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Hamburg, den 26. Juni 2012

Zum Beispiel Gilbert Achcar

Ein weiterer Beitrag aus der Reihe "Schimpf und Schande" · Von Matthias Küntzel

In seinem jüngsten Opus „Die Araber und der Holocaust“ rechnet Gilbert Achcar unter anderem auch mit meinem Buch „Djihad und Judenhass“ ab. Es gehöre, schreibt er, zu der „Fülle von gehässigen antiarabischen und antimuslimischen Texten, die seit dem 11. September 2001 im Kontext einer neuen Islamfeindlichkeit verfasst wurden.“ (S. 161) Ich zitiere den gesamten Absatz seines Buches, der sich mit meinem Text befasst:

„Einige Monate zuvor erschien ebenfalls in der New York Times die Besprechung eines Buchs des deutschen Autors Matthias Küntzel, das, wie der Titel verrät, in eine ähnliche Richtung geht. Jihad and Jew-Hatred: Islamism, Nazism and the roots of 9/11. Die ursprüngliche deutsche Fassung des Buchs mit dem Titel Djihad und Judenhass aus dem Jahr 2002 war in Deutschland als ,politische Propaganda‘ heftig kritisiert worden, wie der Autor im Vorwort zur englischen Ausgabe selbst schreibt.“ (S. 163)

Warum ich ein Vorwort geschrieben haben sollte, das mein eigenes Buch schlecht macht – diese Frage stellt sich Achcar nicht. Natürlich ist ihm bekannt, was in dem besagten Vorwort der englischen Ausgabe tatsächlich steht:

„The initial response of the wider German public to my book … was also hostile. It was described as ,political propaganda,‘ to quote one example from Germany’s leading public service radio station Deutschlandfunk. … My critics did not, however, point out any actual errors of fact or failures of logic. In fact, the first expert in the field to publicly defend and recommend my book was a Muslim, the Syrian-born political scientist Bassam Tibi. The book attracted far more interest between historians and scholars of antisemitism in other parts of the world, especially the USA: … It was only via this detour that the book began to get a more positive hearing in Germany.”

Der Londoner Professor kennt die gesamte Passage dieses Texts, greift sich als Zitat aber nur die Worte „political propaganda“ heraus: eine reife Leistung!

Achcar fährt fort:

„Wie Dalin und Rothmann ist Küntzel ein ,Fachmann‘ in Fragen des Islam, der des Arabischen nicht mächtig ist. Wie das Buch der beiden anderen Autoren ist auch sein Text ein fantastisches Gebräu, das sich aus Sekundär- bis Tertiärquellen speist und auf diese Weise versucht, eine direkte Herkunftslinie von Amin al-Husseini und Hassan al-Banna über Gamal Abdel-Nasser zu Osama bin Laden zu ziehen.“

Wer hier erwartet, dass der Vorwurf „fantastisches Gebräu“ belegt wird, erwartet zuviel: Die Mühe, sich mit meinen Texten auseinanderzusetzen, macht sich Achcar nicht. Dabei stimmt, was der amerikanische Historiker Jeffrey Herf in seiner Achcar-Rezension notiert, dass “Küntzels Analyse von al-Banna, Husseini, der Muslimbruderschaft, Sayyid Qutb und dem Islamismus im Großen und Ganzen entlang derselben großen Linien verläuft wie Achcars Darstellung der panislamistischen Reaktionäre seit Rashid Rida.” (The New Repubic, 1. November 2010.)

Achcar fährt fort:

„Die New York Times, die um die Schwäche des Werks von Küntzel sehr wohl wusste, beauftragte wie bei Dalin und Rothmann einen Autor mit der Besprechung, der in der Lage ist, die israelische Regierungspolitik zu kritisieren, ohne als israelfeindlich bezichtigt zu werden. Jeffrey Goldberg, Journalist von The Atlantic, schreibt in seiner Rezension: ,Küntzel stützt seine Sicht auf eine beeindruckende Anzahl von Belegen, vereinfacht aber manchmal allzu sehr. … In seinem Bemühen, Deutschland die Schuld am muslimischen Antisemitismus zu geben, schießt er über das Ziel hinaus. ,Während Khomeini sicherlich kein Anhänger Hitlers war, spricht vieles dafür, dass seine judenfeindlichen Ansichten … in den 1930er Jahren entstanden sind‘, schreibt Küntzel und zitiert in der Fußnote dazu einen eigenen Artikel. Ebenso stellt er den israelisch-arabischen Konflikt vereinfacht dar. Juden üben heutzutage im Nahen Osten reale Macht aus, und Israel ist nicht schuldlos an Exzessen und Härten.‘“

Es lohnt, sich demgegenüber Jeffrey Goldbergs tatsächliche Rezension vor Augen zu führen.

Achcar hat auch hier die positive Gesamtwürdigung meines Buches unterschlagen und den Leser mit der Frage, warum die New York Times ausgerechnet ein Buch rezensiert, um dessen „Schwäche“ sie „sehr wohl wusste“, allein gelassen.

Diese Beispiele für eine bewusst verfälschende Zitierweise stehen nicht allein.

Colin Meade und der Autor dieser Zeilen wiesen Achcar zahlreiche weitere Wirklichkeitsverzerrungen durch manipulatives Zitieren nach. Wir taten dies in einer ausführlichen Besprechung von Achcars Buch – einer Rezension, der später das Journal for the Study of Antisemitism die Auszeichnung „Beste Rezension des Jahres 2011“ verlieh ( (JSA, Vol.3, Issue 2/2011, S. 223).

Die englische und deutsche Version dieser Besprechung habe ich unter dem Titel „In der Zwangsjacke des Antisemitismus“auf meiner Homepage dokumentiert. Wir hatten sie schon am 24. September 2011 auf der britischen Homepage der Organisation „Engage“ publiziert .

Gilbert Achcars Antwort auf unsere Kritik vom 25. September 2011 findet sich hier .

Achcar weigert sich zwar explizit, auf die Substanz unserer Vorwürfe einzugehen, setzt dafür aber seine Beschimpfungen umso verbissener fort: Meade und Küntzel seien „pro-zionistische Fanatiker“ und „Küntzel der Autor eines berüchtigten islamophoben Buchs“, das „nur in zionistischen Propagandablättern angepriesen worden sei“, usw. usf.

Unsere Erwiderung auf Achcars Einlassung findet sich hier .

Einen kleinen Nutzen hat unsere frühe Auseinandersetzung mit diesem Autor immerhin gehabt: Während Achcar noch im Mai 2010 aus Anlass der englischen Ausgabe seines Buchs vom „Berliner Zentrum Moderner Orient“ zu einer von der Bundesregierung geförderten Lesung eingeladen und seine Veröffentlichung als „bahnbrechendes Buch“ und als „eine sachliche und solide Untersuchung von großer Bedeutung“ gefeiert wurde, sind heute, nach Vorliegen der deutschen Übersetzung, derartige Töne kaum noch zu hören.

Besser so.