Hamburg, den 3. Oktober 2011
In der Zwangsjacke des Antizionismus - Teil II
Über Gilbert Achcars Buch "The Arabs and the Holocaust" - Von Colin Meade und · Von Matthias Küntzel
Arabische Holocaustleugnung: Israels Schuld
Gilbert Achcar geht in seinem Buch „The Arabs and the Holocaust“ auf die konkreten Äußerungen arabischer Holocaustleugner nicht ein. Mehr noch: Er äußert sich darin verächtlich über jene, die dies tun: „Ich überlasse anderen die perverse Genugtuung, all die Trivialitäten über den Holocaust zu katalogisieren, die in der arabischen Welt geäußert wurden.“[29]
Natürlich sind jene “Trivialitäten über den Holocaust” real. Diese Realität, so Achcars Credo, darf aber nur dargestellt werden, wenn sie dem “richtigen” politischen Zweck dient. In diesem Fall gelten Berichte über die Wirklichkeit als “pervers”, weil er nach Meinung des Autors einem “falschen” politischen Zweck dienlich sein könnten.
Sein Interesse gilt nicht der Sache selbst, sondern dem Nachweis, dass Israel nicht nur für den Antisemitismus, sondern auch für die Holocaust-Leugnung verantwortlich ist; er ordnet den Anti-Nazismus seinem Antizionismus unter.
Und so sieht seine Beweisführung in der Frage der Holocaustleugnung aus: Angeblich habe Israel immer wieder versucht, die eigenen Untaten hinter einer „politischen Ausbeutung der Erinnerung an den Holocaust“ zu verstecken, um Legitimitätskrisen zu überwinden.
Als Beweis führt er das Jahr 1982 an. Damals habe Israels internationale im Kontext des Libanonkrieges einen Höhepunkt erreicht. Man habe, um den eigenen Ruf wiederherzustellen, den Holocaust auf besonders massive Weise in Erinnerung gerufen. Es sei diese angebliche Propagandaoffensive gewesen, die die Holocaustleugnung in der arabischen Welt bewirkt habe. „Die Leugnung in der arabischen Welt … begann mit der Invasion des Libanon im Jahr 1982.“[30]
Es stimmt, dass 1982 Israels Premier Menachem Begin den damals in Beirut eingebunkerten Yassir Arafat mit Hitler verglich. Allerdings hatte sich Begin damit besonders in Israel diskreditiert. “Viele Israelis dachten, dass Begins Holocaust-Besessenheit zu dem unglücklichen Unterfangen [des Libanonkrieges] geführt habe”, schreibt Peter Novick, ein von Achcar geschätzter Autor.[31] Da wird man von einer israelischen “Propagandaoffensive” kaum sprechen können.
Noch unverständlicher ist Achcars ursprüngliche Darstellung, die Leugnung des Holocaust haben 1982 – oder, wie er in seiner Erwiderung auf diesen Artikel andeutet, „1970 oder 1980“ begonnen.
Die vorliegenden Dokumente beweisen, dass die Holocaustleugnung bereits seit 1943 ein Bestandteil der arabischsprachigen Rundfunkpropaganda der Nazis gewesen ist. Damals bereits hetzte Radio Zeesen gegen “die verfluchten Lügen der Juden” und stempelte die ersten Berichte über den Holocaust als “Lügen … der Juden ab, die versuchen, mittels ihrer Tränen die Sympathie der Welt zu erlangen.“[32]
Im Mai 1945 griff die in Jerusalem erscheinende Zeitung Filastin dieses Thema auf: “Die Juden haben die Anzahl ihrer Opfer in Europa mächtig übertrieben, um sich für die Katastrophe, die ihnen vorschwebt [die Errichtung eines jüdischen Staats in Palästina] die Unterstützung durch die Welt zu sichern.“ Im September 1945 erklärte die ägyptische Zeitung Akbhar al-Yawm: “Die Nazi-Tyrannei existierte, doch fügte sie den Juden kein bißchen mehr Schaden zu, als den Deutschen.“[33]
Meir Litvak und Esther Webman zeigen in ihrem Standardwerk über die Holocaustleugnung in der arabischen Welt, dass die Leugnung des Holocaust seit diesem Zeitpunkt ein akzeptierter Bestandteil des öffentlichen Diskurses in Ägypten geblieben ist.
