Hamburg, den 3. Oktober 2011
In der Zwangsjacke des Antizionismus Teil I
Über Gilbert Achcars Buch "The Arabs and the Holocaust" - von Colin Meade und · Von Matthias Küntzel
Seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs gilt die nazideutsche Politik in fast allen Teilen der Welt als Synonym für eine besonders verbrecherische Politik. Nicht so jedoch in der arabischen Welt, wo positive Gefühle gegenüber Hitler und dessen Politik der Judenvernichtung seit Jahrzehnten zum Mainstream-Diskurs gehören. Schon deshalb – aber auch aufgrund der aktuellen arabischen Aufstände – verdient das Thema des jüngsten Buches von Gilbert Achcar – The Arabs and the Holocaust – größte Aufmerksamkeit.
Im ersten Teil seines Buches beschäftigt sich Achcar mit den Arab Reactions to Nazism and Anti-Semitism, 1933-47. Der Autor widmet die Hälfte dieser Darstellung der Entstehung der islamistischen Bewegung („reaktionäre und/oder fundamentalistische Pan-Islamisten“) im arabischen Raum. Weitere Unterkapitel beschäftigen sich mit der Haltung der übrigen damals noch existierenden arabischen Strömungen: den „liberalen Anhängern des Westens“, den „Marxisten“ und den „Nationalisten“.
Im zweiten Teil behandelt der Autor die Arab Attitudes to the Jews and the Holocaust from 1948 to the Present. Hier sind die Kapitel in die Epochen „Die Nasser-Jahre (1948-67)“, „Die PLO-Jahre (1967-88)“ und „Die Jahre des islamischen Widerstands (1988 to the Present)“ unterteilt. Ein ebenso geradliniger wie logischer Aufbau, möchte man meinen und nimmt das Buch mit Interesse zur Hand.
Bei der Lektüre stellt man jedoch fest, dass zutrifft, was die beiden Historiker Prof. Stephen Howe und Prof. Jeffrey Herf über das Buch sagen: dass „Achcar ein Mensch ist, der mit dem, was er in seinem eigenen Buch geschrieben hat, auf Kriegsfuß steht“[1]; dass er auf seinen eigenen Buchseiten „ein Kombatant, ja selbst ein Opfer jenes Krieges ist“, den er beschreibt.[2]
Man könnte es auch so formulieren: In diesem Buch versucht ein Autor aus dem Lager der politischen Linken, die Dogmen des westlichen Antizionismus vor der Realität des arabischen Antisemitismus zu schützen.
Zum Verhältnis zwischen Nazismus und Islamismus
Achcar ist vermutlich der erste antizionistische Autor, der die ideologische Verwandtschaft zwischen dem Nationalsozialismus und dem Pan-Islamismus der Dreißiger- und Vierzigerjahre beschreibt und kritisiert.
Er betont „die Sympathie, … die die islamischen Fundamentalisten generell für den Nazismus empfanden, sowohl während der Naziperiode als auch danach“ und bestätigt, was andere Autoren vor ihm geschrieben haben: Dass der ägyptische Religionsgelehrte Rashid Rida, ein Freund des Nationalsozialismus, der wichtigste geistiger Mentor der islamistischen Bewegung gewesen war.[3]
Rida „legitimierte seinen Sympathien für den Nazismus, in dem er den Nationalsozialismus als das Instrument des göttlichen Willens betrachtete, welches die Ketzerei und die falschen Glaubenslehren, darunter die korrumpierten Versionen des Islam, beiseite fegen und auf diese Weise einen Weg für den ultimativen Triumph der mohammedanischen Offenbarung bereiten werde.“[4] Die Ratio jener Affinität zwischen Pan-Islamismus und Nationalsozialismus “ist simpel”, schreibt Achcar: “Der gemeinsame Feind war nicht Großbritannien, wie zu oft angenommen wird, der gemeinsame Feind waren die Juden.“[5] Kritisch geht Achcar auch mit den drei prominentesten Schülern Rishad Ridas zu Gericht.
