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Oktober 2001

Brief aus Deutschland

Von Matthias Küntzel

(für die in Paris erscheinende Zeitung Bastille République Nation)

Kurz nach dem Anschlag auf das World Trade Center gab ein Freund mir den Rat, die Erinnerungen von Albert Speer an Adolf Hitler anzuschauen. „Nie habe ich ihn so außer sich gesehen wie gegen Ende des Krieges, als er wie in einem Delirium sich und uns den Untergang New Yorks in Flammenstürmen ausmalte“, berichtet darin Speer. „Er beschrieb, wie sich die Wolkenkratzer in riesige, brennende Fackeln verwandelten, wie sie durcheinanderstürzten, wie der Widerschein der berstenden Stadt am dunklen Himmel stand.“ Hitler geriet bei dieser Vorstellung in Ekstase, weil „Wall Street“ für ihn die Chiffre für jüdische Weltbeherrschung war. Wahnhaft war er davon überzeugt, dass Juden von diesem Punkt aus nicht nur die amerikanische Politik, sondern auch das globale Finanzwesen steuern würden.

Wenn für den Anschlag vom 11. September tatsächlich die von Osama bin Laden gegründete „Welt-Islam-Front für den Dschihad gegen Juden und Kreuzzügler“ verantwortlich gewesen ist – wird man ihn dann nicht als die monströse Offenbarung eines erneut auf Vernichtung zielenden Antisemitismus bezeichnen müssen und damit als eine Herausforderung, die eine geschlossene, durchaus auch militärische Antwort der Völker und Nationen notwendig macht?

Doch heute wird nicht der Antisemitismus bekämpft, sondern ein Feldzug gegen den „Terrorismus“ geführt. Wer aber definiert, was „Terror“ ist? Die UCK-Mörder im Kosovo wurden mal als Terroristen, mal als Freiheitskämpfer geführt – je nach dem außenpolitischen Kalkül, dass die Nato-Mächte mit ihnen verband. Und so sehen auch die neuesten deutschen Anti-Terror-Gesetze vor, dass allein der Generalbundesanwalt entscheidet, wer als „Terrorist“ gelten kann und wer nicht. Man wolle damit, so die offizielle Begründung, „außenpolitische Schwierigkeiten vermeiden.“

Selbstverständlich hat auch die deutsche Bevölkerung auf den Massenmord mit Erschütterung reagiert. Am 13. September ruhte an den Arbeitsplätzen und Schulen für fünf Gedenkminuten der Betrieb. 200.000 Menschen versammelten sich am 14. September vor dem Brandenburger Tor. Ein Transparent mit der Aufschrift „Peace please“ erfasste die Stimmung dieser Kundgebung ziemlich genau. Die Angst vor einem Vergeltungsschlag der USA begann das Mitgefühl mit den Opfern von New York zu überlagern. Ein Umfrage ergab, dass zu diesem Zeitpunkt eine bewaffnete Antwort von 79% der Briten, von 73% der Franzosen jedoch nur von 53% der Deutschen unterstützt wurde.
Das Entsetzen über den Anschlag wird von der Bundesregierung effizient instrumentalisiert. In einem Rekordtempo ist den staatlichen Repressionsorganen ein Sonderzuschuß von 3 Mrd. Mark zugeteilt worden. Den größten Teil erhält die Bundeswehr, um, so die Begründung, „flexibel auf neue Konfliktszenarien reagieren zu können.“ Doch auch die Kriegsangst und der neu erwachte Anti-Amerikanismus in der deutschen Öffentlichkeit sind der Regierung nicht unangenehm: Er stärkt die euro-chauvinistische Doktrin, ohne die der kostspielige Aufbau einer von Deutschland geprägten europäischen Weltmacht nicht durchgesetzt werden kann. „Der amerikanische Einfluß auf das Weltgeschehen erweist sich in den akuten Krisen zum Jahrhundertbeginn als umstritten, unsicher und begrenzt“, triumphierte fünf Tage nach dem Anschlag Lothar Rühl, ein ehemaliger hoher Beamter des Verteidigungsministeriums. „Deshalb wird die Haltung der europäischen Verbündeten in dieser Weltkrise kritisch für die Neubestimmung der Machtverhältnisse sein.“

Die deutschen Nazis verstehen diese Zeichen der Zeit: Ein Sprecher der faschistischen NPD bejubelte „die militärischen Angriffe auf die Symbole der mammonistischen Weltherrschaft“ als „eminent wirksam und damit rechtens“. Als Reaktion auf den Massenmord wurden US-Flaggen verbrannt und die Gedenkstätte im ehemaligen KZ Dachau mit antiamerikanischen Parolen beschmiert. Hitlers Begeisterung für brennende amerikanische Wolkenkratzer lebt scheinbar fort.

Die Redaktion von Bastille République Nation lehnte die Veröffentlichung dieser Kolumne ab.