Gilbert Achcar aber ordnet diese Realität seinem politischen Glaubensbekenntnis unter. Er bezeichnet die Leugnung des Holocaust als die verzweifelte und deshalb verständliche Reaktion einer unterdrückten Gruppe auf die Übergriffe des allmächtigen Israels.
„Sind alle Formen der Holocaustleugnung gleich?“, fragt er rhetorisch. “Sollte man nicht zwischen einer Leugnung, die von Unterdrückern kommt, und einer Leugnung aus den Mündern der Unterdrückten einen Unterschied machen, so, wie der Rassismus der herrschenden Weißen vom Rassismus der unterdrückten Schwarzen zu unterscheiden ist?”[34]
Dieses Argument fasst alle die Fehler seines “antiimperialistischen” Ansatzes zusammen. Achcar unterschlägt die Möglichkeit, dass die Krise in der arabischen Welt vielleicht doch nicht durch die Existenz und Aktivität eines externen “Imperialismus” verursacht wurde, sondern durch interne Umstände – etwa der Allgegenwart irrationaler Vorstellungen und der ungezügelten Verbreitung von Antisemitismus.
Zweitens etabliert der Autor einen doppelten Standard, demzufolge Worte und Taten, die üblicherweise auf Empörung stoßen, als akzeptabel erscheinen, wenn sie von “Unterdrücken” ausgesprochen oder verübt werden. Damit erteilt Achcar allen Holocaustleugnern, die nach seiner Interpretation in die Kategorie der „Unterdrückten“ fallen, die moralische Absolution. Er praktiziert hier eben jene Willkür, die er noch im ersten Teil seines Buches als einen klassischen Fehler der Linken anprangerte: „Das kritische Denken in dem Moment aufzugeben, in dem es um [angebliche!, Anm. CM/MK] Opfer des Imperialismus geht.”[35]
Er stempelt drittens die Araber als Dummköpfe ab, die nicht wüssten, was sie tun. Wenn Araber den Holocaust leugnen, erklärte er in einem Interview, „dann hat das nichts mit irgendwelchen Überzeugungen zu tun. Es ist halt die Form, in der die Leute ihrem Zorn und ihrer Frustration freien Raum lassen, das einzige Mittel, dass ihnen, wie sie glauben, zur Verfügung steht.”[36]
Achcar erlaubt sich hier einen Umgang mit Arabern, den er sich gegenüber Franzosen oder Briten niemals erlauben würde: Er weigert sich, sie als Menschen zu behandeln, die für ihre eigenen Worte und Taten verantwortlich sind.
Hier geht es aber um mehr, als um eine Parteinahme für islamistische Genossen, die Achcars Israel-Kritik teilen. Hier geht es um eine zynische Haltung zum Holocaust selbst.
Die arabische Holocaustleugnung, schreibt Achcar “ist … Ausdruck einer Haltung, die ich als ,Antizionismus der Dummen‘ bezeichne.“[37] Diese Äußerung basiert auf einem August Bebel zugeschriebenen Diktum, der 1893 den Antisemitismus als “Sozialismus der Dummen” bezeichnet haben soll – ein folgenschwerer Fehler, der fünfzig Jahre vor dem Holocaust vielleicht noch entschuldigt werden kann. Siebzig Jahre nach dem Holocaust scheint uns allerdings auch eine implizite Berufung auf dieses Bebel-Wort unakzeptabel zu sein, weiß man doch inzwischen, dass sich Antisemitismus nicht nur im bösen Wort, sondern im brutalen Mord äußert.
Schon allein der Umstand, dass Achcar die Shoah 1933 beginnen lässt,[38] zeigt, dass er von diesem Begriff ebenso wenig eine Vorstellung hat wie von dem Antisemitismus, der der Vernichtung der sechs Millionen zugrundelag: Anders ist seine zynische Unterstellung, dass zionistische Juden über den Antisemitismus begeistert seien, nicht zu erklären.
