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TRIBÜNE, 50. Jahrgang, Heft 200, 4. Quartal 2011

Gegen die "Zustände in deutschen Köpfen"

Zum 50-jährigen Bestehen der TRIBÜNE - Zeitschrift zum Verständnis des Judentums · Von Matthias Küntzel

Warum gibt es in Deutschland keine andere Zeitschrift, die den Rechtsextremismus und den Antisemitismus so beharrlich bekämpft, wie die TRIBÜNE? Die Antwort hängt zweifellos mit Otto R. Romberg zusammen, der das Blatt vor fünfzig Jahren gründete und seither leitet – genauer gesagt, mit einem biographischen Detail, über das er selbst nie schrieb. Ich meine den Umstand, dass auch Romberg im Alter von zwölf Jahren für eine Gaskammer in Auschwitz vorbestimmt gewesen war.

“Ohne den persönlichen heldenhaften Einsatz von Raoul Wallenberg, der Sie und Ihre Mutter aus einem Eisenbahnwaggon mit dem Zielort Auschwitz herausholte, hätten Sie nicht der Deportation und damit dem sicheren Tod entgehen können”, bemerkte Ignatz Bubis Romberg gegenüber in seiner Ansprache aus Anlass der Verleihung des Leo-Baeck-Preises 1996 an die TRIBÜNE.[1] Rombergs ungarischer Vater und sein Onkel hatten weniger Glück. Beide fielen dem Wahn der Antisemiten zum Opfer. Wie sehr sich die Sichtweise des im letzten Moment vor der Gaskammer Geretteten von der damals in Deutschland üblichen Sichtweise unterschied, machte die erste Ausgabe der TRIBÜNE bereits klar.

“Begonnen hat alles am 25. Dezember 1959”, heißt es in der Selbstdarstellung der Zeitschrift. “Damals ging die alarmierende Nachricht von den in der Nacht zuvor geschändeten Synagogen in Köln und Bonn um die Welt. An Heiligabend waren die beiden jüdischen Gotteshäuser mit Hakenkreuzen und anderen NS-Symbolen besudelt worden. Es folgte ein Welle rechtsradikaler Schmierereien, Friedhofsschändungen und auch persönlich gegen jüdische Bürger gerichtete Pöbeleien.”

Natürlich grenzte sich die Bundesregierung von der Gewaltwelle ab, wobei Außenminister von Brentano vor allen Dingen den Schaden beklagte, “der durch derartige Ausschreitungen dem deutschen Ansehen im Ausland zugefügt worden sei”.[2]

Für Otto R. Romberg hingegen, der sich nach der Zerschlagung des ungarischen Aufstands 1956 in Westdeutschland niedergelassen hatte, war dieser Schaden konkret: “Mein erster Gedanke an diesem Wintertag war: Ich muss schleunigst weg, die Koffer müssen gepackt werden. Diese Luft konnte ich nicht mehr atmen.”[3]

Bundeskanzler Konrad Adenauer bemühte sich nach Kräften, die Wiederkehr der Nazi-Parolen als belangloses Rowdytum einiger Halbstarker darzustellen. “Wenn ihr irgendwo einen Lümmel [beim Hakenkreuzschmieren] erwischt”, erklärte er im Januar 1960 in einer Fernsehansprache, “vollzieht die Strafe auf der Stelle und gebt ihm eine Tracht Prügel.”[4] In Deutschland, so lautete sein Mantra, sei Antisemitismus nicht mehr existent.

Demgegenüber sahen die Gründer der TRIBÜNE keinen Grund, die deutsche Weste weißzuwaschen und brachten den Judenhass von 1959 mit dem Judenmord von 1944 in Zusammenhang: “Der aufflammende Antisemitismus war nicht der Judenhass, wie man ihn kannte und vielleicht auch hinnahm”, notierte Otto R. Romberg in seiner Erinnerung an jene Tage, “nein, es war … Antisemitismus nach Auschwitz, nach dem Mord an sechs Millionen europäischer Juden.”[5]

