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junge Welt, März 1997

Goldhagen und die gewöhnliche deutsche Linke

Von Matthias Küntzel

Der Streit um Goldhagens Studie hat erst begonnen. Die marxistische und nichtmarxistische Linke hat ein Dutzend neuer Stellungnahmen publiziert. Mit welchem Ergebnis? Hat sie sich in “die Volksgemeinschaft der Gekränkten und Beleidigten” (Pätzold) eingereiht? Wird die Auseinandersetzung mit dem Inhalt der Studie produktiv, also selbstkritisch geführt? Welche Bedeutung hat im Land der Mörder das Schweigen? Welche Fragen werden nicht gestellt?

Für das Selbstverständnis der deutschen Linken ist Goldhagens Buch eine dreifache Provokation. Erstens durch seine Existenz. Was Goldhagen über die Verbrechen der gewöhnlichen Deutschen präsentiert, hätte man längst wissen können, wenn man es im Land der Richter und Henker hätte wissen wollen. Dennoch hat sich an die Täterakten, die seit 30 Jahren hierzulande herumliegen, weder ein Ost- noch ein Westhistoriker herangetraut. Warum? Götz Aly ist der erste und bisher einzige, der sich zu dieser Frage geäußert hat. Über die Greueltaten der gewöhnlichen deutschen Vollstrecker hat Aly, der rennomierteste Holocaust-Forscher der westdeutschen Linken, nicht schreiben, sondern nur schweigen können:”Mich machen die Dokumente sprachlos.” Ganz bewußt hat Aly für seine Forschung einen Zugang gewählt, der auf die Strukturen des Dritten Reiches sich konzentriert: “Subjektiv verschafft ein solcher Zugang Distanz, erlaubt beim Aktenstudium all das zu überblättern oder doch nur höchst selektiv zu lesen, was in dem Buch ,Hitler willige Vollstrecker’ ausgebreitet ist. Das geschieht – jedenfalls bei mir – nicht etwa aus Gründen der ,Seriosität’, sondern aus Selbstschutz.” (Mittelweg 6/96) Hier ist die spezifische Befangenheit der deutschen Holocaust-Forschung auf den Punkt gebracht: Zum Erkenntniswunsch kommt die Erkenntnisscheu. Man will über den Holocaust forschen, aber nicht vorbehaltlos. Aus Gründen des Selbstschutzes fühlt der Forscher sich genötigt, den Holocaust unter einem Blickwinkel zu betrachten, der es ihm erlaubt, “all das zu überblättern”, was Goldhagen beschreibt: Das ebenso bestialische wie reale Verhalten der eigenen Elterngeneration.

Die Wahl seines Untersuchungsgegenstandes ist Goldhagens zweite Provokation. Er hat nicht irgendwelche Fabelwesen der dritten Art portraitiert, sondern die Eltern oder Großeltern der deutschen Linken, die in der Regel am Holocaust schuldig sind: durch Tatschuld oder Unterlassungsschuld, durch Redeschuld oder Schweigeschuld. Eine persönliche Verstrickung mit Folgen: Hunderttausendfach hat die deutsche Line das entlastende Argument, wonach den Vollstreckern der Befehl zum Judenmord hätte “aufbürdet” werden müssen, für bare Münze genommen und nachgeplappert. Die einfache Erkenntnis, daß die Ermordung der Juden nur möglich war, weil die Deutschen die Vernichtungsjagd auf die Juden gewünscht hatten, während der Widerspruch dagegen marginal geblieben ist – diese Erkenntnis wurde von der deutschen Linken nicht einmal als These formuliert. Anstatt aber diese Fehlleistung “nach Goldhagen” einzugestehen, wird sie in den Publikationen der Linken zumeist noch überboten. Etwa, wenn die anarchistische graswurzelrevolution und die trotzkistische inprekorr, denen der Terminus “die Deutschen” partout nicht über die Lippen gehen will, weiter von “den Nazis” schreiben. Oder wenn der Münchener Gegenstandpunkt nicht deutsche Subjekte, sondern “den deutschen Nationalismus”, oder “die deutsche Nation” für den Mord an den Juden verantwortlich machen will. Oder wenn schließlich das Blättchen “avanti” “nicht ,ganz normale Deutsche’, sondern ganz normale Menschen” zur den Urhebern des Holocaust erklärt, um ausgerechnet am Beispiel der britischen Kampfflieger, “die Bomben auf Zivilisten in Dresden und anderswo abwarfen” zu beweisen, “daß, wenn immer ein Regime einen Massenmord plante, niemals ein Mangel an Gehilfen bestand.”
Als einziger hat Tjark Kunstreich in der Zeitschrift “links” die hier zum Ausdruck kommenden Verdrängung erwähnt. Während Goldhagen die Interpretation des Nationalsozialismus” wieder vom Kopf auf die Füße gestellt” habe, “weil er die Vernichtung wieder zum Ausgangspunkt der Auseinandersetzung macht”, habe sich die deutsche Linke mit ihrem “beinahe zwanghaften Ökonomismus” darum bemüht, den Holocaust vom Nationalsozialismus abzutrennen, was, so Kunstreich, “überhaupt erst jene Objektivierung möglich (macht)”, die den deutschen Diskurs bestimmt. “Objektivierung und Verwissenschaftlichung” dienten hierzulande aber nicht dem realen Erkenntnisinteresse, sondern der Entlastung: “Je tiefer die Verstrickung, desto stärker der Wunsch nach Objektivität.”