Achcar behauptet, dass Israel die „spektakuläre“ Zunahme des arabischen Antisemitismus „mit großer Befriedigung“ beobachte, weshalb auch ein arabischer Holocaustleugner, wie der Jordanier Dr. Ibrahim Alloush bei israelischen Instituten und Autoren „natürlich sehr geschätzt“ sei.“[39] Achcar variiert mit derartigen Phantasien die geschichtsrevisionistische Unterstellung, wonach die Zionisten schon in den Dreißigerjahren über die Judenpolitik der Nazis hocherfreut gewesen seien – ein Vorwurf aus dem Arsenal der Holocaustleugner und Antisemiten.[40]
Zwar behauptet Achcar in einem Interview mit der israelischen Tageszeitung Yedioth Ahronoth: “Ich verfüge über die notwendige Sensibilität, um dieses Thema [den Holocaust] zu bearbeiten.“[41]
Tatsächlich aber ist er der erste Akademiker, der die Überlebenden des Holocaust, die sich nach 1945 in Palästina niederließen, mit radioaktivem Atommüll vergleicht, der von den Industrienationen in Dritte-Welt-Länder geschickt wird: „Bestimmte Staaten suchten das Problem der Holocaustüberlebenden auf Kosten der Palästinenser zu lösen – so wie heute einige Staaten ihren radioaktiven Müll loswerden wollen, indem sie ihn in arme Länder exportieren.“[42]
Der schäbige Umgang mit den Opfern und Überlebenden des Holocaust setzt sich fort, wenn er selbst noch seine halbherzige Kritik an der Holocaustleugnung in den Dienst seines Antizionismus stellt: „Die Leugnung des Holocaust in der arabischen Welt ist falsch, irreführend und schädlich für die Sache der Araber und Palästinenser.“[43] Mit den Opfern oder den Überlebenden hat die Leugnung dieses Verbrechens also gar nichts zu tun?
Gefälschte Zitate
Es ist wahrhaftig nicht leicht, die Realität des arabischen Antisemitismus so zu verbiegen, dass er in eine „progressive“ antizionistische Kampffront passt. Wenn die Methoden der Wissenschaft hierbei versagen, greift Achcar auf andere Mittel zurück. Sein Umgang mit Quellen ist auf grobe Weise parteilich: Was zur Bestätigung seiner Vorurteile zweckdienlich ist, wird herausgepickt und betont, alles andere wird verschwiegen. Unsere lediglich stichprobenartige Überprüfung der bei ihm verwendeten Zitate hat mehrere sinnentstellende Veränderungen ans Tageslicht gebracht. Einige Beispiele:
Achcar schreibt: „Die arabische Gegnerschaft [gegen den Teilungsplan der Peel-Kommission von 1937 – dem ersten Vorschlag einer Zweistaatenlösung für Palästina] war sowohl in Palestina wie auch anderso praktisch einmütig. Sogar Raghib al-Nashashibi … brachte seine Gegnerschaft zum Ausdruck.[44] Als Quelle wird das 1977 erschienenes Standardwerk von Yehoshua Porath, Arab National Movement, 1929-1939 zitiert.
Dort aber heißt es: „Hartnäckig machten sich Gerüchte breit, dass die Teilung [Palästinas] empfohlen werden würde. Zu diesem Zeitpunkt hielt die National Defence Party [der Nashashibis] ihre Zustimmung zum Prinzip der Teilung nicht verborgen. Sie organisierte sogar Versammlungen und nutzte andere Mittel der Propaganda, um die öffentliche Meinung für dieses Prinzip zu gewinnen.
Diese positive Haltung setzte sich auch unmittelbar nach der Veröffentlichung des Berichts der Peel-Kommission fort. Zwei Führer dieser Partei, Raghib al-Nashashibi und Ya’qub Farraj, erklärten dem HC [High Commissioner] unter vier Augen, dass sie das Prinzip der Teilung unterstützten.” Ziemlich schnell, fährt Porath fort, “fand dann jedoch eine Richtungsänderung statt. Die National Defence Party schickte ein offizielles Memorandum an den HC, das die Teilung in sehr deutlicher Sprache verurteilte. Verschiedene Faktoren hatten hierzu beigetragen. An erster Stelle steht der massive Druck, der auf die Nashashibis ausgeübt wurde, damit sich diese mit der [den Teilungsplan ablehnenden] Haltung des HAC’s [High Arab Committee] identifizieren. Ihr Leben wurde bedroht und es wurden im Laufe des Sommers 1937 tatsächlich verschiedene moderate und den Nashashibis nahestehende Führer überfallen oder getötet. Sie waren zweitens überrascht, dass sich die Verbündeten oder Freunde Großbritanniens, Irak und Saudi-Arabien, gegen die Teilung aussprachen.”[45]
Die Verfälschung, die Achcar hier vorgenommen hat, ist keine Kleinigkeit, zumal er selbst zu den prinzipiellen Gegnern jener Teilung Palästinas in zwei Staaten gehört, um die es in diesem Absatz geht.
