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Ottawa, den 8. November 2010

"Wäre ich kein Jude, mir würden sich vor Angst die Haare auf dem Kopf sträuben"

Stellungnahme vom 8. 11.2010 anlässlich der II. Interparlamentarischen Konferenz zur Bekämpfung des Antisemitismus in Ottawa/Kanada · Von Matthias Küntzel

„Wäre ich kein Jude“, schrieb Hannah Arendt 1942, „sondern gehörte irgendeinem anderen europäischen Volke zu, mir würden sich vor Angst die Haare auf dem Kopf sträuben, sobald einem Juden ein Haar gekrümmt wird.“ Wie ist zu erklären, dass sich heute bei Nicht-Juden die Haare keineswegs sträuben, obwohl der globale Antisemitismus immer stärker wird?

Für Juden und für den Staat Israel ist Antisemitismus eine Frage von Sein oder Nicht-Sein. Juden, die während des Holocaust zu den Waffen griffen, fochten keinen Krieg aus, sondern kämpften um ihr Leben. 1948 musste der neu gegründete jüdische Staat zu den Waffen rufen, um die Angriffe der arabischen Armeen zurückzuschlagen. Auch hierbei ging es nicht um einen traditionellen Krieg, sondern ums Überleben. Das gleiche gilt, wenn sich Israel gegen die Hizbollah und die Hamas verteidigt, zwei gut bewaffnete Bewegungen, deren Ziel darin besteht, Juden zu töten.

Fanny Englard verkörpert die israelische Sehnsucht nach Frieden. Die mittlerweile 85-jährige wuchs in Köln auf und lebt heute südlich von Tel Aviv. Sie verlor fast ihre ganze Familie in der Shoah – drei Brüder, die Mutter, den Vater, die Großeltern, Onkels und Tanten. Sie durchlitt ebenfalls die Shoah und überlebte sie nur durch Zufall. 1947 ging sie nach Israel und gründete eine neue Familie – als Ersatz für die Familie, die die Nazis ermordet hatten.

Heute ist sie nicht bereit, ihre neue Familie eben demselben antisemitischen Hass zu opfern, dem schon ihre erste Familie zum Opfer fiel. Als Bürgerin Israels ist sie eine stolze Jüdin und zuversichtlich, dass der jüdische Staat seine Bürger notfalls mit allen verfügbaren Mitteln verteidigen wird – nicht um einen herkömmlichen Krieg zu führen, sondern um das Überleben diesmal sicher zu stellen.

Für Juden ist der Tatbestand also klar. Was aber ist mit uns, der nicht-jüdischen Mehrheit?

Nicht-Juden ziehen es der Regel vor, mit dem Finger auf Israel und die Juden zu zeigen. Das ist bequem, denn „wer mit dem Finger zeigt, ist der Ankläger“, während, „wer in der Ecke steht, der Angeklagte“ ist, so Ruth Wisse in „Commentary“ (November 2010). Dennoch hatte Hannah Arendt Recht – sind doch die Folgen des Antisemitismus keineswegs auf Juden beschränkt. Wie aber können wir Nichtjuden dazu veranlassen, ihren bequemen Standort zu verlassen und sich mit den Angegriffenen zu solidarisieren? Zwei Vorschläge:

Wir sollten erstens unsere Mitbürger davon überzeugen, dass der Antisemitismus nicht nur Menschen zerstört, sondern auch die Freiheit, Frieden, Wissenschaft und Fortschritt.

Antisemitismus verhindert Freiheit, wie das iranische Beispiel zeigt. Ahmadinejads Regime muss die Medien und die Bevölkerung unterdrücken, weil es ein antisemitisches Regime ist, das die Wahrheit nicht erträgt.

Antisemitismus verhindert sozialen Fortschritt, wie die arabischen Regimes beweisen. Da sie stets Israel zum Sündenbock erklären, sind sie unfähig, die elende Lage ihrer Bevölkerungen zu verändern.

Antisemitismus verhindert akademische Integrität, wie sich an vielen westlichen Universitäten zeigt. Wissenschaft wird durch politische Erwägungen korrumpiert, solange die anti-israelische Parteinahme den Diskurs bestimmt.

Antisemitismus verhindert internationale Sicherheit, wie man vor 70 Jahren sah und heute wieder sieht. Die antisemitische Aufstachelung und Politik des iranischen Regimes erhöht die Kriegsgefahr.

Wir müssen zweitens geduldig darlegen, warum es einen neuen Antisemitismus gibt, der das Wörtchen „Jude“ nicht erwähnt.

