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Palm Beach, 11. Februar 2011

Über die Verleihung des ADL-Menschenrechtspreises 2011

Die Stellungnahme der Anti-Defamation League und eine Dankesrede · Von Matthias Küntzel

Vom 10. – 12. Februar 2011 versammelte sich das mehrhundertköpfige Führungsorgan der Anti-Defamation League in Palm Beach (Florida) zu seinem National Executive Committee Meeting.

Die 1913 gegründete ADL ist die weltweit älteste und größte Organisation, die sich den Kampf gegen Antisemitismus und Rassismus auf die Fahnen geschrieben hat. Sie engagierte sich gegen die Nazi-Bewegung in den USA, gegen den Ku Klux Clan, gegen Henry Ford, gegen den „German-American Bund“ und die Repression während der McCarthy-Periode. Sie analysiert mit Hilfe von Länderberichten die Entwicklung des Antisemitismus in verschiedenen Teilen der Welt und verteidigt Israel gegen antisemitische Kritik. Sie vergibt Preise wie z.B. den jährlich verliehenen Courage to Care-Award für Personen, die Juden während des Holocausts retteten oder den in unregelmäßigen Abständen verliehenen Paul Ehrlich- Günther K. Schwerin Menschenrechtspreis, der Individuen ehrt, die sich in Deutschland und Europa gegen den Antisemitismus engagieren.

Im Januar 2011 teilte mir ADL-Direktor Abraham H. Foxman mit, dass die ADL in Palm Beach meine Arbeiten gegen den Antisemitismus mit dem Ehrlich-Schwerin-Preis auszeichnen wolle.

Die Zeremonie begann am 11. Februar mit dem Courage to Care Award. Er wurde posthum der 1960 verstorbenen polnischen Katholikin Francisca Halamajowa aus der heute zur Ukraine gehörenden Stadt Sokal verliehen.

Gemeinsam mit ihrer Tochter hatte Francisca während des Holocaust 13 jüdische Nachbarn – drei Männer, fünf Frauen und fünf Kinder – zwei Jahre lang auf dem Heuboden ihres Schweinestalls und in einem Loch unter ihrem Küchenboden versteckt. Sie versorgten die Versteckten auch dann noch, als deutsche Truppen sich auf ihrem Hof einquartiert hatten.

Von den 6.000 Juden aus Sokal haben nur 30 den Holocaust überlebt, fast die Hälfte davon aufgrund des Mutes von Francisca und ihrer inzwischen ebenfalls verstorbenen Tochter Helena.

Nach dem Krieg war der Antisemitismus weiterhin so stark, dass Francisca ihre Geschichte zu ihren Lebzeiten keinem Menschen erzählte, betonte Abraham Foxman, der selbst den Holocaust nur überlebten konnte, weil eine polnische Katholikin ihn versteckt hatte. Die geretteten Juden und deren Nachkommen kannten hingegen die Wahrheit. Eines der damaligen Kinder war als heute Siebzigjähriger anwesend. Foxman und er waren sich 1947 als Siebenjährige in Wien erstmals begegnet.

Zwei Enkelkinder der Francisca Halamajowa nahmen den Courage to Care Award für ihre Großmutter entgegen.

Später erfolgte die Preisverleihung an mich.

Das Video der Preisverleihung befindet sich in der Rubrik “awards” sich hier

Das Podium war mit Direktor Abraham Foxman, dem ADL National Chair Robert G. Sugerman sowie mit der Leiterin des Deutschen Konsulats in Miami, Frau Eva Alexandra Gräfin Kendeffy als Vertreterin des Auswärtigen Amtes prominent besetzt. Direktor Foxman hielt die Laudatio.

Die Bedeutung, die er bei dieser Gelegenheit meinen Aufsätzen über den Iran verlieh, signalisiert, wie unzufrieden die ADL mit der diesbezüglichen Politik der Bundesregierung derzeit ist. Der Aufsatz, auf den sich die Laudatio insbesondere bezieht, wurde im Januar 2010 im „Israel Journal of Foreign Affairs“ sowie im Herbst 2010 in der Zeitschrift „Tribüne“ unter dem Titel „Von Goebbels zu Ahmadinejad“ veröffentlicht.

