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Literaturkritik.de, Oktober 2007

"Ein hohes Maß an ideologischer Kontinuität"

Ekkehard Ellinger über die "Deutsche Orientalistik zur Zeit des Nationalsozialimus 1933-1945 · Von Matthias Küntzel

Der Autor bezeichnet diese als Dissertation angenommene Studie als “ein(en) erste(n) Ansatz”, um “ein umfassendes und geordnetes Bild der personellen, organisatorischen, institutionellen und inhaltlichen Interaktion von Orientalistik und Orientalisten und dem NS-Regime zu vermitteln.” Diesem Anspruch wird Ellinger mit seinem profunden 600-Seiten-Opus vollends gerecht.

Im ersten Teil beschreibt der Autor das Netzwerk, dass sich die Orientalisten seit der Gründung ihrer Disziplin im 19. Jahrhundert geschaffen hatten: Hier die einzelnen Hochschullehrer, von denen sich nur eine verschwindende, bei Ellinger jedoch gewürdigte Minderheit dem Zugriff des NS verweigerte. Dort die privaten Organisationen wie etwa die “Deutsche Morgenländische Gesellschaft” und die staatlichen Institutionen: Bibliotheken, Museen, Wissenschaftsakademien und orientalische Seminare. So war die Orientalistik 1933 mit Ausnahme Kölns an jeder deutschen Universität präsent. Ellinger beschreibt im Detail, dass und wie sich die deutsche Orientalistik den Prämissen der NS-Politik unterwarf und ab 1939 kriegswichtige Funktionen übernahm. So war der durch seine Koranübersetzung berühmte Rudi Paret ab 1941 “als Dolmetscher im Deutschen Afrikakorps wiederzufinden.”
Im zweiten Teil analysiert Ellinger die inhaltlichen Spektren und Intentionen der orientalistische Literatur. Hier fällt besonders die Geschmeidigkeit ins Auge, mit der sich die Orientalistik den jeweiligen außenpolitische Interessen des Regimes anzupassen wusste. Beispiel Islam: Während der “türkische Islam” in Anlehnung an die Politik Atatürks als ein Fortschrittshemmer betrachtet wurde, akzeptierte man den iranischen Schiismus als Staatsreligion, während der Islam der arabischen Länder als angebliche Wurzel ihrer nationalen Identität ebenso gerühmt wie instrumentalisiert wurde.
Schon im Ersten Weltkrieg hatte Deutschland als Bündnispartner des osmanischen Reichs den antiwestlichen Djihad anzustacheln gesucht. Im Zweiten Weltkrieg wurde die religiöse Propaganda intensiviert. Ellinger zitiert ein SS-Gutachten, demzufolge Anfang der 1940er-Jahre “nur noch 5% aller sowjetischen Moslems [...] überzeugte und praktizierende Anhänger ihres Glaubens” waren. Man hoffte jedoch “weitere 20 % [...] vielleicht durch Missionierung” zu gewinnen und setzte die religiöse Propaganda als Kriegsinstrument ein. “Der Nationalsozialismus” – so gab das SS-Hauptamt im Mai 1943 bekannt, solle “den Muselmanen” als eine “völkisch bedingte deutsche Weltanschauung und der Islam als völkisch bedingte arabische Weltanschauung unter Herausstellung der gemeinsamen Feinde: a) Judentum b) Anglo-Amerikanismus c) Kommunismus d) Freimaurerei e) Katholizismus (Vatikan) und der gemeinsamen positiven Linie: a) kämpferische Grundeinstellung b) ethisch-sittliche Erziehung c) völkische Erziehung [...] vermittelt” werden.
