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Deutschlandradio Kultur, 27. Juni 2010

Zur Geschichte des Islamismus in Deutschland

Rezension von "A Mosque in Munich" von Ian Johnson · Von Matthias Küntzel

Im Winter 2003 betrat Ian Johnson, damals Bürochef des Wall Street Journal in Berlin, einen Buchladen radikaler Islamisten in London und machte eine Entdeckung. Er fand eine Weltkarte des Islam, die in ihren Ecken die vier wichtigsten Moscheen der Erde zeigt: Mekka, Jerusalem, Istanbul und – eine Moschee in München.

Die Frage, warum ausgerechnet eine Münchener Moschee diesen Rang einnimmt, ließ den mit dem Pulitzerpreis ausgezeichneten Journalisten nicht mehr los: Er recherchierte in Archiven, ließ geheime CIA-Dokumente deklassifizieren, stöberte in Nachlässen und interviewte Zeitzeugen.

„Eine Moschee in München“ – heißt sein Buch, das sich um jenes Gebetshaus im Münchener Bezirk Schwabing-Freimann mit seiner kuppelförmigen Halle und seinem 33 Meter hohen Minarett dreht. Johnson ist allerdings nicht an dem Bauwerk interessiert, sondern an der dahinter stehenden Ideologie. Sein Buch geht der Geschichte des Islamismus in Deutschland auf den Grund – einer Geschichte, die nicht mit der Ankunft türkischer Gastarbeiter beginnt, sondern mit dem Überfall der deutschen Wehrmacht auf die Sowjetunion.

Er berichtet von den Bemühungen der nationalsozialistischen Führung, die Muslime aus den Randzonen der Sowjetunion als Überläufer zu gewinnen und für den Feldzug gegen Moskau einzuspannen und er beschreibt die Versuche aus der Nachkriegszeit, einige dieser Muslime im Kontext des Kalten Kriegs erneut gegen die Sowjetunion in Stellung zu bringen – nun allerdings mit der Waffe der Radiopropaganda und der Infiltration.

Immerhin blieben von den 250.000 Muslimen, die Anfang der Vierzigerjahre in den Reihen der Wehrmacht und der SS kämpften, Tausend nach Kriegsende in Westdeutschland zurück. Sie waren in München – dem damaligen Mekka aller antibolschewistischen Bewegungen – besonders präsent.

Und doch war es nicht diese Gruppe der Muslime, sondern eine deutsche Behörde, die 1957 den Anstoß zum Moscheebau gab. Auf Veranlassung des Vertriebenenministeriums wurde ein alter Kamerad, der Usbeke Nurredin Namangani, mit dem Vorsitz der „Moscheebau-Kommission“ betraut. Johnson schreibt:

Im Krieg war Namangani zum Oberimam der SS Division „Osttürkischer Waffenverband“ aufgestiegen. Diese Einheit hatte 1944 bei der Niederschlagung des Warschauer Aufstands geholfen. Namangani wurde für seine Dienste mit dem Eisernen Kreuz der Ersten und der Zweiten Klasse ausgezeichnet, zwei der höchsten Auszeichnungen, die [Nazi-] Deutschland zu vergeben hatte. [S. 97].

Dass dieser SS-Führer 14 Jahre später als ein Spitzenfunktionär der Muslime in Deutschland reüssierte, ist bemerkenswert. Johnson aber wartet mit einer weiteren Überraschung auf. Bei der Wahl Namanganis zum Vorsitzenden der Moschee-Komission saß ein prominenter Ägypter mit im Raum: Said Ramadan, der damals bekannteste Führer der islamistischen Muslimbruderschaft und Schwiegersohn ihres Gründers Hassan al Banna.

Ausgerechnet die CIA hatte den prominenten Muslimbruder als Kämpfer gegen den Kommunismus nach München bugsiert. Dass Said Ramadan auch die westliche Ordnung abschaffen wollte, sah man nicht oder wollte man nicht sehen.

Damals wie heute wurde die radikale Agenda der Bruderschaft, die die Rückkehr zu einem mythischen Zustand des reinen Islams vorsieht, durch die Verwendung moderner Symbole –westliche Kleidung, westliche Rhetorik – verdeckt. [S. 127]

Johnson unterzieht das Verhalten der Amerikaner, die sich vom alerten Auftreten des Muslimbruders täuschen ließen, dessen Ideologie hingegen ignorierten, einer beißenden Kritik. In der Tat ging die Muslimbruderschaft in München ihren eigenen Weg: Schon 1960 hatte sie die alten Wehrmachtskameraden aus der Moschee-Kommission verdrängt und die Münchener Moschee zu ihrem Zentrum gemacht. Johnson schreibt:

Fast alle westlichen Aktivitäten der Bruderschaft wurden von jener kleinen Gruppe von Menschen entfaltet, die diese Moschee führten. München war der Brückenkopf, von dem aus sich die Bruderschaft in westlichen Gesellschaften verbreitete…. Hier in Europa hatten sie die Möglichkeit, im Schutz der Gesetze und der demokratischen Institutionen dauerhafte Strukturen zu entwickeln. [S. XVI und S. 195]

Im letzten Teil seines Buches behandelt Johnson das kluge Taktieren der Muslimbrüder in der Gegenwart und die fortgesetzte Weigerung des Westens, deren ideologischen Konzepte ernst zu nehmen.

Sein Buch ist eine hochrelevante historische Studie, deren Erkenntniswert unmittelbar auf die Gegenwart zielt. Gelegentlich verliert es sich in Details. In der Regel aber liest sich „Eine Moschee in München“ wie ein Kriminalroman. Es ist zu hoffen, dass dieses Buch bald schon in deutscher Sprache erscheint.