Da ist erstens Amin el-Husseini, der Mufti von Jerusalem, der „sich die antisemitische Doktrin der Nazis zu Eigen machte.” Seine Haltung, konstatiert Achcar, “stimmt bis hin zu Husseinis Lobrede auf die ,Endlösung‘ vollständig mit dem Antisemitismus der Nazis überein.“[6]
Diesen Standpunkt behielt el-Husseini bis zu seinem Tod im Jahre 1974 bei. Achcar betont, dass el-Husseini weder aus seiner „Begeisterung für Hitler“ noch aus seinen Glauben an die „Nazilehre von der jüdischen Weltverschwörung“[7] je einen Hehl gemacht hatte.
Da ist zweitens Hassan al-Banna, der Gründer und Führer der Muslimbruderschaft. Achcar berichtet über „die Annäherung der Standpunkte und die enge Zusammenarbeit zwischen den Muslimbrüdern und dem Mufti.”[8] Einerseits operierte die Moslembruderschaft “mit der Zustimmung des Mufti und profitierte von dessen Popularität”, andrerseits “unterstützte [die Bruderschaft] den Mufti während seines ganzen Lebens und behandelte ihn als den legitimen Führer des antizionistischen Kampfs.“[9]
Völlig zu Recht weist Achcar darauf hin, dass der Antisemitismus der Moslembrüder das Ende der Nazi-Herrschaft überlebte: „Am 2. November 1945, … organisierten die [Bewegung] Junges Ägypten und die Muslimbruderschaft Angriffe auf jüdische Geschäfte und Institutionen – es waren die ersten Attacken dieser Art.“[10]
Da ist drittens Iss-ul-Din al-Qassam, der erste palästinensische Djihadist mit Verbindungen zu den saudischen Wahabiten und das Idol der Hamas bis zum heutigen Tag. Auch in Bezug auf Qassam und dessen Anhänger betont Achcar “die antisemitische Gemeinsamkeit zwischen dem wahabitischen Fundamentalismus und dem Nazismus.“ Achcar beschreibt eine Aktion der Qassamiten, mit der diese am 15. April 1936 die so genannte Arabische Revolte auslösten:
„Es war halb neun abends. Auf einer Bergstraße in der Region um Nablus wurden mittels einer aus Fässern bestehenden Barriere Autos angehalten. Die Barriere wurde von drei bewaffneten Männern überwacht: einer beaufsichtigte die Straße, der andere hielt die Passagiere der gestoppten Autos mit seiner Schusswaffe in Schach und der dritte nahm ihnen ihr Geld ab. Anschließend fragen sie ihre Opfer, ob Engländer oder Juden unter ihnen seien. Ein Lastwagenfahrer und sein Passagier, beides Juden, wurden auf der Stelle erschossen. Unter den Anwesenden war auch ein Mann, der sich der Gruppe als Deutscher, als ein Hitler-Anhänger und Christ vorstellte und der bei Hitlers Ehre schwor, dass er die Wahrheit sage. Die drei Männer ließen ihn zum Wohle Hitlers frei – mit 35 Pfund-Sterling in den Taschen.“[11]
Im zweiten Teil seines Buches kommt Achcar auf die aktuelle Bedeutung jener pan-islamistischen Bewegung zurück. „Die Banner der vorausgegangenen Kämpfe, auf denen die Adjektive ,national‘, ,populär‘ und ,sozialistisch‘ eingeschrieben waren, haben sich fast ohne jede Spur aufgelöst; ihre Stelle wurde von den islamisch-fundamentalistischen Bewegungen eingenommen.
Gleichzeitig nahmen in den arabischen politischen Stellungnahmen und den arabischen Medien der Antisemitismus in seiner traditionellen und islamisierten Variante wie auch die Holocaustleugnung spektakulär zu.[12] Als Beispiel zitiert Achcar die Charta der Hamas: “Besonders Artikel 7 und 22 enthalten eine konzentrierte Version der islamisierten antisemitischen Hirngespinste, wie sie Rashd Rida in den Jahren unmittelbar vor seinem Tod in 1935 kultiviert hatte.”[13]
Achcar erklärt somit seinen Lesern, dass erstens ein nazi-ähnlicher Antisemitismus sehr viel früher in die Region gekommen war, als der Staat Israel und dass zweitens die Verbindung zwischen Islamismus und Nationalsozialismus nicht nur taktischer Natur gewesen ist, sondern speziell in der Frage des Antisemitismus auf gemeinsamen Überzeugungen basierte.
