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November 2004

Über die Europäischen Wurzeln des Antisemitismus im gegenwärtigen islamischen Denken

Von Matthias Küntzel

Präsentation aus Anlass der VIII. Lessons & Legacies International Conference on the Holocaust vom 4.-7. November 2004 in der Brown University, Providence, Rhode Island, USA

Mein Thema ist der gegenwärtige Antisemitismus in der arabisch-islamischen Welt. Ich möchte Ihnen zunächst drei Beispiele für diesen Antisemitismus präsentieren.

Beispiel Nr. 1 ist Scheich Madiras, ein Imam aus Palästina. Im September dieses Jahres wandte sich Scheich Madiras mit folgenden Worten an die Gläubigen: „Die Zeit der Auferstehung wird nicht anbrechen, bevor nicht die Muslime die Juden bekämpfen und sie töten. Die Muslime werden die Juden töten und werden darüber jubeln, und Gottes Sieg feiern. ... Der Prophet sagt: Die Juden werden sich hinter dem Stein und dem Baum verstecken und der Stein und der Baum werden sagen: Oh Muslim, du Diener Gottes, hier ist ein Jude hinter mir. Komm und töte ihn! ... Jeder will sich an den Juden rächen, an diesen Schweinen auf Erden.“ Niemand protestierte, als der offizielle Fernsehsender der Palästinensischen Autonomiebehörde diesen Aufruf zum Genozid ausstrahlte. Die Geschichte von dem Stein und dem Baum, die einen Juden, der um sein Leben fürchtet, verraten, damit er getötet werde, ist populär und Bestandteil des Hamas-Programms.

Beispiel Nr. 2 ist Scheich Tantawi. Tantawi ist kein einfacher Prediger, sondern der Leiter der Al-Azhar-Universität von Kairo und damit der renommierteste Geistliche im sunnitischen Islam. Sein Standardwerk „Das Volk Israels im Koran und in der Sunna“ – gleichzeitig seine Doktorarbeit – erschien 1997 in vierter Auflage. Die Juden, erklärt Tantawi, haben die französische Revolution und die Oktoberrevolution inszeniert. Sie haben den Ersten und den Zweiten Weltkrieg entfacht und davon profitiert. Sie kontrollieren die Wirtschaft und die Medien der Welt. Sie kämpfen für die Zerstörung von Moral und Religion und betreiben Bordelle in aller Welt. Tantawi, der höchste sunnitische Theologe, zitiert Adolf Hitlers „Mein Kampf“ mit der Aussage: „Indem ich mich des Juden erwehre, kämpfe ich für das Werk des Herrn.“ Er lobt die „Protokolle der Weisen von Zion“ und berichtet ohne eine Spur des Bedauerns, „dass nach Veröffentlichung der Protokolle in Russland ca. 10.000 Juden getötet worden seien.“[1] Diese Protokolle sind in der Tat eine Waffe aus Papier. Sie projizieren alle vermeintlichen Übel der Moderne auf einen einzigen Feind, die Juden, und teilen die Welt manichäisch auf: Hier das bedrohte Gute, dort das jüdische Böse. Entweder Vernichtung des Bösen oder aber eigener Untergang. In Russland löste das Pamphlet Text Pogrome aus, in Deutschland war es der Leitfaden zum Holocaust: Kein anderer Text hatte Hitlers Judenpolitik maßgeblicher geprägt.

Schon deshalb sollte meiner Meinung nach dieses Machwerk international geächtet, seine Verbreitung verboten und ein Propagandist der „Protokolle“ wie Scheich Tantawi gefeuert werden. Doch das Gegenteil ist der Fall. Damit bin ich bei Beispiel Nr. 3: Kein anderes Buch nach dem Koran hat heute in der arabischen Welt einen vergleichbar großen Einfluss wie „Die Protokolle der Weisen von Zion“. In den letzten Jahren wurde dieser Leitfaden Adolf Hitlers sogar mehrfach in Spielfilmserien als soap opera popularisiert. Das ägyptische Staatsfernsehen, der Hisbollah-Sender Al-Manar und viele andere TV-Stationen strahlten derartige Hassproduktionen wiederholt während des Ramandan aus. Wer Gelegenheit hatte, einen antisemitischen Nazi-Film wie „Jud Süß“ kennen zu lernen, kennt die ungeheuerliche Suggestivkraft des antisemitischen Spielfilms. In der arabischen Verfilmung der „Protokolle“ zerren z.B. an einer Stelle Juden einen verängstigen Jungen in einen Raum. Dann fährt die Kamera auf das Kind zu und man sieht in Großaufnahme, wie Juden dem Kind die Kehle durchschneiden und das Blut in einem Metallbecken auffangen. So wird die Ritualmord-Legende, wonach Juden zum Passahfest das Blut von Ungläubigen verzehren, zur besten Sendezeit Millionen von Muslimen eingeimpft. Man wird Generationen brauchen, um dieses Gift wieder zu entfernen.

Die Dramatik dieser Entwicklung wird im Westen nicht gesehen. Entweder man tut so, als gehöre der Judenhass zur orientalischen Welt wie die Wasserpfeife und die Moschee. Oder man beschönigt den Antisemitismus unter Muslimen als eine Art „Antiimperialismus der dummen Kerls“ und rationalisiert ihren Hass auf die Juden als vermeintlichen Reflex auf den Nahostkonflikt. Die Quintessenz beider Denkmuster liegt in der Überzeugung, dass der muslimische Antisemitismus etwas gänzlich anderes als der europäische Antisemitismus sei.

