortsetzung des Sonderverhältnisses zwischen Deutschland und Iran besiegelt. Küntzel zitiert Salman Rushdie, der 1996 erklärte:

“Deutschland unterhält mehr Handelsbeziehungen zum Iran als jeder europäische Staat. Ich muss mich fragen, warum eigentlich? Warum gibt es in Ihrem Land diese geradezu begeisterte Unterstützung für dieses Regime?... Wenn die Deutschen ernsthaft entschlossen wären, dieses Problem zu lösen, dann könnten Sie es auch.”

Küntzel wirft Schlaglichter in eine Welt schattenhafter Geschäfte und geheimer politischer Abmachungen. Sein Buch ist voller Zahlen, Belege und Beispiele für eine Mesalliance, der man als Leser ein baldiges Ende wünscht. Der Autor bemüht sich um eine leidenschaftslose, klare Sprache, er beschränkt sich auf die beredten Fakten und erspart dem Leser polemische Ausfälle gegen das Regime, selbst wo diese nahe liegen. Es wird schwer sein, mitten in einer Wirtschaftskrise den Rückzug aus profitablen Geschäften populär zu machen, doch dieses Buch könnte Anstoß zu einem rettenden Gesinnungswandel werden.
Quelle: Die Welt, 28. November 2009
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HENRYK M. BRODER: “DAS BUCH IST AUFREGEND UND SPANNEND VON DER ERSTEN BIS ZUR LETZTEN SEITE”

In diesen Tagen kommt der neue Film des auf Katastrophen und Untergänge spezialisierten Regisseurs Roland Emmerich in die Kinos. “2012” greift eine Vorhersage der Maya auf, wonach die Welt am 21. Dezember 2012, also in drei Jahren, zu existieren aufhört. Laut Emmerichs Co-Autor, Harald Kloser, soll es der ultimative Katastrophenfilm werden, einer, “nach dem es eigentlich keine weiteren Katastrophenfilme mehr geben” kann.

Das klingt vielversprechend, und falls Sie schon mal einen Film von Emmerich gesehen haben, wissen Sie, was sie erwartet: eine digitale Gruselpartie, die freilich nach 158 Minuten vorbei ist.

Wenn Sie sich allerdings wirklich und nachhaltig gruseln wollen, wenn Sie nach einer Geschichte suchen, die Ihnen nachts den Schlaf raubt und Sie tagsüber in einen Albtraum versetzt, dann besorgen Sie sich das eben erschienene Buch “Die Deutschen und der Iran” des Hamburger Politologen Matthias Küntzel. Und lassen Sie sich von dem ruhigen Titel nicht täuschen, das Buch ist aufregend und spannend, von der ersten bis zur letzten Seite.

Küntzel beschreibt die “Geschichte und Gegenwart einer verhängnisvollen Freundschaft” zwischen Deutschland und dem Iran (bzw. Persien), von der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts über die Weimarer Republik und das Dritte Reich bis heute. Man könnte von einer Liebesaffäre zwischen zwei extrem ungleichen Partnern sprechen, die alle Kriege, Krisen und Kalamitäten überstanden hat.

Ob in Deutschland der Kaiser regierte, ein Gefreiter aus Österreich oder ein Sozialdemokrat, die deutsch-iranische Freundschaft stand nie zur Disposition, völlig unabhängig davon, wer in Teheran das Sagen hatte – der Schah, eine durch Wahlen legitimierte Regierung oder eine Bande von Klerikern, die sich an die Macht geputscht hatte.

Schon Adolf Hitler, schreibt Küntzel, “wurde, solange er Kriege gewann, als der ‘Zwölfte Imam’, als schiitischer Messias, verehrt.” Später pflegte man erst einen “kritischen”, dann einen “konstruktiven Dialog”, immer mit dem Ziel, die deutsch-iranische Freundschaft über alle Zeitläufe zu bewahren. “Wenn es etwas gibt, was jene hundertjährige Tradition auszeichnet”, sagt Küntzel, dann war es die Unterdrückung von Menschenrechten und Demokratie, “mal im Iran, mal in Deutschland, mal in beiden Ländern zur gleichen Zeit”. Hinzu kam: man hatte gemeinsame Feinde, gegen die man sich wehren musste, früher Russland, heute die USA. Inzwischen ist Deutschland Teil eines europäischen Schutzschilds, der “sich zwischen Iran und Amerika stellt – nicht um die USA vor den Islamisten, sondern um die Islamisten vor den USA zu schützen”.