Er lässt darüber hinaus keinen Zweifel, dass der Kampf gegen Israel heute von eben jenen islamistischen Gruppen getragen wird, deren Judenfeindschaft heute wie damals Nazi-ähnliche Züge aufweist.
Für „die Feinde des Philistertums, mit einem Wort alle denkenden und alle leidenden Menschen“[14] liegen die Schlussfolgerungen dieser von Achcar referierten Erkenntnisse auf der Hand: Israel hat als jüdischer Staat nicht nur ein Recht auf Existenz, sondern insbesondere auch ein Recht auf Selbstverteidigung gegen die antisemitisch motivierten Angriffe aus der Region.
Doch genau an dieser Stelle beginnt Achcars Krieg „mit dem, was er in seinem eigenen Buch geschrieben hat.“ So, als hätte ihn der herrische Befehl eines Zentralkomitees ereilt, dementiert Achcar noch im selben Text seine oben skizzierten Erkenntnisse und versteift sich stattdessen auf politische Agitation: Der zweite Teil seines Buches dient in erster Linie dem Zweck, eine gemeinsame antizionistische Kampffront mit den Antisemiten und den Holocaustleugnern der Hisbollah und der Hamas zu rechtfertigen – ein Vorgang, der wegen seiner Vergeblichkeit lächerlich anmutet, gleichzeitig aber auch als Beispiel intellektueller Selbstaufgabe schockiert.
Feindbild Israel
Bei Lichte betrachtet ist es außerordentlich ungewöhnlich, dass 70 Jahre nach dem Holocaust ein erklärter Antifaschist wie Achcar einzig und allein der jüdischen Nation das Recht auf einen eigenen Staat verweigert. Gleichwohl wird die antizionistische Mission, der sich Achcar verschrieben hat, in dessen Buch weder begründet noch erklärt: Der Autor konzipierte sein Werk für einen begrenzten Leserkreis und setzt bei diesem das Einverständnis, dass der jüdische Staat kein Existenzrecht besitze und bekämpft gehöre, voraus.
“Israel ist Europas einziger kolonialer Siedlerstaat“, behauptet er apodiktisch und „der letzte große Brandherd des europäischen Kolonialismus.“[15] Der jüdische Staat sei nicht nur “für die palästinensische Katastrophe [von 1948] exklusiv verantwortlich”, sondern arbeite auch darauf hin, „die muslimischen und christlichen heiligen Stätten zu zerstören, er sucht die Palästinenser arm zu machen und ihren Ackerbau und ihre Wirtschaft zu zerstören, er misshandelt seine eigenen palästinensischen Bürger usw.“[16]
Gleichzeitig lehnt Achcar selbst noch die Zweistaatenlösung ab. Eine Akzeptanz des UN-Teilungsplans von 1947 durch die Palästinenser „wäre einer unehrenhaften Kapitulation gleichgekommen“[17], weshalb die halbherzigen palästinensischen Befürworter jener Lösung bei ihm entweder Opportunisten (im Falle des PLO-Politikers Abu Iyad) oder Verräter sind. So verspottet Achcar den gegenwärtigen PLO-Chef Mahmoud Abbas als „den besten palästinensischen Freund Israels und der USA.“[18]
Gewiss –auch ein politisch voreingenommener Autor kann ein gutes Buch schreiben, solange er sich an die Fakten hält. In diesem Fall aber liefert das antizionistische Weltbild die Struktur, die er dem empirischen Material erbarmungslos überzustülpen sucht – was in diese Struktur nicht hineinpasst, wird abgeschnitten.
Das antizionistische Weltbild aber zeichnet sich durch ein simples Schwarz-Weißmuster aus: Während die Israelis die Täter sind, die für alles Schlechte in der Region verantwortlich gemacht werden, sind die Palästinenser und deren islamistische Vorhut die Opfer, deren Politik und deren Antisemitismus zu entschuldigen Gilbert Achcar nicht müde wird.
Arabischer Antisemitismus: Israels Schuld
Können Sie sich vorstellen, dass ein Autor der politischen Linken den historischen Antisemitismus der Nazis hauptsächlich deswegen kritisiert, weil die Nazis mit diesem Antisemitismus den erforderlichen Kampf gegen jüdische Machenschaften diskreditieren und erschweren? Wir nicht! Wir müssen jedoch mit Bedauern konstatieren, dass sich Achcar, sofern es um den gegenwärtigen arabischen Antisemitismus geht, eben dieser Argumentation bedient.
