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Jungle World, Januar 2002

Schöne alte Welt

Eine Kritik des konkret-Kongresses "Deutschland führt Krieg" · Von Matthias Küntzel

Im linken Antiamerikanismus, der sich für den islamistischen Antisemitismus nicht interessiert, scheint für die Spezifika der deutschen Geschichte kaum noch Platz zu sein

Der kopflose Zustand der deutschen Linken spiegelt sich in der Ankündigung des bevorstehenden KONKRET-Kongresses „Deutschland führt Krieg- gestern, heute, morgen“. Bekanntlich feierte al-Quaida in all ihren Stellungnahmen die Selbstmordattentäter als „muslimische Avantgarde“ und als „Speerspitze des Islam“ und kündigte einen weiteren „Sturm von Flugzeugattacken“ zur Zerstörung Amerikas an. Doch je klarer die Verantwortung der antisemitisch orientierten Djihadisten für den Massenmord in Manhattan zutage liegt, desto entschiedener wird eben dies von KONKRET dementiert.
So ist in der Kongress-Ankündigung zwar von Umsatzrendite die Rede, von Geld, von Macht und von Öl. Die islamistische Bewegung wird jedoch lediglich als eine Fiktion wahrgenommen und die Kritik daran als Kriegslüge abserviert, ja, mit den antijüdischen Verschwörungstheorien der Nazis gar auf eine Stufe gestellt. Kein Wunder also, dass der 11. September in der Ankündigung und im Programm des Kongresses nicht eine einzige Erwähnung erfährt: Über die Massaker und seine Urheber zu diskutieren, scheint unerwünscht zu sein.
In den neueren Kolumnen von Hermann Gremliza werden die Folgen jener Leugnung offenbar, werden doch von ihm für die Massaker des 11. September ausschließlich die Vereinigten Staaten verantwortlich gemacht: Entweder mithilfe einer Komplott-Theorie oder mit Verweis auf „die Abscheulichkeit der US-Politik“.
Betrachten wir zunächst Gremlizas neues Faible für die Verschwörungstheorie. Laut Januarkolumne gilt ihm als „schwer vorstellbar“, dass die Anschläge „ohne jede Mitwirkung aus den einschlägigen Diensten vorbereitet und durchgeführt“ worden seien, würden doch die USA erfahrungsgemäß von Kräften regiert, die „zu Verbrechen aller Art und jeden Ausmaßes bereit sind.“ Nun bieten CIA und FBI Stoff genug für eine Kritik, die an Realitäten sich orientiert. Gremliza aber beschwört dunkle Mächte auf Grundlage des Gerüchts. Ist es plausibel, dass Jaques Chirac den Elysée-Palast dem Erdboden gleichmachen läßt, um Truppen-Entsendungen in den Kongo (Ölregion!) durchzusetzen? Oder der Bundesnachrichtendienst seine Budget-Erhöhung durch Sprengung des Reichstags mitsamt der darin Beschäftigten organisiert? Wer derartige Massaker weder deutschen noch französischen, sondern allein amerikanischen Dunkelmännern unterstellt, ist des Antiamerikanismus schon überführt.
Gremliza ließ zu, dass mit Andreas von Bülow ein exemplarischer Vertreter jenes Antiamerikanismus „bei KONKRET ein Refugium“ finden konnte, wie man kokett in der Dezemberausgabe betont. Exklusiv also und gleich auf drei Seiten konnte der ehemalige SPD-Bundesminister sich über Mossad und CIA verbreiten, obwohl schon sein Geheimdienste-Buch von 1998 an eine Neuinszenierung der „Protokolle der Weisen von Zion“ gemahnt. So will darin der Autor ein „System globaler Steuerung über verdeckte Operationen“ entdeckt haben, dessen Drahtzieher der Mossad und die CIA seien. „50 kontinuierlich verdeckt gelenkte Nationen“ seien den Verschwörern bereits zum Opfer gefallen!
Keine Überraschung also, dass von Bülow am 4. Dezember 2001 in American Free Press mit dem Diktum „Der Bundesnachrichtendienst ist in der Hand der CIA und der CIA ist in der Hand des Mossad“ und mit der Aussage, „dass er glaubt, dass hinter den Terror-Attacken vom 11. September der israelische Geheimdienst Mossad steht“ zitiert worden ist. Doch dass er widerspruchslos auch in KONKRET die Legende von der – nicht weitergeleiteten! – Vorabkenntnis des Mossad über den WTC-Anschlag lancieren konnte – das erstaunt und beweist, an welchen Abgründen balanciert, wer in der Realität des Islamismus ein Phantasma und im Phantasma der „dunklen Mächte“ eine Realität sehen will.
Gremlizas zweite Deutung ist eine „Rächer-Theorie“. Im Novemberheft schreibt er über Bin Laden: „Es ist der empfindsame Sohn aus besserem Haus, der den Anblick des Leids nicht erträgt“ und der wohl, hätte sein Mitleid nur eine Chance erhalten, als ein Robin Hood oder Che gefeiert worden wäre. So wäre das Massaker demnach auch zu erklären: „Wem die Welt sich als nicht resozialisierbar darstellt, der kann nur noch kaputtmachen, was ihn kaputtgemacht hat, er muss rächen, vergelten.“
