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Tribüne, Dezember 2007

Das Erbe des Mufti

Amin el-Husseinis prägende Rolle für den heutigen Nahost-Konflikt · Von Matthias Küntzel

Amin el-Husseini ist unbestreitbar eine der Schlüsselfiguren des 20. Jahrhunderts. Sechzehn Jahre lang war er das religiöse Oberhaupt der palästinensischen Muslime, dreißig Jahre ihr politischer Führer und zeitweilig der wichtigste Repräsentant der arabischen Welt. Nicht nur seine Fähigkeit, Massen anzusprechen, ließ ihn schon zu Lebzeiten zu einer Legende werden, sondern ebenso seine Skrupellosigkeit im Umgang mit politischen Kontrahenten sowie seine ideologische Stringenz: El-Husseini blieb Zeit seines Lebens glühender Antisemit.

In Deutschland, wo el-Husseini von November 1941 bis April 1945 lebte, genoss er auch aus diesem Grund große Popularität. Es gibt kaum einen heute 80-jährigen Deutschen, der vom „Großmufti“ nichts wüsste: Das NS-Regime würdigte ihn in Biographien, Filmen, Bildserien und Aufsätzen als das lebende Beispiel für die deutsch-arabische Verbundenheit im antijüdischen Kampf. Dementsprechend berühmt ist das Foto, das den Mufti im Gespräch mit Adolf Hitler zeigt.

Und doch stellen die vier Berliner Jahre im Leben dieses Mannes kaum mehr als eine Episode dar. Hitler verschwand 1945 von der Bildfläche, el-Husseini lebte bis 1974. Nicht seine Tätigkeit in Berlin, sondern seine Politik in der Levante hat dem Nahostkonflikt den bis heute prägenden Stempel aufgedrückt. Ob es um den Islamismus geht, um die nackte Gewalt gegenüber anders denkenden Palästinensern oder um einen islamisch geprägten Antisemitismus: Wir haben es in jedem dieser Fälle mit Hinterlassenschaften des Mufti zu tun.

Beginnen wir mit dem ideologischen Neuland, das der Mufti während der 30iger Jahre betrat. In dieser Zeit hatte Amin el-Husseini als erster den Antisemitismus christlicher Prägung in eine die Masse der Muslime erreichende Form gebracht.

ISLAMISCHER ANTISEMITISMUS

Ein Antisemitismus christlicher Prägung, wie er sich besonders im Phantasma von der jüdischen Weltverschwörung manifestiert, war dem ursprünglichen Judenbild des Islam fremd. Nur in der Christuslegende erscheinen Juden als eine tödliche und mächtige Instanz, da sie es fertig gebracht hätten, Gottes einzigen Sohn zu töten. Sie allein seien in der Lage, Tod und Verderben über die Menschheit zu bringen – so die Schuldzuweisung in den Zeiten der Pest. Das Phantasma von den Juden als den Herrschern der Welt, die somit auch für das Unglück dieser Erde alle Verantwortung tragen, wurde besonders von den Nazis mit dem Rassegedanken vermischt. Nun gab es ihrer Wahnvorstellung zufolge nur noch einen Weg zur Erlösung der Welt: Die systematische Vernichtung der Juden.

Anders der Islam. Hier haben nicht die Juden den Propheten ermordet, sondern der Prophet die Juden: In den Jahren 623 bis 627 ließ Mohammed alle jüdischen Stämme in Medina versklaven, vertreiben oder töten. Deshalb tauchten die charakteristischen Züge des christlichen Antisemitismus in der muslimischen Welt nicht auf: „Es gab keine Ängste vor einer jüdischen Verschwörung und Vorherrschaft, keine Anklagen wegen diabolischer Bösartigkeit, Juden wurden nicht beschuldigt, Brunnen zu vergiften oder die Pest zu verbreiten.“ Stattdessen begegnete man den Juden mit Verachtung oder mit herablassender Duldung. Der im Koran und in der Sunna geschürte Hass auf Juden verfolgte das Ziel, sie als Dhimmis klein zu halten oder zur Konversion zu bewegen: Die Anfeindung der Juden ging mit ihrer Abwertung einher. Diese kulturelle Prägung ließ die Vorstellung vieler Christen, ausgerechnet Juden könnten eine permanente Gefahr für die Muslime und die Welt bedeuten, absurd erscheinen.