Zwar lehnt auch Achcar den arabischen Antisemitismus ab. Er kritisiert ihn aber nicht deshalb, weil er auf die Tötung von Juden zielt und den Nahostkonflikt verschärft. Sondern er kritisiert den Antisemitismus, weil dieser den Kampf gegen Israel erschwere: „Diese antisemitischen Hirngespinste oder stupiden Leugnungen des Holocaust helfen in Wirklichkeit Israel bei der Produktion von anti-arabischer Propaganda und sind weit davon entfernt, die israelische Sache, wie es deren Autoren eigentlich beabsichtigen, zu unterminieren.“[19]
Während es sich Achcar im ersten Teil seines Buches zur Aufgabe gemacht hat, den historischen Antisemitismus der Islamisten zu beschreiben und zu kritisieren, kanzelt er im zweiten Teil seines Buches jeden, der den gegenwärtigen Antisemitismus der Islamisten beschreibt und kritisiert, als willentlichen oder unwillentlichen Agenten Israels ab. So bezeichnet er das Middle East Media Research Institute MEMRI, das diese “Hirngespinste” dokumentiert, als “eine Funktion des arabisch-israelischen Konflikts, in welchem es wie eine Unterabteilung der israelischen Propagandadienste“ agiere. Professor Robert Wistrich, der vielleicht bekannteste Antisemitismusexperte der Welt, ist für ihn lediglich „ein weiterer Akademiker im Propagandakrieg gegen die Araber.“[20]
Achcar wirft MEMRI oder Prof. Wistrich keineswegs vor, falsch zu übersetzen, falsch zu berichten oder falsch zu interpretieren. Er kritisiert die Wahl ihres Themas, das der israelischen Propaganda angeblich a priori helfe. Nach dieser Logik kann nur derjenige der Propagandafalle entgehen, der den arabischen Antisemitismus ignoriert oder ihn entschuldigt.
Achcar hat sich für die zweite Variante entschieden. Er weicht der Hässlichkeit des arabischen Antisemitismus nicht aus, sondern schiebt sie Israel in die Schuhe: „Die antisemitischen Erklärungen, wie man sie heute in den arabischen Ländern hört, [sind] phantasiebeladene Ausdrucksformen … einer intensiven nationalen Frustration und Unterdrückung, für die in ihrer Mehrheit ,die Juden‘ in Palästina, sowie Israel, der ,jüdische Staat‘, den sie gründeten, verantwortlich gemacht werden müssen.“[21]
Würde er sich aber jene „phantasiebeladenen Ausdrucksformen“ genauer anschauen – er lehnt diese Aufgabe, wie wir oben gesehen haben, als “Propaganda” ab – , würde er schnell merken, dass es hier um Vernichtungsphantasien geht – um Phantasien, die auf die Vernichtung der Juden oder des jüdischen Staates zielen. Diese Phantasien haben mit politischen Konflikten nichts zu tun. Sie können nicht als „Reaktion“ auf irgendetwas entschuldigt werden, dass stattgefunden haben mag oder auch nicht.
