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"Lesart", Deutschlandradio Kultur, 5. Mai 2013

Sprache kann töten

Über "Die Sprache der Judenfeindschaft im 21. Jahrhundert" von Monika Schwarz-Friesel und Jehuda Reinharz. Ein Rezension · Von Matthias Küntzel

Wann immer es im Nahen Osten kracht oder Juden aus anderen Gründen in die Schlagzeilen kommen, werden Bürger in Deutschland aktiv. Sie greifen hundertfach zur Feder, um dem Zentralrat der Juden in Deutschland oder dem israelischen Botschafter in Deutschland per Email, Fax oder Briefpost darzulegen, was sie von Israel oder den Juden halten. 14.000 derartige Briefe liegen allein für den Zeitraum 2002 bis 2012 vor.

Diese Bürgerbriefe sind der Fundus, den die Linguistin Monika Schwarz-Friesel und der Historiker Jehuda Reinharz in ihrem jetzt erschienenen Buch „Die Sprache der Judenfeindschaft im 21. Jahrhundert“ analysieren. Sie präsentieren in einem historischen Rückblick die typischen Muster des Antisemitismus der letzten 150 Jahre und interpretieren vor diesem Hintergrund die Sprache der 14.000 Briefe sowie die Denkstrukturen und Gefühle, die in dieser Sprache zum Ausdruck kommen.

Nur knapp ein Viertel der eingegangenen Briefe werden als „freundlich“ oder„legitim kritisch“ eingestuft, während die Autoren die übergroße Mehrheit der spontanen Meinungsbekundungen als „antisemitisch“ klassifizieren.[1]

Viele der mehr als 800 Briefauszüge, die ihre Studie dokumentiert, sind erschreckend und beschämend zugleich. 50 Jahre nach dem Holocaust werden der Botschafter Israels und die höchsten Repräsentanten des Judentums in Deutschland als

„bluttriefende Judenschweine“, „Kinderschlächter“, „Kriegsverbrecher“, „Völkermörder“ [oder] „Untermenschengesindel“

beschimpft und mit Mordphantasien konfrontiert wie zum Beispiel

„ab in die Gaskammer“, „als Futter sollte man euch verarbeiten“, „ich hoffe, ihr verreckt bald“.[2]

Doch machen derartige Selbstentblößungen des Rechtsextremismus nur einen kleinen Teil der Zuschriften aus.

Zwei Drittel der zum Teil seitenlangen Elaborate stammen demgegenüber von Menschen, die sich politisch der gesellschaftlichen Mitte zurechnen; von Personen also, die von Auschwitz wissen und sich als Anti-Antisemiten verstehen, die sich aber trotzdem dazu berufen fühlen, den Israelis oder dem Zentralrat der Juden die Leviten zu lesen.

Bei der Prüfung der Texte dieser Personengruppe tritt die Stärke des sprachwissenschaftlichen Ansatzes zutage. Hervorragend gelingt es den Autoren, den versteckten Antisemitismus, der sich auf der Oberfläche nicht zeigt, zu dechiffrieren. Die Judenfeindschaft der Gebildeten, die das Wort „Jude“ nicht erwähnt, gibt sich „anti-rassistisch und ehrbar“, schreiben die Autoren, doch sie bedient sich

„nahezu aller gängigen judenfeindlichen Stereotype und Vorurteile, benutzt dämonisierende NS-Vergleiche und artikuliert sich über einen extremen Anti-Israelismus.“[3]

Zu den immer wiederkehrenden Mustern jener Briefe gehört der Glaube, dass Juden keine Deutsche seien und keine sein könnten; eine Wahnvorstellung, die Richard Wagner einst erfand. Hier wird die „Wir-Gruppe“ der Deutschen für kategorisch judenfrei erklärt, etwa wenn es in einem Brief an den Zentralrat der Juden in Deutschland heißt:

„Ich und meine Freunde fragen uns, warum Sie immer wieder in Angelegenheiten, die nur uns Deutsche betreffen, sich einmischen.“[4]

Da ist zweitens das Klischee vom gierigen Schacherer und parasitären Schmarotzer, an das unsere modernen Antisemiten, die keine sein wollen, anknüpfen, indem sie den Juden in Deutschland unterstellen, den Holocaust auszunutzen und die öffentliche Meinung in Deutschland in ihrem Sinne zu manipulieren.

Und da ist schließlich der reflexhafte Hass auf Israel, dem die Autoren ein eigenständiges Kapitel widmen. Israel, schreiben sie,

„steht als Hassobjekt im Mittelpunkt des aktuellen Antisemitismus. … (Es) sieht sich einer im Vergleich zu anderen Krisen- und Konfliktregionen quantitativ wie qualitativ unverhältnismäßigen Kritik ausgesetzt, die ein auffälliges Ausmaß von extremer Emotionalität besitzt.[5]

Doch auch hier entsprechen die Sprachmuster, die benutzt werden, um Israel zu stigmatisieren, den Mitteln und Strategien, die seit Jahrhunderten verwendet werden, um Juden zu diskriminieren. So stecke hinter der Behauptung, Israel sei „der Störenfried in Nahost“ das Klischee vom Juden, der in nicht-jüdischen Gesellschaften angeblich immer schon ein Störfaktor gewesen sei.

„Wörter sind oft wie Pfeile. Sie bohren sich in unser Bewusstsein ein“, schreiben Monika Schwarz-Friesel und Jehuda Reinharz, in ihrer hervorragenden Studie. „Wörter können aber auch wie Gift wirken“, fahren sie fort. „Sie tröpfeln Urteile ein, die langfristig Schaden anrichten.“[6]

Dies war erneut diesen April der Fall, als eine große deutsche Tageszeitung ihren Artikel mit der folgenden Überschrift versah: „Israel greift Ziele im Gazastreifen an. Krise belastet Friedensgespräche.“ Erst aus dem Kleingedruckten erfuhren wir, dass ein mehrfacher Raketen-und Granatenbeschuss von Gaza auf Israel vorangegangen war.[7] Erneut hat eine bestimmte Wortwahl das Denken gelenkt und Wirklichkeit verfälscht.

Worte sind wesentlich; Sprache kann töten: Auschwitz begann nicht mit dem Bau von Krematorien, sondern mit dem Gebrauch bestimmter Worte. Die Tatsache, dass judenfeindliche Denkmuster aus der Nazizeit auch heute noch Verbreitung finden, ist ein Alarmzeichen. Auch deshalb sollte das Buch über „Die Sprache der Judenfeindschaft im 21. Jahrhundert“ für angehende und ausübende Journalisten eine Pflichtlektüre sein.

Monika Schwarz-Friesel/Jehuda Reinharz: Die Sprache der Judenfeindschaft im 21. Jahrhundert. Europäisch-jüdische Studien. Beiträge, Bd. 7, De-Gruyter-Verlag, Berlin/Boston 2013, 445 Seiten, 79,95 EUR.

Das Tondokument und die Internetversion von DRadio Kultur finden sieh hier

[1] Monka Schwarz-Friesel und Jehuda Reinharz, Die Sprache der Judenfeindschaft, Berlin – Boston (De-Gruyter) 2013, S. 30.

[2] A.a. O., S. 179, 302, 307, 336f.

[3] A.a.O., S. 397.

[4] A.a.O., s. 123.

[5] A.a.O., S. 102 und 233.

[6] A.a.O., S. 42.

[7] Israel greift Ziele im Gazastreifen an. Krise belastet Friedensgespräche von Netanjahu und Abbas, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 4. April 2013.