Der europäisch inspirierte Antisemitismus wurde 1921 auch in Palästina erstmals manifest. Er durchzog das Memorandum des Palestinian Arab Congress, der damals von Musa Kasim Pasha el-Husseini, einem Verwandten des späteren Mufti von Jerusalem, geleitet wurde. Dieses von der Forschung bislang übersehene „Memorandum der Palästinenser“ wurde dem britischen Kolonialminister Winston Churchill am 14. März 1921 anlässlich seines Besuches in Jerusalem überreicht.

Darin heißt es: „Juden haben zu den aktivsten Befürwortern der Zerstörung in vielen Ländern gehört, und zwar besonders dort, wo sie durch ihre einflussreichen Positionen in der Lage waren, Schaden anzurichten. Es ist wohl bekannt, dass die Desintegration von Russland vollständig oder zu einem großen Teil von den Juden bewerkstelligt worden ist. In einem großen Maße sind sie auch für die Niederlage von Deutschland und Österreich verantwortlich zu machen. (...) Der Jude ist ein Jude überall in der Welt. Er häuft den Reichtum eines Landes in seinen Händen an. (...) Er unterstützt Kriege, wann immer das Eigeninteresse es nahe legt und benutzt so die Armeen der Nationen, die tun sollen, was ihm beliebt.“

Churchill wurde also nicht mit konkreten Beschwerden über zionistische Siedler konfrontiert, sondern mit einem antisemitischen Manifest, das sich an die „Protokolle der Weisen von Zion“ anlehnte – ein Manifest, wie es zu diesem Zeitpunkt der Nazi-Ideologe Alfred Rosenberg nicht besser hätte formulieren können. Und in der Tat gibt es Hinweise, wonach Musa Kasim el-Husseini schon 1918 ein Exemplar der „Protokolle“ von einem britischen Offizier erhielt. Natürlich war diese Form des Antisemitismus für fast alle Muslime gänzlich unverständlich. Der Palestinian Arab Congress konnte dieses Papier nur einem Europäer überreichen.

Um die Masse der analphabetisierten Araber von der „jüdischen Weltverschwörung“ zu überzeugen, brauchte es einen anderen Text. Das einzige Medium, das damals die Muslime erreichen konnte, war aber die Religion. An die religiösen Traditionen knüpfte der Mufti folgerichtig an.

Diese innovative Leistung von Amin el-Husseini wird sichtbar, wenn wir das an Churchill überreichte Memorandum mit einem 16 Jahre später verfassten Dokument vergleichen. Dieses trägt den Titel: „Islam-Judentum. Aufruf des Großmufti an die islamische Welt im Jahre 1937“. In dem 31 Seiten umfassenden Aufruf heißt es: „Der Kampf zwischen Juden und Islam begann, als Mohammed von Mekka nach Medina floh. ... Damals waren die jüdischen Methoden schon die gleichen wie heute. Ihre Waffe war wie immer die Verleumdung … Sie sagten, Mohammed sei ein Schwindler, .... sie versuchten, Mohammeds Ehre zu untergraben…, sie fingen an, Mohammed sinnlose und unlösbare Fragen zu stellen … und trachteten danach, die Muslime zu vernichten. ... Wenn die Juden Mohammed so verraten konnten, wie werden sie die Muslime dann heute verraten. ... Die Verse aus dem Koran und Hadith beweisen euch, dass die Juden die bittersten Gegner des Islams gewesen sind und noch weiter versuchen, denselben zu vernichten.“

Im Unterschied zum Dokument von 1921 haben wir es hier mit einer populistischen, an die Tradition der orientalischen Märchenerzähler anknüpfenden Version von Judenhass zu tun, die sich die Gläubigkeit der Muslime zunutze macht. Das Pamphlet wurde 1937 in der gesamten arabischen Welt verbreitet und es gibt Indizien, wonach Agenten aus Nazi-Deutschland bei seiner Erstellung und Verbreitung behilflich gewesen sind.

Das Ausmaß der Neuerung wird klar, wenn man bedenkt, dass die klassische islamische Literatur Mohammeds Kampf mit den Juden in der Regel als eine geringfügige Episode im Leben des Propheten behandelt hatte. Zudem waren im Laufe der Jahrhunderte die judenfeindlichen Sätze im Koran und im Hadith, den Berichten über den Propheten, weitgehend in Vergessenheit geraten. Zu den hasserfülltesten Worten des Hadith gehört der folgende Text von al-Bukhari: „Die Stunde der Auferstehung wird nicht kommen, bis die Muslime gegen die Juden kämpfen. Die Muslime werde sie töten, bis sich der Jude hinter Stein und Baum verbirgt und Stein und Baum dann sagen: ,Oh Muslim, oh Diener Gottes! Da ist ein Jude hinter mir. Komm und töte ihn!’“
Dieser Mordaufruf wird in den gegenwärtigen islamistischen Milieus häufig zitiert und selbst in Artikel 7 der Charta der Hamas zustimmend wiedergegeben. Er war, bevor ihn der Mufti in seinem Manifest in Erinnerung rief, so gut wie vollständig in Vergessenheit geraten.

