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Deutschlandradio Kultur, 30. Juni 2011

Irans Atombombe und wir

"Der Tag nach dem ersten iranischen Atomwaffentest ist ein normaler Tag", prophezeit eine Homepage der Revolutionären Garden · Von Matthias Küntzel

Es ist sieben Uhr morgens und ein schöner Tag. Noch ist die Sonne nicht aufgegangen, doch es leuchtet überall. Heute ist die erste Morgendämmerung nach dem iranischen Atombombentest. Es ist ein ganz normaler Tag.[1]

Mit diesen Worten beginnt ein Artikel, den kürzlich Vertreter des iranischen Regimes auf einer Website der Revolutionsgarden veröffentlichten. Darin malen sich die Autoren nicht nur den Ort eines fiktiven iranischen Atomtests aus, sondern auch die Wucht der Detonation, ja selbst die möglichen Schlagzeilen der internationalen Medien am Tag danach.

Man könnte vielleicht von einem makabren Scherz sprechen, wäre da nicht der jüngste Report des Generaldirektors der Internationalen Atomenergieagentur IAEA. Eigentlich zeichnen sich die Berichte der Agentur durch Zurückhaltung aus – doch im Mai dieses Jahres schlug die IAEA Alarm. Sie berichtete über iranische „Aktivitäten zur Entwicklung einer nuklearen Raketenausrüstung“, über „die Umwandlung von Uranmetall in Komponenten, wie sie für Atomsprengköpfe erforderlich sind“ und über Experimente zur Zündung moderner Atomwaffen.[2]

Während es so schien, als hätte der Computervirus Struxnet die Atompläne des Regimes gestoppt, laufen die Uranarbeiten erneut auf vollen Touren; soeben kündigte das Regime die Verdreifachung der Hochanreicherung auf 20 % an.[3]

Während der Aufbruch der arabischen Welt unsere Aufmerksamkeit fesselt, blieb die Drohung des iranischen Präsidenten Ahmadinejad von letzter Woche unbeachtet: „Wenn wir eine Bombe bauen wollen“, erklärte er im Staatsfernsehen, „schrecken wir vor niemandem zurück.“[4]

Während Deutschland sich zum nationalen Atomausstieg beglückwünscht, rückt der „erste Tag nach dem iranischen Atomtest“ immer näher heran.

„Na und?“, werden einige sagen. „Lasst sie doch! Andere haben die Bombe auch.“

Doch so einfach ist es nicht. Schon kündigte Saudi-Arabien für den Fall eines iranischen Atomtests eigene Atomwaffen an. Mit der Möglichkeit der israelischen Bombe konnten die Saudis jahrzehntelang leben, doch vor dem Expansionsdrang und dem Irrationalismus der schiitischen Apokalyptiker haben sie Angst. Die iranische Bombe setzt aber nicht nur einen nuklearen Rüstungswettlauf in Gang. Sie erhöht das Risiko des nuklearen Terrorismus und zementiert die beispiellose Unterdrückung der Menschen in Iran.

„Keine Panik!“, versichern andere. „Die iranische Führung will überleben und wird deshalb schon keine Dummheit riskieren.“

Dieser Einwand übersieht ein Spezifikum des Regimes: Es gibt kein zweites Land, das derart hemmungslos den Märtyrertod und die Paradiesverheißung nach dem Motto „Ihr wollt das Leben, wir den Tod“ propagiert. Die iranische Bombe würde erstmals das Zerstörungspotenzial der Kernspaltung mit dem Furor eines religiösen Fanatismus vereinen. Das hieraus resultierende Risiko ist hoch – zu hoch jedenfalls für Israel, das diese Bedrohung seiner Existenz schwerlich hinnehmen kann.

Der Tag nach dem ersten iranischen Atomwaffentest wäre somit alles andere als ein „normaler Tag“, wie es in dem eingangs zitierten Artikel heißt. Es wäre der Triumph eines mörderischen antisemitischen Regimes über den Rest der Welt.