Folgerichtig starteten Romberg und seine jüdischen und nichtjüdischen Kollegen die erste Ausgabe der TRIBÜNE Ende 1961 mit einem Beitrag über den Holocaust, der mit “Schweigen und Wort” überschrieben war und der mit folgenden kryptischen Worten begann: “Darüber zu schweigen, was wir nicht begreifen, ist die einzig gebührende Daseinsform; die einzig gebührende Daseinsform ist, nicht darüber zu schweigen, was wir nicht begreifen.”[6]

Diese erste Ausgabe zeigte bereits das Profil, das den Auftritt der TRIBÜNE seit 50 Jahren prägt: Welche Konsequenzen sind aus den Abgründen des Nationalsozialismus zu ziehen? – lautet die erste Frage, die die TRIBÜNE stellt. Werden diese Konsequenzen tatsächlich gezogen? Und wenn nicht, warum? – heißt die zweite Frage, die diese Zeitschrift hartnäckig thematisiert.

Rückbezug auf Auschwitz

Dass Auschwitz eine Zeitenwende markiert, die um den Preis neuer Katastrophen nicht verdrängt werden darf – diese Kernidee, die das Projekt TRIBÜNE von der ersten bis zur 200. Ausgabe durchzieht, hat zu einer Reihe von Konsequenzen geführt.

Erstens hat sie die althergebrachte Dichotomie von “linker” und “rechter” Politik wenn nicht außer Kraft gesetzt, so doch überwölbt.

Die “politische Rechte” – dieser Abgrenzungsbegriff zielt im Kontext der TRIBÜNE auf Politiker, die Momente des Nationalsozialismus mit in die Gegenwart schleppen, wie dies bei Kurt Ziesel der Fall gewesen ist – ein Mann mit brauner Vergangenheit, der mit seiner Deutschlandstiftung an der Schnittstelle von Rechtsradikalismus und Unionsparteien agierte, um die “systematische Zerstörung von Glaube, Werten, Nationalgefühl und sauberer Staatsgesinnung” zu stoppen.[7]

Gleichzeitig erteilte die TRIBÜNE dem erzkonservativen Politiker Eugen Gerstenmaier das Wort, da er biographisch auf der Seite der Hitler-Gegner stand. Sie konfrontierte das um Redlichkeit bemühte Vergangenheitsverständnis des damaligen CDU-Präsidenten Roman Herzog mit dem Abwehrantisemitismus Martin Walsers, eines Schriftsteller also, dem ein sozialdemokratischer Bundeskanzler wiederholt die Referenz erwies. Immer wieder nahm sie auch den Antizionismus einer geschichtslosen Linken ins Visier.

Auf diese Weise hat die TRIBÜNE unser Alltagsverständnis von “Links” versus “Rechts” durch eine Wertigkeit ersetzt, die mir für die spezifische Situation in Deutschland angemessen erscheint: Auf der einen Seite diejenigen, die den Blick auf Auschwitz nicht scheuen und ihre gegenwärtige Politik danach ausrichten, dass Vergleichbares nie geschieht – auf der anderen Seite jene, die geschichtsvergessen auf Normalität pochen und lautstark das “Wir sind wieder wer!” artikulieren, ohne sich um die Forderung Jean Amerys zu scheren, es bei dem “Wir sind wer!” zu belassen und zumindest auf das “wieder” zu verzichten.[8]

Neue Nazis

Durch jenen Rückbezug auf Auschwitz ist zweitens auch die Haltung der TRIBÜNE zum Rechtsextremismus definiert, wie sie Anton Maegerle, der wohl profundeste deutsche Analytiker des Rechtsextremismus in zahllosen Exklusivbeiträgen für diese Zeitschrift entwickelt hat.

Zu den Kennzeichen dieser Haltung gehört, dass die TRIBÜNE die neuen nazistischen Bewegungen und Parteien nie als “Ewig-Gestrige” abtat, sondern ihre Gegenwartsbedeutung und die modernen Momente ihrer Rekrutierungsmethoden analysiert: Sie macht ihre Leserschaft mit den gängigen rechtsextremen Symbolen und den antikapitalistischen Agitationsmustern der NPD vertraut und berichtet über Pogromaufrufen in Musik und Internet und die Haltung der Nazis zur umgestalteten Bundeswehr.