Jetzt aber begann der Mufti der angeblich feindseligen Haltung der medinischen jüdischen Stämme dem Propheten gegenüber eine geradezu kosmische Bedeutung zuzuschreiben. Jetzt aber wurden die vereinzelten Hassbotschaften aus Koran und Hadith vom Mufti herausgepickt und mit dem europäischen Topos der jüdischen Weltverschwörung verquickt. Jetzt wurden diese Versatzstücke des Islam den Muslimen bei jeder sich bietenden Gelegenheit – zum Beispiel über den arabischen Kurzwellensender aus Zeesen bei Berlin – regelrecht eingehämmert. Auf dieses neue Paradigma stützte später Sayyid Qutb sein einflussreiches Manifest „Unser Kampf mit den Juden“. 1972 zitierte Harkabi in seiner Studie „Arab Attitudes to Israel“ bereits sechs arabische Bücher, deren Antisemitismus auf jener „,Islamisierung’ des Judenhasses“ basiert. Der Mufti hatte den Islam aber nicht nur für antisemitische Zwecke mobilisiert, sondern ihn zugleich als ein Kampfmittel gegen die Moderne in Einsatz gebracht.

DER MUFTI ALS GRÜNDUNGSFIGUR DES ISLAMISMUS

Erstaunlicherweise ist die etwa 100 Jahre dauernde Phase der islamischen Moderne heute in Vergessenheit geraten. Diese Phase hatte zu Beginn des 19. Jahrhunderts begonnen und zwischen 1860 und 1930 seine Blütezeit erlebt. So rief der Sultan des Osmanischen Reiches 1839 die Gleichstellung der Juden und Christen im Osmanischen Reich aus. 1856 wurde diese Gleichstellung auch juristisch fixiert. Zwar war es mit den demütigenden Sonderbestimmungen für Juden und deren Verfolgung nicht überall und sofort vorbei. Doch in den städtischen Zentren wurde es Juden jetzt gestattet, Abgeordnete zu werden und Regierungsposten zu bekleiden. Seit 1909 wurden sie auch für die Armee rekrutiert.
Hinter dieser Entwicklung steckte nicht nur der Druck der europäischen Kolonialmächte, sondern mehr noch der Wunsch der osmanischen Eliten, sich der europäischen Zivilisation anzunähern.

So waren während der Zwanziger Jahren die Gesetze der Scharia für einen Großteil der islamischen Eliten außer Kraft gesetzt. Die Türkei hatte sie 1924, seit der Machtübernahme von Kemal Atatürk, abgeschafft. Der Iran begann sich 1925 unter Resa Khan zu säkularisieren. Auch in Ägypten wurde die Scharia nur noch bei persönlichen Angelegenheiten angewandt, während im übrigen die europäische Rechtssprechung galt. Die Nation war somit nicht länger eine Unterabteilung des Islam, sondern der Islam die Unterabteilung einer Nation, in der Moslems, Christen und Juden gleiche Rechte hatten.

Entsprechend unbefangen wurde die zionistische Bewegung akzeptiert. „Die Zionisten sind für dieses Land [Palästina] notwendig“, schrieb damals beispielsweise der Herausgeber der ägyptischen Zeitung „al-Ahram“. „Das Geld, das sie bringen werden, ihre Intelligenz und der Fleiß, der sie charakterisiert, werden ohne Zweifel dazu beitragen, das Land wieder zu beleben.“ Ganz ähnlich der ehemalige ägyptische Minister Ahmed Zaki, der 1922 schrieb: „Der Sieg der zionistischen Idee ist der Wendepunkt für die Erfüllung eines Ideals, das mir so wesentlich ist: die Wiederauferstehung des Orients.“

Für die islamischen Traditionalisten war der Vormarsch der Moderne hingegen ein Sakrileg. Sie setzten mit ihrem Widerstand den Anfangspunkt jener Bewegung, die uns heute unter der Bezeichnung „Islamismus“ geläufig ist, eine Bewegung, die einen islamischen Fundamentalismus mit dem Gebot eines permanenten heiligen Kriegs kombiniert. Diese islamistische Bewegung war von Anfang an antimodernistisch und antijüdisch orientiert. Ihre drei wichtigsten Protagonisten waren der 1921 eingesetzte Mufti von Jerusalem, Amin el-Husseini, der syrische Scheich Izz al-Din al-Qassam, der 1934 von britischen Soldaten getötet wurde, sowie der charismatische Hassan al-Banna, der 1928 die ägyptische Muslimbrüderschaft gründete.