Achcar, der wenige Seiten zuvor noch die vom Nationalsozialismus beeinflusste Geschichte dieses Antisemitismus beschrieben hat, möchte nunmehr von möglichen Zusammenhängen zwischen dem „europäischen“ und dem „arabischen“ Antisemitismus nichts mehr wissen: „Die wichtigste Frage, die sich uns hier stellt, betrifft das reale Gewicht des Antisemitismus in der arabischen Welt. Und diese Frage zieht eine andere nach sich, die die Definition des Antisemitismus berührt. Wie viel Abneigung ist dem Antisemitismus im engeren Sinne zuzuschreiben? Entspricht der auf Phantasien basierende Judenhass, der für europäische Rassisten typisch war und ist … dem Hass der Araber, die über die Besetzung und/oder Zerstörungen arabischer Länder wütend sind?“[22]
Zwar ist es richtig, dass sich die Umstände des arabischen Antisemitismus von den Umständen des Nazi-Antisemitismus erheblich unterscheiden. Umso mehr frappiert jedoch der Gleichklang der Parolen, der Karikaturen und der Phantasien. Doch eben jene Ähnlichkeiten will Achcar offenkundig nicht sehen. Oder kann er sie nicht sehen? Verhindert die von ihm praktizierte Dämonisierung Israels, dass er den Israel-bezogenen Antisemitismus der Islamisten erkennt? “Den Wahn erkennt natürlich niemals, wer ihn selbst noch teilt“, schreibt hierzu Sigmund Freud. [23]
Achcar bringt selbst noch für die Verbreitung der „Protokolle der Weisen von Zion“ Verständnis auf. „Es gibt eine qualitative Differenz zwischen einem trügerischen und antisemitischem Ansatz, der glaubt oder versucht, andere glauben zu machen, dass die Führer der Juden oder der ,jüdischen Rasse‘ gegen den Rest der Welt konspirieren – und dem ebenso trügerischen aber nicht rassistischen Ansatz, der sich, um die zionistischen Erfolge zu erklären, mit einer Konspirationstheorie tröstet.“
Mehr noch: Achcar beschwert sich, dass andere Autoren “die notwendige Unterscheidung zwischen einer antisemitischen und einer antizionistischen Lesart der russischen Fälschung“ nicht vornehmen.[24]
Da aber in den “Protokollen” nie von “Zionisten”, stets aber vom „Judentum“ die Rede ist, das die Weltherrschaft an sich zu reißen suche, ist sein Versuch, die islamistischen Propagandisten der „Protokolle“ vom Vorwurf des Antisemitismus reinzuwaschen, obszön. Genauso gut könnte er eine „antizionistische Lesart“ von Hitler’s Mein Kampf empfehlen. Immerhin ist Mein Kampf in der arabischen Welt ebenfalls weit verbreitet und zudem auch explizit antizionistisch orientiert: „Der Zionismus“ schreibt hier Adolf Hitler, denkt „gar nicht daran, in Palästina einen jüdischen Staat aufzubauen.“ Die Juden wollten lediglich eine „dem Zugriff anderer Staaten entzogene Organisationszentrale ihrer internationalen Weltbegaunerei.“[25]
Bei Achcar dient auch die Verharmlosung der “Protokolle” einem politischen Zweck: Er möchte Gambal Abdul Nasser und den „arabischen Nationalismus der Fünfziger- und Sechzigerjahre mit seinem sozialistischen und antiimperialistischen Zug“ um jeden Preis verteidigen.
Nun ist jedoch bekannt – und Achcar räumt dies ein – dass Nasser die „Protokolle“ nicht nur durch ägyptische staatliche Stellen verbreiteten ließ, sondern dass er deren Lektüre sogar ausdrücklich empfahl und behauptete, dass „dreihundert Zionisten … das Geschick des europäischen Kontinents bestimmen.“[26]
Gleichwohl nimmt er Gamal Abdel Nasser gegen den Vorwurf des Antisemitismus in Schutz: „Hieran ist lediglich Unwissenheit schuld.“ Für Achcar liegt der Skandal nicht darin, dass 15 Jahre nach dem Holocaust ein weltberühmter Staatsführer Hitlers antisemitisches Lieblingsbuch anpreist. Sondern er liege darin, “dass Nasser 1958 über die Geschichte dieses Textes derart unwissend sein konnte.“[27]
Achcars Versuch, diesen Antisemitismus als eine Bildungslücke, eine Art “Versehen” weg zu definieren, zeigt, wie wenig er von diesem Thema versteht. Antisemitische Verschwörungstheorien sind nicht einfach törichte Phantasien, sondern Richtschnur zum Handeln; Theorien also, die die Politik eines Staates konkret bestimmen.
„Unser Krieg gegen Israel“, erklärte Nasser 1965 in Anlehnung an seine Konspirationstheorie, “ist die Fortsetzung unseres Krieges gegen den Kolonialismus.” Achcar weigert sich nicht nur, diese Politik mit Nassers Befürwortung der „Protokolle“ in eine Beziehung zu stellen, sondern lobt gar diese Äußerung als „Distanz vom Nazismus“ und als „Zurückweisung von Antisemitismus“.[28]
Bitte lesen Sie auch Teil II dieses Artikels.