Ein weiteres Kennzeichen besteht darin, dass sich die TRIBÜNE an der Suche nach mildernden Umständen nie beteiligt hat. Mir jedenfalls ist kein Artikel bekannt, der jugendliches Nazitum mit sozialer Deklassierung, einem Mangel an Perspektive oder mit Übermut aus Langweile entschuldigt. Die Zeitschrift nimmt stattdessen die Nazis beim Wort und beleuchtet ihre Ideologie und deren nationalsozialistische Wurzeln – zum Beispiel durch den synoptischen Vergleich von NPD- und NSDAP-Programm oder einer Analyse der Nationalzeitung.

Gleichzeitig hat die TRIBÜNE das Weiterleben des Nationalsozialismus in der Bundesrepublik stets als Zumutung für das deutsche Staatswesen skandalisiert und hierzu große Debatten entfacht. 1968 diskutierten u.a. Herbert Wehner, Frank Josef Strauß und Rainer Barzel in der TRIBÜNE über die Frage: “NPD – Verbieten oder rhetorisch niederkämpfen?” 1969 folgte eine weitere Debatte mit Heinz Ruhnau, Hans Friedrichs und anderen zur Frage ”,Sachliche‘ Auseinandersetzung mit der NPD?” 1975 wurden der Innensenator Berlins und der Innenminister von Rheinland-Pfalz über “Rechtsextremistische Umtriebe in der Bundesrepublik” befragt. 1980 waren Willy Brandt, Gerhart Baum, Heiner Geißler, Edmund Stoiber und viele andere bei der “Diskussion über Neonazismus” mit dabei.

Geschichtsbewusst und gegenwartskritisch

Drittens aber wirkt sich der Rückbezug auf Auschwitz – jener Stachel der Vergangenheit im Konzept der TRIBÜNE – auch auf ihr Themenspektrum aus. Der Bankmanager und TRIBÜNE- Freund Walter Hesselbach brachte das hier wirkende Prinzip mit der Formel “geschichtsbewusst und gegenwartskritisch” auf den Punkt.[9]

So wurde das böse Vergangene, wo immer es gegenwärtige Spuren zeitigte, analysiert und kritisiert. Den größten Raum nahmen hierbei die Beiträge über den Umgang der Deutschen mit ihrem nationalsozialistischen Erbe ein – Beiträge, in denen die Wirkung der Spielfilm-Serie “Holocaust” von 1979 ebenso diskutiert wurde wie die Debatte um Daniel Goldhagen, dessen Buch hier – und man kann beinahe sagen: nur hier – eine positive Würdigung erfuhr.

Einen besonders großen Anteil nehmen auch die Artikel über den Antisemitismus ein. Geographisch hat man die Behandlung dieses Themas auf zwei Regionen, die deutschsprachigen Länder und den Nahen Osten, konzentriert. 1964 berichtete die Zeitschrift über “Deutsche ,Techniker‘ in Ägypten”, 1969 über “Antizionismus und Antisemitismus”, 1975 über die Antizionismusresolution der UN-Vollversammlung und bereits 1976 – aus der Feder von Jean Amery – über den “Neuen Antisemitismus”. In den vier zuletzt erschienenen Ausgaben des vergangenen Jahres hat sich erneut fast ein Viertel aller Aufsätze mit Aspekten des Antisemitismus befasst.

Neben den Themenbereichen Antisemitismus, Rassismus und Nationalismus wurden auch eher abgelegene Topoi diskutiert, zum Beispiel die Intellektuellenhatz. Während Hitler im “zersetzenden” Intellektuellen den Prototyp des Volksfeinds sah, stellte sich die TRIBÜNE der Intellektuellen-Schelte der Sechzigerjahre frontal entgegen und bekannte sich zur ”,zersetzenden‘ Funktion des Kritikers”, habe dieser doch immer schon die “Zersetzung der Kruste von Vorurteilen, festgefahrenen Meinungen und Traditionen” verlangt.[10]

Immer wieder hat die TRIBÜNE die Gegenwärtigkeit der Vergangenheit kritisiert: zum Beispiel, wenn der Militärkorrespondent der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, Adalbert Weinstein, den Vietnam-Krieg beschönigt, wie einst “Goebbels namhafte PK-Feuilletonisten … die einzige Schönheit des Gemetzels … besangen”[11] oder wenn der “Bayernkurier” “die Verabsolutierung des Freund-Feind-Verhältnisses” so betrieb wie vier Jahrzehnte zuvor “der antidemokratische Staatsrechtslehrer Carl Schmitt”.[12]

