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iz3w (informationszentrum 3. welt), Heft 354, Mai/Juni 2016, S. 6-9.

"Ihr liebt das Leben, wir den Tod!"

Die Kriegswaffe des Selbstmordattentats ist bis heute nicht explizit geächtet · Von Matthias Küntzel

Der Einsatz von ABC-Waffen als Mittel des Krieges wurde von der internationalen Staatengemeinschaft geächtet. Selbstmordattentaten hingegen wurde im UN-System bis heute nicht ausdrücklich jede Legitimation abgesprochen. Sie gelten nicht nur radikalen Islamisten als gerechtfertigtes Kampfmittel. Während aber Muslime und selbst manche Islamisten sich zunehmend von Suicide Attacs distanzieren, bleibt die westliche Politik indifferent.

Das Grauen, das uns nach den Brüsseler Terroranschlägen erneut erfasst, beginnt mit den Selbstmordattentätern selbst. Sie haben in sich einen existenziellen Willen abgetötet, der eigentlich allen Lebewesen gemeinsam ist: den Überlebenswillen. Wer aber entschlossen ist, sein Leben zu opfern, lässt sich durch nichts abschrecken und ist zu jedem Verbrechen bereit.

Bisher war Krieg von einigen Ausnahmen abgesehen eine räumlich und zeitlich begrenzte Ausnahmesituation. Selbstmordterroristen heben diese Begrenzungen auf. Ihr Tatort ist der Flughafen, die U-Bahn, der Konzertsaal, das Café, die Moschee oder der Markt – Orte, an denen sich Menschen sammeln.

In Paris kostete die Mordorgie vom 13. November 130 Menschen das Leben, 352 wurden verletzt. Die Kriegsführung der Selbstmordattentäter ist besonders heimtückisch: So hatten sich die Attentäter am Flughafen von Brüssel als Touristen getarnt, um diejenigen zu zerfetzen, die sie arglos in ihre Mitte ließen.

Das scheinbar Sinnlose folgt einem klaren Konzept. „Selbstmordattentate bringen dem Feind das größtmögliche Grauen bei relativ geringen Verlusten für die Islamistische Bewegung“, schrieb al-Qaida-Führer Ayman al Zawahiri im Jahr 2001. Am besten seien Anschläge, die möglichst viele ZivilistInnen töten: „Das verbreitet bei den Völkern des Westens den größten Schrecken. Das ist die Sprache, die sie verstehen.“[1]

Inzwischen wurden sie vor allem zu einem Schrecken für die islamische Welt, morden sie doch in erster Linie Muslime und Musliminne in Syrien, Irak, Afghanistan oder Pakistan.

Selbstmordattentate bedrohen gleichzeitig die Grundvoraussetzungen demokratischer Gesellschaften, denn sie nötigen diese, entweder die Freiheit zu opfern, um Sicherheit zu schaffen, oder Unsicherheiten und permanente Furcht zu akzeptieren.

All die Rufe nach besserer Überwachung und geheimdienstlicher Operation, wie sie auch nach den Brüsseler Anschlägen zu hören waren, und all die Versuche, den Islamischen Staat mit Luftschlägen zu treffen, greifen deshalb zu kurz, solange dies eine nicht gelingt: Die Kriegsform des Selbstmordattentats als ein Verbrechen gegen die Menschheit politisch und juristisch so zu ächten, wie man einst den Einsatz der ABC-Waffen geächtet hat.

Tatsächlich aber findet diese Forderung, die in der Vergangenheit von Organisationen wie Human Rights Watch und Einzelpersonen wie dem Holocaust-Überlebenden Elie Wiesel erhoben wurde, auch nach den Anschlägen von Brüssel und Paris kein Gehör. Viele scheinen das Selbstmordattentat für ein Grundmerkmal des Islam oder zumindest des Islamismus zu halten. Doch diese Annahme ist falsch. In Wirklichkeit sind der islamistisch motivierte Selbstmordattentäter und die Selbstmordattentäterin eine historisch neue Figur. Vor 35 Jahren hat es ihn noch nicht gegeben.

