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DeutschlandRadio Kultur, 3. Oktober 2012

Der Boxer. Die wahre Geschichte des Hertzko Haft

Eine Graphic Novel über den Holocaust. Rezensiert · Von Matthias Küntzel

Im Sommer letzten Jahres veröffentlichte die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ die Comic-Serie „Der Boxer“ gezeichnet von dem Comic-Autor Reinhard Kleist.

Sie erzählt die unglaubliche aber wahre Überlebensgeschichte des jüdischen Boxers Hertzko Haft, der – 1925 in Polen geboren – den Holocaust nur knapp überlebte, weil er in einem Außenlager von Auschwitz zum Amüsement gröhlender SS-Leute gegen ausgemergelte Mithäftlinge boxte. Wer hier den Kampf verlor, verlor sein Leben. 76 mal blieb Hertzko bei diesem sadistischen Spektakel als Sieger zurück.

1946 ging er in die USA, wo er kurzzeitig als Profiboxer arbeitete und einmal sogar gegen den spätere Boxweltmeister Rocky Marciano antrat. Sein ältester Sohn Alan Scott Haft wurde 1950 geboren. Dieser veröffentliche 2006 die Lebensgeschichte seines Vaters in den USA.

2009 brachte sie der Göttinger Verlag „Die Werkstatt“ unter dem Titel „Eines Tages werde ich alles erzählen“ auf den Markt – zusammen mit Fotos und faksimilierten Dokumenten über Hertzko Haft und dessen Familie sowie mit Aufsätzen von John Radzilowski und Mike Silver, die über das jüdische Leben in Polen und die amerikanische Boxerszene der Vierzigerjahre informieren.

Im Nachwort dieses Buches berichtet Alan Scott Haft:
„Mein Vater … war ein großer ungehobelter Mann mit plötzlich aufbrausendem und ungezügeltem Jähzorn. Er sprach nur gebrochen Englisch und konnte kaum lesen oder schreiben. Auf seinem linken Vorderarm waren hässliche grüne Nummern eintätowiert. Die Jahre, die er in den Konzentrationslagern verbracht hatte, verfolgten ihn sein Leben lang.“

Reinhard Kleist machte aus dem Lebensbericht dieses Vaters eine graphische Biographie, die in Zusammenarbeit mit dem Sohn entstand und sich penibel an die Buchvorlage hält. Jetzt brachte der Carlsen-Verlag die Comic-Serie „Der Boxer. Die wahre Geschichte des Hertzko Haft“ in einer erweiterten Version als 200-seitige Graphic Novel auf den Markt. Endlich – kann man da nur sagen, denn dem Zeichner Reinhard Kleist ist ein Meisterwerk gelungen.

Sein Buch beginnt und endet mit der Perspektive des Sohnes, der von dem Vorleben seines gewalttätigen Vaters erst sehr spät erfuhr. Der Hauptteil der Geschichte wird aus der Sicht des Holocaust-Überlebenden Hertzko Haft erzählt – ein ungehobelter und gewalttätiger Junge, der dem „Ideal“ des friedfertigen und ewig guten Opfers niemals entspricht. Doch Kleist versteht es, ihn, der schon als Grundschüler seinen antisemitischen Lehrer versohlte und prompt von der Schule flog, zu einer Identifikationsfigur zu machen.

Mit 15 gerät Hertzko Haft in den Holocaust, dessen Grauen sich bei Kleist subtil offenbart. Es spiegelt sich im Gesicht der Hauptfigur, das sich verdüstert, das zerfällt, das sich entmenschlicht.

Wir erleben den Schock der Einsamkeit nach Hertzkos Trennung von Freundin und Familie, sein bodenlose Entsetzen, als er von der Deportation seiner Angehörigen erfährt, den Alptraum der Verbrennungsöfen, an denen Hertzko in Auschwitz arbeiten muss und seine verzerrte Fratze beim unmittelbar bevorstehenden Tod, dem Herzko mehrfach wir durch ein Wunder entgeht.

Reinhard Kleist hat hier nicht einfach Comic-Bilder kreiert, sondern kleine Gemälde, Zeichnungen in schwarz-weiß, die haften bleiben und kaum je zu vergessen sind.

Kleist spart als Vertreter des Comicrealismus zwar nichts aus, er wird in seiner Darstellung des Holocaust aber auch nicht voyeuristisch, sondern zeichnet abstrakt, wo Diskretion dies verlangt.

Wir sehen den Irrwitz der Todesmärsche, erleben, dass Hertzko um des schieren Überlebens willen deutsche Zivilisten erschießt und begegnen Amerikanern, die nach Kriegsende illegal ein Bordell betreiben, mit Hertzko als Chef. Während zwei Drittel des Hauptteils dieses Buches vom Holocaust und der unmittelbaren Nachkriegszeit erzählen, nimmt Hertzkos Boxer-Leben in den USA ein Drittel ein. Das Buch endet so, wie die Biographie eines Holocaustüberlebenden nur enden kann: mit keinem Happy-End.

Kleist hat es geschafft, ein packendes, ja mitreißendes Buch über den Holocaust zu schreiben, das weder beschönigt, noch trivialisiert. Diese Graphic Novel – vom Sportjournalisten Martin Krauß mit einem Aufsatz über „Boxen im KZ“ klug bereichert – ist ein Buch für Erwachsene, wie sein Vorabdruck in der FAZ beweist. Es ist aber auch ein Buch für Jugendliche, das in einer Zeit, in der sich die Reihen der Zeitzeugen des Holocaust lichten, eine immer spürbarer werdende Lücke füllt.

Der Schläger und Boxer Hertzko Haft ist kein Held ohne Widersprüche, der abseits der Grausamkeiten der Lager steht – doch gerade das macht ihn so glaubwürdig und so stark, auch für Jugendliche, die heute so alt sind, wie er es damals war.

Die Authentizität dieses Buches, sein unbedingter Realismus und die emotionale Wirkung, die Kleist mit seinem Zeichenstift erzeugt, rechtfertigen es, diesem Band das Prädikat „Besonders wertvoll für Unterrichtszwecke“ zu verleihen. Der Bundeszentrale für Politische Bildung sei hiermit nahegelegt, für die Herausgabe einer ermäßigten Sonderausgabe dieser Graphic Novel zu sorgen.

Alan Scott Haft: Eines Tages werde ich alles erzählen. Die Überlebensgeschichte des jüdischen Boxers Hertzko Haft
Verlag Die Werkstatt 2009
192 Seiten, 16,90 Euro

Reinhard Kleist: Der Boxer. Die wahre Geschichte des Hertzko Haft
Carlsen Verlag 2012
200 Seiten, 16,90 Euro

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