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Schabbat Schalom, Mai 2005

Interview über die Antisemitismus-Debatte in der Hans-Böckler-Stiftung

Radio NDR-INFO vom 20. Mai 2005 · Von Matthias Küntzel

Almut Engelien:
Der islamistische Extremismus sei die größte Gefahr für die Sicherheit in Deutschland, hat Innenminister Otto Schily in dieser Woche bei der Vorstellung des Verfassungsschutzberichtes 2004 gesagt. In islamistischen Organisationen seien inzwischen knapp 32.000 Menschen engagiert, Tendenz steigend. Welche Art von antijüdischer Gehirnwäsche in manchen hiesigen Moscheen und Koranschulen betrieben wird, erfahren wir meistens nicht. Einen Geschmack davon vermittelte am 13. Mai die Freitagspredigt Scheich Ibrahim Mudeiris im offiziellen Fernsehsender der Palästinensischen Autonomiebehörde. In der Predigt, die man im Internet im Original erleben kann, heißt es unter anderem: Die Juden seien ein Virus wie AIDS, an dem die ganze Welt leide. In Russland hätte man sie zurecht massakriert, weil sie Komplotte geschmiedet hätten. Zu Deutschland heißt es wörtlich: „Es waren die Juden, die den Nazismus dazu veranlassten, einen Krieg gegen die gesamte Welt zu führen. ... Gewiss – vielleicht wurden einige von ihnen getötet und einige verbrannt. Doch sie übertreiben dies.“ Die Predigt endet mit der Vision die Welt zu beherrschen und jeden einzelnen Juden auszuschalten.
Ich bin telefonisch verbunden mit Dr. Matthias Küntzel, Hamburg. Er ist Politikwissenschaftler und Lehrer, bekannt durch sein Buch „Djihad und Judenhass“ und er hat den zitierten Predigttext ins Deutsche übersetzt. Herr Küntzel, ist dieser Text besonders extrem oder ist er im islamistischen Milieu normal?

Küntzel: Er ist natürlich extrem zugespitzt in seinen Aussagen. Aber die Grundüberlegung, dass zum Beispiel Juden angeblich für den II. Weltkrieg verantwortlich gewesen seien – das findet man genauso in der Charta der Hamas, also in dem offiziellen Programm einer der doch größten und bedeutendsten Bewegungen in Palästina im Moment. Und man hat vor einigen Tagen auch entdeckt, dass selbst auf der offiziellen homepage des Informationsministeriums der Palästinensischen Autonomiegebiete die „Protokolle der Weisen von Zion“, die ja diesem ganzen Unsinn zugrunde liegen, in der arabischen Übersetzung veröffentlicht waren. Das wurde jetzt erst, am letzten Mittwoch abend, von dieser homepage heruntergenommen, weil jetzt der Herr Abbas ja auch in Washington einen Besuch vorhat und das natürlich dann schlecht aussieht.
Also ich muss schon sagen, es wäre eine falsche und eine selbstberuhigende Einschätzung, wenn man glaubte, dass sei jetzt ein großer Ausreißer gewesen sei. Es widerspiegelt vielmehr eine Tendenz.

Engelien:
Sie beobachten ja auch Antisemitismus in Deutschland. Promovierende der gewerkschaftseigenen Hans-Böckler-Stiftung haben Sie unlängst gebeten, eine Debatte, die dort schon seit Jahren offenbar geht und nicht öffentlich wurde, über antisemitische Äußerungen eines Stipendiaten zu analysieren. Was ist das für eine Debatte? Zu welchem Ergebnis sind Sie gekommen?

Küntzel:
Es war eine Debatte, die im Februar/März 2003 stattfand. Es gibt etwa 100 Seiten, die ich begutachtet habe, 70 Stellungnahmen von 24 Autorinnen und Autoren….

Engelien:
Alles Doktoranden?

Küntzel:
.... alles Doktoranden, die mit Stipendien von der Hans-Böckler-Stiftung gefördert werden. Und der Stein des Anstoßes war ein Papier, das ein von der Stiftung geförderter Doktorand verfasst hat und das geradezu gespickt war mit antisemitischen Stereotypen. Also: Zionisten würden die US-Regierung beherrschen uns so weiter und so fort. Gefordert wird die arabische Wiedervereinigung und Befreiung Palästinas ….

Englien:
War es ein Doktorand mit arabischem Einwanderungshintergrund?