So wie 1914 die Schüsse von Sarajewo die Katastrophen des 20. Jahrhunderts einleiteten, so würde die iranische Bombe der Vorbote möglicher Verheerungen des 21. Jahrhunderts sein.

Die Revolutionsgarden beendeten ihren Atomtestartikel mit Sure 8, Vers 60 des Koran: So rüstet wider sie, was ihr vermöget an Kräften und Rossehaufen, um damit in Schrecken zu setzen Allahs Feind.

Und doch gibt es etwas, das noch bemerkenswerter ist, als die Einstimmung auf die Bombe in Teheran: Der Umstand, dass hierzulande niemand darüber spricht.

Am 30. Juni 2011 sendete Deutschlandradio Kultur diesen Beitrag in der Reihe „Politisches Feuilleton“.

Dokumentation:

DER TAG NACH DEM ERSTEN IRANISCHEN ATOMWAFFENTEST IST EIN NORMALER TAG

Vorbemerkung: „Ich schrieb diesen Blog, weil ich wütend bin, dass Iran keine Atomwaffen hat“, erklärte Seyed Ali Pourtabatabaei, der Autor des nachfolgenden Texts. Pourtabatabaei veröffentlichte ihn am 24. April 2011 auf seiner Homepage http://kheyzaranonline.ir . Einige Wochen später wurde sein Beitrag überraschenderweise auch auf der von den Revolutionären Garden kontrollierten Homepage Gerdab.ir publiziert, die damit deutlich machten, dass sie eine Diskussion über die iranische Atombombe befürworten. Am 8. Juni 2011 wies Julian Borger vom britischen Guardian als erster westlicher Journalist auf diese Veröffentlichung hin.[5] Während sie in der englischsprachigen Welt für Unruhe sorgte, blieb sie in Deutschland so gut wie unbekannt. Der Politikwissenschaftler Wahied Wahdat-Hagh war der einzige, der eine deutsche Übersetzung veröffentlichte. Nachfolgend der gesamte Text dieses Artikels [6].

Der Tag nach dem ersten Atomtest der Islamischen Republik Iran wird für uns Iraner ein gewöhnlicher Tag sein, doch wird man bei manchen von uns in den Augen einen neuen Glanz wahrnehmen. Es ist ein schöner Tag. Es ist sieben Uhr morgens. Die Sonne ist noch nicht voll aufgegangen, doch überall leuchtet es. In der nördlichen Hemisphäre fangen die Menschen in manchen Ländern mit der Arbeit an. Heute ist die erste Morgendämmerung nach dem Atombombentest des Iran. Es ist ein ganz normaler Tag.

Am Tag davor, hat wahrscheinlich in den zentral gelegenen Wüsten Irans, wo einst die Amerikaner und auch einige andere westliche Länder ihren Atommüll vergraben wollten, eine unterirdische Atomexplosion stattgefunden. Die Wucht der Explosion war weder so groß, dass ernsthafter Schaden in der Region entstand, noch so klein, dass iranische Wissenschaftler mit ihrer Testreihe Probleme hatten. Heute ist ein normaler Tag wie jeder andere. Wie zu 90 Prozent des Jahres gibt es Nachrichten über den Iran und so lesen sich die Schlagzeilen, die auf den ausländischen Nachrichtenseiten zu sehen sind:

Reuters: Iran zündete seine Atombombe.

CNN: Iran zündete Atombombe.

Al-Jazeera: Die zweite islamische Atombombe wurde getestet.

Al-Arabia: Die schiitische Atombombe wurde getestet.

Yahoo! News: Atombombentest in Iran.

Jerusalem Post: Die Mullahs verschafften sich die Atombombe.

Washington Post: Atomexplosion in Iran, Schock und Verzweiflung in Israel.

Unterdessen haben die einheimischen Medien dem verborgenen Imam und dem Revolutionsführer gratuliert:

Keyhan: Irans erste Atombombe wurde getestet.

Jomhoori-e-eslami: Iran führte erfolgreich einen Atomtest durch.