“Warum ist das deutsche Kulturleben so freudlos geworden”, lautete – um ein letztes Beispiel anzuführen – der Titel eines Beitrags von 1963, der davon handelt, wie mit der Machtübernahme der Nazis und der Eliminierung jüdischer Kultur in Deutschland “der Nährboden für die heitere Muse … zerstört” worden sei: “Jetzt “begann … die teutonische Überheblichkeit gegenüber allem, was ,nur‘ unterhalten will, es begann die Hörigkeit des Theaters gegenüber der Literatur.”[13] Es handelt sich hier um Artikel, die nachzulesen ich nur empfehlen kann.

Statistisch ergibt sich für die ersten vierzig Jahre TRIBÜNE – von 1961 bis 2001 – folgendes Bild:

334 Aufsätze zum Thema “Erinnerungsarbeit und –politik”, 311 zum Thema “Jüdisches Leben, Geschichte und Kultur”, 241 zum Thema “Deutsch-Israelische Beziehungen” sowie 203 zum Thema “Israel/Judentum/Zionismus”.

Es folgen 172 Aufsätze zum Thema “Radikalismus/Rechts- und Linksextremismus”, 161 über “Antisemitismus”, 139 über “Nahost-Politik” sowie 120 zum Thema “Geistige Situation in der Bundesrepublik Deutschland”.

Demgegenüber ist das Thema “Rassismus” mit nur 43 Aufsätzen vertreten, das Thema “Deutsche Innen- und Außenpolitik” mit lediglich 29 während das erneut geschichtspolitisch relevante Feld “Bildungspolitik/Geschichtsdidaktik” immerhin 47 Artikel verzeichnen kann.[14]

Anlässlich des 40-jährigen Bestehens dieser Zeitung verriet Otto R. Romberg eine Quelle seiner Themenwahl: Die Diskussionen, die er seit Anfang der Sechziger Jahre mit Vertretern der deutschen Wirtschaft, Kultur und Politik zu führen pflegt sowie die Kenntnisse, die er hierbei “über die Zustände in deutschen Köpfen” gewinnt.

“Für jedes dieser Gespräche bin ich dankbar”, schreibt er maliziös, “weil sie durch ihre Spontaneität und Unbefangenheit die Qualität und Quantität der unverändert vorhandenen, tief sitzenden Vorurteile gegen Juden, gegen das ,Fremde‘ immer wieder offenbarten. … Sie alle haben es uns ermöglicht, … eine Themenauswahl zu treffen, zu wissen, welche Themen wir aufgreifen müssen, um altbekannte Stereotype und Vorurteile zu widerlegen und, wenn möglich, sogar zu beseitigen.”[15]

Romberg präsentiert sich hier als ein Gesellschaftsforscher, der mit der Präzision des Naturwissenschaftlers mentale Wirklichkeiten erkennen will. Doch das ist noch nicht alles. Er präsentiert sich zugleich als Aufklärer und Humanist, der mithilfe des geschriebenen Worts die “Zustände in deutschen Köpfen” verbessern, humanisieren will. Damit aber komme ich zu dem zweiten großen Kennzeichen, das Rombergs TRIBÜNE – neben dem markanten geschichtspolitischen Paradigma – charakterisiert: Ihr beharrliches Vertrauen in die Aufklärung.

Vom Verstand zum Verständnis

Im Alltag ist die Tribüne das Gegenstück zur Arena, dem Schauplatz des Kampfs. In der Zeitschrift betrachten die Autorinnen und Autoren von der “Tribüne”, was in der Mitte des Stadiums vor sich geht und erheben von jener erhöht gelegenen Warte das Wort.

Niemals war der Tonfall der TRIBÜNE unsachlich oder aggressiv. Mehr noch: So fest und klar die Zeitschrift ihren inhaltlichen Maßstab behauptet, so offen stellt sie im Rahmen ihrer Politikerbefragungen auch entgegengesetzte Positionen zur Diskussion. Ebenso wie das geschichtspolitische Paradigma wurde aber auch jene behutsam-aufklärerische Methode bereits mit der ersten Ausgabe fixiert.

