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TRIBÜNE, 51. Jg., Heft 202, 2. Quartal 2012

Iranische Holocaust-Leugnung und das Internet

Grass hat Unrecht, wenn er Ahmadinejad einen "Maulhelden" nennt · Von Matthias Küntzel

In der Phantasiewelt des Günter Grass steht Israel kurz davor, mit einem „Erstschlag“ und „allesvernichtenden Sprengköpfen“ das „iranische Volk auszulöschen“, während der Islamischen Republik Iran lediglich der Makel anhaftet, von einem „Maulhelden“ regiert zu werden.[1] Ein Maulheld ist jemand, der gerne mit seinen Fähigkeiten prahlt, tatsächlich aber nichts Entsprechendes tut. „Hört nicht auf das, was Ahmadinejad sagt“, will uns hier der Dichter sagen, „er ist doch nur ein Maulheld.“ Sollen wir also wegsehen und weghören, wenn Israels Vernichtung angekündigt wird? Und was hat die Leugnung des Holocaust mit Maulheldentum zu tun?

Am 19. April 2012 war Yom HaShoah, der Tag des Holocaust-Gedenkens in Israel; der Tag, an dem um 10.00 Uhr der Straßenverkehr zum Erliegen kommt und die noch lebenden Zeitzeugen des Holocaust im Mittelpunkt zahlloser Veranstaltungen stehen.

In Teheran zeigte das öffentliche Fernsehen an eben diesem Tag zehn Zeichentrickfilme, die die Leugnung des Holocaust propagieren. Es handelt sich um Filme, die das Regime weltweit verbreitet. Filme, die sich auch in Deutschland jedes Kind über Google oder Youtube anschauen und herunterladen kann. Filme, die eine neue Dimension der antisemitischen Indoktrination anzeigen.

Die Anfangsszene ist bei jedem der zehn Filme gleich. Wir sehen einen Nazi – erkennbar am Hakenkreuz an seinem Ärmel –, der eine große Sprayflasche mit der Aufschrift “Gas” ins Bild hält und diese aktiviert. Sobald die Szene vollständig in Gaswolken getaucht ist, kommt laut kichernd ein als hakennasiger Wurm stilisierter Jude ins Bild, der das Nazigas begierig und genießerisch in sich einsaugt. Anschließend stößt er laut rülpsend zwei kleine Gaswölkchen aus, die die Buchstaben des Wortes „Holocaust“ formen. Jetzt kann die eigentliche Handlung beginnen.

Die Bösartigkeit dieses Intros ist schwer zu überbieten: Hier wird das Zyklon B, an dem ungezählte Menschen qualvoll erstickten, als Quelle der Erquickung gezeichnet, von der „der Jude“ gar nicht genug bekommen kann.

Die Episoden, die diesem Intro folgen, zeigen Juden ausschließlich im „Stürmer“-Stil – schwarzbärtig, schwarzkuttig, langnasig und verschlagen. Einer der Filme handelt von einer merkwürdigen Stahlkonstruktion mit der Aufschrift „Gaskammer“. Es sind immer dieselben zehn Juden, die jene Kammer vorne betreten und hinten wieder verlassen, während ein Anzeiger die Zahl der Durchläufe zählt und bei der Zahl „Sechs Millionen“ laut klingelt. Nun fallen sich die zehn Juden unter hysterischem Gelächter gegenseitig in den Arm – hat man doch perfekt den Mord der sechs Millionen simuliert, obwohl kein einziger gestorben ist.

In einer anderen Episode wird der „Holocaust“ von einem jüdischen Magier aus dem Hut gezaubert, in einer dritten die Zahl der Juden in einer Gaskammer permanent vermehrt. Wir sehen, wie Juden unter dem Vorwand des „Holocaust“ den europäischen Kontinent im wahrsten Sinne des Wortes aussaugen, ein palästinensisches Dorf dem Erdboden gleichmachen oder aus einer Kombination von Holocaust-Denkmal und Geldautomat mit Geldscheinen überschüttet werden.