Die Wahl des Preisträgers lässt sich zugleich als einen Wink an die Adresse des Berliner Zentrums für Antisemitismusforschung interpretieren, dessen Leitung im Sommer dieses Jahres an die Historikerin Stefanie Schüler-Springorum übergehen wird. Im Folgenden eine Übersetzung der ADL-Presseerklärung aus Anlass der Verleihung des Ehrlich/Schwerin-Preises sowie der Wortlaut meiner Dankesrede.

DOKUMENT: ADL ehrt deutschen Autor für Bemühungen, den modernen Antisemitismus bloßzulegen und zu bekämpfen

11. Februar 2011, Palm Beach (Florida)

Ein deutscher Politikwissenschaftler und Autor, der den genozidalen Vorsatz des iranischen Atomprogramms bloßgelegt und eine Verbindung zwischen dem Antisemitismus der Nazis und dem des iranischen Regimes nachgewiesen hat, wurde heute von der der Anti-Defamation Legue (ADL) für seine fortgesetzte Forschung über die Ursprünge und Erscheinungsformen des modernen Antisemitismus geehrt.

Dr. Matthias Küntzel wurde während einer Sitzung des Nationalkomitees der ADL in Palm Beach, Florida mit dem ADL Paul Ehrlich-Günther K. Schwerin Menschenrechtspreis ausgezeichnet.

„Matthias Küntzel hat sich seit langem und in besonderer Weise gegen den Antisemitismus engagiert und seine Leser in seinem Herkunftsland Deutschland und anderswo vor den Gefahren dieses Jahrhunderte alten Virus gewarnt, gegen den keine Abhilfe bekannt ist“, erklärte Abraham H. Foxman, der Direktor von ADL, anlässlich der Preisverleihung. „In diesem Land wurde seine Arbeit bisher bedauerlich unterschätzt. Wir hoffen, dass mit dieser Auszeichnung seine fortgesetzten Leistungen anerkannt und die amerikanische Öffentlichkeit über die Auswirkungen dieses besorgniserregenden Trends informiert wird.“

In seinem preisgekrönten Buch Jihad and Jew-Hatred: Islamism, Nazism and the Roots of 9/11, analysiert Dr. Küntzel die Verbindung zwischen dem Antisemitismus der Nazis und dem des radikalen Islam und die Zusammenarbeit von Nazi-Größen mit muslimischen Extremisten, besonders mit der Muslimbruderschaft und dem Mufti von Jerusalem, die in den 1930er Jahren begann. Mit seiner Forschung über die Nazi-Einflüsse auf den iranischen Antisemitismus hat Dr. Küntzel ein einzigartiges und starkes Argument für einen massiven deutschen Widerstand gegen das iranischen Regime geschaffen.

„Ich möchte Ihnen nicht nur für diesen Preis danken, sondern für etwas sehr viel Größeres: Ich verdanke mein Verständnis vom Antisemitismus in erster Linie Menschen wie Ihnen: amerikanischen Überlebenden des Holocaust und jüdischen Intellektuellen in den USA“, erklärte Küntzel in seiner Dankesrede. „Die heutigen Ereignisse in Tunesien und Ägypten markieren für den Nahen und Mittleren Osten einen Wendepunkt. Doch gerade in einer solchen Zeit – einer Zeit des Neuanfangs – ist es wichtiger denn je, die Frage nach den Ursprüngen und den potentiellen Konsequenzen des Antisemitismus öffentlich aufzuwerfen.“

Dr. Küntzel ist ein externer Forschungskollege des Vidal Sassoon International Centre for the Study of Antisemitism an der Hebräischen Universität zu Jerusalem und Mitglied des [deutschen] Vorstands von Scholars For Peace in the Middle East. Seit 2001 konzentriert sich seine Forschung und seine Publikationstätigkeit auf die Themen: Antisemitismus im gegenwärtigen islamischen Denken, Islamismus, Islamismus und Nationalsozialismus, Iran sowie die Haltung Deutschlands und Europas gegenüber dem Nahen Osten und Iran.