Diese Einschätzung hält der Prüfung nicht stand. In der Tradition des Islam waren Juden stets eine unterlegene Kraft. Der auf dem Phantasma einer Weltverschwörung basierende Antisemitismus wurde aus Europa in die islamische Welt exportiert. Der maßgebliche Transfer dieser Ideologie fand zwischen 1937 und 1945 unter der Wucht der Nazi-Propagada statt. Dieser Zusammenhang ist wenig bekannt. Ich möchte deshalb abschließend die Wirkungsweise dieses Transfers skizzieren.

Wichtigster Träger der Propagandaoffensive war Amin el-Husseini, der Mufti von Jerusalem, damals eine der prominentesten Figuren der islamischen Welt. Seine Freundschaft mit Heinrich Himmler und sein Anteil am Holocaust sind weitgehend bekannt. Weniger bekannt ist eine Leistung, die erst heute ihre Wirkung entfaltet: Der Mufti hat als erster den europäischen Antisemitismus islamisch formuliert. Kern seiner Propaganda war die Reaktivierung von Judenhass aus Überlieferungen des Islam, die er geschickt mit dem Topos einer „ewigen“ Verschwörung gegen die Gläubigen verband. „Leider wissen nur wenige, dass die Feindschaft zwischen Islam und Judentum nicht neueren Datums ist“[2], schrieb der Mufti in seinen Vorwort zur Broschüre „Islam und Judentum“, die die Nazis in mehrere Sprachen verbreiteten. In der Tat waren die judenfeindlichen Suren des Koran und der oben zitierte Hadith von dem Baum und dem Stein über die Jahrhunderte vollständig in Vergessenheit geraten. Jetzt wurden diese Hassbotschaften wachgerufen und bei jeder Gelegenheit zitiert.

Ein zweiter Bündnispartner der Nazis war die Muslimbruderschaft, die 1939 mehr Geld aus Berlin erhielt als jede andere ägyptische Gruppierung. Die Moslembrüder waren die Keimzelle des Islamismus und sind bis heute das Zentrum des islamischen Antisemitismus geblieben. Die Nazis schätzten nicht nur die antijüdischen Kampagnen der Moslembrüder, sondern auch ihre „scharfe Gegnerschaft gegen den westlerischen Liberalismus“[3], wie es in einer zeitgenössischen Darstellung heißt.

Die größte propagandistische Wirkung aber erzielte ein Rundfunksender, von dem heute kaum jemand weiß. Täglich übermittelte der bei Berlin gelegene Kurzwellensender Zeesen zwischen 1939 und 1945 sein arabisch-sprachiges Programm in die islamische Welt. Geschickt wurde in den Sendungen die antisemitische Hetze mit Zitaten aus dem Koran und arabischen Musikbeiträgen kombiniert. Die ständig wiederholte Botschaft von Radio Zeesen charakterisierte ein Zeitgenosse so: „Der Jude ist der ewige Feind der Moslems seit Mohammeds Zeiten. Ihn zu töten, erfreut Gott.“ Kein anderer Sender erfreute sich zwischen 1939 und 1945 auf den öffentlichen Plätzen der arabischen Welt einer größeren Beliebtheit, als dieser Nazi-Sender, der seit 1941 unter der Leitung des Mufti stand.

Im April 1945 stellte Radio Zeesen seinen Betrieb ein. Die Alliierten hatten Hitler zwar besiegt – doch der Antisemitismus in der arabischen Welt begann sich von jetzt an erst recht auszubreiten.

Heute sind wir mit einem Judenhass konfrontiert, der den europäischen Topos vom jüdischen „Übermenschen“ mit dem islamischen Topos vom jüdischen „Untermenschen“ verknüpft. Juden werden als „Schweine“ und „Affen“ verächtlich gemacht und im selben Atemzug als die Drahtzieher der Weltpolitik angefeindet.

Das Ergebnis ist eine genozidale islamistische Ideologie, die genoziale Progamme und genozidale Aktivitäten erzeugt. Islamisten propagieren nicht nur die Tötung beliebiger Juden, sondern praktizieren sie – ob in Djerba, Istanbul, Casablanca, Mombasa oder Taba. Ihre Ambition der Vernichtung wird heute lediglich technisch begrenzt. Könnte Hamas zwischen einer Kassem- und einer Atomrakete wählen, wäre die Entscheidung wohl klar.

Dies hat Folgen für den Blick auf den Holocaust. Wer Juden als ein Weltübel bezeichnet und vernichten will, kann Hitlers Endlösung schlecht kritisieren. Stattdessen wird er der Außenwelt gegenüber verleugnet und im Geheimen als Quelle der Inspiration genutzt: als eine Art Präzedenzfall, der beweist, dass es geht, dass man Juden millionenfach ermorden kann.

Dieser Antisemitismus hat mit ethnischen Besonderheiten oder kulturellen Marotten, die unter den Artenschutz einer „political correctness“ zu stellen wären, nichts zu tun. Wir erleben, wie die Ideologie der Nazis in neuer Verkleidung eine Renaissance erlebt. Heute gilt es, alle Muslime zu stärken, die sich dieser Entwicklung entgegenstellen. Ich möchte deshalb mit dem Appell eines Moslems, des Islamwissenschaftlers Bassam Tibi, schließen: „Erst wenn die Öffentlichkeit der antisemitischen Dimension des Islamismus angemessen entgegentritt, wird man davon sprechen können, dass sie die Lehren aus dem Holocaust wirklich verstanden hat.“

(nicht veröffentlicht)

[1] Wolfgang Driesch, Islam, Judentum und Israel. Deutsches Orient-Institut, Mitteilungen Band 66, Hamburg 2003, S. 76f. Das Hitler-Zitat stammt aus „Mein Kampf“, München 1934, S. 70.

[2] Zani Lebl, Hadz-Amin i Berlin, Beograd 2003, S. 181/182.

[3] Giselher Wirsing, Engländer Juden Araber in Palästina, Leipzig 1942, S. 136f.