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literaturkritik.de, November 2005

Apologetische Tendenzen

Wolfgang Schwanitz untersucht die deutsche Orient-Politik vor 1945 · Von Matthias Küntzel

“Bis heute fehlt eine umfassende moderne Studie über Nazi-Deutschland und den Mittleren und Nahen Osten, die auf den Quellen jener Länder wie auf europäischen Quellen basiert”, konstatiert Wolfgang G. Schwanitz in seiner neuesten Anthologie “Germany and the Middle East 1871-1945”. Trotz des bombastischen Titels erhebt auch dieses Buch keineswegs den Anspruch, solch eine Studie zu sein.

Die durchgängig englischsprachige Aufsatzsammlung bündelt die Positionspapiere einer von der German Studies Association veranstalteten gleichnamigen Konferenz von Oktober 2001 in Washington D.C.. Sie enthält einerseits politische Biografien über drei der bedeutendsten Exekutoren der deutschen Politik im islamischen Raum: Thomas L. Hughes beschreibt die Afghanistan-Expedition von Werner Otto von Hentig während des Ersten Weltkriegs, Karl Heinz Roth enthüllt die Rolle, die Franz von Papen als deutscher Türkei-Botschafter während des Zweiten Weltkriegs spielte und Schwanitz selbst behandelt die Politik des berühmten deutschen Botschafters im Irak und in Saudi-Arabien, Franz Grobba. Zusätzlich beleuchten vier Fallstudien bestimmte Einzelaspekte der deutschen Orientpolitik: Hans-Ulrich Seidt stellt die Ansätze der deutsch-sowjetischen Zusammenarbeit zur Unterminierung des britischen Einflusses zwischen 1919 und 1922 dar, Uwe Pfullmann schildert die Anfänge der deutsch-saudischen Kooperation zwischen 1924 und 1934, Stefan R. Hauser beschreibt das Agieren deutscher Archäologen und Alt-Orientalisten zur Einflusserweiterung in der Region und Gerhard Höpp kommt mit einer Untersuchung über arabische KZ-Insassen zu Wort. Der Eröffnungsbeitrag des Herausgebers legt einige übergreifende Aspekte der deutschen Orientpolitik zwischen 1871 und 1945 dar. Aufgelockert ist der Band durch die Darstellung von zeitgenössischen Landkarten, Karikaturen, Fotos und insbesondere durch einige faksimilierte Dokumente.

Während die Mehrzahl der Aufsätze teilidentisch und in deutscher Sprache ebenfalls 2004 im Leipziger Universitätsverlag veröffentlicht wurden (Deutschland und der Mittlere Osten, hg. von W. G. Schwanitz), werden die Dokumente nur im englischsprachigen Sammelband präsentiert. Dazu gehört ein von Fritz Grobba 1957 für amerikanische Stellen verfasstes Papier unter dem Titel: “Die deutsche Ausnutzung der arabischen Eingeborenenbewegung im Zweiten Weltkrieg”. Hier kommt Grobbas Trauer über die verpatzten Chancen der Nazis im Irak 1941 und in Ägypten 1942 weitaus offener zum Ausdruck, als in seiner 1967 veröffentlichen Autobiografie. Diese Dokumente gehören ebenso zu den Stärken dieses Buches wie seine Passagen über die deutsche Djihad-Idee.

In beiden Weltkriegen habe sich die deutsche Orientpolitik, schreibt Schwanitz, durch den Export antiaufklärerischer Ideologien in die arabische Welt ausgezeichnet. So wurde auf Grundlage eines im Oktober 1914 von Max von Oppenheim, (“dem deutschen ,Abu Jihad’”) vorgelegten Papiers der Djihad-Gedanke in die islamische Welt exportiert, um das von Briten kontrollierte feindliche Hinterland der islamischen Welt zu revolutionieren. Zur Unterstützung wurde die pan-islamische Wochenzeitung “Al-Jihad” von Berlin aus in alle Welt verschickt. Die deutsche Islamwissenschaft, die somit den Ungeist des religiösen Hasses bedenkenlos aus der zuvor noch verschlossenen Flasche ließ, hatte so “ihre Unschuld schon kurz nach ihrer Gründung verloren” betont Schwanitz. Warnende Stimmen, wie die des niederländischen Orientalisten Hurgronje, der vor den langfristigen antihumanistischen Implikationen der islamischen Aufstachelung warnte, wies man zurück.