Während er die palästinensische Gegnerschaft gegen jene Teilung als “so gut wie einmütig“ beschreibt, belegt seine Quelle, dass jene „Einheit“ durch Terror und Mordanschläge herbeigezwungen werden musste, weil ursprünglich der von Achcar als Kronzeuge aufgeführte Raghib al-Nashashibi genau das Gegenteil von dem vertrat, was Achcar seiner Leserschaft präsentiert.
Beispiel 2: Achcar zitiert Tom Segev, um “Israels politische Ausbeutung der Eichmann-Affäre” – den Prozess gegen Adolf Eichmann von 1961 – zu unterstreichen:
„Tom Segev liefert eine hervorragende Beschreibung, wozu dieser Prozess gebraucht worden ist: ,Ben Gurion hatte zwei Ziele: Das eine bestand darin, die Länder der Welt daran zu erinnern, dass der Holocaust sie dazu verpflichtet, den einzigen jüdischen Staat der Erde zu unterstützen. Das zweite bestand darin, die israelische Bevölkerung, besonders die jüngere Generation, von den Lehren aus dem Holocaust zu überzeugen. … Das Verfahren, sagte er, könnte andere Nazi-Verbrecher entlarven und vielleicht auch deren Verbindungen mit verschiedenen arabischen Herrschern.‘“[46]
Achcar erweckt hier den Eindruck, als habe die Darstellung der Verbindungen zwischen Arabern und Nazis für Ben Gurion zu den vordringlichen „Lehren aus dem Holocaust“ und zu den wichtigsten Ziele des Eichmann-Prozesses gehört.
Wer Tom Segev im Original liest, merkt aber, dass dies nicht stimmt. Achcar war kühn genug, das tatsächliche Ziel Ben Gurions mithilfe dreier Auslassungspunkte zu löschen.
Im Original beschreibt Segev Ben Gurions „Lehren aus dem Holocaust“ an eben jener ausgelassenen Stelle wie folgt: „In einem Interview mit der New York Times … erklärte Ben-Gurion, dass die Welt von dem [Eichmann- ]Prozess lernen solle, wohin der Judenhass geführt habe – und dass man die Welt anschließend dazu bringen müsse, sich über sich selbst zu schämen. Er bezeichnete die Maschinerie der Vernichtung als ,eine Seifenfabrik‘. Er merkte darüber hinaus an, dass nicht nur Deutschland schuldig war – Großbritanniens Weigerung, den Juden die Einwanderung nach Palästina zu gestatten, hatte Hunderttausende von Todesfällen zur Konsequenz.”[47]
Natürlich wusste Achcar, welche Sätze er hier streicht und welchen Eindruck er erweckt, wenn er „die Lehren aus dem Holocaust“ mit „verschiedenen arabischen Herrschern“ zusammenfügt.
Ohne den Vorwurf, dass Israel den Holocaust missbrauche, ließe sich sein Entlastungsargument, wonach die Araber mit der Leugnung des Holocaust auf dessen Missbrauch lediglich reagierten, nicht halten. Tom Segevs „hervorragende Beschreibung“ erhärtet aber den Verdacht des „Holocaust-Missbrauchs“ gerade nicht.
Zweitens versucht der Autor wieder und wieder zu belegen, dass sich sein Hassobjekt – der Staat Israel – über Antisemitismus freue. „Antisemitismus“, schreibt Achcar, „ist, allgemein gesprochen, die mächtigste ,Antriebskraft‘ des Zionismus.“[48]
Doch auch diese These kollidiert fundamental mit Segevs Darstellung, die Ben Gurions Gegnerschaft zum Antisemitismus betont. Also wird sie verfälscht.