Diese Zeichentrickfilme sind professionell gestaltet und spannend, mit dramatisierender Musikbegleitung, inszeniert. Auf gesprochene Rede wird verzichtet, was diese Filme global einsetzbar macht. Wenn aber, wie im Fall jener „gas chamber“, Worte erscheinen wird nur Englisch benutzt: Die Filme sind für den Export konzipiert.

Ahmadinejads „Freiheitskampf“

Die iranische Holocaustleugnung ist weder eine neue noch eine persönliche Obsession des iranischen Präsidenten Ahmadinejad. Schon in den Neunzigerjahren hatte Iran die Holocaustleugner des Westens mehr als jedes arabische Land offiziell unterstützt und denjenigen, die Gefängnisstrafen zu befürchten hatten, Unterschlupf geboten. 1998 bedauerte „Reform“-Präsident Mohammad Khatami, dass sich „ein Denker“ und „ein Gläubiger“ wie Holocaust-Leugner Roger Garaudy vor Gericht verantworten müsse, während sich Revolutionsführer Ali Khamenei mit dem prominenten Holocaustleugner gar persönlich traf. 2001 bezeichnete die Tehran Times das, was die Nürnberger Prozesse zu Tage brachten, als „die größte Lüge der Geschichte“.[2]

Gleichwohl änderte sich die Machart der Holocaust-Leugnung seit Beginn der Präsidentschaft Ahmadinejads in 2005 fundamental. „Es gilt [in Europa] als ein Verbrechen, den Mythos des Holocaust in Frage zu stellen“, rief er am 11. Februar 2006 den Teilnehmern einer Massenkundgebung zu. „Ihr dürft alles mögliche erforschen, mit Ausnahme des Holocaust-Mythos. Sind dies keine mittelalterlichen Methoden? .... Die Technologie hat sich verändert, doch die Kultur und die Denkweise ist mittelalterlich geblieben.“[3] Damit hatte Ahmadinejad das Thema gefunden, dass er seither bei jeder Gelegenheit wiederholt: Die Vermischung der Holocaust-Leugnung mit einer Rhetorik der Befreiung.

Bis 2006 brachte man die Leugnung des Holocaust mit der Schrulligkeit einzelner „Experten“ in diesem oder jenen Land in Verbindung oder ordneten sie den versprengten Häuflein der neuen Nazis zu. Holocaust-Leugner mussten als von der Gesellschaft zu Recht geächtete Obskuranten um jeden Millimeter Respektabilität kämpfen. Nun aber tauschte Ahmadinejad die rhetorischen Standorte aus: Er begann, das moralische und intellektuelle Verbrechen der Holocaust-Leugnung in der Pose eines Freiheitshelden zu zelebrieren. Nicht der Holocaust-Leugner hat sich zu rechtfertigen, sondern der Nicht-Leugner. Nicht die Negationisten haben um ihre Freiheit zu kämpfen, sondern unfrei sind die anderen.

„Es wäre gut, wenn Mr. Blair an der Holocaust-Konferenz in Teheran teilnehmen würde“, erklärte beispielsweise Hamid Reza Asefi, der Sprecher des iranischen Außenministeriums. Hier könne Blair auch „diejenigen Dinge sagen, die er in London nicht sagen kann“ – weil ihn die Knute der Zionisten angeblich davon abhält.[4]

Je lauter aber die aufgeklärte Welt gegen Holocaustleugnung und Anti-Israelismus Stellung bezieht, desto eindeutiger ist für iranische Ideologen der Nachweis zionistischer Vorherrschaft erbracht. So reagierte der iranische Präsident im Gespräch mit der Redaktion des „Spiegel“ auf den Hinweis, dass das Blatt das Existenzrecht Israels nicht in Frage stelle, wie folgt: „Ich freue mich, dass Sie ehrliche Menschen sind und sagen, dass Sie verpflichtet sind, die Zionisten zu unterstützen.“[5] Zirkelschlüsse dieser Art sind gegen Aufklärung immun. Nur dann, wenn auch wir endlich begreifen, dass der Holocaust eine jüdische Lüge ist, nur dann, wenn auch wir Israel vernichten wollen, nur dann wäre für Ahmadinejad erwiesen, dass wir wissenschaftlich glaubwürdig sind und politisch frei.

