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Hamburg, 22. Dezember 2017

Sechs Minuten deutscher Antisemitismus

Über die Selbstentblößung eines Antisemiten vor dem jüdischen Restaurant Feinberg's in Berlin · Von Matthias Küntzel

„Die Masse deutscher Krypto-Nazis wird im Erfolg der AfD bei der letzten Bundestagswahl eine Ermutigung, wenn nicht ein Fanal sehen“, schrieb ich kürzlich und wies am Beispiel Harald Juhnkes darauf hin, dass Auschwitz-Phantasien („Leute wie dich hätte Hitler vergast“) vornehmlich Deutschen herausrutschen.

Ein Musterbeispiel für das, was ich zu beschreiben suchte, liefert nun das Video, das ein Gast des jüdischen Restaurants Feinberg‘s in Berlin-Schöneberg über die antisemitische Attacke eines Berliner Bürgers aufgezeichnet hat. Wir wissen derzeit nicht, ob es sich bei dieser Person um eine Figur aus dem rechtsradikalen Milieu handelt oder um einen normalen Durchschnittsdeutschen. Bekannt ist lediglich, dass er bei seinen Verbalangriffen angetrunken war.

Das wertet dieses Dokument jedoch nicht ab, sondern steigert eher seinen Wert, pflegen doch im Suff auch jene antisemitische Denkstrukturen zum Vorschein zu kommen, die der Judenhasser im nüchternen Zustand zu unterdrücken sucht.

Die Auseinandersetzung vor dem Feinberg’s liefert Aufschlüsse über den Antisemitismus unter Deutschen, weshalb ich im Folgenden den Wortlaut der Verbalattacken, sofern man sie akustisch identifizieren kann, dokumentiere und anschließend kurz kommentiere.

Nicht minder aufschlussreich ist der emotionale Duktus, in dem die Beschimpfungen vorgetragen wurden, weshalb sich die Sichtung des Sechs-Minuten-Films lohnt. Das Video veröffentlichte die Berliner Zeitung am 21.12.2017 hier. Eine leicht gekürzter Version wurde auch auf youtube gestellt.

DAS DOKUMENT

Der pöbelnde Bürger wird von Yorai Feinberg, dem Besitzer des Restaurants, zur Rede gestellt. Der Video-Mitschnitt beginnt:

Ich muss einfach so reagieren. Ich habe nichts gegen einen Menschen. Aber ihr seid verrückt.

Warum?

Ganz einfach. Weil ihr 70 Jahre Krieg gegen Palästinenser führt. Ihr führt einen Krieg gegen die Palästinenser… Ihr führt einen Krieg. Ihr führt einen Krieg und wollt HIER euch installieren. … In Berlin! … Ihr seid GEMEIN. Ihr seid einfach nur gemein. Ihr seid einfach nur verrückt. Zweitausend Jahre wollt ihr das nicht kapieren, dass die einen so sind und die anderen so sind.

Warum sagen Sie, ich sei verrückt?

Weil du HIER bist. Weil du hier bist. In MEINEM Land. In MEINEM Land. Du bist in MEINEM Land. Nicht ich bin in eurem Land. … Ihr seid Gäste der Palästinenser. Ihr seid GÄSTE der Palästinenser. Ihr seid auch nur GÄSTE. Kein Problem. Ihr seid nur Gäste. Ist dein Problem. Aber du bist nur Gast. Du bist GAST.

Deshalb darf ich kein Restaurant aufmachen?

Doch du darfst es. Aber nicht so brutal. Das ist so brutal. Hör mal, du willst, dass wir dich schützen? Dass ich dich mit MEINEM Geld schütze? Hör mal, du willst, dass ich dich mit MEINEM Geld schütze? Mit MEINEM Geld? Mit meinem Geld? … Geh doch WEG von hier! Geh doch WEG, geh WEIT weg.

Und Sie können mir das sagen.

Aber ich bin HIER. Und ich lebe hier. Dies ist meine Heimat.

Und ich?

Du hast keine Heimat.

Das ist Antisemitismus.