Vielleicht will Gremliza als US-Gegner und Israel-Sympathisant in der Ermordung amerikanischer Zivilisten durch Bin Laden und der Ermordung israelischer Zivilisten durch Hamas und Hisbollah zwei grundverschiedene Dinge sehen. Doch diese Trennung ist absurd. Der Djihadismus will die USA nicht wegen deren Politik im IWF oder wegen Vietnam vernichten, sondern weil sie der weltweit einzige Verbündete von Israel sind. So kritisisierte 1998 al-Quaida die US-Politik im Golfkrieg, „weil ihr Ziel auch darin besteht, dem unbedeutenden Staat der Juden zu dienen.“ Gremliza unterschätzt zweitens die Eigenmächtigkeit von Ideologie. Er sieht die Welt in arm vs. reich und Verursacher vs. Opfer/Rächer geteilt und unterstellt, dass keine Politik und keine Ideologie je so barbarisch sein könnte wie die Ökonomie, die sie angeblich bestimmt.
Ist diese Prämisse nicht schon mit Auschwitz widerlegt? Der antijüdische Wahn ist zwar keinem metaphysisch „Bösen“, sondern einer historisch und systematisch erklärbaren Sichtweise auf den Kapitalismus entsprungen. Diese aber ist durch unmittelbare ökonomische Entwicklungen weder beinflusst noch gar determiniert. Keineswegs ist der Djihadismus jener „Anti-Imperialismus der dummen Kerls“, für den ihn Gremliza offenkundig hält. Er ist ein antisemitischer Krieg, in welchem nicht nur alles Jüdische als böse, sondern zugleich alles Böse als jüdisch halluziniert wird: Der „große Satan“ wird nicht allein wegen Israel, sondern in erster Linie als das imaginiertes Zentrum einer materialistisch-egoistischen (ergo: jüdischen) Weltordnung bekämpft.
Die neue Melange aus Vernichtung und Wahn macht den Kapitalismus freilich nicht besser, sondern offenbart dessen destruktive Wirkungskraft in einer neuen Dimension. Es gibt deshalb keine Veranlassung, ihn nunmehr als die „Zivilisation des freien Tauschs“ zu verklären oder der moslemischen Welt gar in einer Art Etappentheorie die Vorzüge dieser Gesellschaftsordnung mit Verweis auf eine kommunistische Option am St. Nimmermannleinstag an das Herz zu legen.
Wer den islamistischen Hintergrund des 11. September jedoch auszublenden sucht, gerät nicht nur in die Fallstricke eines stets nur antiaufklärerischen Antiamerikanismus, sondern verkennt auch den unmittelbaren Nutzen, den Deutschland aus dem antiamerikanischen Islamismus zieht.
„Könnten machtpolitisch selbstbewusste Länder möglicherweise daran interessiert sein, dass der Erfolg (der USA im Kampf gegen den Terror) nicht triumphal und auch nicht eindeutig ausfällt?“, fragte scheinheilig der außenpolitische Ressortleiter der FAZ und benannte damit den entscheidenden Punkt. Je geringer der amerikanische Erfolg, desto größer der Gewinn, der Deutschland als verlogenem „Makler“ winkt.
Seit das kaiserliche Deutschland sich zum „Freund des Islam“ erklärte, wird der Djihad in den Dienst deutscher Weltmachtinteressen gestellt. Im Kampf um strategisch-ökonomische Dominanz wird auch heute wieder die explizit antiwestliche Variante des Islam protegiert: „Der (gegenwärtige) deutsche Sonderweg für den Islam“, so der Islamwissenschaftler Bassam Tibi, „heißt Fundamentalismus, nicht liberaler Islam.“
Insofern besteht zwischen der seit dem 11. September forcierten Ausrichtung der deutschen Außenpolitik auf die muslimische Welt und der Beschwerde der New York Times über den Schmusekurs deutscher Geheimdienste im Umgang mit terroristischen Islamisten ein Zusammenhang. Zu den von Washington monierten Ungereimtheiten gehört die Tatsache, dass schon 1998 und 1999 die Harburger Wohngemeinschaft Attas aufgrund möglicher Verbindungen zu bin Laden observiert wurde. Im Jahr 2000 wurde diese Überwachung jedoch beendet, obwohl die CIA nach Angaben des Spiegel gerade zu diesem Zeitpunkt „die Verfassungsschutzbehörden in Deutschland massiv gedrängt (habe), sich der al-Qaida-Organisation in Hamburg anzunehmen.“
Von derartigen Widersprüchen wird auf dem KONKRET-Kongress „Deutschland führt Krieg“ kaum die Rede sein. So germanozentriert und verbalradikal der Titel dieser Veranstaltung, so grundlegend wird die deutsche Rolle im Kontext neuer Frontlinien verkannt. Nicht zufällig werden im Kongreß-Aufruf der deutsche Vernichtungskrieg von 1939 mit dem Krieg der USA in Afghanistan auf eine Stufe gestellt und umstandslos unter die „amerikanisch“ konnotierte Motivkette „Geld und Macht, Öl und Hegemonie“ subsumiert. Im gepflegt-linken Antiamerikanismus-Diskurs, der sich für den islamistischen Antisemitismus nicht interessiert, scheint zugleich auch für Spezifika der deutschen Geschichte kaum noch ein Platz zu sein.
Damit sind die Konsequenzen der Ignoranz gegenüber dem 11. September benannt: Ein Antiamerikanismus, die mit Positionen von Faschisten und Nationalisten verwechselt werden kann, ergänzt um eine antideutsche Rhetorik, die stärker im Ausdruck als im Ausgedrückten, also nur agitatorisch ist.
(Für Anregungen und Kritik danke ich Ulrike Becker, Frank Behn, Kera Nagel sowie Jürgen Starck.)

(aus: Jungle World, Nr. 5, 23. Januar 2002, S. 5)