Facebook und die Leugnung der Shoah

Es wäre jedoch verkehrt, die Wirkung der „Freiheitsrhetorik“ Ahmadinejads zu unterschätzen. Sie trägt vermutlich dazu bei, dass selbst die Verantwortlichen von Facebook die Leugnung des Holocaust nicht als zugespitzten Antisemitismus, sondern als eine ganz normale Meinung betrachten. So erklärte im Juli dieses Jahres Facebook-Sprecher Andrew Noyes: „Wir sind zu dem Schluss gekommen, dass das bloße Leugnen des Holocaust unsere Regeln nicht verletzt. Wir sind davon überzeugt, dass zwischen der Befürwortung von Gewalt gegen eine Gruppe von Menschen und der Meinungsäußerung über … historische Ereignisse ein bedeutsamer Unterschied besteht.“[6] Jeder habe das Recht, „sich über historische Ereignisse zu täuschen“, fügte im August 2011 Facebook-Sprecher Richard Allen hinzu. „Wir glauben an die Mission von Facebook, dass man Ignoranz und Betrug am besten dadurch bekämpft, dass man den Menschen die Werkzeuge für eine Öffnung der Welt verschafft.“[7]

Wenn wir alles veröffentlichen und über alles reden schaffen wir die Missverständnisse aus der Welt – dieser Standpunkt mag überzeugen, solange es tatsächlich nur um Missverständnisse geht. Die Leugnung der Shoah hat damit aber nichts zu tun. Mehr noch: Mit seiner Haltung der Beliebigkeit kommt Facebook dem demagogischen Anliegen der iranischen Führung, endlich „frei“ und „neu“ über die Existenz oder Nichtexistenz des Holocaust „diskutieren“ zu wollen, weit entgegen. Wie falsch und wie gefährlich dies ist, wird ein Blick auf die Motive der iranischen Holocaustleugnung erweisen.

Regionale und globale Vision

Früher wollten Holocaust-Leugner die Vergangenheit revidieren. Heute wollen sie Zukunft gestalten, einen nächsten Holocaust vorbereiten. „Das Vorhängeschloss des Holocaust aufzubrechen und die Sache neu zu überprüfen ist so, als würde man die Lebensadern des zionistischen Regimes durchschneiden“, frohlockte Ahmadinejad.[8]

Als im Dezember 2006 die iranischen Staatsorgane ihre berüchtigte Konferenz der Holocaust-Leugner organisierten, war die Zielsetzung, Israel zu zerstören, der gemeinsame Nenner, der alle Teilnehmer, einschließlich der jüdischen Sekte Neturei Karta verband. In der Abschlussrede der Konferenz machte Ahmadinejad dies klar: „Die Existenzkurve des zionistischen Regimes geht nach unten“, erklärte er vor der Versammlung, „es stürzt bald zusammen. .... Das zionistische Regime wird wegradiert und die Menschheit befreit werden.“[9]

Dies Aussagen belegen, dass die Leugnung des Holocaust nicht einfach eine „Meinungsäußerung über historische Ereignisse“ ist, wie es Facebook-Sprecher Andrew Noyes will, sondern dass sie mit der „Befürwortung von Gewalt gegen eine Gruppe von Menschen“ untrennbar verbunden ist. Wie kann es dann aber sein, dass Facebook die „Befürwortung von Gewalt“ gegen Menschengruppen laut Statut untersagt, die Shoah-Leugnung aber erlaubt?

Mit dem Verweis auf Israel ist das Motiv der Teheraner Leugner aber noch nicht vollständig erklärt. Schließlich lautete der Titel der Holocaustleugner-Konferenz von 2006: „Überprüfung des Holocaust – Globale Vision“. Was hat die Leugnung des Holocaust mit „globaler Vision“ zu tun?