Der gemeinsame Lehrer dieses Trios war der Syrer Rashid Rida, ein Religionsgelehrter, der den saudischen Wahabiten nahestand. Wie Rashid Rida forderten auch seine drei Schüler die Rückbesinnung auf die Scharia-Gesetzgebung und den althergebrachten Islam, um die westliche Zivilisation im ersten Schritt aus der arabischen Welt herauszudrängen und im zweiten Schritt global zu besiegen. Ihr Judenhass war eine Kampfansage an den Einbruch liberaler Ideen in die Welt des Islam. Dieser Einbruch war aber nirgendwo so radikal wie in Palästina.

Die progressiven russischen Juden, die nach dem Scheitern der Revolution von 1905 in das Land strömten, sahen sich mit vormodernen Zuständen konfrontiert: unmittelbare Herrschaft des Patriarchats und Unterjochung der muslimischen Frau, striktes Loyalitätsgebot gegenüber dem eigenen Familienclan, gnadenlose Herrschaft der Religion. Sie praktizierten demgegenüber einen anderen Lebensstil, der gekennzeichnet war durch Säkularität, individuelles Streben nach Glück, Meinungsfreiheit und Gleichstellung der Frau. Sie dachten gar nicht daran, den diskriminierenden Status anzuerkennen, den der traditionelle Islam für Christen und Juden vorgesehen hat.

Kein Wunder also, dass sich hier der antimodernistische Antisemitismus in besondere Schärfe entwickelte. “Das Kino, das Theater und einige schamlose Zeitungen kommen wie Nattern in unsere Häuser und Höfe, wo sie die Moral töten und die Grundlagen der Gemeinschaft zerstören”, rief der Mufti 1935 auf einer Konferenz islamischer Religionslehrer aus. “Die jüdischen Mädchen, die in kurzen Hosen herumlaufen, demoralisieren unsere Jugend durch ihre bloße Anwesenheit.” Jerusalem war für el-Husseini der Kristallisationskern der „Wiedergeburt des Islam“ und Palästina das Zentrum, von dem aus der Widerstand gegen die Juden und die Moderne ihren Anfang nehmen sollte.

TERROR GEGEN DIE „UNGLÄUBIGEN“

Dem Mufti diente die Religion nicht nur als Instrument der Massenmobilisierung gegen Juden und die Moderne, sondern ebenfalls als Mittel der Repression. Wer sich seinen antisemitischen und antimodernistischen Vorgaben nicht beugte, wurde in den Freitagsgebeten der Moscheen namentlich denunziert, von den Riten der Heirat und der Beerdigung ausgeschlossen oder körperlich bedroht. Als der Mufti 1937 auf Veranlassung der britischen Mandatsmacht seine religiösen Ämter aufgeben musste, verlegte er sich auf die gezielte Ermordung seiner Gegner: So führte er im Kontext der so genannten Arabischen Revolte (1936-1939) in den von ihm kontrollierten Zonen neue Kleiderordnungen und Scharia-Gerichte ein und liquidierte „unislamische“ Abweichler in großer Zahl.

Bewundernd berichtete 1943 ein deutscher Biograf des Mufti über die Erschießung palästinensischer Araber, die sich mit der Weigerung, die Kaffiyah – das so genannten „Palästinensertuch“ – zu tragen, dem Zwang zur Unterordnung widersetzten. Nicht minder drakonisch wurden arabische Christinnen und alle anderen Frauen zur Verschleierung gezwungen.