Iran (Regierungszeitung): Auf Anordnung des Präsidenten wurde die zu hunderte Prozent in Eigenarbeit erbaute Atombombe getestet.

Ettela’at: Irans oft vorhergesagte Atombombe explodierte.

Natürlich gibt es auch andere iranische Zeitungen und Websites, deren Erscheinen aber nicht in alle Ewigkeit gewährleitet ist.

Das Nachrichtenspektakel wird das Leben in Iran allerdings nicht aus dem Gleichgewicht bringen. Die Arbeiter und Angestellten werden wie immer pünktlich oder manchmal mit ein wenig Verspätung ihre Karte stempeln. Die Bäcker werden auch Brote ohne Subventionen backen. Die Nutzung von schnellen Internetverbindungen wir ein wenig billiger werden. Auch die öffentlichen Medienanstalten werden ihre Sendungen verbessern.

Der Tag nach dem ersten Atombombentest der Islamischen Republik Iran wird ein ganz gewöhnlicher Tag für uns Iraner sein, aber in den Augen von einigen von uns wird ein neuer Glanz sein. Ein Glanz des nationalen Stolzes und der nationalen Stärke.

So rüstet wider sie, was ihr vermöget an Kräften und Rossehaufen, damit in Schrecken zu setzen Allahs Feind. (Koran, Al Enfal 60) [7]

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[1] IRGC Website On The Day After Iran’s First Nuclear Test, auf: Middle East Media Research Institute (MEMRI), Special Dispatch, No. 3902, 9. Juni 2011.

[2] Der IAEA-Report findet sich hier: http://www.globalsecurity.org/wmd/library/report/2011/iran_iaea_gov-2011-29_110524.htm . Siehe auch: Iran Nuclear Progress Report. Tehran gets closer to having a bomb. World wags finger, in: Wall Street Journal, 11. Juni 2011.

[3] David E. Sanger and William J. Broad, Iran Says It Will speed Up Uranium Enrichment, in: New York Times, 8. Juni 2011.

[4] Ahmadinejad: Iran not afraid to make nuke weapons, Associated Press, 23. Juni 2011 sowie: The Institute for Science and International Security, Iran in Brief: Ahmadinejad Announcement Laying Groundwork for Official Policy of Nuclear Ambiguity, auf: www.isisnucleariran.org.

[5] Julian Borger, “The day after Iran’s first nuclear test is a normal day”, www.guardian.co.uk, 8. Juni 2011. Von Borger stammen auch die Informationen über Pourtabatabaei. Siehe Julian Borger, The day after ‘The day after…’auf www.guardian.co.uk, 16. Juni 2011; Julian Borger, Iranian nuclear test blogger speaks out, auf: www.guardian.co.uk, 21. Juni 2011. Ein Blog-Eintrag, den Pourtabatabaei bemerkenswerterweise an den britischen Blogger Jeffrey Lewis schickte, findet sich auf http://lewis.armscontrolwonk.com/archive/4103/day-after-irans-first-nuclear-test.

[6] Wahied Wahdat.Hagh, Iran’s atomic ambitions, auf http://europeandemocracy.org, 14. Juni 2011; als zweite Hauptquelle meiner Textwiedergabe verwendete ich die Version, die MEMRI am 9. Juni 2011 veröffentlichte: IRGC Website On The Day After Iran’s First Nuclear Test, in: MEMRI, Special Dispatch, No. 3902, 9. Juni 2011.

[7] Die Sure des Koran, die diesen Artikel beschließt, wird in Artikel 151 der Verfassung der „Islamischen Republik“ als Richtschnur zitiert. Sie taucht mit ihren Anfangsworten gleichfalls in dem offiziellen Wappen der ägyptischen Muslimbruderschaft auf und wurde schon in Khomeinis vorrevolutionären Schriften als Schlüsselsentenz des Islamismus erwähnt. Siehe zur Bedeutung dieser Sure M.Küntzel, Die Deutschen und der Iran, Berlin 2009, S. 251ff.