Eine Teilantwort gab die iranische Regierung am 8. Januar 2007. An diesem Tag reichte sie im UN-Menschenrechtsausschuss eine Beschwerde gegen diejenigen ein, die den Holocaust nicht leugnen. „Geschichte kann nicht einfach so umgeschrieben werden, wie es dem israelischen Regime gerade passt“, hatte Alireza Moayera, der damalige iranische Delegierte im Menschenrechtsausschuss an dessen Präsident geschrieben. „Geschichte kann nicht manipuliert und handverlesen selektiert werden und sie kann auch nicht neu formatiert werden, so wie es der Politik oder den historischen Ambitionen dieses Regimes gerade passt.“[10]

Dieser diplomatische Vorstoß stellte alles auf den Kopf. Er forderte ausgerechnet von den Vereinten Nationen, die sich als Antwort auf den Horror des Zweiten Weltkriegs konstituiert hatten, gegen diejenigen vorzugehen, die den größten Horror dieses Krieges nicht leugnen.

Es ist schlimm genug, wenn die Holocaust-Leugung als Mittel anti-israelischer Propaganda eingesetzt wird oder als Manipulationsinstrument, das auf den Applaus der arabischen Welt spekuliert. Doch die Wahrheit ist schlimmer: Dieses Regime meint, was es sagt. Seine Repräsentanten glauben ernsthaft, dass es den Holocaust nie gab. Sie wollen diese Wahnvorstellung zur neuen Norm erheben und jede Abweichung als Symptom von „jüdischer Dominanz“ bekämpfen.

So war Iran auch das einzige Land, das Anfang 2007 wütend gegen Resolution 61/255 der UN-Generalversammlung anrannte, eine Resolution, die „jede Leugnung des Holocaust ohne jeglichen Vorbehalt verurteilt.“[11] Dieser Beschluss, so Hossein Shariatmadari, der Herausgeber der dem Revolutionsführer nahestehenden Zeitung Kayhan, „bereitet den Leichnam der Vereinten Nationen zur Beerdigung auf dem Friedhof der Geschichte vor“, da er sich „eindeutig gegen die grundlegendsten Prinzipien der Menschenrechte“ richte.[12] Diese Beispiele zeigen, dass Iran darauf hofft, dass sich die Welt über kurz oder lang seine Vorstellung über den Holocaust zu eigen macht. Doch warum ist Teheran hieran so interessiert? Die Beantwortung dieser Frage setzt einen Abstecher in die islamistische Erkenntnistheorie voraus.

Religiöse Realität

Die menschliche Vernunft ist die grundlegende Quelle von Wissen und wissenschaftlichem Fortschritt: Diese für uns ganz selbstverständliche Prämisse gilt Islamisten als ein Sakrileg. Sie betrachten das selbstständige Denken als Gottesbeleidigung und als Ausdruck von Arroganz. Ausgangspunkt ihrer Weltanschauung ist das Gebot, dass der Koran strikt wörtlich interpretiert und angewendet werden muss. Jeder vernunftbedingte Zweifel würde dieses Koranverständnis unterminieren. Zweifel und Vermutung sind aus diesem Grund verboten.

Mahmoud Ahmadinejad nutzte im September 2007 seine Rede in der New Yorker Columbia Universität, um die islamistische Erkenntnistheorie zu illustrieren. Ihm zufolge kann Wissenschaft nur einem strikt gottgläubigem Menschen zugänglich sein: „Wissenschaft ist das Licht, das die Herzen derer beleuchtet, die von dem Allmächtigen auserwählt wurden. … Wissenschaft ist das Licht und Wissenschaftler müssen rein und fromm sein.“ Ahmadinejad zeigte an gleicher Stelle, dass er auch den Begriff der „Realität“ religiös definiert. Real sei die Botschaft des Koran, während „materielle Gelüste die Menschen von den Realitäten der Welt abhalten.“ So, wie nur die „Reinen und Frommen“ gute Wissenschaftler sein können, so können auch nur diejenigen, die sich dem Koran vollständig unterworfen haben, begreifen, was „Wirklichkeit“ in Wahrheit ist. Ahmadinejad: „Korrupte unabhängige Menschen weigern sich, die Realität zu akzeptieren und selbst dann, wenn sie sie akzeptieren, gehorchen sie ihr nicht.“[13]