Die schlimmsten Wellen der Ermordung anders denkender Araber gab es zwischen 1936 und 1939 sowie 1947 und 1948. Die übrigen dialogbereiten Palästinenser wurden eingeschüchtert oder ergriffen die Flucht. So verließen in diesen Jahren zahllose christlichen Araber sowie fast der gesamte palästinensische Mittelstand das Land. Von diesem Exodus hat sich die palästinensische Gesellschaft bis heute nicht erholt.
Doch auch die Fememorde des Mufti wirken nach. Immer noch werden so genannte „Kollaborateure“ mit Zustimmung der palästinensischen Führung willkürlich ermordet und damit jedwede individuelle Bereitschaft zur Zusammenarbeit mit Israel bestraft. Der Mufti hat den Islam also auf dreierlei Weise instrumentalisiert: erstens als Basis für einen islamisch motivierten Judenhass, zweitens als Waffe gegen die Moderne und drittens als Vorwand für Terrorismus und Gewalt. Am Beispiel der Schlüsseljahre 1937 und 1947 lässt sich zeigen, wie sehr diese Instrumentalisierung die Geschichte des Nahost-Konflikts geprägt hatte und bis heute prägt.

VOM PEEL-PLAN ZUM UN-TEILUNGSBESCHLUSS

1937 trat die Mandatsmacht Großbritannien erstmals für eine Zwei-Staaten-Lösung ein. Der so genannte „Peel-Plan“ sah die Aufteilung Palästinas in ein kleines jüdisches und ein wesentlich größeres arabisches Territorium vor. Dieser Vorschlag wurde anfangs nicht nur vom zionistischen Weltkongress, sondern auch von Transjordanien und anderen arabischen Regierungen sowie von dem damals noch einflussreichen Flügel der moderaten Palästinenser unterstützt. Doch der Zwei-Staaten-Vorschlag scheiterte am Mufti, der den Plan mit Terror und Propaganda bekämpfte.

So nahmen die Banden des Mufti besonders diejenigen Palästinenser ins Visier, die den Peel-Plan unterstützten. „Menschen, die Land an Juden verkauften …. oder moderate politische Ansichten hegten und deren Nationalismus man als unterentwickelt verdächtigte, ... wurden nicht immer sofort getötet; manchmal wurden sie gekidnappt und in den Gebirgsabschnitten unter die Kontrolle der Rebellen gestellt“, berichtet Porath. „Dort warf man sie in Gruben, die mit Schlangen und Skorpionen versetzt waren. Falls die Opfer nach mehreren Tagen in dieser Grube noch lebten, wurden sie vor eines der Rebellengerichte gebracht … und normalerweise zum Tod oder, als spezielle Form der Rechtsprechung, zu massiver Auspeitschung verurteilt. Der Terror war so massiv, dass niemand, einschließlich der Religionsgelehrten und Priester, es wagte, ordentliche Bestattungen durchzuführen.“

Zeitgleich ließ der Mufti sein antisemitisches Traktat „Islam und Judentum“ in der arabischen Welt verbreiten, um, wie er später stolz in einem Brief an Adolf Hitler schrieb, „alle arabischen Länder in einem gemeinsamen Hass gegen die Engländer und die Juden“ zu vereinigen. Die Strategie des Mufti ging auf: Der Peel-Plan war binnen weniger Monate zu Fall gebracht.

Zehn Jahre später – 1947 – beschloss die Vollversammlung der Vereinten Nationen die Aufteilung Palästinas in einen jüdischen und einen arabischen Staat. Nach außen wurde der Widerstand gegen diese Zwei-Staaten-Lösung von der Arabischen Liga angeführt. In Wirklichkeit konnte von einer einheitlichen Ablehnung keine Rede sein. So wollte die Mehrheit der arabischen Palästinenser 1947 den Zwei-Staaten-Beschluss der Vereinten Nationen akzeptieren. Immerhin hatten zu diesem Zeitpunkt Zehntausende Palästinenser in jüdisch dominierten Wirtschaftsbereichen, etwa den Zitrusfeldern, Arbeit gefunden. Außerdem war man sich der militärischen Überlegenheit der Zionisten durchaus bewusst. Also hielten sich „viele palästinensische Araber nicht nur von den Kämpfen fern, sondern taten zugleich alles, um die ausländischen und die einheimischen Kräfte von der Ausführung militärischer Aktionen (gegen die Zionisten) abzuhalten“, schreibt Hillel Cohen, der die Bewegung der so genannten arabischen “Kollaborateure” als erster systematisch untersucht hat. „Den Krieg von 1948 zu vermeiden und mit den Juden ein Abkommen zu schließen war nach ihrer Überzeugung das Beste für die Palästinensisch-Arabische Nation.“ Ohne seine Landsleute zu konsultieren, wies der ehemalige Mufti von Jerusalem, Amin el-Husseini, den Zwei-Staaten-Beschluss jedoch zurück.