Drittens passt Ben Gurions Hinweis auf die Kluft zwischen zionistischer und britischer Politik schlecht zu der These des Autors, der zufolge Israel „Europas einziger kolonialer Siedlerstaat“ sei. Also wird auch dieser Gedanke einkassiert.
Verfälschung von Quellen zum Zwecke der Agitation: Zeichnet sich der Wissenschaftsbegriff der Londoner School of Oriental and African Studies, an der Achcar als Professor lehrt, eben hierdurch aus?
Auch an anderer Stelle werden Zitate von Segev missbraucht, um die angebliche Fixiertheit der israelischen Politik auf die Verbindung zwischen Nazis und Arabern – in diesem Fall auf die historische Rolle von Amin el-Husseini – zu belegen.
„Tom Segev zufolge hinterlässt die Wand aus dem Yad Vashem Holocaust History Museum in Jerusalem den Eindruck ,dass es viel Gemeinsamkeit zwischen dem Nazi-Plan, die Juden zu vernichten und der arabischen Feindschaft gegenüber Israel gebe.“[49]
Während dieses Zitat aus einer Quelle von 1991 stammt, zitiert Achcar wenige Seiten später einen Artikel, den Tom Segev im September 2008 – 17 Jahre später – in der New York Times veröffentlichte. Segev schreibt hier über die Platzierung des Fotos von Hitler und el-Hussini im Yad Vashem Museum: „In den vergangenen Jahren wurde das Foto kleiner gemacht und in seinen realen historischen Kontext gestellt (eine Abteilung des Museums, die sich mit den Kriegsfreiwilligen verschiedener Nationen, die der Hitlerschen Waffen-SS beitraten, befasst.)[50]
Es bedarf inzwischen wohl kaum noch einer Erwähnung, dass Achcar den letztgenannten – ihm natürlich bekannten – Hinweis von Tom Segev in seinem Buch nicht erwähnt – wo doch das veraltete Zitat von 1991 in politischer Hinsicht so viel zweckmäßiger ist…
Achcars Erfolg
Gleichwohl wird Achcars Buch in mehreren Sprachen verlegt und vielfach gefeiert. So lassen sich die Professoren Avi Shlaim (University of Oxford), Michael R. Marrus (University of Toronto), Rashid Khalidi (Columbia University), Francis R. Nicosia (University of Vermont) sowie der Autor und Historiker Peter Novick auf dem Rücken des Buches mit begeisterten Empfehlungen vernehmen.
Darüber hinaus wurde der erklärte Gegner Israels im Mai 2010 vom Berliner Zentrum Moderner Orient (ZMO) zu einer von der Bundesregierung geförderten Lesung eingeladen und seine Veröffentlichung als „bahnbrechendes Buch“ gefeiert. Es handle sich um „eine sachliche und solide Untersuchung von großer Bedeutung“, betonte Ulrike Freitag, die Direktorin des ZMO.[51]
Im November 2010 lud man Achcar zur angesehenen Lessons and Legacies Concerence On The Holocaust nach Florida ein. Das Thema seines Vortrags: „An Assessment of Holocaust Denial in the Arab world since the 1980s“. Im Mai 2011 nahm er schließlich auf Einladung des Center of Advanced Holocaust Studies des United States Holocaust Memorial Museums in Washington D.C. sowie der Berliner “Topographie des Terrors” an einer Konferenz über den Eichmann –Prozess in Berlin teil. Hier referierte Achcar über die „Wahrnehmung des Eichmann-Prozesses in arabischen Staaten“.
Wie ist der Erfolg dieses Buches und seines Autors zu erklären? Abgesehen von der Leichtgläubigkeit eines akademischen Milieus, das immer häufiger historische Wahrheiten durch „Narrative“ und die Ermittlung von Fakten durch postmodernen Relativismus ersetzt52, befriedigt dieses Buch offenkundig einen Bedarf: Es erleichtert es einer bestimmten Gruppe von Akademikern, ihren intellektuellen Selbstbetrug zu rationalisieren.
Denn wenn sich die linken Antizionisten, die Gilbert Achcar repräsentiert und für die er schreibt, mit Bewegungen wie Hamas und Hizbollah solidarisch erklären, obwohl diese den Holocaust leugnen und ihre Politik mit einem nazi-ähnlichen Antisemitismus begründen, dann zieht diese Allianz nicht nur Kritik von außen auf sich, sondern setzt auch im Inneren jener Allianz Zweifel und Spannungen frei.