Wir haben es mit einer Sprechweise zu tun, die zwar die Worte „Wirklichkeit“, „Wissenschaftler“ und „Wissenschaft“ verwendet, darunter aber etwas völlig anderes versteht als säkulare Gesellschaften. Die Doppelbedeutung dieser Worte mag erklären, warum sich Beobachter des Iran über die Kluft zwischen westlicher und islamistischer Weltanschauung selten wirklich im Klaren sind. Es ist aber diese Befreiung von den Fesseln der materiellen Realität, die es den iranischen Herrschern erlaubt, die Judenvernichtung während des Zweiten Weltkriegs zu leugnen. Vor diesem Hintergrund erschließt sich die Bedeutung des Konferenztitels „Überprüfung des Holocaust – Globale Vision“.

Das iranische Regime will nicht allein die sogenannte „christlich-jüdische Konspiration“ – das nach 1945 geschaffene System der internationalen Beziehungen – zerstören. Es will in gleichem Maße die in diesem System geltende Geschichtsschreibung umstoßen. Das Problem bestehe darin, erklärte der damalige iranische Außenminister Mottaki zu Beginn der Leugner-Konferenz, dass die „Formulierung von historischen Ereignissen und deren Analyse aus der Perspektive des Westens“ geschrieben werde.[14]

Gegen die westliche Historiographie wollen die schiitischen Islamisten eine neue geschichtliche „Wahrheit“ kreieren, die den Holocaust zum Mythos, den Zwölften Imam hingegen zur Realität erklärt. Vielleicht ist es diese Mission, die die atemberaubende Boshaftigkeit der iranischen „Holocartoons“ und deren Ausstrahlung am israelischen Holocaust-Gedenktag durch das öffentliche Fernsehen des Iran erklärt.

Holocartoons

Sämtliche dieser Zeichentrickfilme basieren auf dem Buch Holocartoons, einem Machwerk, das aus 54 von Maziar Bijani im „Stürmer“-Stil gezeichneten Karikaturen und ebenso vielen zynischen Kommentaren von Omid Mehdinejad besteht. Kein Geringerer als der iranische Bildungsminister Aliresa Ahmadi präsentierte dieses Buch im September 2008.[15] Im Folgemonat organisierte Mohammed Ali-Ramin, einer der engsten Vertrauten Ahmadinejads, eine Kundgebung auf dem Teheraner Quds-Platz, um Holocartoons zu zelebrieren. Hier wurden dessen Judendarstellungen in Übergröße präsentiert.[16] 2009 kam die englische Fassung der Hetzschrift auf den Markt, 2010 wurde das Buch auf Farsi, Englisch und Arabisch ins Internet gestellt, 2011 kamen zusätzlich Übersetzungen auf Spanisch und Türkisch hinzu.

Diese Schrift ist „all jenen gewidmet, die unter dem Vorwand des Holocaust getötet wurden“, heißt auf der Homepage für das Buch, die eine Judenfigur zeigt, die sich unermüdlich damit beschäftigt, die Umrisse toter Menschen auf den Fußboden eines „Holocaust Camp“ zu malen. Die Machart dieses Buches ist auch auf den Folgeseiten instruktiv: Die Seitenzahlen sind als Mischung aus Hakenkreuz und Davidstern stilisiert, Adolf Hitler trägt den Schnauzbart in Form eines Davidsterns und Zykon B wird als Heilmittel gegen Asthma vorgestellt.[17]

In 2011 kamen die Urheber dieser Kampagne zudem auf die Idee, einige der „Witze“ dieses Buches als Vorlagen für Zeichentrickfilme zu verwenden. So wie der deutsche Antisemitismus in den Dreißigerjahren die Radio- und Filmtechnik fortentwickelte, um die Implantation des Judenhasses zu perfektionieren, so bringen heute iranische Antisemiten die Methoden ihrer Propaganda auf den jeweils fortschrittlichsten technischen Stand und setzen hierbei besonders auf das Internet.