Vom „Blute der Märtyrer“

Von 1979 bis 1989 führten sunnitische Islamisten, unterstützt von den USA, ihren Krieg gegen die Sowjets in Afghanistan. In diesem Zeitraum gab es dort kein einziges Selbstmordattentat.[2] Dies hatte einen einfachen Grund: Das Suicide Bombing widerspricht den Vorgaben des Koran. Erstens verbietet auch der Islam das Menschenopfer für Gott, zweitens ist die Tötung beliebiger Menschen, die sich zufällig am Ort des Massakers befinden, verboten und drittens ist die Selbsttötung strikt untersagt. „Begeht nicht Selbstmord“, heißt es in Sure 4, Vers 29 des Koran: „Wer dieses tut (…), den werden Wir brennen lassen im Feuer.“

Gewiss: Es finden sich im Koran zahllose Verse, die das Töten ausdrücklich empfehlen. „Und wenn ihr die Ungläubigen trefft“, heißt es zum Beispiel im vierten Vers der 47. Sure, „dann herunter mit dem Haupt, bis ihr ein Gemetzel unter ihnen angerichtet habt.“

Andere Verse rufen die Muslime dazu auf, den Tod mehr zu lieben als das Leben: „Dieses irdische Leben“, heißt es zum Beispiel Sure 29, Vers 64, „ist nichts als Zeitvertreib und ein Spiel, und siehe, die jenseitige Wohnung ist wahrlich das Leben.“ Der Märtyrertod gilt als besonders attraktiv: Wer als Märtyrer stirbt, dem werden alle Sünden vergeben. Zugleich wird das Leben nach dem Tod mit sexuellen Verlockungen schmackhaft gemacht: „Jungfrauen mit schwellenden Brüsten“, aber auch „unsterbliche Knaben“ verspricht der Koran, die der Märtyrer in den „Gärten der Wonne“ genießen könne.[3]

Hierauf aufbauend entwickelten die 1928 in Ägypten gegründeten Muslimbrüder ihren Märtyrerkult: Für sie war und ist „der Tod für die Sache Gottes ihr erhabenster Wunsch.“

Und doch war ihr Aufruf, den Tod im Zuge des Djihad gegen Ungläubige nicht zu fürchten, von der heutigen Praxis des suizidalen Massenmords, bei dem die Täterin und der Täter den Selbstmord willentlich vorbereiten, weit entfernt.

Die frühen Ideologen des Islamismus wollten keine Muslime, die durch Sterben kämpfen, sondern solche, die durch Kämpfen sterben; die in auswegloser Situation ihr Leben also eher opfern als zu kapitulieren. Dies ist von der Praxis späterer Selbstmordattentäter, die sich willentlich in einer keineswegs ausweglosen Situation in den Tod stürzen, weit entfernt.

Es bedurfte der Beihilfe der islamistischen Schiiten, um die Kluft zwischen Märtyrerverherrlichung und Selbstmord-Kultur zu schließen. Denn für Schiiten ist Hussein, der Enkel Mohammeds, die religiöse Schlüsselfigur. Hussein, der sich im Jahr 680 ohne die geringste Überlebenschance in die berühmte Schlacht von Kerbala stürzte, wurde grausam niedergemetzelt. Seither ist das Martyrium Husseins der Kern der schiitischen Ideologie und der Ashura-Tag das höchste Fest gläubiger Schiiten.

So ist es kein Zufall, dass auch die Sekte der Assassinen schiitisch war. Deren Kader hatten bereits im 11. Jahrhundert den Tod mehr als das Leben geliebt. Und doch hatte ihre Kampfform mit der der heutigen Suicide Bomber wenig gemein: Erstens erdolchten die Assassinen stets sorgfältig ausgewählte Herrscher, also Einzelpersonen, denen sie sich inkognito näherten. Und zweitens töteten sie niemals sich selbst, sondern nahmen nach dem Mord ihre Hinrichtung in Kauf. Allerdings setzte man damals schon den Überlebenswillen mittels Paradiesversprechungen außer Kraft.