„In seinem Ausführungen über den Antisemitismus des iranischen Regimes, welchen er als das „Stiefkind des deutschen Nationalsozialismus“ bezeichnet, legt Dr. Küntzel die genozidalen Absichten derer, die nach Atomwaffen streben, dar“, erklärte Herr Foxman. „Er macht klar, dass sich der Zusammenhang zwischen dem Antisemitismus der Nazis und dem des iranischen Regimes nicht auf deren Ähnlichkeiten beschränkt.“

Der Paul Ehrlich-Günther K. Schwerin Menschenrechtspreis wurde 1998 von der ADL in Verbindung mit einem Ahnen von Prof. Paul Ehrlich zu Ehren des späten Günther Schwerin, einem Enkel des berühmten deutsch-jüdischen Wissenschaftlers und zu Ehren von Dr. Ehrlich, dem Entdecker des Medikaments gegen Syphilis, geschaffen. Schwerin setzte das Vermächtnis seines Großvaters im Kampf gegen die Intoleranz fort und etablierte den Preis, um diejenigen zu ehren, die den Antisemitismus in Deutschland und Europa bekämpfen.

Zu den früheren Empfängern des ADL Paul Ehrlich-Günther K. Schwerin Menschenrechtspreises gehören Otto Schily, deutscher Innenminister (2006), Gert Weisskirchen, Bundestagsabgeordneter und Vizepräsident der parlamentarischen Versammlung der OSZE (2005); Rudolf Scharping, deutscher Verteidigungsminister (2000); und Rita Süßmuth, ehemalige Bundestagspräsidentin (1999).

DANKESREDE AUS ANLASS DER VERLEIHUNG DES ADL PAUL EHRLICH – GÜNTHER K. SCHWERIN MENSCHENRECHTSPREISES DER ADL AM 11. FEBRUAR 2011 IN PALM BEACH, FLORIDA

Verehrte Damen und Herren, Direktor Foxman, liebe Freunde,

Vielen Dank. Ich fühle mich außerordentlich geehrt durch Ihre Entscheidung, mein Engagement im Kampf gegen Antisemitismus und Rassismus mit dem ADL Paul Ehrlich Günther Schwerin Menschenrechtspreis auszuzeichnen. Für mich ist dieser Preis eine starke Ermutigung, meine Arbeit auf diesem Gebiet fortzusetzen und zu verbessern.

Ich möchte Ihnen allerdings nicht nur für diesen Preis danken, sondern für etwas sehr viel Größeres: Ich verdanke mein Verständnis vom Antisemitismus in erster Linie Menschen wie Ihnen – amerikanischen Überlebenden des Holocaust und jüdischen Intellektuellen in den USA.

Eine „Holocaust-Awareness“ – ein Bewusstsein über den Holocaust – zu entwickeln und zu erhalten gehört zu den Prinzipien der ADL. Zu meinen Prinzipien gehörte dies lange Zeit nicht. Wie die meisten nicht-jüdischen Deutschen wuchs auch ich mit Eltern auf, die bis 1945 an Adolf Hitler geglaubt hatten und hinterher über die an den Juden begangenen Verbrechen nicht sprachen. Von einer „Holocaust-Awareness“ konnte keine Rede sein. Dies hatte Konsequenzen, wie ich Ihnen anhand von zwei Beispielen zeigen will.

Mein erstes Beispiel stammt aus den 1970er Jahren. Das „9/11“ meiner Generation fand 1972 statt. Damals verübte die palästinensische Organisation „Schwarzer September“ einen Terrorüberfall auf die Münchener Olympiade. Elf Mitglieder des israelischen Olympiateams wurden erst zu Geiseln gemacht und später getötet.

