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www.literaturkritik.de, 5. März 2008

Zirkelschluss des Wahns

Über Jeffrey Herfs "The Jewish Enemy" · Von Matthias Küntzel

„Das Kennzeichen der Nazipropaganda ist weniger die Lüge“, schrieb 1970 der Historiker Ernst Gombrich, „als vielmehr die Bereitstellung eines paranoiden Rasters, durch das alle Weltereignisse interpretiert werden.“ Über 35 Jahre mussten wir warten, bis mit Jeffrey Herfs „The Jewish Enemy. Nazi Propaganda During World War II And The Holocaust“ die Studie erschien, die, an Gombrich explizit anknüpfend, dieses „paranoide Raster“ eingehend analysiert.

Zwar ist sein 2006 in den USA veröffentlichtes Buch auf die antisemitische Propaganda im II. Weltkriegs konzentriert. In Zeiten, in denen die Realität des Holocaust zur Erfindung und die erfundenen „Protokolle der Weisen von Zion“ zur Realität erklärt werden – in Zeiten also, in denen jene „paranoide Raster“ neue Wirkungsmacht entfalten, kommt Herfs Werk aber eine Bedeutung zu, die über seinen eigentlichen Gegenstand hinausweist.

Für seine fast 300 Seiten umfassende Rekonstruktion der Kriegspropaganda hat der an der University of Maryland lehrende Historiker, der mit zahlreichen und zum Teil preisgekrönten Büchern über die jüngere deutsche Geschichte hervorgetreten ist, neue wichtige Quellen erschlossen: So zum Beispiel die wöchentlich neu aufgelegten Wandzeitungen der NSDAP, die unter der Überschrift „Die Parole der Woche“ mit einer Auflage von 125.000 Exemplaren im ganzen Reich verklebt wurden sowie die im Bundesarchiv gelagerte „Oberheitmann-Akte“, die alle für die Presse bestimmten Propagandadirektiven des Goebbels-Ministerium von Juli 1939 bis März 1945 enthält.

„The Jewish Enemy“ ist in sieben chronologisch angeordnete Abschnitte unterteilt. Kapitel eins und zwei gehen auf den Nazi-Antisemitismus vor 1939 und die diversen Instrumente der Nazi-Propaganda ein. Das dritte Kapitel handelt vom Jahr 1939. Herf zeigt, dass die Nazis ihre Vernichtungsphantasien von Anfang an auf den „jüdisch-kapitalistischen Weltfeind“ projizierten. Dieser hätte sich 1939 in Polen mit dem einzigen Ziel, „Deutschland und das deutsche Volk zu vernichten“ durchgesetzt. (S. 64)

Das vierte Kapitel ist auf die Propaganda im Kontext des Russland-Feldzugs und des Kriegseintritts der USA konzentriert. Ob es gegen Roosevelt ging oder gegen die „bolschewistische Unterwelt“ – in beiden Fällen wurde der Krieg mit antisemitischen Beweggründen legitimiert.

Das fünfte Kapitel beleuchtet das Jahr 1942, den Höhepunkt der Shoah, ab. Herf zeigt, wie häufig und wie offen die völlige Auslöschung aller Juden angekündigt wurde. Er streicht den prioritären Stellenwert des politisch-paranoiden Antisemitismus heraus, der als Motiv der Vernichtung noch wichtiger gewesen sei als der biologistisch abgeleitete Rassenantisemitismus.

Kapitel sechs dokumentiert die Verbindung zwischen den sich häufenden Kriegsniederlagen und der sich ins Wahnwitzige steigernden antisemitischen Propaganda: So erreichte 1943 die Anzahl der antisemitischen Leitartikel auf den Titelseiten des „Völkischen Beobachters“ ihren Höhepunkt und der Anteil der antisemitische Radiopropaganda wurde auf 70 bis 80 Prozent aller Sendungen erhöht. Herf rekonstruiert das Gespräch, das Goebbels und Hitler im Frühjahr 1943 über die Glaubwürdigkeit der „Protokolle der Weisen von Zion“ führten und widmet der „Katynierung“ des Antisemitismus einen längeren Exkurs: Der grausige Fund von 1.800 polnischen Offiziersleichen in Katyn, die, wie sich später herausstellte, von Sowjets getötet worden waren, wurde für eine furiose antisemitische Kampagne instrumentalisiert: So habe der angeblich vom „Weltjudentum“ begangene Massenmord von Katyn deren „Pläne zur Auslöschung … aller Nicht-Juden“ belegt. (S. 204)

Das letzte Kapitel „Sieg oder Vernichtung“ handelt von den letzten Kriegsmonaten, als im November 1944 täglich 1.200 britische und amerikanische Bomber Deutschland überquerten und allein zwischen dem 1. Januar und dem 8. Mai 1945 1,4 Millionen deutsche Soldaten dem Wahn ihrer Führung zum Opfer fielen. „Der wahre Schuldige für diesen mörderischen Kampf“, so Hitler in seinem Testament, „ist das Judentum!“ (S. 262) Bis zur letzten Minute hielt die Nazi-Propganda somit in den Worten Herfs an ihrer „paranoiden Logik der Unschuld, der Nicht-Verantwortung und der Projektion“ fest.