Hieran knüpfte der iranische Revolutionsführer Ajatollah Khomeini an. „Wir siegen, indem wir töten und indem wir getötet werden“, erklärte er im September 1979. Die natürliche Welt sei nur „der Abschaum der Schöpfung“, das Jenseits aber eine „göttliche Welt, die unerschöpflich“ ist.[4]

Eckstein der iranischen Macht

Khomeini beließ es nicht bei Worten. 1982, im Krieg zwischen dem Irak und dem Iran, schickte der Revolutionsführer Tausende iranischer Kinder ab zwölf Jahre in den sicheren Tod: Er veranlasste sie, die Minenfelder mit ihren jungen Körpern zu räumen, um, so die Propaganda, ins Paradies zu kommen. Vor den Einsätzen wurde ihnen ein silberner Plastikschlüssel um den Hals gehängt, der ihnen die Pforten zum Paradies öffnen werde.

Diese Lüge verfing. „Sie kommen in riesigen Horden“, klagte 1982 ein irakischer Offizier. „Man kann die erste Welle erschießen, auch die zweite, aber irgendwann türmen sich vor dir die Leichen, dass du nur noch heulen und dein Gewehr wegwerfen willst, das sind doch alles Menschen.“[5]

Im November 1982 kopierte der 15-jährige Schiit Ahmad Qusayr erstmals diese Methode und sprengte in der libanesischen Stadt Tyros sich selbst und mehrere Israelis in die Luft.[6] Khomeini erklärte Qusayr zum „Helden des Islam“ und ließ ihm in Teheran ein Denkmal errichten: Das Kampfmittel des suizidalen Massenmords war geboren.

Es vergingen mehr als zehn Jahre, bevor auch sunnitische Islamisten ihre religiös bedingten Skrupel überwanden: 1993 starteten die Al-Qassam-Brigaden der Hamas ihre erste Selbstmord-Operation. Obwohl theologisch weiterhin umstritten, setzte sich dieses Kampfmittel einige Jahre später im Zuge der zweiten Intifada durch. Mittlerweile hat es sich global verbreitet: 2013 hatte es weltweit 305 Selbstmordattentate gegeben. 2014 waren es 592 Angriffe, eine Steigerung um 94 Prozent.[7]

In jüngster Zeit erreichte der Islamische Staat seine Bodengewinne nicht zuletzt mithilfe der Schockwirkung massenhaft eingesetzter Selbstmordattentäter. Dem Bericht eines IS-Kommandeurs zufolge begannen Angriffe mit dem Einsatz von PKWs, deren Fahrer sich mittels einer Ladung Sprengstoffs in die Luft jagten. Es folgte eine zweite Welle von Suicide Bombers, die sich zu Fuß in die Reihen ihrer Gegner schleusten, um dort hochzugehen. Erst im dritten Schritt folgte das Gros der Bodenkämpfer, die die Reihen der verstörten und verängstigten Verteidiger mit Leichtigkeit durchbrachen.[8]

Auf diese Karriere des Selbstmordattentats ist das iranische Regime auch jetzt noch stolz.