Es gab darüber hinaus auch zahlreiche arabische Führer, die mit dem Teilungsplan privat sympathisierten, es jedoch nicht wagten, dem Mufti zu widersprechen. „Die Teilung Palästinas ist die einzige realistische Lösung des Konflikts“, erklärte zum Beispiel Abdullah, der Emir von Transjordanien – jedoch unter vier Augen. „Es gibt nur eine Lösung: die Teilung Palästinas“, versicherte 1947 ebenfalls der Chef der Arabischen Liga, Abd al-Rahman Azzam. Natürlich dürfe er das nicht laut sagen. Im Privatgespräch wollte auch der damalige ägyptische Premierminister Sidqi Pasha den Teilungsplan akzeptieren: Pasha, berichtete sein Gesprächspartner Eliyahu Sasson, habe „wiederholt betont, dass er ein Geschäftsmann ist. Ihm gehe es um das Wohl Ägyptens. Wenn dieses Wohlergehen eine jüdisch-arabische Verständigung gebiete, dann sei es so.“ Und schließlich Muzahim al-Pachachi, der damalige Premier des Irak: „Am Ende werden wir die Existenz des jüdischen Staates zu akzeptieren haben, heute aber ist es politisch ausgeschlossen, dies öffentlich anzuerkennen.“

Warum traute sich 1947 kein einziger arabischer Führer, zu dieser Position auch öffentlich zu stehen? Hier kommen erneut der Mufti und dessen Machtpolitik ins Spiel. Einerseits wurde er seit 1945 von Großbritannien, den USA und Jugoslawien als Kriegsverbrecher gesucht. Er hatte zwischen 1941 und 1945 die muslimischen SS-Divisionen aufgebaut und persönlich dafür gesorgt, dass Tausende jüdische Kinder, die andernfalls hätten gerettet werden können, mittels Gas ermordet wurden. Auf der anderen Seite hatte ihn die jahrelange arabisch-sprachige Rundfunkpropaganda der Nazis zum mit Abstand bekanntesten Politiker der arabischen Welt gemacht. Dieser Nimbus steigerte sich noch, als klar wurde, dass die Sieger des Zweiten Weltkriegs auf seine Strafverfolgung verzichteten, um es sich mit der arabischen Welt nicht zu verderben.

„In dieser Straflosigkeit“, schrieb Simon Wiesenthal 1946, „sehen die Araber nicht nur eine Schwäche der Europäer, sondern auch Absolution für geschehene und kommende Ereignisse. Ein Mann, der der Feind Nr. 1 eines mächtigen Imperiums ist – und dieses Imperium kann sich seiner nicht erwehren – scheint ihnen gerade ein passender ‚Führer’ zu sein.“ Als die Schlagzeilen der Weltpresse am 10. Juni 1946 die so genannte „Flucht“ des Mufti aus Frankreich verkündeten, „wurden die arabischen Städte und Dörfer in Palästina mit Girlanden und Flaggen geschmückt und überall das Porträt des großen Mannes gezeigt“, wie eine Zeitgenossin schreibt. Die mächtige Muslimbruderschaft, die damals allein in Ägypten eine Millionen Menschen auf die Beine bringen konnte, organisierte die Rückkehr el-Husseinis und verteidigte dessen Nazi-Aktivitäten gegen jede Kritik.

Im Juni 1946, unmittelbar nach seiner Rückkehr in die Levante, erklärte sich der Mufti erneut zum Führer der Palästinenser und setzte seine Politik der Liquidierung aller Andersdenkenden, die vielen Palästinensern aus den Dreißiger Jahren noch in Erinnerung war, fort. Jetzt reichten ihm auch moderate Kräfte die Hand – aus Angst, isoliert oder getötet zu werden. Erneut lehnte der Mufti auch den zweiten Teilungsplan radikal ab. Stattdessen sollten die Araber, so sein Vorschlag, „gemeinsam über die Juden herfallen und sie vernichten, sobald sich die britischen Streitkräfte [aus dem Mandatsgebiet Palästina] zurückgezogen hätten.“ Den Militärverbänden, die der Mufti hierfür gründete, erhielten den Namen „Heiliger Krieg“ (al-Jihad al-Muqaddas). Nicht wenige von ihnen hatten zuvor in der Wehrmacht gedient.