Da aber in der Cyberwelt noch der gröbste Unsinn so viel wiegt, wie die Analyse wirklicher Experten und weil die Völker aller Länder auf einen kritischen Umgang mit dem Internet kaum vorbereitet sind, hat die Leugnung des Holocaust hier eine spezielle Chance. Der jüngste deutsche Verfassungsschutzbericht spricht von der „beachtlichen Gefahr“, dass „Jugendliche, die über traditionelle Medien nicht oder nur bedingt erreichbar wären, über das Internet unkompliziert mit rechtsextremistischem Gedankengut“ – zu dem die iranischen Holocaustleugnung fraglos zählt – „in Berührung kommen können.“[18]

Während die Betreiber von Facebook so tun, als sei das Internet ein Hort des fairen, gleichberechtigten Meinungsaustauschs, beweisen die von Iran ins Netz gestellten Zeichentrickfilme, wie boshaft und suggestiv deren Hassbotschaft derzeit verbreitet wird. Hier betätigen Akteure in Teheran alle Register der Manipulation, um die schlimmsten Instinkte des Antisemitismus zu wecken oder zu bestärken. Intellektuelle Diskurse, auf die die Facebook-Macher setzen, haben es gegen emotionalisierte Aufstachelungen schwer.

Selbst in Deutschland, wo die Holocaustleugnung gesetzlich verboten ist, waren im Herbst 2011, als ich meine Recherche begann, Teile jener Zeichentrickserie zu sehen. Meine Proteste bei zuständigen Stellen – der „Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien“, dem online-Portal „Jugendsschutz.net“ und beim Leiter der Rechtsabteilung von Google Germany – bewirkten zwar vorübergehend eine Sperrung sämtlicher „Holocartoon“-Filme für Internetnutzer aus der Bundesrepublik. Gleichwohl konnten sie weiterhin auf private Computer heruntergeladen werden. Inzwischen sind alle Ausgaben der hetzerischen Trickfilme auf Youtube wieder zu sehen. So wichtig die Debatte um die Sperrung derartiger Inhalte im Internet auch ist – entscheidend bleibt, die Verbreitung des Antisemitismus an seinen Quellen zu verhindern.

Gleichwohl sind Proteste gegen die iranische Holocaustleugnung rar. Auf internationaler Ebene zeigten sich manche Regierungen erbost, als Ahmadinejad mit seiner Kampagne begann. Doch dann wurde dieses Thema rasch wieder fallen gelassen. In der gegenwärtigen Debatte über das iranische Atomwaffenprogramm spielt die Holocaustleugnung keine Rolle. Man schiebt diesen Aspekt zur Seite, als habe es sich bei diesem Thema um eine vorübergehende Bewusstseinsstörung des iranischen Präsidenten gehandelt.

Auf nationaler Ebene sollten aufgrund des geschichtlichen Erbes die energischsten Proteste zu vernehmen sein. Doch weit gefehlt! Während die Bundeskanzlerin mit dem Papst persönlich telefonierte, um über die Holocaustleugnung innerhalb der katholischen Pius-Bruderschaft zu sprechen, ist ihre Antwort auf die iranische Holocaust-Leugnung bis heute äußerst verhalten geblieben.

Und der Bundestag? Die Tatsache, dass Deutschland im westlichen Lager das Land ist, das die weitaus engsten kulturellen, politischen und wirtschaftlichen Beziehungen mit dem Land der Holocaustleugner unterhält, hat bislang nicht eine einzige Bundestagsdebatte evoziert.

Die politik- und geschichtswissenschaftlichen Institutionen in Deutschland halten sich das Thema ebenfalls vom Leib oder verharmlosen es bis zur Unkenntlichkeit. Als kürzlich die „Neue Zürcher Zeitung“ Dan Diner, den Leiter des Simon-Dubnow Instituts für Jüdische Geschichte und Kultur an der Universität Leipzig, mit der Frage konfrontierte, warum dem Iran die Leugnung des Holocaust so wichtig sei, verwies dieser auf die Religion: „Das hat nichts mit Neonazismus, sondern vielmehr mit einer zutiefst sakral imprägnierten Gesellschaft zu tun, die immer noch an Gott gebunden ist. Und der Wille Gottes kann so etwas wie den Holocaust nicht zulassen. Insofern wäre die Reaktion von ultraorthodoxen Juden keine andere als die eines Ahmadinejad – jetzt übertreibe ich etwas. … Vom Holocaust zu sprechen, grenzt an Gotteslästerung.“[19]

