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Jüdische Allgemeine, 1. Juni 2006

Hätte der Iran von der Fußball-Weltmeisterschaft ausgeschlossen werden sollen?

Von Matthias Küntzel

Aber ja doch! Die Bundesregierung, die Europäische Union, die Sportverbände – sie alle hätten nach den Brandreden Ahmadinejads den WM-Ausschluss des Iran beantragen müssen.
Weltmeisterschaften sind immer auch politische Ereignisse: Hier treten die Spieler, Trainer und Funktionäre als Repräsentanten ihres Landes auf. Nirgendwo aber sind Sport und Politik enger verknüpft, als im Iran.

Innenpolitisch haben die Mullahs die Zuschauerränge der Stadien bei nationalen Begegnungen für Frauen gesperrt. „Nach islamischer Ansicht ist der Blick einer Frau auf einen Mann, auch wenn dabei keinerlei Vergnügen im Spiel ist, nicht zulässig“, bestätigte letzten Monat Großajatollah Golpajegani. Ist ein Stadien-Verbot für mehr als 50% der Bevölkerung mit den Grundsätzen des Fußball-Weltverbandes FIFA vereinbar?
Außenpolitisch gilt dem Iranischen Olympischen Komitee zufolge die Anweisung, alle Sportler des „zionistischen Regimes“ zu boykottieren. Dieser Israelboykott verletzt die Regeln der internationalen Sportverbände und wird deshalb notdürftig kaschiert. So ließ sich bei der letzten Olympiade der iranische Judokämpfer Arash Miresmaili wegen Übergewichts disqualifizieren, um seinen israelischen Gegner nicht berühren zu müssen. Das Regime feierte ihn dafür und überhäufte ihn mit Geld. Oder Irans Nationalfußballer Vahid Hashemian: Solange er noch bei Bayern München war, befiel ihn vor jedem Spiel gegen Maccabi Tel Aviv eine rätselhafte Krankheit, die ihn vor dem abrupten Ende seiner Karriere bewahrte. Natürlich weiß die FIFA, was hier gespielt wird. Dennoch hat sie diese Praxis bislang als eine Macke abgetan und toleriert. Inzwischen sollten Ahmadinejads Vernichtungsdrohungen gegen Israel selbst diesen Funktionären klargemacht haben, dass Irans Boykottpolitik antisemitisch und mit seiner FIFA-Mitgliedschaft nicht zu vereinbaren ist.
Sport soll Menschen unterschiedlichster Regimes und Regierungen zusammenbringen – so auch die Fußball-WM 2006. Wenn aber ein Mitgliedsstaat der Vereinten Nationen die Auslöschung eines anderen lautstark propagiert und zur Weltmeisterschaft gleichwohl zugelassen wird, ist es um die völkerverbindende Kraft des Sports geschehen.
Spanien, Rumänien und Ukraine sagten nach Ahmadinejads Brandrede gegen Israel ihre im Iran vorgesehenen Spiele ab. Bravo! Die grünen Politiker Daniel Cohn-Bendit und Volker Beck forderten nach Ahmadinejads Holocaust-Leugnung den WM-Ausschluss, um „dem Iran zu zeigen, dass es so nicht geht und so nicht ohne Konsequenzen bleibt.“ Genau!
Es gibt viele unterdrückerische Regimes in der Welt. Eine Regierung, die nuklear aufrüstet und den Holocaust als „Mythos“ verlacht, gab es bisher nicht. Ihr ist alles zuzutrauen. Sie hat sich aus der Gemeinschaft, die wir als die „Vereinten Nationen“ kennen, herauskatapultiert. Ahmadinjad sagt, was er tun will und versucht zu tun, was er sagt. So entschlossen und zielstrebig er den Takt vorgibt, so zaghaft und beschwichtigend reagiert die EU. Wenn Ahmadinejad die Europäer zum Dank als „kläffende Hunde“ und „alt gewordene Löwen mit faulenden Mähnen“ verlacht, wird die Beschwichtigung nur verstärkt. Die wohlbekannte Psychologie des Appeasements beherrscht den Raum.
Doch die Zeit läuft! Wer neue Kriege verhindern will, muss die politische Ächtung des Regimes in Teheran forcieren. Innenpolitisch ist der Iran in Aufruhr. Die Unzufriedenheit wächst. Konkrete Boykottmaßnahmen stärken diesen Widerstand, weil sie beweisen, dass der Kurs des Präsidenten das Land isoliert. Der Verzicht darauf stärkt das Regime und bestärkt es in seiner Wahnvorstellung, historisch im Recht zu sein.
Veröffentlicht in: Jüdische Allgemeine Nr. 22/06, 1.Juni 2006