Bestürzt über diesen Terrorismus fragte ich mich damals: Wie ist dies möglich? Warum geraten Menschen in eine derart große Verzweiflung, dass sie sogar den Geist der Olympischen Spiele zerstören? 1972 wusste ich noch nichts vom Holocaust. Ich wusste nichts über die Tatsache, dass Juden ohne rationale Beweggründe getötet wurden. Ich wusste nicht, dass Antisemiten keinen Grund brauchen, um zu töten. Als Resultat dieser Ignoranz machte ich Israels Politik für die angebliche Verzweiflung der Münchener Terroristen verantwortlich.

Wenn Israel mit seiner Politik aufhörte, glaubte ich damals, würde auch der Terrorismus der Palästinenser aufhören. Also schloss ich mich der antizionistischen deutschen Linke an. Hätte ich mehr über den Holocaust und die daraus zu ziehenden Lehren gewusst, wäre ich wahrscheinlich zu anderen Schlussfolgerungen gekommen.

Mein zweites Beispiel stammt aus den 1980er Jahren. Sie glauben nicht, was für einen Schock ich empfand, als ich erstmals im meinem Leben eine jüdische Person traf. Im Sommer 1983 saß ich in einem Bus in New York zufällig neben einer jungen und sehr schönen Frau. Auf meine Bemerkung „Ich bin aus Deutschland“ erwiderte sie: „Ich bin jüdisch“. Dieser Satz muss mich wie ein Schlag getroffen haben. Das einzige, was ich nach einigem Schweigen herausbrachte, war die Frage, warum Israel die Palästinenser so grauenvoll behandele.

Erst Jahre später wurde mir klar, was sich in jenen Sekunden in mir abgespielt haben muss. Ich empfand es offenkundig als eine Aggression, von jener Begleiterin aus heiterem Himmel mit meinem virulenten Schuldgefühl konfrontiert zu werden und inszenierte reflexhaft den Gegenangriff. Mein jäher Schreck über das „I am Jewish“ wurde durch die Hoffnung gelindert, dass die vermeintliche Grausamkeit von Juden mit der Nazi-Grausamkeit an Juden die Waage halten könne.

Zwar hatte meine Begleiterin die Nazis und den Zweiten Weltkrieg gar nicht thematisiert. Ihr bloßes Neben-mir-sein als Jüdin reichte mir schon, um intellektuell gleich mehrfach abzustürzen. So wurde neben der impliziten Gleichsetzung von Libanonfeldzug und Nazi-Krieg auch das Stereotyp vom „Weltjudentum“ in mir virulent, weshalb ich die jüdische Amerikanerin an meiner Seite umstandslos für das Handeln der israelischen Regierung in die Verantwortung nahm. Sie, die zuvor vielleicht mit keinem Deutschen gesprochen hatte, wandte stumm ihr Gesicht gen Fenster und beendete das Gespräch.

Das erste Beispiel handelte von falschen Grundannahmen, das zweite von einem psychologischen Minenfeld. In beiden Fällen machte ich Fehler, weil ich mich mit dem Holocaust in eigener Anstrengung nicht befasst hatte, weil es keine „Holocaust-Awareness“ gab.

Es waren vor allem die Aufsätze und Reden von jüdisch-amerikanischen Intellektuellen, die mir zu neuen Einsichten verhalfen – eine Art private Re-Education. Der Wendepunkt kam mit der „Bitburg“-Affäre von 1984. Das Versagen der deutschen Linken, hierauf angemessen zu reagieren, war offenkundig und veranlasste den späteren Geschichtsprofessor an der University of Chicago, Moishe Postone, zu einem empörten „Offenen Brief an die deutsche Linke“. Später schloss sich an diese Erfahrung mein Dialog mit Prof. Andrei S. Markovits an.