Durchgesetzt wird diese Strategie mit einer Politik der Arbeitsteilung. Während die Kanzlerin erklärt, man könne einen Iran, der nach Atomwaffen strebe, nicht gewähren lassen, sorgt die deutsche Politik mit Hilfe der deutschen Wirtschaft dafür, dass der Iran in die Lage versetzt wird, seine nuklearen Fantasien zu verwirklichen.

Diese Heuchelei ist kein Privileg der Konservativen. Im Jahre 2000 wurden von der grünen Böll-Stiftung siebzehn iranische “Persönlichkeiten aus Politik, Wissenschaft, Religion und Medien” zu einer Konferenz nach Berlin eingeladen, um über “die Reformdynamik in der islamischen Republik” zu diskutieren. Zurück im Iran, wurden die Teilnehmer der Konferenz festgenommen und vor ein Revolutionsgericht gestellt – weil sie angeblich die Sicherheit Irans gefährdet und gegen Allah gekämpft hatten. Zehn der siebzehn Angeklagten wurden “zu schockierend hohen Strafen” verurteilt, so bekamen zwei iranische Dolmetscher zehn beziehungsweise neun Jahre. Dennoch hielt sich der damalige grüne Außenminister Fischer mit Kritik an den Urteilen zurück, um die Beziehungen zum Iran nicht zu gefährden. Man könnte auch sagen: Die Grünen haben ihre Gäste der Staatsräson geopfert.

Für eine solche Politik des Appeasements können wirtschaftliche Gründe allein nicht entscheidend sein. Die deutsche Wirtschaft macht zwar Milliardengeschäfte mit dem Iran, aber die machen nicht einmal ein Prozent der deutschen Exporte aus. Was ist es dann? Die “sichtbare Gegenwart der deutsch-iranischen Beziehungen”, so Küntzel, “wird durch deren unsichtbare Vergangenheit geprägt”.

Man könnte auch sagen: Alte Liebe rostet nicht.
Quelle: Weltwoche (Schweiz) 47/09, 19. November 2009
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RALPH GERSTENBERG (DEUTSCHLANDFUNK): “LESENSWERT UND ERHELLEND”

Im Herbst 2005 machte der Politikwissenschaftler und Publizist Matthias Küntzel auf der Frankfurter Buchmesse eine befremdliche Entdeckung: Freundlich lächelnd händigten ihm iranische Buchhändler englische Ausgaben der “Protokolle der Waisen von Zion” sowie anderer antisemitischer Machwerke aus. Wenig später kündigte der iranische Präsident Mahmoud Ahmadinedschad in seiner berühmt-berüchtigten Rede an, Israel von der Landkarte radieren zu wollen. Als Ahmadinedschad ein Jahr danach den Holocaust leugnete, war die öffentliche Entrüstung hierzulande zwar groß, auf politische Konsequenzen wartete man jedoch vergebens. Spätestens als 2007 die iranischen Kernwaffenpläne bekannt wurden und man in Deutschland das Recht des Irans auf bombenfähige Atomanlagen diskutierte, stellte sich für Matthias Küntzel eine dringende Frage:

Auf der einen Seite haben wir ein Regime, das den Antisemitismus leugnet und die Holocaustleugnung als einziges Land der Welt zur Staatspolitik erklärt und ein Land wie Israel auslöschen will, auf der anderen Seite unterhält Deutschland mehr kulturelle, politische und wirtschaftliche Beziehungen zu diesem Land als jede andere westliche Macht. Ich muss mich fragen: Warum ist das eigentlich so? Und das ist der Ausgangspunkt meines Buches.