Die antisemitischen Ausschreitungen hatten 1959/1960 stattgefunden, obwohl es in der Bundesrepublik keine sichtbare jüdische Minderheit mehr gab. “Es galt”, schreibt Otto R. Romberg, “eine Zeitschrift für Nichtjuden über Juden und die verschiedenen Aspekte des Judentums in einer allgemeinverständlichen Sprache zu konzipieren”, um “dem Antisemitismus und seinen zahllosen negativen ,Judenbildern‘ entgegenzutreten.” Der Untertitel der ersten Ausgabe der TRIBÜNE hieß “Zeitschrift zum Verständnis des Juden_problems_.

Darin kommt zum Ausdruck, in welch defensiver Position sich das Redaktionsteam befand. Natürlich war das “Problem des Judentums” in Wirklichkeit stets “das Problem des Antisemitismus, des deutschen im besonderen”, wie es 1963 in einer redaktionellen Anmerkung der Zeitung hieß.[16]

Am Anfang der Sechziger Jahre aber war “Antisemitismus” ein tabuisierter Begriff – ein Wort, das nicht einmal im Register des renommierten “Archiv der Gegenwart” Erwähnung fand. Wer sich im Band 1960 dieses Archivs über die antisemitischen Ausschreitungen jener Zeit informieren will, wird nur fündig, wenn er sich am Stichwort “Judentum” orientiert – so als sei das “Judentum” für die auf Synagogen geschmierten Hakenkreuze verantwortlich.

Der Untertitel der TRIBÜNE wurde zwar noch 1962 in “Zeitschrift zum Verständnis des Judentums” dauerhaft geändert; doch die zurückhaltende Attitüde – nicht bedrängend, eher ersuchend – behielt man bei. Max Brod, der Schriftsteller, Übersetzer und Zionist, der besonders durch seine enge Freundschaft mit Franz Kafka bekannt geworden ist und ein halbes Dutzend Mal für die TRIBÜNE schrieb, bezeichnete diese Zeitschrift 1963 als den “ernste(n) Versuch, Kenntnisse zu verbreiten, die in den beiden Völkern, den Deutschen wie den Juden, die gegenseitige Friedenswilligkeit verstärken sollen; die letztere [jüdische Friedenswilligkeit] ist zweifellos an vielen Stellen vorhanden… Möge Ihr Versuch gelingen!”[17]

Zwanzig Jahre nach Auschwitz waren diese Worte von einer geradezu beschämenden Warmherzigkeit – Worte, die gleichwohl den Angebotscharakter der “TRIBÜNE” präzise umschrieben. “Wir wollen euch nicht vom Judentum überzeugen, oder gar zu Philosemiten machen”, lautet dieses Angebot an Nichtjuden im deutschsprachigen Raum. “Wir wollen lediglich, dass aus eurer Befassung mit den jüdischen Besonderheiten Verständnis erwächst.” Griff die deutsche nicht-jüdische Elite das Verständnis-Angebot der TRIBÜNE auf?

Wir haben “nicht selten … Anwandlungen von Entmutigung gefühlt”, gab Otto R. Romberg 1986 zu verstehen. “Nicht der gemeine Nazismus von Alt- und Jungnazis oder der Antisemitismus, sondern die subtile Form des Antisemitismus der rechten und linken Intellektuellen hat uns oft fast zur Verzweiflung gebracht. … Die Art und Form der Kritik an einzelnen Juden oder an den leider häufig unpopulären, aber zum Überleben notwendigen Maßnahmen des Staates Israel haben uns … wegen des mangelnden Verständnisses wehgetan.”[18]

Das Erbe annehmen?

Immerhin hat das Verständnis von der Singularität des deutschen Verbrechens an den Juden in den letzten 50 Jahren enorm zugenommen. Fraglos hat die TRIBÜNE diesen Prozess forciert, war es ihr doch gelungen, eine Gruppe der für Aufklärung Empfänglichen aus allen Teilen der Gesellschaft um sich scharen, sie politisch und argumentativ zu stärken und so dafür zu sorgen, “dass sich aus ihr so etwas wie Kader bilden, deren Wirken in den verschiedensten Bereichen dann doch das Ganze erreicht”, wie es Theodor W. Adorno 1963 empfahl.[19]