In den 1990er Jahren veränderten zwei weitere amerikanische Wissenschaftler meine Haltung zum Holocaust: Christopher Browning und Daniel Johah Goldhagen. Ich las mit einigen Freunden Goldhagen’s Buch „Hitlers Wilige Vollstrecker“ und begann, die Geschichte des Antisemitismus zu studieren. Unser Buch „Goldhagen und die deutsche Linke“ wurde 1997 veröffentlicht und markierte den Beginn meines Abschieds von der deutschen Linken.

Einige Jahre später war ich – so wie jeder – von „9/11“ schockiert. Ich beschaffte mir die 30 oder 40 wichtigsten Studien über die Geschichte des Islamismus und die Muslimbruderschaft, entdeckte einige wichtige Verbindungen zwischen dem Nationalsozialismus und der Muslimbruderschaft während der 30er – und 40er Jahre und veröffentlichte mein Buch „Djihad und Judenhass – Über den neuen antijüdischen Krieg“.

Ein Überlebender des Holocaust – Prof. Dori Laub von der Yale University – las es und lud mich unverzüglich zu einem Vortrag nach Yale ein. Prof. Omar Bartov von der Brown University zitierte mein Buch ausführlich in der „New Republic“. Prof. Jeffrey Herf, University of Maryland, schrieb das Vorwort für die amerikanische Fassung dieses Buchs. Zwei andere Wissenschaftler, Dr. John Rosenthal und Dr. Colin Meade, begannen Texte von mir zu übersetzen. Ich traf den ADL-Verantwortlichen für internationale Beziehungen, Michael Salberg, auf vielen Konferenzen zum Antisemitismus und wurde zu einer Buchvorstellung in das ADL-Hauptquartier in New York City eingeladen. Heute lud mich die ADL erneut ein, um mir – erstmals in meinem Leben – einen Preis zu verleihen.

Ich habe Ihnen diese Geschichte erzählt, um zu unterstreichen, dass es eigentlich Sie sind – amerikanisch-jüdische Intellektuelle und Überlebende des Holocaust – , die diesen Paul Ehrlich-Preis verdienen, weil Ihr Engagement, Ihre Forschung und Ihr öffentliches Auftreten meine Haltung verändert und ein Bewusstsein über den Holocaust bewirkt hat.

Meine zweite Bemerkung betrifft die extremste Form des „Nicht-Bewusstseins“ vom Holocaust: Die Holocaust-Leugnung. Mit ihr wird der Antisemitismus auf die Spitze getrieben. Wer den Holocaust leugnet, tötet dessen Opfer ein zweites Mal. Wer Auschwitz zum „Mythos“ erklärt, zeichnet die Juden als einen universellen Feind, der die Menschheit um des schnöden Mammons willen seit 70 Jahren fortlaufend betrügt. Wer vom „sogenannten“ Holocaust spricht, unterstellt, dass über 90 Prozent der Lehrstühle und Medien der Welt von Juden kontrolliert und hermetisch gegen die „eigentliche“ Wahrheit abgeschottet werden.

Auf diese Weise wird eben jener genozidale Hass angestachelt, die den Weg in die Schoah bereitet hatte. Insofern ist in jeder Leugnung des Holocaust die Aufforderung, ihn zu wiederholen, implizit enthalten.

Zwei meiner israelischen Freunde, Meir Litvak und Esther Webman haben kürzlich eine erste umfassende Studie über die Leugnung des Holocaust in der arabischen Welt veröffentlicht. Wussten Sie, dass alle arabischen Länder – einschließlich Ägypten“ – die Vorführung internationaler Filme über den Holocaust untersagt haben, darunter Steven Spielbergs „Schindlers Liste“ und Roberto Beninis „Das Leben ist schön“?