Der erste Vorzug dieser Ausarbeitung liegt in der Dokumentation des antisemitischen Materials. Herf weist nach, dass die übliche Betrachtungsweise vom „Krieg gegen die Juden“ nicht stimmt: „Für die Nazi-Führung und ihre millionenstarke Gefolgschaft gab es keine zwei unterschiedliche Ereignisse – hier den Zweiten Weltkrieg und dort die Endlösung. Für sie war der Krieg gegen die Juden und der Zweite Weltkrieg eins.“ Mehr noch: Im paranoiden Weltbild der Nazis war dies ein Krieg, den nicht Deutschland gegen die Juden, sondern den das „internationale Judentum“ offensiv und an allen Fronten gegen Deutschland führte. Herf zitiert Adolf Hitler, der im November 1941 in einer Ansprache an die Mitglieder der NSDAP den Zweiten Weltkrieg so beschrieb: „Der Jude hat die Weltkoalition gegen das deutsche Volk und das deutsche Reich angestiftet. Erst nutzte er Polen aus, dann unterwarf er Frankreich, Belgien, Holland und Norwegen seinen Diensten. ... Und es war klar, das eines Tages diejenige Macht gegen uns vorgehen würde, die das Judentum am eindeutigsten beherrscht: Der willfährigste Diener des Judentums ist die Sowjetunion.“ (S. 121)

Solche Sätze sind schwer zu ertragen. Man möchte sie schnell vergessen oder aber als besonders dreiste Täuschungsversuche rationalisieren. Hier aber liegt die zweite Stärke von Herfs Werk: Er weicht der verstörenden Wirklichkeit nicht aus, sondern weist nach, dass die Nazi-Führung ihren eigenen Aussagen aufs Wort glaubte. Ihnen galt die Fiktion als Realität. Was immer um sie herum geschah, wurde durch das interpretative Prisma des Antisemitismus betrachtet. Herfs akribische Dokumentation beweist: Das paranoide Wahnsystem war vernünftige Norm und die Abweichung davon Lüge. „Die Juden haben Schuld!“, zitiert er Goebbels aus dem Frühjahr 1939, kurz nach dem Einmarsch in Prag. „Sie wollen Krieg und sie tun alles in ihrer Macht stehende, um die Völker da rein zu treiben.“ (S. 55) Deutschland nehme es auf sich, dieser Gefahr entgegenzutreten, halluzinierte Hitler im Februar 1942, und erweise damit nicht nur sich selbst sondern der gesamten „leidenden Menschheit, die seit Tausenden von Jahren vom Judentum gequält wird, einen unschätzbaren Dienst“. (S. 145) Und freudig verkündete eine NSDAP-Direktive von Mai 1943: „Dieser Krieg wird mit einer antisemitischen Weltrevolution und mit der Auslöschung der Juden überall in der Welt enden. Beides wird die Voraussetzung für immerwährenden Frieden sein.“ (S. 209)

Jeffrey Herf hat drittens unseren Blick über die Bedeutung des Holocaust im Kontext der Nazi-Weltanschauung geschärft: Systematisch hatten die Nazis die Vernichtung von 6 Millionen Juden als eine simple Konsequenz aus der Logik dieses Krieges präsentiert und die Rhetorik der Auslöschung mit der Alltagssprache des Krieges vermischt. Herf macht plausibel, dass über die eigentliche Dimension des Holocaust – über seine Fakten und Details – geschwiegen werden musste, um die Fiktion der Kriegslogik aufrecht zu erhalten. Insofern sei bereits diese erste Form der Holocaust-Leugnung Bestandteil des Verbrechens gewesen.

Die vierte und vielleicht wichtigste Erkenntnis liefert „The Jewish Enemy“ mit seiner hier erstmals geleisteten Analyse über die Wechselwirkung von Kriegserfahrung und antisemitischem Wahn. Bekanntlich konnte die aufgeklärte Welt auf die Paranoia der Nazi-Führung keine Rücksicht nehmen, sondern setzte sich zur Wehr. Doch eben dadurch, so Herf, gewann die kranke Vorstellung, von jüdischen Kriegstreibern eingekreist und bedroht zu sein, mit jedem Kriegstag scheinbar an Plausibilität. „Für Millionen Deutsche erhielt die abstrakte Parole ,Der Jude hat schuld’ plötzlich eine direkte emotionale Dimension.“ Der Widerstand der Anti-Hitler-Koalition kühlte somit die ideologische Tollheit der Deutschen nicht ab, sondern hitzte sie in Form eines kumulierenden Antisemitismus weiter auf.