Mit den Folgen dieser “Missionierung” haben wir es heute noch zu tun. So sind die deutschen Orientalisten besonders in der arabischen Welt mit einer exzeptionellen Präsenz nationalsozialistischen Gedankenguts konfrontiert: Hier stellt der liebevoll vorbereitete Vortrag einer Ode aus Anlass von Hitlers Geburtstag oder die Sympathiebekundung für den Holocaust eher die Regel als die Ausnahme dar. Hier ist Hitlers Buch “Mein Kampf”, das laut Ellinger 1934 in arabischen Teilübersetzungen in Bagdad, Beirut und Kairo erschien, auch heute noch angesehener als irgendwo sonst.
Um so aufschlussreicher Ellingers abschließender Exkurs über die “Deutsche Orientalistik nach 1945”. Hier zeigt der Autor – unter anderem am Beispiel des bereits erwähnten Rudi Paret – wie sich die Nachkriegsorientalistik in Westdeutschland und in der DDR gleichermaßen um die Aufarbeitung der eigenen Geschichte drückte. Der 1981 von Udo Steinbach und Karl Kaiser herausgegebene Sammelband “Deutsch-arabische Beziehungen” – ein Standardwerk der westdeutschen Politikwissenschaft – steht für den Trend: Während der historische Teil des Buches mit 1914 abschließt, setzt der gegenwartsbezogene im Jahre 1960 an. Die Tatsache, dass die deutschen Orientalisten – so Ellinger – “Parteimitglieder, Ministerialangestellte, Geheimdienstler, Wehrmachtsangehörige und SS-Mitglieder waren, dass sie über ihre Organisationen und Institutionen der NS-Politik zugerarbeitet hatten und dass sie durch ein extrem rassistisches, antisemitisches, völkisches, antikommunistisches, antiamerikanisches, anglophobes, frankophobes und germanozentristisches Schrifttum aufgefallen waren”, blieb über Jahrzehnte unterdrückt.
Während dieser Befund auch für andere Wissenschaftsbereiche Geltung haben mag, betrifft er im Falle der Orientalistik deren gegenwärtiges Schaffen direkt: Bekanntlich hat bis heute kein deutscher Orientalist die antisemitische Charta der Hamas oder Sayyid Qutbs Pamplet “Unser Kampf gegen die Juden” übersetzt oder die Öffentlichkeit über Holocaust-Leugnung und Hitler-Verehrung in islamischen Räumen angemessen informiert.
Dass derartige Defizite nicht ohne Folgen bleiben, zeigt Ellinger auch am Beispiel Israels auf. Während die wissenschaftliche Behandlung Israels als Staat des Vorderen Orients eigentlich schon seit 1948 in die deutsche Orientalistik hätte integriert werden müssen, geschah dies eben nicht: “Sowohl philologisch-historisch als auch gegenwartsbezogen wurden Israel und das Judentum aus der orientalistischen Diskussion ausgeschlossen. [...] Nach 1990 konnte die gesamtdeutsche Orientalistik [...] die Strategie eines rein islamisch-arabisch in Abgrenzung zu Israel verstandenen Nahen Ostens fortführen.” So gab es selbst noch 1999 unter den 511 Mitgliedern des Vereins “Deutsche Arbeitsgemeinschaft Vorderer Orient” (DAVO) nur eine einzige Person, die der Israelwissenschaft und Hebraistik zuzuordnen war.
Ellinger schließt sein Werk, dessen Lesbarkeit mit Detailüberfrachtungen und Bandwurmzitaten zuweilen unnötig erschwert wird, mit einem Buche im Buch: Einer über 80-seitigen Zusammenstellung von 228 Kurzbiografien deutscher Orientalisten sowie einem 45-seitigen Literaturverzeichnis, das die überragende Rechercheleistung des Autors bezeugt. Abgesehen von den alarmierenden, auch auf die Gegenwart verweisenden Resultaten seiner Studie hat Ellinger somit ein Nachschlagwerk geschaffen, dem man für die künftigen Generationen der Orientalistik nur die größtmögliche Verbreitung und Berücksichtigung wünscht.

Ekkehard Ellinger: Deutsche Orientalistik zur Zeit des Nationalsozialismus 1933-45. Verlag Deux Mondes, Neckarhausen 2006. 595 Seiten, 44, 00 EUR. ISBN 3932662113.