Gleichzeitig bedeutete Vergangenheitspolitik für die Mehrzahl der Deutschen nicht Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte, “sondern Strafaufhebung und Integrationsleistung zugunsten Millionen ehemaliger nationalsozialistischer Parteigenossen”, wie Salomon Korn betont. In diesem Sinn bestand “die unter dem Nationalsozialismus geschmiedete ,Volksgemeinschaft‘ mental weiter fort.”[20]

Dieser Umstand mag erklären, warum auch heute noch der Antisemitismus “in Deutschland signifikant verbreiteter [ist] als in allen anderen westeuropäischen Ländern mit Ausnahme Portugals”, wie es in einer Studie der Universität Bielefeld heißt. Demnach bejahten 48,9 Prozent der Befragten die Behauptung, dass “Juden … heute Vorteile daraus zu ziehen [suchen], dass sie während der Nazizeit die Opfer gewesen sind.”[21]

Das gestiegene Bewusstsein vom Holocaust scheint hier nicht mehr “Verständnis” ausgelöst zu haben, sondern die Wahnvorstellung, dass Deutschland nunmehr Opfer geldgieriger “Rachejuden” sei.

Das Massenbewusstsein über Israel sieht nicht besser aus, wie selbst Bundeskanzlerin Angela Merkel in ihrer Rede zum zehnjährigen Bestehens des Jüdischen Museums in Berlin betont:

“Auf die Frage, ob man bei der Politik, die Israel mache, gut verstehen könne, dass man Juden nicht mag, antworteten in Deutschland 35,6 Prozent der Befragten mit Ja. Hinzu kommt die Einschätzung von fast 60 Prozent aller Europäer, die laut einer vor einigen Jahren durchgeführten Studie meinten, dass die größte Bedrohung für die Welt von Israel ausgehe.” In Deutschland hatten 65 Prozent der Befragten diesen Standpunkt geteilt.[22]

Wenn die Mehrheit der Deutschen den jüdischen Staat nicht nach der überprüfbaren Faktenlage beurteilt, sondern – dem unsichtbaren Drehbuch der “Protokolle der Weisen von Zion” folgend – Israel zu einer Gefahr für den Weltfrieden stilisiert, haben wir es mit einem antisemitisch aufgeladenen Massenbewusstsein zu tun – ein Massenbewusstsein, dass Medien, Zivilgesellschaft und Politik nicht weniger aufschrecken sollte, als die Bildungsmisere an deutschen Schulen.

Wo aber ist der “PISA-Report”, der diesen Wahn-Zustand skandalisiert, der die Wurzeln dieses Massenbewusstseins untersucht und zügig auf Veränderungen drängt? Wo ist die Talk-Show oder die Bundestagsdebatte, in der die Spitzen der Politik jene Bewusstseinsverirrung thematisieren?

Schon diese Umfragen zeigen, dass die TRIBÜNE auch in Zukunft unersetzlich bleiben wird. Ein zweiter Aspekt kommt hinzu.

Es war kein Zufall, dass die amerikanischen Holocaust Studies von jenen Männern und Frauen etabliert wurden, die Angehörige in der Shoah verloren hatten und der Vernichtung nur durch Zufall entgangen waren. Ich nenne stellvertretend Elie Wiesel, Geoffrey Hartmann, Dori Laub und Zev Weiss, den Gründer der Holocaust Educational Foundation, die im Herbst 2012 ihre 12. Lessons and Legacies-Großkonferenz über den Holocaust durchführen wird.

Während somit in den letzten 30 Jahren in den USA Strukturen geschaffen wurden, die sicherstellen, dass sich auch künftige Generationen mit dem Holocaust und den darauf abzuleitenden Konsequenzen beschäftigen werden, kann hiervon in Deutschland keine Rede sein. Es gibt hierzulande keine einzige Professur mit dem Schwerpunkt Holocaust Studies. Es gibt auch kein Zentrum, das wie Yad Vashem oder das U.S. Holocaust Memorial Museum die Forschung mit gesellschaftspolitischer Aufklärung vereint.

Wenigstens gibt es die TRIBÜNE, aber es ist auch bei uns kein Zufall, dass ein Geretteter des Holocaust diese Zeitung produziert – mit beispielloser Ausdauer und Konsequenz und mit der Hilfe seiner Frau Elisabeth Reisch, die seit 50 Jahren Herausgeberin der TRIBÜNE ist. “Was uns aufgegeben ist, müssen wir tun” – mit diesem Zitat pflegt Otto R. Romberg sein Engagement zu begründen.