Doch erst 1947 erhielt der skandalöse Umstand, dass der in Europa als Nazi-Kriegsverbrecher gesuchte el-Husseini erneut als Sprecher aller Palästinenser reüssieren konnte, historisches Gewicht: Sein Antisemitismus, der 1944 tausende Menschen das Leben gekostet hatte, richtete sich vier Jahre später gegen Israel. Obwohl dieser Mann spätestens 1947 – nicht zuletzt wegen seines Judenhasses – auch in der Arabischen Liga isoliert war, fand kein arabischer Staatschef den Mut, dem populären Führer der Palästinenser zu widersprechen. So bereiteten der Opportunismus des Westens, der den Mufti 1946 laufen ließ, und die Feigheit der Araber einer der fatalsten Weichenstellungen des 20. Jahrhunderts den Weg: Dem Krieg der arabischen Armeen gegen das soeben gegründete Israel. Der Rest der Geschichte ist bekannt.

SCHLUSSFOLGERUNGEN FÜR DIE GEGENWART

Der Rückblick zeigt, dass es eine jeweils persönliche Entscheidung ist, wie ein Moslem sein Verhältnis gegenüber Israel und den Juden definiert. Es war eine absichtliche Wahl des Mufti, jede Dialoglösung zu torpedieren. Und es ist eine absichtliche Wahl der Hamas, Israel beseitigen zu wollen. Es gibt keine Zwangsläufigkeiten, die solche Einstellungen determinieren.

Diese Selbstverständlichkeit versteht sich leider nicht von selbst. So zeichnet Tom Segev in seinem Weltbestseller „Es war einmal ein Palästina“ zwei Kollektive – die Araber und die Juden –, die sich ebenso geschlossen wie unversöhnlich gegenüberstehen. Jede Gruppe will das Land für sich allein. Deshalb ermorden Juden Araber und Araber ermorden Juden – eine „Spirale der Gewalt“, für die beide Seiten gleichermaßen verantwortlich zu machen sei. Mit Analyse hat dies wenig zu tun. Gewiss hat es fundamentalistische Positionen auch im zionistischen Lager immer gegeben. Hier blieben sie jedoch gesellschaftlich marginalisiert, während der Geist des Mufti im Lager der Palästinenser bis heute wirkungsmächtig ist. So pries Jassir Arafat noch kurz vor seinem Tod den Mufti als einen Helden der Palästinenser, deren Soldat er gewesen sei. Erst dann, wenn die Palästinenser mit dieser Traditionslinie wirklich gebrochen haben, kann es zum Frieden kommen.

Hinsichtlich der europäischen Politik wird deutlich, was für verheerende Konsequenzen die Anbiederung an den Islamismus hatte und hat. Amin el-Husseini war eine von den europäischen Mächten eingesetzte und geförderte Instanz: Es waren die Briten, die ihn 1921 in sein Mufti-Amt brachten. Es waren die Deutschen, die ihn zwischen 1937 und 1945 bezahlten. Und es waren die Franzosen, die ihn 1946 laufen ließen und seine zweite Karriere ermöglichten. Trotz dieser Mitverantwortung für die Situation weigern sich europäische Politiker und Medien, die Existenz des islamischen Antisemitismus bei Hisbollah und Hamas angemessen zur Kenntnis zu nehmen. Solange dieses Faktum aber verleugnet wird, wird der Terror der Islamisten zum neuen Maßstab für die Schuld der Israelis gemacht. Dann lautet die Devise: „Je barbarischer der antijüdische Terror, desto ungeheuerlicher die israelische Schuld.“ Wer auf diese Weise Israel zum Sündenbock für die islamistische Gewalt machen will, knüpft damit nolens volens mit einer neuen „Der-Jud-ist-schuld“-Variante an uralte Muster des europäischen Antisemitismus an. So wird der Verzicht auf Klarheit zum Beginn der Komplizenschaft.

Last but not least zum Antisemitismus selbst: Im Rückblick auf die Geschichte zeigt sich, dass der islamische Antisemitismus aufgrund der Zuspitzungen des Nahostkonflikts zwar immer wieder mobilisiert werden konnte – seine Ursache hat er darin aber nicht. Es gibt eine sichere Methode, die wirklichen Wurzeln dieses Antisemitismus zu erkennen: Man braucht sich nur die massenhafte Haltung der arabischen Welt gegenüber Hitler und den Nazis anzuschauen. Wenn man Deutsche auch heute noch in Beirut, Damaskus oder Amman mit Komplimenten für Hitler begrüßt, liegt dies schwerlich an Israel. Wenn heute iranische Cartoons Anne Frank mit Adolf Hitler im Bett zeigen, hat dies mit Zionismus wenig zu tun.