„Wir sehen heute, dass sich die Liebe zum Märtyrertum wie ein Lauffeuer alltäglich in jedem Land auf der Welt verbreitet“, jubilierte im Februar 2015 Ali Shirazi, der Vertreter des iranischen Revolutionsführers Ali Khamenei bei den Revolutionären Garden.[9] Es sei entscheidend, die „Kultur des Märtyrertums am Leben zu erhalten“, erklärte 2015 auch Khamenei selbst. „Wenn die Kultur des Opfers und der Märtyrertums sich in einer Gesellschaft verbreitet, wird diese Gesellschaft voranschreiten und niemals anhalten oder zurückweichen.“[10] Irans Außenminister Javad Zarif bezeichnete „die Kultur des Opfers und des Märtyrertums“ als „den Eckstein der iranischen Macht“.[11]

Muslime gegen Selbstmordattentate

Mit dieser Haltung steht Teheran jedoch zunehmend allein, wie Umfrageergebnisse des renommierten PEW Research Centers zeigen. Während 2005 nur 11 Prozent der JordanierInnen Selbstmordattentate grundsätzlich ablehnten, waren es 2014 bereits 55 Prozent. Dementsprechend ging die Zustimmung zu Selbstmordattentaten in Jordanien von 57 Prozent in 2005 auf 15 Prozent in 2014 zurück. Im Libanon stieg die Ablehnungsrate im gleichen Zeitraum von 33 auf 45 Prozent, in Pakistan von 46 auf 83 Prozent und in Indonesien von 66 auf 76 Prozent.[12]

Darüber hinaus grenzen sich derzeit wichtige Sprecher der sunnitischen Welt von diesem Kampfmittel ab. Zu ihnen gehört Muhammad Aal Al-Sheikh, ein bekannter saudischer Journalist, der im September 2015 in der regierungseigenen Zeitung Al-Jazirah alle „vernünftigen Theologen“ dazu aufrief, gegen Selbstmordattentate vorzugehen:

„Wenn die religiösen Gelehrten des saudischen Königsreichs … es den Herrschern in der gesamten muslimischen Welt erlaubten, einen jeden zu beobachten, zu bestrafen und abzuschrecken, der Selbstmord-Operationen unterstützt – dann würden wir nicht nur die Hände von ISIS und Al-Qaida binden, sondern auch den Islam gegen jene verteidigen, die mit ihm spielen und ihn geringschätzen.“[13]

Auch wenn es am wahabitischen Islam der Saudis nichts zu verteidigen gibt, deutet sich in diesem Punkt die Möglichkeit einer Trendwende zumindest an.

Nicht minder überraschend war die Erklärung des prominentesten Muslimbruders, Scheich Yusuf al-Qaradawi, der zu den extremsten islamistischen Ideologen der Gegenwart gehört: Er bezeichnete den Holocaust als gerechte Strafe, forderte die Tötung aller ZionistInnen und sanktionierte die Selbstmordattentate in Palästina. Im Sommer 2015 aber rückte er unter dem Eindruck des IS-Terrors von seiner Zustimmung zu Selbstmordattentaten wieder ab: „Es gibt für Märtyreroperationen keine Rechtfertigung mehr.“[14]

Er begründet dies reichlich abwegig damit, dass die PalästinenserInnen inzwischen über weit reichende Raketen verfügten, auf Selbstmordattentate also nicht mehr angewiesen seien. Natürlich wird, wer sich wie Qaradawi diskreditiert hat, den Geist des Selbstmordattentats nicht wieder in die Flasche zurückbeordern können – doch bezeugt auch seine Korrektur, dass sich in relevanten Sektoren der islamischen Geistlichkeit etwas tut. Darauf kommt es an. Denn der Todeskult der Suicide Bomber wird nur dann überwunden werden können, wenn ihn die islamische Welt systematisch delegitimiert.