Goldhagens dritte Provokation ist sein Erklärungsansatz. Die Erklärungsmuster der deutschen Linken haben stets dazu tendiert, den Holocaust als die Begleiterscheinung eines sozialen Interesses zu interpretierten, um ihn so in den Kontext imperialistischer Normalität einzuordnen. Dies gilt für die Texte von Pätzold und Kühnl ebenso wie für die Texte von Heim/Aly und Enderwitz. Ihnen allen hat Goldhagen auf der Basis unwiderlegbarer Zeugnisse über das deutsche Mörderkollektiv widersprochen. Goldhagen erklärt die Bestialität der gewöhnlichen Deutschen nicht mit sozialen Interessen, sondern mit der Vorherrschaft der antisemitischen Ideologie, die in Deutschland sich besonders radikal entwickelt habe. “Goldhagens Thesen”, so Christoph Lieber in der Zeitschrift “Sozialismus”, “implizieren in ihrer ganzen Tragweite einen selbstkritischen Rückblick auf marxistische Faschismusforschung und die Behandlung der Judenvernichtung.” Herrscht wenigstens in diesem Punkt Übereinstimmung unter den deutschen Linken?

Keineswegs. Was Lieber als Aufgabe andeutet, wird in keinem anderen Aufsatz auch nur erwähnt. Stattdessen wird im Lager der Taditionsmarxisten die alte Fahne gehißt und Goldhagen der Kampf angesagt. Als etwa Ulrich Schneider das Buch in den Marxistischen Blättern kritisiert hatte, ohne ihm jedoch ein gewisses Verdienst abzusprechen, rief dies in der Folgeausgabe der “Blätter” prompt Klaus Mewes mit einer Phillipika gegen “die marxistische Bescheidenheit” auf den Plan. Goldhagen habe einer “unverhohlen neoidealistischen Wissenschaft” das Wort geredet, wohingegen es die “Aufgabe von Marxisten” sei, “der Austreibung der gesellschaftlichen Realität
aus der Geschichtswissenschaft zu widersprechen.” Daß in Mewesï Aufsatz die gesellschaftliche Realität des Holocaust vollständig “ausgetrieben”, d.h. mit keinem Halbsatz auch nur erwähnt worden ist, passt in ein Schema, welches im Antisemitismus nichts anderes als die “Ablenkung der Volksmassen vom wirklichen Elend”, so Mewes, sieht.
Mit einer überraschenden Wendung hat sich freilich auch Kurt Pätzold, ein maßgeblicher Faschismus-Forscher der untergegangenen DDR, von Goldhagens Studie abgesetzt: “Ja, aus Goldhagens Buch ist nichts zu gewinnen, was die Antwort auf die Frage nach dem geschichtlichen Ort des Verbrechens und den Triebkräften vertiefen würde, die eine Gesellschaft, die deutsche, bis an diesen Punkt ihrer Geschichte gebracht haben.” Im Gegenteil könnte sich ein Wirkung von Goldhagens Buch, so Pätzold, “unter allen als die negativste erweisen …- hat er doch das Verbrechen auf Deutschland und dessen Geschichte verkürzt”, wohingegen der Holocaust “eine europäische Erscheinung war und das nicht nur, weil Deutschland in Europa liegt.” (Bulletin) Mit dieser Logik hat sich Pätzold als potentieller Redenschreiber für Roman Herzog qualifiziert.

Worin besteht die Gefahr, die Mewes und Pätzold in Abwehrstellung bringt? “Das Eintauchen in die Gedankenwelt der nationalsozialistischen ,Vordenker’ bzw. Verbrecher”, konstatiert Martin Hartmann in der Kommune, “ist ein unerhörter Tabubruch, der uns der Gefahr aussetzen könnte, den Massenmord – das Undenkbare – zu verstehen.” Den Holocaust zu “verstehen”, ist hierzulande in der Tat eine Gefahr, weil es die Gegenwart berührt: Mit Goldhagen ist die Geschichte der Verleugung der deutschen Verbrechen seit 1945 sowohl durch die Täter wie auch durch die unbeteiligt-beteiligte deutsche Linke neu zu schreiben. Zu ermitteln ist, wie die Virulenz jener Verleugnung die alltägliche Politik unterschwellig bestimmt. Die Weigerung der deutschen linken, Goldhagen tatsächlich, d.h. selbstkritisch zu rezipieren, bringt jedenfalls “ein Maß an Blindheit zum Ausdruck, das seinerseits nur bestätigt, wie weitgehend die fundamentale Verdrängung im Kern des nachkriegsdeutschen sozialen Bewußtseins die Gegenwart durchdrungen hat und an eine neue Generation weitergegeben worden ist.” (Moishe Postone)

Durchgesehen wurden die Goldhagen-Artikel folgender Zeitungen:
avanti 12/96, Bulletin Nr. 7 (1996) der Berliner Gesellschaft für Faschismus- und Weltkriegsforschung e.V.; Forum Wissenschaft 4/96; Gegenstandpunkt 4/96;, graswurzelrevolution Oktober 1996; inprekorr Nr. 302; Kommune 9 und 10 96; links 11/12 96; Marxistische Blätter 6/96 und 1/97; Sozialismus 12/96, Spex 1/97; “Z”, Dezember 1996.

(aus: junge Welt, 21. März 1997)