Achcars Buch verfolgt die Absicht, seine politischen Freunde in die Lage zu versetzen, diese Spannungen zu überwinden und eine reibungslose Fortsetzung der antiisraelischen Allianz bestehend aus „Antifaschisten“ und „Antirassisten“ auf der einen Seite und antisemitischen Islamisten und Holocaustleugnern auf der anderen Seite zu gewährleisten.
Er kann dieses Ziel, sofern er sich ernsthaft mit der Wirklichkeit befasst, jedoch schwerlich nur erreichen. Also führt er die Widersprüche innerhalb der Allianz auf externe Ursachen zurück. Achcars wichtigste externe Pseudo-Erklärung haben wir bereits identifiziert: israelische Propaganda. Doch greift er zusätzlich auf einen zweiten Punkt mit ebenso weitreichenden Implikationen zurück: die Islamophobie.
Zwar betrachtet der Autor die “beispiellose Expansion von Religiösität”, wie sie in der Unterstützung von Bewegungen wie Hamas zum Ausdruck kommt, als “eine Regression”. Aus antizionistischen Gründen schwächt er diese Kritik jedoch wieder ab, um das angeblich evolutionäre Potential jener regressiven Kräfte zu loben: “Dank des unentbehrlichen Anteils an Pragmatismus, ohne den Organisationen wie Hamas und Hisbollah ihre gegenwärtige Verankerung … nicht hätten erreichen können, können sie lernen, ihren islamisierten Antisemitismus hinter sich zu lassen.”[53]
Wer an dieser Zukunftshoffnung zweifle, sei schon, so deutet Achcar es zumindest an, einer „riesenhaften Zunahme von Islamophobie“ zum Opfer gefallen. Der Hass auf Muslime sei der „tatsächliche europäische Rassismus unserer Tage“, der den Antisemitismus lange abgelöst habe. Diese Islamophobie habe, so Achcar weiter, mit dem Begriff „Islamismus“ oder gar „Islamofaschismus“ „ein Mittel gefunden, um in großem Maßstab auch die Feindseligkeit [gegenüber Muslimen] zu sublimieren.“[54]
Mit anderen Worten: Wer jene „Regression“ der islamistischen Bewegung allzu deutlich und öffentlich kritisiert, will damit nicht jenes Problem thematisieren, sondern rassistische Gefühle lediglich „sublimieren“. Wenn man dieses Argument für bare Münze nehmen würde, wäre es schwer einzusehen, warum nicht auch Achcars eigene scharfe Kritik am Pan-Islamismus im ersten Teil seines Buches unter die Anklage der „Islamophobie“ fällt.
Auf der anderen Seite will Achcar jede ernsthafte Befassung mit den zahlreichen neuen Studien blockieren, die den Charakter des islamistisch motivierten Antisemitismus und seine Wechselbeziehung mit dem Nationalsozialismus näher beleuchten. Auch den wohlgesonnenen Kritikern seines Buches fiel auf, wie aggressiv und pauschal er jene Neuerscheinungen als eine „Flut von hasserfüllten antiarabischen und antimuslimischen Texten“ abkanzelt, die „im Kontext einer neuer Islamophobie“ veröffentlicht worden seien.[55]
Achcar verunglimpft die Kritiker des arabischen Antisemitismus also nicht nur als zionistische Agenten. Er wirft ihnen zugleich vor, islamophobe Rassisten zu sein. Gerade vor dem Hintergrund jener antimuslimischen Bewegung sei es kleinlich und sektiererisch, das Bündnis mit den Islamisten zu beenden. Wer die Implikationen der oben erwähnten kritischen Studien ernsthaft zu studieren und zu durchdenken begänne,, würde bereits , so Achcars Fingerzeig, der rassistischen Islamophobie auf den Leim gehen.
Wenn auch das Schlagwort von der Islamophobie rhetorisch einigen Gewinn abwirft, zahlt Achcar hierfür gleichwohl einen Preis, positioniert er sich doch durch Verwendung dieses Begriffes auf der Seite der islamistischen Regression.
Und dies zu einer Zeit, in der Aufstände die arabisch-islamische Welt zwischen Tunis und Teheran erschüttern!