Daraus folgt, dass sich dieser Antisemitismus durch kein jüdisches Entgegenkommen abmildern lässt: Wer der dämonisierenden Wahnvorstellung der Antisemiten erst einmal anheim gefallen ist, wird sein antijüdisches Feindbild stets bestätigt finden – egal was eine israelische Regierung tut oder lässt. Die Haltung des Iran, der Hisbollah und der Hamas nach dem israelischen Rückzug aus Gaza stellte dies ausdrücklich unter Beweis.

Heute setzt insbesondere die Hamas die Politik des Mufti fort: Erstens hat auch sie die Widersacher ihrer islamistischen Koran-Interpretation immer wieder töten lassen; allein für den Zeitraum der 1. Intifada (1987-1993) sind mehr als 940 Morde an so genannten „Kollaborateuren“ dokumentiert.

Zweitens hat die Hamas den Antisemitismus der Nazis übernommen. So werden in ihrer bis heute gültigen Charta von 1988 die Juden als das Weltübel par excellence dargestellt: Juden werden dort unter Verweis auf die „Protokolle der Weisen von Zion“ nicht nur für die Französische Revolution und den Ersten Weltkrieg, sondern auch für den Zweiten Weltkrieg, die Ausbeutung der Dritten Welt und die Verbreitung von Rauschgift verantwortlich gemacht.

Drittens aber setzt die Hamas die Obstruktionspolitik des Mufti gegen jeden Ansatz einer friedlichen Lösung beharrlich fort. Ob sich unter diesen Umständen die Zweistaaten-Lösung verwirklichen lässt, ist offen. Derzeit scheint sich eher der Rückgriff auf eine „Drei-Staatenlösung“ anzubieten: Mit Israel in international bestätigten Grenzen, dem Gazastreifen als ägyptischer Provinz und dem Westjordanland als Teil von Jordanien. In diesem Fall hätten der Mufti und die von ihm gelegte Saat die Palästinenser um jedwede Eigenstaatlichkeit gebracht.

Veröffentlicht in: Tribüne. Zeitschrift zum Verständnis des Judentums. 46. Jahrgang, Heft 184, 4. Quartal 2007, S. 151-158.

1 Vgl. Bernard Lewis, „Treibt sie ins Meer!“. Die Geschichte des Antisemitismus, Frankfurt am Main 1987, S. 137ff.
2 Das Memorandum ist dokumentiert in: Martin Gilbert, Winston S. Churchill, Vol. IV, Companion Part 2 (Documents July 1919-March 1921), S. 1386ff., London 1977.
3 Im März 2006 bestätigte mir Yehoshua Porath, einer der renommiertesten israelischen Arabisten, dass dieser Hadith in der arabischen Literatur seit 1880 nicht zitiert worden sei.
4 Yossef Bodanski, Islamic Anti-Semitism as a Political Instrument, Shaarei Tikva (The Ariel Center for Policy Research) 1999, S. 20-25.
5 Albert Hourani, Die Geschichte der arabischen Völker, Frankfurt/M. (Fischer Taschenbuch), 2000, S. 420.
6 Bernard Lewis, Semites and Anti-Semites, London 1986, S. 136.
7 Stefan Wild, Zum Selbstverständnis palästinensisch-arabischer Nationalität, in: Helmut Mejcher, Die Palästina-Frage 1917-1948 (Paderborn 1993), S. 79.
8 Uri M. Kupferschmidt, The Supreme Muslim Council. Islam under the British Mandate for Palestine, Leiden 1987, S. 249 f. und S. 252.
9 Kurt Fischer-Weth, Amin al-Husseini. Großmufti von Palästina, Berlin 1943, S. 83.
10 Porath, a.a.O., S. 250.
11 Hillel Cohen, Army of Shadows. Palestinian Colloboration with Zionism 1917-1948, Jerusalem 2006 (unveröffentlichtes Manuskript), S. 264. Cohens Monographie ist auf hebräisch verfasst und erhielt 2001 den Jahrespreis des Yitzhak Rabin Zentrums für Israel-Studien. Die englische Übersetzung wird Ende 2007 in den USA (University of California Press) erscheinen.
12 Thomas Meyer, Arab Unity of Action and the Palestine Question 1945-48, in: Middle Eastern Studies, Vol. 22, No. 3, July 1986, S. 344.
13 Zitiert nach Michael Doran, Pan-Arabism before Nasser, New York: Oxford University Press, 1999, S. 99.
14 Zitiert nach Bruse Maddy-Weitzman, The Crystallization of the Arab State System 1945-1954, New York: Syracuse University Press, 1993, S. 80.
15 Nicholas Bethell, Das Palästina-Dreieck, Frankfurt/M. 1979, , S. 381.