Küntzel:
Offenbar ja, wobei das in meiner Untersuchung keine allzu große Rolle spielt, weil man diese Art von Argumentation auch jenseits des arabischen Bezuges kennt. Denn das Auffällige war, dass das Papier wirklich mit diesen Stereotypen gespickt war, aber das Wort „Jude“ tauchte nicht auf.

Engelien:
Sondern nur der „Weltzionismus“?

Küntzel:
Der Weltzionismus, der Zionismus. Und man hat mal wieder erlebt, dass „Zionismus“ durchaus das trojanische Pferd sein kann, das das antisemitische Klischee in die Zentren von progressiven Bewegungen trägt, denn wir haben es hier mit einer Debatte unter Menschen zu tun, die sich als „links“ verstehen.

Engelien:
Wie ist denn jetzt die Schar der Doktoranden und wie ist die Hans-Böckler-Stiftung selber damit umgegangen? Das Papier war von 2003, es zieht sich ja jetzt schon lange hin. Wie ist das diskutiert worden?

Küntzel:
Es gab schon einen sehr interessanten Kontrast. Es gab also eine Stellungnahme des hauptamtlichen Vertreters der Hans-Böckler-Stiftung, der diese Email sehr scharf kritisiert und deren antisemitische Inhalte hervorgehoben hatte. Zitat: „Wir tun alles, um Antisemiten und Antisemitismus in der Stiftung auszuschließen.“ Das ist ja eigentlich ganz in Ordnung. Auf der anderen Seite gab es im Kreis der Promovierenden zwar eine kleine Gruppe, die das aufgegriffen hat und empört war, die auch gute Argumente fand. Aber der Haupttenor dieser ganzen Diskussion bestand darin, erstens das Papier zu verteidigen, weil es ja über Zionismus spreche und nicht über Juden und zweitens fällt in der Begutachtung das brachiale Ressentiment gegen diejenigen auf, die diesen Antisemitismusvorwurf überhaupt erhoben hatten. Da wird dann also zum Beispiel gesagt: Antisemitismus „ist einfach nur ein doofes Schlagwort, mit dem man seinen Gegner, falls er nicht politisch korrekt pro Israel ist, mundtot machen kann“ oder es ist die Rede von der „Keule mit dem Antisemitismus“ oder wieder ein Zitat – wie gesagt, alles von Doktoranden, – „Ich habe den Eindruck, wer zuerst ,Du Antisemit!’ sagt, hat gewonnen.“ Das heißt, dass das Bemühen, diesen Antisemitismus zu verstehen oder seine Hintergründe zu klären , bei einem großen Teil der Teilnehmer dieser Diskussion nicht vorhanden war, sondern die Aggression eher gegen diejenigen gerichtet war, die überhaupt das Thema aufgeworfen hatten.“

Engelien:
Eine letzte Frage: Haben Sie den Eindruck, dass diese Art, wie die Diskussion in der Hans-Böckler-Stiftung gelaufen ist, die ja übrigens dann auch als Stiftung das nicht wollte, dass es überhaupt öffentlich wird – ist es Ihrer Einschätzung nach typisch für die Diskussion in der Bundesrepublik?

Küntzel:
Ich habe nach der Veröffentlichung meines Gutachtens eine Reihe von Briefen bekommen, die belegen, dass in anderen Stiftungen auch derartige Diskussionen stattfanden. Das Problem ist natürlich: Wir haben es hier mit den Kaderschmieden der zukünftigen Eliten in Deutschland zu tun. Und die Frage ist, wie man damit umgehen will. Will man auch Antisemiten finanziell mit Stipendien fördern? Oder will man eine Diskussion darüber in die Wege leiten? Bisher hat leider die Hans-Böckler-Stiftung den Entschluss gefasst, diese Diskussion, obwohl sie schlecht gelaufen war – oder gerade deswegen – eher hinter geschlossenen Türen zu halten und explizit erklärt: „Wir möchten nicht, dass das einer allgemeinen Öffentlichkeit zugänglich wird.“ Ich meine, dass dieses Vorgehen verkehrt ist.

Engelien:
Das war der Politikwissenschaftler Dr. Matthias Küntzel. Sein Buch „Djihad und Judenhass“ ist im Ca ira-Verlag, Freiburg, erschienen. Herzlichen Dank nach Hamburg.