Bei diesen Aufständen geht es nicht um ein Schreckgespenst namens Israel oder um einen herbeiphantasierten westlichen Kolonialismus, sondern um die wirklichen Probleme der Länder dieser Region, z.B. den Mangel an Freiheit und Demokratie, die Selbstermächtigung der Staatsapparate, die Arbeitslosigkeit, die sexuelle Unterdrückung und die Diskriminierung der Frau.
Wenn es hier zu substanziellen und dauerhaften Veränderungen kommen soll, werden die Bewegungen der arabischen Rebellion einen kritischen Blick auf Aspekte ihrer eigenen Gesellschaften werfen müssen, einschließlich des zügellosen Antisemitismus und der Vorliebe für Verschwörungstheorien. Dieser Prozess müsste die Kritik von zumindest einigenr Aspekten der islamischen Tradition mit einbeziehen.
Es gibt Grund für die Hoffnung, dass das arabische revolutionäre Experiment das Selbstbewusstsein und den Sinn für Selbstverantwortung der Individuen bestärken wird, sodass die Nachfrage nach jüdischen Sündenböcken sinkt.
Andrerseits wittern auch die antisemitischen Akteure wie das iranische Regime, die Hisbollah, die Hamas und die ägyptische Muslimbruderschaft ihre Chance.
Es ist in einer solchen Zeit – einer Zeit des Wandels und des Neuanfangs – wichtiger denn je, die Frage nach den Wurzeln und den potentiellen Konsequenzen des arabischen Antisemitismus und der Holocaustleugnung wissenschaftlich zu beantworten. Achcars Buch bietet für diese Aufgabe keine Hilfestellung. Stattdessen ist es Teil des Problems.
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[1]Jeffrey Herf, Not in Moderation, in: The New Republic, 1. November 2010. Siehe: http://tnr.com/print/book/review/not-in-moderation
[2] Stephen Howe, The Arabs and the Holocaust, in: The Independent, 14. May 2010.
[3] In seiner oben erwähnten Buchbesprechung bemerkt der amerikanische Historiker Jeffrey Herf, dass „Küntzels Analyse von al-Banna, Husseini, der Muslimbruderschaft, Sayyid Qutb und dem Islamismus im Großen und Ganzen entlang derselben großen Linien verläuft wie Achcars Darstellung der panislamistischen Reaktionäre seit Rashid Rida.”
[4] Gilbert Achcar, The Arabs and the Holocaust. The Arab-Israeli War on Narratives, New York (Henry Holt and Company) 2009, S. 119.
[5] Achcar, a.a.O.,S. 127.
[6] Achcar, a.a.O., S. 156.
[7] Achcar, a.a.O., S. 157.
[8] Achcar, a.a.O., S. 326, Fußnote 226.
[9] Achcar, a.a.O., S. 163.
[10] Achcar, a.a.O., S. 80.
[11] Achcar, a.a.O., S. 136
[12] Achcar, a.a.O., S. 248.
[13] Achcar, a.a.O, S. 250.
[14] Karl Marx, Briefe aus den „Deutsch-Französischen Jahrbüchern“, Marx-Engelswerke Bd. 1, S. 342.
[15] Achcar, a.a.O., S. 26.
[16] „All dies entspricht leider wortwörtlich der Wahrheit“, schreibt Achcar über diese Auflistung an Verbrechen, die er aus einer anderen Quelle zitiert. Vgl. Achcar, a.a.O., S. 248.
[17] Achcar, a.a.O. S. 142.
[18] Achcar, a.a.O., S. 160 und 285.
[19] Achcar, a.a.O., S. 182.
[20] Achcar, a.a.O., S. 182 and 213.
[21] Achcar, a.a.O., S. 256.
[22] Achcar, a.a.O., S. 275.
[23] Sigmund Freud, Studienausgabe Bd. IX, Fragen der Gesellschaft. Ursprünge der Religion, Frankfurt a. M. (Fischer ), S. 213,
[24] Achcar, a.a.O., S. 208.
[25] Adolf Hitler, Mein Kampf (Vol.I – Munich: Verlag Franz Eher Nachfolger), 1934, p. 356.
[26] Zit. nach Achcar, a.a.O., S. 205f.
[27] Achcar, a.a.O., S. 206.