Gelegentlich wird der Holocaust sogar befürwortet und gefeiert. Bitte lassen Sie mich zu diesem Thema die Forscher Livak und Webman zitieren:

„Die Rechtfertigung des Holocaust [in der arabischen Welt] war weniger verbreitet als dessen Leugnung. Gleichwohl hat das schiere Vorhandensein solcher Rechtfertigungen, ihr Ausmaß und ihre Direktheit … keine Parallele in irgendeiner anderen Nachkriegsgesellschaft. … Wie schon bei der Holocaustleugnung war die Holocaust-Befürwortung nicht auf marginale oder radikale Kreise und deren Medien begrenzt, sondern in den gewöhnlichen Kulturbetrieb integriert, ohne im arabischen öffentlichen Diskurs auf deutliche Kritik oder eine Verurteilung zu stoßen. … Wenn auch die Ausdrucksformen der Befürwortung seit den 1970er Jahren zurückgingen, so verschwanden sie doch niemals. Sie blieben aber weitgehend auf das Lager der Islamisten beschränkt.“ (From Empathy to Denial, 2009, S. 195.)

Die islamistischen Bewegungen und speziell die Muslimbruderschaft machen derzeit Schlagzeilen. Ich bin ein starker Unterstützer der Kämpfe der Bevölkerungen in Tunesien und Ägypten für Meinungsfreiheit und Versammlungsfreiheit. Gleichzeitig kritisiere ich jedoch die Tendenz westlicher Regierungen und Medien, den Antisemitimus und die Holocaustleugnung der Muslimbruderschaft herunterzuspielen.

Während der Antisemitismus der extremen Rechten in den USA und anderswo zurecht auf öffentliche Empörung stößt, wird genau derselbe Antisemitismus immer wieder beschönigt und minimiert, wenn er sich unter Muslimen artikuliert. Viele neigen dazu, diese Hasspropaganda als einen Nebeneffekt des Nahostkonflikts zu entschuldigen und Israel für den Antisemitismus in der arabischen Welt verantwortlich zu machen.

Andere, wie der in London lehrende Professor Gilbert Achcar, suchen gar die Leugnung des Holocaust zu entschuldigen. So schreibt Gilbert Achcar:

„Sind alle Formen der Holocaustleugnung gleich? Sollten wir solch eine Leugnung, wenn sie von Unterdrückern kommt nicht unterscheiden von einer Leugnung, die von Unterdrückten geäußert wird – so wie der Rassismus der herrschenden Weißen vom Rassismus der unterdrückten Schwarzen unterschieden wird?“ (The Arabs and the Holocaust, 2010, S. 276)

Achcars Buch über „Die Araber und der Holocaust“ wurde von vielen seriösen Wissenschaftlern in den USA und in Deutschland angepriesen und der Autor eingeladen, seine Sichtweisen auf der jüngsten „Lessons and Legacies Conference on the Holocaust“ in Florida vorzustellen.

Es stimmt: Die heutigen Ereignisse in Tunesien und Ägypten markieren eine Zeitenwende in der Entwicklung des Nahen und Mittleren Ostens. Doch gerade in einer solchen Zeit – einer Zeit des Neuanfangs – ist es wichtiger denn je, die Frage nach den Ursprüngen und den potentiellen Konsequenzen des Antisemitismus in dieser Region öffentlich aufzuwerfen.

Einige ziehen es jedoch vor, den sogenannten moderaten Islamismus anzupreisen, als dessen Modell die türkische Regierungspartei AKP gilt. Der türkische Islamismus ist momentan ein Thema in Deutschland, weil soeben eine neue Folge der türkischen Filmreihe „Das Tal der Wölfe“ angelaufen ist –eine Filmserie, die von der gegenwärtigen türkischen Regierung stark unterstützt worden ist.

Letzte Woche habe ich den jüngsten Film dieser Serie – „Das Tal der Wölfe – Palästina“ über mich ergehen lassen und ein Dossier darüber publiziert. Alle Beobachter in Deutschland sind sich einig, dass ein derart offene antisemitische Aufstachelung in den deutschen Kinos seit 1945 nicht mehr gezeigt worden ist.

