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Hamburg, den 6. Juni 2012

Kein "Schrei im Wind"

Mit seinem neuen Lied reagiert der iranische Sänger Shahin Nadschafi auf die gegen ihn verhängte Todesfatwa · Von Matthias Küntzel

Haben Sie schon das neue Lied von Shahin Nadschafi, dem vom iranischen Regime mit einer Todesfatwa verfolgten Sänger gehört? Falls nicht – holen Sie es nach. Er hat es irgendwo in seinem deutschen Versteck geschrieben, aufgenommen und gestern Abend ins Internet gestellt. Sie finden die Aufzeichnung mit provisorischer englischer Übersetzung
hier

Ich gebe zu: Mich hat seit langem kein Lied mehr so aufgewühlt, wie dieser Rap-Song „Istadeh Mordan“. Warum? Weil dieses Lied mehr ist als ein Lied. Es ist ein Fanal.

Shahin wird von den Häschern des Regimes mit einer Todesfatwa verfolgt. Teheran ließ Internet-Spiele etablieren, mit denen jedes Kind Shahin virtuell jagen und töten kann, sein Kopf wird im Fadenkreuz oder mit Einschusslöchern gezeigt. Der ganze sadistische Hass auf den Freiheitswillen der iranischen Jugend scheint sich derzeit auf seine Person zu konzentrieren.

Und was macht Shahin? Er hält sich versteckt. Er antwortet auf die Frage, ob er Angst habe: „Also als Mensch ja, so kann man das sagen.“ Er lässt es dabei jedoch nicht bewenden, sondern fügt hinzu: „Aber als ein Künstler und als ein politischer Aktivist, darf ich nicht Angst haben, weil ich eine große Menge Fans im Iran und in der ganzen Welt hinter mir habe. Ich darf nicht Angst haben.“ (Interview mit dem Deutschlandfunk, 11. Mai 2012)

Sein neues Lied zeugt von einer ungeheuren Wut und von einem ungeheuren Mut: Es zeugt von der Bezwingung dieser Angst.

Ich bedauere sehr, dass ich kein Persisch kann – doch ein Wort in diesem Lied verstehe ich gut: Das Wort „Fatwa“. Shahin singt aber nicht einfach „Fatwa“ sondern schleudert diesem Wort eine Art Fluch hinterher – in Form eines Lautes, den man mit arabischen Buchstaben nur sehr begrenzt als „Wuahhh“ darstellen kann.

Dieses: „Fatwaaaaa – Wuahhhh“ schleudert das Todesdekret und die mit ihm bezweckte Einschüchterung beiseite. Hier speit ein Repräsentant der Zukunft mit hingebungsvoller Verachtung auf alles, was Ali Khamenei repräsentiert.

Ich kann mich nicht erinnern, dass Salman Rushdie das Regime nach der gegen ihn gerichteten Fatwa mit derartiger Todesverachtung und Leidenschaft angegriffen hat. Die Zeiten haben sich allerdings auch geändert. Die Stimmung in der iranischen Jugendszene – der Shahin Nadschafi angehört – brodelt.
Der Sänger verleiht dieser Stimmung Resonanz.

Mit der Fatwa gegen Shahin hat das Regime den Bogen der Repression überspannt. Shahins neues Lied wirkt so befreiend, weil er sich um die Fatwa schert, wie sich ein Stier um eine Fliege schert. Das Regime tobt und der zum Tod Ausgeschriebene singt grimmig und lacht.

In der Regel ist mir der im iranischen Alltag so überaus präsente Märtyrergedanke zuwider. So schüttelte ich im ersten Moment auch über den Titel des neuen Liedes (sinngemäß: „Aufrecht sterben“) den Kopf. Nachdem ich es aber ein- zwei- dreimal gehört hatte, fand ich diese Überschrift nachvollziehbar.

Wahrscheinlich wird man gegen ein derart mörderisches Regime ohne ein gewisses Maß an Todesverachtung nicht kämpfen können. Wie sehr Nadschafi am Leben hängt und es liebt, beweisen die Verse seiner Lieder.

Mich erinnert seine Liedüberschrift an die Todesverachtung der Opponenten des Schah von 1978/79. Diese Todesverachtung trug damals zum Sturz des Regimes und zur Paralysierung der Sicherheitskräfte erheblich bei.

Es ist nicht seine Melodie, die dieses Lied zu etwas Einzigartigem macht, sondern die Haltung, die sich darin manifestiert. Eine Haltung, von der man im Westen nicht einmal Spurenelemente entdecken kann. Eine Haltung, die der iranischen Oppositionsbewegung womöglich neue Kraft verleiht.