Die Bedeutung dieser Erkenntnis wird klar, wenn wir uns die gegenwärtige Situation im Nahen Osten vor Augen führen.

Immer wieder weist Herf in „The Jewish Enemy“ auf die Bedeutung der arabisch-sprachigen Nazi-Propaganda hin, die schon im Juni 1939 zu der Partei-Direktive führte, das Wort Antisemitismus durch „Judenfeindschaft“ zu ersetzen, um den neuen arabisch-„semitische“ Bündnispartner nicht zu verärgern. Wenn heute die Hamas in ihrer Charta erklärt, dass es auf der ganzen Erde keinen Krieg gebe, „ohne dass sie [die Juden] ihre Finger dahinter im Spiel haben“, wenn der frühere Hamas-Führer Abdel Aziz Rantisi erklärt, dass es im Zusammenhang mit dem Holocaust nicht darum ginge, „was die Deutschen den Juden angetan haben, sondern darum, was die Juden den Deutschen antaten“ , dann zeigt sich, in welchem Ausmaß die Saat dieser Propaganda gerade heute hässliche Blüten treibt.

Heute ist es Israel, das auf die Ideologie der Hamas keine Rücksicht nehmen kann und auf den Raketenterror aus dem Gaza-Streifen militärisch reagiert. Doch erneut kühlt heute die israelische Gegenwehr den Antisemitismus unter den Palästinensern nicht ab, sondern hitzt ihn mit jeder Militäraktion kumulativ weiter auf.

Wenn aber das „paranoide Raster“ der Islamisten durch die Gegenwehr der aufgeklärten Welt lediglich gesteigert, nie aber verringert werden kann – woran knüpft Hoffnung auf Veränderung dann noch an?

Ernst Gobrich formulierte auf diese Frage in seinem bis heute nicht übersetzten Klassiker Myth and Reality in German Wartime Broadcasts“ eine psychologische Antwort, die eine ausführliche Wiedergabe verdient: „Paranoia“, schrieb er 1970, ist die „pathologische Überdimensionierung einer Reaktionsweise, zu der wir unglücklicherweise alle nur allzu gerne neigen, weil sie auf dem realen Kontrast von ,mir’ versus ,ihnen’ basiert. ,Sie’ sind es, die mir alles durchkreuzen und die mich fertig machen. In jedem von uns können irgendwelche Frustrationen derartige irrationale Reaktionen hervorrufen. Wenn wir über unsere Phantasien aber auch lachen können, so liegt dies, wie ich glaube, an unserer Gewissheit, dass die anderen über uns lachen. Wenn aber diese Sicherungsmaßnahme entfernt ist, wenn man jeglichen Ausdruck von Zweifel an dem paranoischen Mythos verbietet, dann … bestätigt sich der Mythos selbst. Für den, der in diesem wahnhaften Universum eingeschlossen ist, wird es zur Realität. ... Wenn du erst einmal in diesem tatsächlichen Teufelskreis gefangen bist, gibt es keinen Ausweg mehr.“

Den Ausweg, den Gobrich hier anbietet, ist die Fähigkeit, über wahnhafte Bewusstseinsstörungen zu lachen. Ist dies einer der Gründe, warum die Hamas das Lachen verbietet? „Die Umma, die ihren Djihad kämpft“, heißt es in ihrer Charta, „kennt keinen Spaß.“ Im Libanon und in Gaza haben die Medien der Hizbollah und der Hamas – vor den Augen der Europäer und teilweise auch mit deren Geld – eine emotionale Infrastruktur des Antisemitismus geschaffen, die in Verbindung mit Terraktionen gegen Andersdenkende jene Fähigkeit zur Selbstreflexion, von der Gombrich spricht, systematisch abgetötet hat. Sie mithilfe wirksamer Maßnahmen gegen die antisemitische Gehirnwäsche unserer Zeit wieder herzustellen, ist ein Imperativ unserer Zeit.

Herfs brillante Studie hat nicht nur alle, die davon ausgingen, dass über die Nazi-Propaganda bereits alles geschrieben sei, eines Besseren belehrt. Indem er aufzeigt, wie es den Nazis gelang, aus ihre abstrakten antisemitischen Postulaten einen Deutungsrahmen für die laufenden Ereignisse zu machen, hat er zugleich einen Schlüsseltext für die Analyse des gegenwärtigen islamistischen Antisemitismus präsentiert. Höchste Zeit, dass auch sein jüngstes Werk auf deutsch erscheint.

Jeffrey Herf: The Jewish Enemy. Nazi Propaganda During World War II And The Holocaust. The Belknap Press of Harvard University Press, Cambridge Massachusetts und London, England 2006.