Ja, bin ich auch. 4 Millionen? Scheiße. Du kriegst AUCH deine Rechnung. Du kriegst deine Rechnung. Du kriegst eine schöne Rechnung in zehn Jahren. In zehn Jahren, bis du nicht mehr lebst. In zehn Jahren lebst du nicht mehr. In zehn Jahren LEBST DU NICHT MEHR.

Wollen Sie mich umbringen?

Ich doch nicht. Ich bin doch nicht Hitler. … Aber diese Scheiße GEHT NICHT HIER. Es ist nicht mein System. … Mein LEBEN ist das hier.

Aber meins auch.

Nein. Nein. Nein. Nein. Geh zurück nach Palästina. TRUMP und Palästina, geh doch zurück zu Trump und Palästina, fein. Trump und Palästina ist doch super, geil. Aber es geht nur um Geld bei euch, bei euch geht’s nur um Geld, Geld, Geld. Aber du kriegst deine Rechnung, du kriegst deine Rechnung. Du kriegst deine Rechnung, in fünf Jahren oder zehn Jahren kriegst du deine Rechnung, deine ganze Familie, deine ganze Sippe hier.

Sie werden uns alle umbringen?

Weiß ich nicht. Keine Ahnung. … Was wollt ihr denn nach 1945 hier. Was wolltet ihr nach 1945 hier? Sechs Millionen Menschen sind umgebracht worden von euch. Was willst du denn hier? … Was willst du hier. Euch lieben wir nicht. Und was willst du hier? Und warum bist du hier? Warum bist du hier?

Niemand schützt euch. Niemand schützt euch. Ihr werdet alle in der Gaskammer landen. Alle wieder zurück in eure blöde Gaskammer. Keiner will euch, keiner will euch hier, keiner will euch hier, mit euren kleinen jüdischen Restaurants.

Polizist: Hören Sie auf Leute zu beleidigen.

Ich beleidige niemanden. Ich sage nur 70 Jahre Krieg zwischen Palästinensern und Juden.

Sie haben uns bedroht.

Bedroht habe ich euch? Mit Mord bedroht? Oh du bist eine LÜGENSAU. Oh, jetzt geht’s richtig los. Juden lügen. Juden lügen. Juden lügen. Juden lügen. Juden lügen. Ich habe ein Gespräch mit euch geführt.

KURZKOMMENTRAR

Der Hauptdarsteller des Videos ist kein Leugner des Holocaust und weist die Vermutung, er persönlich wolle Juden umbringen, zurück. Nur zögerlich nimmt seine Gaskammerphantasie Gestalt an, bis sie schließlich in dem Aufruf Alle wieder zurück in eure blöde Gaskammer! gipfelt.

Die Gaskammer als der den Juden zugedachte Ort – diese brutale Phantasie nimmt ihren Anfang bei einem Konstrukt, das der Antisemit dem Juden mehrfach entgegenschleudert: Du hast keine Heimat! Daraus folgt in einer ersten Steigerung das folgende wirr anmutende Wortgestrüpp: 4 Millionen? Scheiße. Du kriegst auch deine Rechnung.

Vermutlich waren hier die sechs Millionen gemeint. Das Phantasiekonstrukt Du kriegst auch deine Rechnung in zehn Jahren macht sich selbstständig: Binnen einiger Sekundenbruchteile wird daraus: In zehn Jahren lebst du nicht mehr.

Die Sehnsucht nach einem neuen Auschwitz, zunächst noch mit dem Ausruf Scheiße auf Distanz gehalten, setzt sich schrittweise durch. Weitere Sekundenbruchteile später ist es bereits deine ganze Familie, deine ganze Sippe hier, die dem Massenmord in fünf Jahren oder zehn Jahren zum Opfer fallen soll.

Sie werden uns alle umbringen? fragt Yorai Feinberg, der Eigentümer des Restaurants. Weiß ich nicht. Keine Ahnung, antwortet der Berliner Bürger. Eins aber weiß er am Ende genau: Ihr werdet alle in der Gaskammer landen.