Diner versucht, die Holocaustleugnung des iranischen Regimes von dessen Antisemitismus abzukoppeln. Er ignoriert, dass die iranische Führung permanent vom Holocaust spricht – sei es, um ihn zu leugnen, sei es um den israelischen „Holocaust“ anzuprangern – und unterstellt, dass die Leugnung der Shoah zum Wesen der „Gottesgläubigkeit“ gehöre – ein schwer begreiflicher Fauxpas.

Auf andere Art und Weise versucht uns auch Günter Grass mit seiner These vom „Maulhelden“ zu beruhigen. Ihm geht es aber vorrangig darum, Israel zu schaden. Nur dann, wenn Ahmadinejad nichts weiter als ein „Maulheld“ ist, könnten die israelischen Anstrengungen zur Selbstverteidigung als absurd oder gar als aggressiv erscheinen. Die Intervention des Nobelpreisträgers beweist zumindest dies: Dass sein Angriff auf Israel die Ausblendung iranischer Realitäten zur Voraussetzung hat.
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[1] Günter Grass, Was gesagt werden muss, Süddeutsche Zeitung, 4. April 2012.

[2] David Menashri, Iran, The Jews And The Holocaust, Research Paper, Stephen Roth Institute for the Study of Contemporary Antisemitism and Racism, Tel Aviv 1997, S. 8.

[3] MEMRI, Special Dispatch Series No. 1091, 14. Februar 2006.

[4] Iran Sends Blair Invitation to Holocaust Conference, Deutsche Welle, 18. Januar 2006.

[5] “Wir sind entschlossen”, Interview mit Mahmud Ahmadinejad, Spiegel 22/2006, 29. Mai 2006.

[6] Suzanne Choney, Holocaust survivors ask Facebook to ban denial pages, auf: http://digitallife.today.msnbc.msn.com , 27. Juli, 2011.

[7] Brief von Richard Allan, dem Public Policy Direktor von Facebook an David Matas and André Obeler, 29. August 2011.

[8] MEMRI, In Speeches This Week, Iranian President Mahmoud Ahmadinejad Discusses Holocaust“, in: Special Dispatch, No. 2221, 30. Januar, 2009.

[9] Yigal Carmon, The Role of Holocaust Denial in the Ideology and Strategy of The Iranian Regime, in: The Middle East Media Research Institute (MEMRI), Inquiry and Analysis Series, No. 307, 15. Dezember 2006.

[10] Letter to Ambassador Luis Alconso De Alba, President of the Human Rights Council, from Ambassador Alireza Moayera, Permanent Representative of Iran to the Council, Genf, 8. Januar 2007.

[11] Matthias B. Krause, Ohne Abstimmung. Erstmals verabschiedet die UNO eine Resolution gegen die Leugnung des Holocaust, in: Jüdische Allgemeine, 1. Februar 2007.

[12] Kayhan, 28. January 2007, zitiert nach: MEMRI-Special Dispatch No. 1443, 30. Januar 2007.

[13] Die englische Übersetzung von Ahmadinejads Rede findet sich hier: www.globalresearch.ca/index.php?context=va&aid=6889

[14] Honestly Concerned Iran Forschung, Die staatlich organisierte Teheraner Hasspropagandakonferenz, 15. Dezember 2006, S. 2.

[15] Iranisches Karikaturenbuch leugnet den Holocaust, Spiegel-Online, 26. September 2008.

[16] Siehe den diesbezüglichen Videobericht auf http://en.wikipedia.org/wiki/Holocartoons .

[17] www.holocartoons.com

[18] Bundesministerium des Innern, Verfassungsschutzbericht 2010, Berlin 2011, S. 100.

[19] Seismographen der Moderne, Ein Gespräch mit Dan Diner, in: Neue Zürcher Zeitung, 31. März 2012.