Matthias Küntzel beschreibt in seinem Buch “Die Deutschen und der Iran” detailliert die “Geschichte und Gegenwart einer verhängnisvollen Freundschaft, die ihre Wurzeln bereits in der Kaiserzeit hatte. Unter Wilhelm II. wurde der Iran zum Rohstofflieferanten und Technologieimporteur Deutschlands. Mit deutscher Technik, die bis heute beinahe fetischartig in dem persischen Staat verehrt wird, wurde in den 20er-Jahren maßgeblich die iranische Industrie aufgebaut. Bereits in den Jahren des Ersten Weltkriegs versuchten die Deutschen den Handelspartner im Nahen Osten auch politisch zu instrumentalisieren, indem sie das islamische Land zum Dschihad gegen die verfeindeten Briten und Russen anstachelten. Den Höhepunkt erreichte die wirtschaftliche und ideologische Kooperation zwischen Deutschland und dem Iran in der Zeit des Nationalsozialismus. Damals wurde Hitler von schiitischen Predigern gar als zwölfter Imam, also als lang ersehnter muslimischer Messias, angesehen. Der goebbelssche Propagandaapparat konzentrierte sich darauf, den Antisemitismus in dem arischen Partnerstaat zu schüren.

Man hatte am Anfang große Probleme, den rassistischen Judenhass der Deutschen im Iran zu schüren. Iran bedeutet zwar das Land der Arier. Aber dieser Arierbegriff schließt Juden und andere Religionen mit ein. Es war eine nationalistische Konzeption und keine religiöse Konzeption. Von daher hatten die Deutschen am Anfang richtig Schwierigkeiten, ihren rassistischen Antisemitismus nach Iran zu verpflanzen. Aber es gelang dann über diese Schiene, dass man sagte: Mohammed hat ja auch schon die Juden vernichtet in Medina, heute will Hitler die Juden vernichten, da ist der Zusammenhang zur Religion. Darüber wurde sehr offen in den Propagandatexten und in den Propagandaanweisungen der Nazis diskutiert, wie man das erreichen könnte, aus dem Iran ein antisemitisches, aber auch dann später ein antiamerikanisches Land zu machen. Und man macht sich gar nicht klar, wie stark Geschichte heute nachwirkt.

Matthias Küntzel zeigt in seinem Buch eine frappierende Kontinuität der “verhängnisvollen Freundschaft” zwischen beiden Ländern, die politische Brüche erstaunlich mühelos überstanden hat. Als ob sich weltpolitisch nichts verändert hätte, wurden nach dem Zweiten Weltkrieg die bilateralen Beziehungen bald wieder aufgenommen, wobei man von iranischer Seite immer wieder betonte, an die guten Kontakte mit dem Hitlerregime anknüpfen zu wollen. Nach der islamischen Revolution von 1979 hatte die neue Regierung in Teheran keine Probleme, mit Deutschland, das kurz zuvor noch fest an der Seite des Schahs gestanden hat, die Zusammenarbeit weiter zu vertiefen. Weder der Mordaufruf gegen Salman Rushdie, noch der vom iranischen Geheimdienst in Auftrag gegebene Anschlag im Berliner Restaurant Mykonos konnten dieser Allianz etwas anhaben.

Nun ist es aber durch den Atomkonflikt so, dass Deutschland an der Seite der fünf Vetomächte des Sicherheitsrates eine global bedeutsame Rolle beim Iran-Dossier spielt, das heißt, was immer das Außenministerium in dieser Frage entscheidet, hat eine globale Relevanz. Dennoch gibt es in Deutschland keine richtig entwickelte Diskussion über die Stoßrichtung dieser deutschen Iranpolitik. Das möchte mein Buch gerne verändern.

Matthias Küntzel weist auf die massive Gefährdung Israels durch iranische Atomwaffen und die besondere Verantwortung Deutschlands hin, das mit seinen Technologielieferungen immer wieder die Sanktionspläne des Sicherheitsrates, dem es selbst angehört, konterkariert. Ein Gleichgewicht des Schreckens, das im Kalten Krieg ein nukleares Inferno verhindert hat, weil jede Atommacht den Gegenschlag fürchtete, scheitert heute am religiösen Fanatismus der Mullahs.