[28] Achcar, a.a.O., S. 215-6.
[29] Achcar, a.a.O., S. 181.
[30] Interview: Gilbert Achcar, Arab attitudes to the Holocaust in: SocialistWorker.org, 20. Mai 2010, sowie Achcar, a.a.O., S. 256. In seiner Erwiderung auf diese Buchbesprechung behauptet Achcar, in diesem Punkt falsch verstanden worden zu sein. Seine Originalaussage lautet wie folgt: „In the Arab world, the denial … comes from rage and frustration over the escalation of Israeli violence, along with the increased use of the Holocaust. It began with the invasion of Lebanon in 1982. Menachem Begin abused the memory of the Holocaust, including in Israel’s domestic political discourse. This led people in the Arab world to react in the stupidest way and say: If Israel is trying to justify its actions by reference to the Holocaust, then the Holocaust is an exaggeration or a propaganda invention.” Achcar behauptet nachträglich: “It is clear from the context that what I mentioned … as beginning in 1982 is Israel’s ,increased use of the Holocaust’.” Seine Antwort auf unseren Aufsatz findet sich hier: http://engageonline.wordpress.com/2011/09/25/gilbert-achcar-responds-to-matthias-kuntzel-and-colin-meade/ Unser Erwiderung findet sich auf derselben Homepage.
[31] Peter Novick, Nach dem Holocaust, München (Deutscher Taschenbuch Verlag) 2003, S. 215.
[32] Jeffrey Herf, Nazi Propaganda for the Arab World, New Haven (Yale University Press) 2009, S. 177.
[33] Meir Litvak and Esther Webman, From Empathy to Denial. Arab Responses to the Holocaust, London (Hurst & Company), S. 52.
[34] Achcar, a.a.O., S. 276.
[35] Achcar, a.a.O., S. 125.
[36] Israel’s Propaganda War: Blame the Grand Mufti. Gilbert Achcar Interviewed by George Miller, on: http://mrzine.monthlyreview.org/2010/achcar120510p.html .
[37] Gilbert Achcar, Arabs have a complex relationship with the Holocaust, in: The Guardian, 10. Mai 2010.
[38] Achcar, a.a.O., S. 2: „Ich habe die Shoah … auf breiter Basis gedeutet“ indem ich „darunter die gesamte Periode der jüdischen Verfolgung … die mit Hitler Machtübernahme 1933 begann, fasste.“
[39] Achcar, a.a.O., S.137, S. 248 und S. 266.
[40] Siehe Meir Litvak und Esther Webman, a.a.O., S. 243ff.
[41] Das Interview mit Eldad Beck wurde am 27. April 2010 in Yedioth Ahronoth publiziert. Die englische Übersetzung dieses Interviews findet sich auf: http://www.zcommunications.org/the-league-against-denial-by-gilbert-achcar
[42] Achcar, a.a.O., S. 21.
[43] Arab Attitudes to the Holocaust, Interview with Gilbert Achcar auf http://socialistworker.org/print/2010/05/20/arab-attitudes-to-the-holocaust
[44] Achcar, a.a.O., S. 141.
[45] Y. Porath, The Palestinian Arab National Movement. From Riots to Rebellion, Volume Two 1929-1939, London (Frank Cass) 1977, S. 229.
[46] Achcar, a.a.O., S. 211.
[47] Tom Segev, The Seventh Million, New York (Henry Holt) 1991, S. 327.
[48] Achcar, S. 137.
[49] Achcar, S. 165.
[50] Tom Segev, Courting Hitler, New York Times, September 28, 2008.
[51] Samir Grees, Krieg der Narrative, auf: www.Qantara.de, July 5, 2010.
[52] „Ich beziehe mich hier auf die Vorstellung vom “Narrativ” als einer Rezitation von Geschichte, wie sie vom Postmodernismus entwickelt worden ist“, antwortete Achcar auf die Frage nach dem Untertitel seines Buches, on: http://www.iire.org/en/home-mainmenu-1/15-fellows/185-gilbert-achcar-why-holocaust-denial-is-on-the-rise-in-the-arab-world.html .
[53] Achcar, a.a.O., S. 253ff.
[54] Achcar, a.a.O., S. 282f.
[55] Achcar, a.a.O., S. 168.