Nehmen wir das Beispiel Iran. Mit Antisemitismus, behauptet beispielsweise Bahram Niruman, habe Ahmadinejads Forderung, Israel auszulöschen, nichts zu tun. „Im Iran gäbe es dafür auch keine Basis“, fährt Nirumand fort, „denn seit zweieinhalbtausend Jahren leben die iranischen Juden hier mit anderen Gläubigen zusammen; selbst im islamischen Gottesstaat sind sie als Glaubensgemeinschaft voll akzeptiert und im Parlament durch gewählte Abgeordnete vertreten. Ahmadinedschad hat sich bisher auch noch nie gegen Juden als solche gewandt, sondern vor allem gegen die ,zionistische ´´ Israel.“ (taz, 23. Juni 2006)

Auch wenn von einer „vollen“ Akzeptanz der religiösen Minderheiten in Iran keine Rede sein kann, ist Nirumands Beschreibung weitgehend korrekt: Es leben dort etwa 20.000 Juden; Ahmadinejad hat antizionistisch eingestellte Juden umarmt und sich darüber hinaus darauf beschränkt, „Zionisten“ anzugreifen. Gleichwohl ist Iran mit Sicherheit das am meisten antisemitische Regime der Welt – doch diese Behauptung versteht sich eben nicht von selbst. Wir müssen sie beweisen.

Beweis Nr. 1: Ahmadinejad verwendet den Begriff „Zionist“ eben so, wie Hitler das Wort „Jude“ benutzte: als Urgrund alles Bösen auf der Welt. Er sagt: „Zweitausend Zionisten wollen die Welt beherrschen.“ Er sagt: „Die Zionisten beherrschen einen gewichtigen Teil der finanziellen und monitären Schaltzentralen wie auch der politischen Entscheidungszentren einiger europäischer Länder und der USA.“ „Die Zionisten“ hätten in den letzten 60 Jahren „alle westlichen Regierungen“ erpresst. Siehätten die dänischen Karikaturen fabriziert, um sich am Wahlsieg der Hamas zu rächen. Sie seien für die Zerstörung der schiitische Kuppelmoschee im Irak und für den Einsturz des World Trade Centers verantwortlich zu machen.

Wer aber Juden – ob in der Umschreibung „Judas“ oder in der Umschreibung „Zionist“ – für alles Böse in der Welt verantwortlich macht, ist von einem genozidalen Antisemitismus beherrscht.

Beweis Nr. 2: Die Bezeichnung „genozidaler Antisemitismus“ beinhaltet, dass man Juden töten will, um die Welt zu erretten. Eine NSDAP-Direktive von Mai 1943 liefert hierfür ein Beispiel. „Dieser Krieg wird mit einer antisemitischen Weltrevolution und mit der Auslöschung der Juden überall in der Welt enden“, heißt es darin. “Beides wird die Voraussetzung für immerwährenden Frieden sein.“

Ahmadinejad hat diesen Gedanken zu neuem Leben erweckt: „Das zionistische Regime wird ausgelöscht und die Menschheit befreit sein“, versprach er 2006 den Teilnehmern einer Holocaustleugner-Konferenz in Teheran. „Wenn Frieden weltweit die Oberhand gewinnt, werden die Völker der Welt den Zionismus ausmerzen.“ „Auslöschen“, um frei zu sein, „ausmerzen“, um Frieden zu sichern – eben diese perverse Phantasie machte den Kern des nationalsozialistischen „Erlösungsantisemitismus“ (Saul Friedländer) aus.

Beispiel Nr. 3: Die Leugnung des Holocaust ist mit einem auf die Spitze getriebenen Antisemitismus verbunden.

Wer Auschwitz zum „Mythos“ erklärt, zeichnet die Juden als einen universellen Feind, der die Menschheit um des schnöden Mammons willen seit 60 Jahren fortlaufend betrügt. Wer vom „sogenannten“ Holocaust spricht, unterstellt, dass über 90 Prozent der Lehrstühle und Medien der Welt von Juden kontrolliert und hermetisch gegen die „eigentliche“ Wahrheit abgeschottet werden. Wer Juden derartiger Untaten bezichtigt, kann Hitlers Endlösung schlecht kritisieren.

Schon deshalb ist in jeder Leugnung des Holocaust die Aufforderung, ihn zu wiederholen, implizit enthalten.

Genozidaler Antisemitismus und Holocaust-Leugnung haben mit irgendeiner konkreten Regierungspolitik Israels nichts zu tun. Sie können deshalb auch nicht als Ausfluss der Ereignisse im Nahen Osten entschuldigt werden.

Obwohl sich der globale Antisemitismus auf alarmierende Weise ausbreitet, ist er politisch nicht unangreifbar. Das Gegenteil ist der Fall. Wir müssen jedoch, um aus der heutigen Rede des kanadischen Premiers zu zitieren, „Klartext reden“ und an allen Fronten die notwendigen politischen, diplomatischen, moralischen und intellektuellen Gegenmaßnahmen starten.

„Wäre ich kein Jude“, um Hannah Arendt zu paraphrasieren, „sondern gehörte irgendeinem anderen europäischen Volke an, mir würden sich vor Angst die Haare auf dem Kopf sträuben, sobald dem einzigen jüdischen Staat Vernichtung androht wird.“ In der Tat!