Wenn es eine Erfahrung gibt, die wir als Nachgeborene aus dem Schrecken des Holocaust und des Zweiten Weltkrieges ziehen können, dann ja wohl die, dass man die Ankündigungen von Antisemiten, die behaupten, sie seien von der Vorsehung oder von einem 12. Imam geschickt worden, um ihr Werk zu vollenden, dass man die Ankündigung von solchen Leuten sehr ernst nehmen muss, dass man sie nicht nur verlachen darf. Und wenn also jetzt seit 30 Jahren und in den letzten Jahren verschärft die Auslöschung Israels durch den Iran propagiert wird, dann muss man auch das richtig ernst nehmen.

Matthias Küntzels lesenswertes und erhellendes Buch, das vor allem mit der Darstellung der deutsch-iranischen Beziehungen der letzten 30 Jahre Neuland betritt, ist auch ein leidenschaftliches Plädoyer. Küntzel ruft dazu auf, die seit der Kaiserzeit gewachsenen wirtschaftlichen, kulturellen und politischen Beziehungen mit dem Iran dafür zu nutzen, eine andere Politik in dem Golfstaat zu erzwingen. Angesichts der blutig niedergeschlagenen Proteste nach dem Wahlbetrug in Teheran sei es besonders wichtig, seinen politischen Standpunkt klar zu definieren. Die Gesellschaft im Iran stehe längst nicht mehr homogen hinter den regierenden Mullahs.

Insofern muss auch die deutsche Industrie sich die Frage stellen: Wem wollen wir für die Zukunft die Hand reichen? Denjenigen, die gieren nach Freiheit, oder denjenigen, die diese Freiheit unterdrücken.
Quelle: Andruck, in: Deutschlandfunk, 26. Oktober 2009
http://www.dradio.de/dlf/sendungen/andruck/1058164/
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MICHA BRUMLIK (taz): “UNERLÄSSLICH”

Den künftigen deutschen Außenminister wird wohl die FDP, die Partei Möllemanns und Kinkels, stellen. Mit Blick auf den größten weltpolitischen Krisenherd, die iranische Atomrüstung, wirkt das keineswegs beruhigend. Angesichts der erwartbaren Debatten ist es unerlässlich, sich die eigentümliche Zuneigung Deutschlands zum Iran zu vergegenwärtigen. Das macht die neue Studie von Matthias Küntzel, die dieser Beziehung in den letzten 100 Jahren nachgeht.

Küntzel zeigt, wie sich das Kaiserreich an der Modernisierung Persiens beteiligte, wie wichtig Iran nach dem Ersten Weltkrieg für die deutsche Exportindustrie wurde und wie gut die Beziehungen des NS-Regimes zu Iran waren. Einige Mullahs hielten Hitler gar für den 12. Imam. Die brisanteste Erkenntnis mit der Küntzel aufwartet, ist sein Nachweis, dass der Putsch gegen Premier Mossadegh 1953 nicht nur von Briten und CIA zu verantworten ist, sondern auch von der schiitischen Geistlichkeit, die Mossadegh noch mehr hasste als die monarchistische Restauration und deswegen stillhielt.

Küntzels Deutungen hinterlassen Fragen: War es nur das Deutsche Reich, das den theologischen Gedanken des Dschihad politisch instrumentalisierte und damit den modernen Islamismus auf den Weg brachte? Ist es erstaunlich, dass sich Teile der Eliten in halb kolonialen Ländern wie dem von der Sowjetunion und Großbritannien besetzten Iran an deren Hauptfeind Nazideutschland hielten? Für noch mehr Streit dürfte die Bemühung sorgen, nachzuweisen, dass Joschka Fischer entgegen seiner stets beteuerten Solidarität mit Israel der deutschen Exportwirtschaft und somit der iranischen nuklearen Aufrüstung erheblich geholfen habe. Von Kinkel über Fischer zu Westerwelle: Man wird den künftigen Außenminister daraufhin beobachten müssen, ob er in die Spur dieser Tradition tritt.
Quelle: taz, 14. Oktober 2009