Welche Motive liegen dieser genozidalen Phantasie zugrunde? Wir haben zum einen die bekannten antisemitischen Topoi: Juden lügen!, Bei euch geht’s nur um Geld Geld Geld!, 70 Jahre Krieg gegen Palästinenser! sowie die klassische Du hast keine Heimat-Zuschreibung, die dem ewig wandernden Jude überall auf der Welt nur den Gästestatus zuerkennt.

Noch wichtiger scheint mir etwas anderes zu sein, ein Gefühl, das in den folgenden Ausrufen des Antisemiten zum Ausdruck kommt: Was wollt ihr nach 1945 hier? Sechs Millionen Menschen sind umgebracht worden von euch. Was willst du denn hier?

Ich betrachte diese Wortfolge als Ausdrucksform des sekundären Antisemitismus, demzufolge man Juden nicht trotz, sondern wegen Auschwitz forthaben will. Als personifizierte Erinnerung an das Verbrechen, an das ewig erinnert werden wird, stehen sie dem neuen Nationalstolz (Du bist in MEINEM Land!) im Weg.

Diese Interpretation würde auch die Wehleidigkeit des Berliner Bürgers erklären, die sich in der Formel: Ihr seid gemein. Ihr seid einfach nur gemein sowie später in dem Ausruf: Nicht so brutal. Das ist so brutal artikuliert; ein Ausruf, der sich vermutlich auf die Tatsache bezieht, dass das jüdische Restaurant offensiv mit Davidstern und Menora-Leuchter für sich wirbt.

Hier verstellt sich der Verfolger als Verfolgter, der sich durch die selbstbewusste jüdische Präsenz inmitten von Berlin mit einer imaginären, in jedem Fall aber gemeinen und brutalen „Auschwitzkeule“ konfrontiert sieht – egal was der vor ihm stehende jüdische Gastwirt sagt.

Die Juden aber sollen begleichen, was sie durch ihre schiere Präsenz in Schöneberg verbrochen haben. Du kriegst deine Rechnung!, ruft der Berliner sechsmal nacheinander aus. Beglichen werden aber kann sie allein mittels der Gaskammer, in der deine ganze Familie, deine ganze Sippe hier … landen wird – nicht sofort, versteht sich, aber doch in fünf bis zehn Jahren.

Der Antisemit sagt zu Beginn seines Auftritts: Ich muss einfach so reagieren; die Psychoanalyse spricht vom Wiederholungszwang:

“Aber was so unverstanden geblieben ist, das kommt wieder; es ruht nicht, wie ein unerlöster Geist, bis es zur Lösung und Erlösung gekommen ist.“ (S. Freud, zit. nach J. Laplanche und J.B. Pontalis, Das Vokabular der Psychoanalyse, Frankfurt/M. 1999, S. 628.)

Schockierend ist der Umstand, dass sich der Berliner bei seinen antijüdischen Attacken völlig sicher fühlen und wiederholt den Eindruck vermitteln konnte, für eine Mehrheit der Berlinerinnen und Berliner zu sprechen: Euch lieben wir nicht, keiner will euch, keiner will euch hier. Können wir sicher sein, dass dies für das Gros der Bevölkerung nicht gilt?

Was teilt uns also der Wortwechsel vor dem Feinberg’s mit?

Es ist zwar richtig, wenn dem islamischen Antisemitismus und seiner Bekämpfung nach Jahrzehnten der Verharmlosung besondere Bedeutung beigemessen wird. Darüber darf jedoch die spezifische Gefährlichkeit des deutschen Antisemitismus, der stets so oder so an Auschwitz anknüpft, nicht kleingeredet werden.

Je stärker der exklusive Nationalismus in Deutschland an Fahrt gewinnt, je prominenter die Höckes und Gaulands von einer „erinnerungspolitischen Wende um 180 Grad“ und vom „Stolz“ auf die Wehrmacht fabulieren, desto deutlicher zeichnet sich ab, wer aus dem Weg geräumt werden muss, um dieses neue Paradigma durchzusetzen. Der sekundäre Antisemitismus steckt im deutschen Nationalismus wie das Gewitter in der Wolke, ließe sich in Anlehnung an ein berühmtes Wort Jean Amerys sagen.