Ist aber nicht gerade uns, den nicht-jüdischen Deutschen, eben das aufgegeben, was Otto R. Romberg und Elisabeth Reisch in den vergangenen 50 Jahren leisteten? Und liegt es nicht an uns, allen widrigen Umständen zum Trotz dafür zu sorgen, dass deren beider Lebenswerk für kommende Generationen fortgeschrieben werden kann?

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[1] Ignatz Bubis, Ansprache, in: Tribüne 140 (1996), S. 96.

[2] Archiv der Gegenwart (AdG), 16. Januar 1960, S. 8159.

[3] Otto R. Romberg, Ein kalter Wintertag 1959, in: Tribüne 160 (2001), S. 100.

[4] AdG, a.a.O. .

[5] Otto R. Romberg, a.a.O.. Hervorhebung im Original.

[6] Kurt H. Wolff, Schweigen und Wort, in: Tribüne 1 (1962), S. 1; Hervorhebung Im Original. “Die Lösung dieses Dilemmas liegt in der Metamorphose”, fährt Wolff in seinem weitsichtigen Artikel fort: “Das Schweigen wird zum Wort, damit das Wort das Schweigen noch an Überzeugungskraft überflügelt. Dies wäre die Lösung eines Dichters. Bloß darüber zu sprechen jedoch zeugt von einem Geist, der unfähig ist, die von ihm erwartete Metamorphose des Schweigens in Wort zu vollbringen.”

[7] Über die Auseinandersetzung zwischen der TRIBÜNE und Kurt Ziesel berichtet Susanne Urban-Fahr in TRIBÜNE 160 (2001), S. 166f.

[8] Jean Améry, Ihr seid wieder wer!. Brief an einen Bürger der Bundesrepublik Deutschland, in: TRIBÜNE 31 (1969), S. 3301.

[9] Walter Hesselbach, Sprachrohr der Versöhnung, in: Tribüne 109 (1989), S. 106.

[10] Diese Worte des FDP-Politikers Karl-Hermann Flach werden zustimmend zitiert in: Peter Steinbach, Brücke des Geistes über die Zeiten. Die Zeitschrift TRIBÜNE und die deutsche Kultur, in: Tribüne 103 (1987), S. 84.

[11] Weinstein an der Front, in: Tribüne 21 (1967) S. 2290.

[12] Giselher Schmidt, Die politische Konzeption des ,Bayernkurier‘, in: Tribüne 39 (1971), S. 4254.

[13] Helmut Castagne, Warum ist das deutsche Kulturleben so freudlos geworden?, in: Tribüne 5 (1963), S. 538.

[14] Elisabeth Reisch (Hg.), TRIBÜNE, Sach- und Autorenregister 1962 – 1999 (Heft 1-152)Frankfurt/M. 2000, sowie a.a.O.: Sach- und Autorenregister 2000-2001 (Heft 153-160),.

[15] Otto R. Romberg, Ein kalter Wintertag 1959, a.a.O., S. 99 und 101.

[16] Herman Glaser, Anmerkung der Redaktion, in: Tribüne 5 (1963), S. 562.

[17] Max Brod, Leserbrief, in: Tribüne 5, 1963, s. 557.

[18] Otto R. Romberg, Dankesrede, in: Tribüne 140 (1996), S. 106.

[19] Theodor W. Adorno, Aufarbeitung der Vergangenheit, in: Tribüne 7 (1963), S. 712.

[20] Salomon Korn, Das unbewältigte Erbe, in: TRIBÜNE 165 (2003), S. 86f.

[21][21] Wilhelm Heitmeyer (Hg.), Deutsche Zustände, Folge 9, Frankurft/M. 2010D- 48 ff-

[22] Presse- und Informationsamt der Bundesregierung, Rede von Bundeskanzlerin Dr. Angela Merkel zur Verleihung des Preises für Verstädnigung und Toleranz im Rahmen der Jubiläumswoche zum zehnjährigen Bestehen des Jüdischen Museums Berlin am 24. Oktober 2011 in Berlin.