Im Zweiten Weltkrieg entflammten der Mufti von Jerusalem und Fritz Grobba jene Djihad-Agitation erneut – diesmal aber antisemitisch gefärbt. Zwar spielten kurzzeitig auch die USA mit der Idee, der deutschen Moslem-Propaganda eine eigene alliierte Islam-Kampagne entgegenzusetzen. Vorausschauend warnten jedoch wichtige Kräfte im “Office of Strategic Services” (OSS), dass dies langfristig einem Krieg der Muslime gegen die Christen Vorschub leisten könne. Sie setzten sich mit diesem Einwand durch. Die bedenkenlose Mobilisierung des gegen die Aufklärung gerichteten muslimischen Elements blieb eine deutsche Spezialität.

Leider geht auch dieses Buch auf die Methode und auf die Wirkung jener Hasspropaganda nicht weiter ein. Den Erfolg der arabisch-sprachigen Rundfundsendungen, die der Kurzwellensender in Zeesen bei Berlin seit 1939 tagtäglich ausstrahlte, thematisiert allein das 1941 verfasste amerikanische Dokument “Axis Propaganda In The Moslem World”, das Schwanitz in einer faksimilierten Miniaturausgabe immerhin publiziert und in der es u. a. heißt: “Zeesen has recently been reading anti-Jewish passages from the Koran, emphasizing that the Jews are the,enemies of Islam.’”

Diese Propaganda war aber kein rhetorisches Spiel, sondern verfolgte das realpolitische Ziel, Juden nicht nur in Europa, sondern auch in Nahen und Mittleren Osten zu vernichten und die zionistische Besiedlung Palästinas blutig zu beenden. Diesen Aspekte blendet der vorliegende Band nahezu vollständig aus. So behauptet der Herausgeber, dass Berlin im Zweiten Weltkrieg kein explizites Orientkonzept verfolgt habe und Rommels Feldzug gen Ägypten auf italienische Forderungen zurückzuführen sei. Schwanitz lässt die Folgen eines Nazi-Sieges in El-Alamein für die Juden der Region (wie auch für nichtjüdische arabische Antifaschisten) außer Betracht und reduziert die Politik der Nazis auf ihre geostrategische Dimension. Er schreibt: “Die Deutschen favorisierten während des II. Weltkriegs die Idee eines Großarabischen Reiches oder einer arabischen Förderation, die mit den freien Ländern der Region wie Saudi-Arabien und Ägypten verbunden ist.”

Dieser schönfärberischen Sichtweise dürfte auch die widersprüchliche Beurteilung des Diplomaten Fritz Grobba geschuldet sein: Zwar betont Schwanitz, dass sich Grobba auch zwölf Jahre nach Kriegsende von der Naziideologie nicht distanziert habe. Und doch endet sein Portrait dieses Nazi-Diplomaten versöhnlich: Grobba habe “als ergebener Beamter mit großer Verbundenheit gegenüber den Menschen und der Kultur des Orients seinen Kampf für eine echte und vorrangige Friedenspolitik niemals verwirklichen können.”

Leider tauchen derart apologetische Tendenzen nicht nur im Kapitel über Fritz Grobba auf. So fällt der Abschnitt über den späteren Leiter der Orientabteilung unter Rippentrop, Werner Otto von Hentig, geradezu hagiografisch aus. Dass der Autor dieses Kapitels den deutschen Diplomaten als eine “lebendige Legende” und als einen deutschen “Lawrence von Arabien” feiert, mag auf dessen entfernte Verwandtschaft mit seinem Protagonisten zurückzuführen sein. Doch die Behauptung, dass Deutschland im Ersten Weltkrieg mit seiner antibritischen Afghanistan-Politik “auf der Seite der Zukunft gestanden habe – auf der Seite von Antikolonialismus und Selbstbestimmung” – geht doch wohl zu weit.

Diese Form von Geschichtsbetrachtung, die einen stolz in Jerusalem einreitenden Wilhelm II. auf dem Buchtitel präsentiert, scheint nicht zuletzt auf die Zukunft gemünzt zu sein. Schwanitz zufolge habe Deutschland heute “erstmals seit 1871 die Chance einer primären Politik des Friedens im Nahen und Mittleren Osten.” Berlin müsse sich deshalb “in einem positiven Sinn in Europa und gegenüber der transatlantischen Allianz zurückmelden.”

Das Fazit dieser Besprechung ist somit ambivalent: Man liest dieses Buch wegen seiner Fülle an neuen Informationen nicht ohne Gewinn und legt es schließlich doch mit gemischten Gefühlen aus der Hand: Zu offenkundig artikuliert sich hier das Interesse, von Deutschlands Orientpolitik vor 1945 für künftige Zwecke das noch retten zu wollen, was vermeintlich zu retten ist.

Wolfgang G. Schwanitz (Hg.): Germany and the Middle East 1871-1945.
Verlag Klaus Dieter Vervuert, Frankfurt a. M. 2004.
267 Seiten, 75,00 EUR.
ISBN 386527157x