Der Autor des Filmmanuskripts macht niemandem etwas vor: „Dieser Film will eine faschistische und rassistische Weise des Denkens bloßlegen“ – er meint den Zionismus – „und versucht, diese Denkweise vor den Augen des Publikums zu töten.“

Dieser Film ruft nicht allein zum Hass auf Israel auf sondern verwendet auch die Merkmale des klassischen Antisemitismus. Er verbindet die israelischen Juden mit der Ambition, ein „Großisrael – vom Euphrat bis zum Nil“ errichten zu wollen. Er verbindet sie mit der rassistischen Vorstellung, dass jüdisches Blut „heiliges Blut“ sei und mehr wert, als das Blut der Araber. Er versucht zu zeigen, dass Zionisten ganz erpicht darauf seien, Kinder zu töten und dass jeder Jude der Welt unter der Kontrolle einiger zionistischer Anführer in Jerusalem stehe.

Seit den Naziproduktionen von Filmen wie „Jud Süß“ ist bekannt, dass der Antisemitismus über das Medium „Spielfilm“ suggestiv und damit besonders wirksam verbreitet werden kann. Der Film „Das Tal der Wölfe – Palästina“, der durch eine demokratisch gewählten und moderaten islamistischen Regierung Rückendeckung erfährt, wird derzeit in etwa 100 Ländern und allein in der Türkei in mehr als 300 Kinos gezeigt. In Deutschland verbreiten schätzungsweise 70 Kinos diese Botschaft des Hasses, die wie maßgeschneidert den neuen Antisemitismus unter unserer türkischen Minderheit anzustacheln vermag.

Moderate Islamisten? Ja – so lange es um politische Taktiken geht. Wir aber sollten jede Strömung des Islamismus mit einer Reihe bedeutender Fragen konfrontieren: „Unterstützt ihr die Hamas oder unterstützt ihr die Freiheit?“ „Befördert ihr Antisemitismus oder wechselseitigen Respekt?“ „Wollt ihr Israel angreifen oder gute Beziehungen mit dem jüdischen Staat pflegen?“

Gestern hat die deutsche Sektion der Organisation „Scholars for Peace in the Middle East“ – zu deren Mitgründern und Vorstandsmitgliedern ich zähle – eine Presserklärung über „Das Tal der Wölfe – Palästina“ veröffentlicht, in der unserer Besorgnisse erläutert werden und die Bundesregierung zum Handeln aufgefordert wird. Dies bringt mich zurück zu dem heute vergebenen Preis zu Ehren von Professor Paul Ehrlich, dem berühmtesten Schüler von Prof. Robert Koch, die gemeinsam die Disziplin der Mikrobiologie auf den Weg gebracht hatten. Die SPME-Debatte über „Das Tal der Wölfe“ fand in eben jenem historischen Raum der Berliner Charitè statt, in dem am 24. März 1882 Paul Ehrlich dem grundlegenden Vortrag von Robert Koch über dessen Tuberkolose-Forschung gelauscht hatte.

Diese kleine Episode verrät auch ein Detail über meine Arbeit. Es ist schon wahr, dass Sie den Ehrlich/Schwerin-Preis heute keinem Amtsträger und keinem berühmten Menschen verleihen. Sie zeichnen hingegen einen Politikwissenschaftler aus, der den Antisemitismus nicht nur mithilfe von Büchern und Aufsätzen zu bekämpfen sucht, sondern auch durch politische Initiativen.

Viele meiner deutschen Mitstreiter und Freunde freuen sich über diesen Preis, da er auch ihre Aktivitäten auszeichnet. Ich denke hier nicht nur an meine geliebte Frau Rosi sondern auch an meine liebe Freundin Fanny Englard – eine 85-jährige höchst aktive Überlebende des Holocaust – sowie an meine guten Freunde von der „Stop the Bomb“-Kampagne gegen Ahmadinejads Iran sowie an all meine lieben Kolleginnen und Kollegen in den USA und anderswo, die mit mir die Leidenschaft teilen, den Antisemitismus nicht nur erforschen, sondern auch überwinden zu wollen.

Ich danke Ihnen vielmals.

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