Davon kann heute aber leider noch keine Rede sein. Dies belegt eine erst kürzlich bekannt gewordene Broschüre der türkischen Religionsbehörde Diyanet, in der Kindern das Märtyrertum beigebracht wird. Die Diyanet ist als türkisch-islamischer Dachverband auch in Deutschland und Österreich die einflussreichste Organisation für Muslime, berichtet Ednan Aslan, eine islamischer Religionspädagoge aus Wien. „In einem von ihr veröffentlichten Comic diskutiert ein Vater mit seinen Kindern, warum es gut ist, als Märtyrer zu sterben. Seine Tochter beklagt sich, dass sie als Mädchen von dieser Ehre ausgeschlossen bleibt. Daraufhin erklärt ihr der Vater, was der Prophet sagt: Wer die Absicht zum Martyrium habe, werde auch wie die Märtyrer von Sünden befreit, er fühle den Schmerz des Todes nicht.“[15]

Versagen der internationalen Politik

Wollte die ‚internationale Gemeinschaft’ den Horror islamistischen Terrors überwinden, müsste sie die Selbstmordattentate als „Verbrechen gegen die Menschheit“ kennzeichnen und all diejenigen, die den Suicide Terror propagieren, ächten, isolieren und bestrafen.

Davon ist man aber weit entfernt. Zwar wurde der 2002 geschaffene Internationale Gerichtshof mit der Aufgabe betraut, den Tatbestand des „Verbrechens gegen die Menschheit“ zu definieren und zu ahnden. Was unter derartigen Verbrechen zu verstehen ist, legt Artikel 7 des „Römischen Statuts“ in dreizehn Einzelpunkten fest. Der Unterpunkt Suicide Terror taucht in dieser Auflistung jedoch nicht auf.

Die Staatengemeinschaft einschließlich Deutschlands ist sich bis heute noch nicht einmal darüber einig, ob es sich bei Selbstmordattentaten um Terror handelt oder nicht. Aus eben diesem Grund sind die Verhandlungen über eine „Umfassende Konvention über den Internationalen Terrorismus“, die die Vereinten Nationen 1996 zu führen begannen, seit Jahren blockiert. Hierbei bestehen insbesondere die Mitgliedstaaten der „Organisation für Islamische Zusammenarbeit“ auf eine Konvention, die die Selbstmordattentate von Hisbollah und Hamas vom Terror-Verdikt ausklammert und als Widerstand gegen „fremde Besatzung“ implizit legitimiert.[16]

Die EU hat zwar in ihrem Rahmenbeschluss zur Terrorismusbekämpfung vom 13. Juni 2002 den Begriff der „terroristischen Straftaten“ definiert, doch fehlt auch bei ihr ein Hinweis auf Suicide Terror. Demgegenüber beschränkt sich das im Januar 2002 vom Bundestag beschlossene „Gesetz zur Bekämpfung des internationalen Terrorismus“ darauf, die Befugnisse der Geheimdienste zu erweitern, ohne sich an einer Definition von „Terrorismus“ auch nur zu versuchen.

Linke Verharmlosung und Ignoranz

Ein möglicher Grund für diese Zurückhaltung ist die Weigerung, die offensive Ideologie des Islamismus wirklich zur Kenntnis zu nehmen. Immer wieder wird der islamistische Selbstmordterror als Verzweiflungstat gegen Israel oder den Westen rationalisiert und als „Waffe der kleinen Leute“ romantisiert.

„Was sollen die Armen machen im Vorderen Orient, die seit Jahren dem Kolonialismus ausgesetzt sind?“, fragte zum Beispiel Oskar Lafontaine Anfang 2016 auf einer Großveranstaltung der Linkspartei. „Sie haben keine Bomben, sie haben keine Raketen, sie haben keine Heere, die sie auf den Weg bringen können, um ihrer Interessen zu wahren – und dann greifen sie zum Selbstmordattentat. Das zeigt doch die ganze Perversion unserer Weltordnung, dass sich Menschen nur so noch wehren können.“[17]

Lafontaine lässt außer Acht, dass Selbstmordattentate in erster Linie Muslime konkurrierender Glaubensrichtungen zerfetzen. Er ignoriert, dass die Attentäter ausweislich ihrer letzten Videoaufzeichnungen den suizidalen Massenmord keineswegs verzweifelt, sondern hoffnungsfroh und stolz begehen. Er will nicht sehen, dass ihre Tat nicht die Verbesserung der Welt, sondern ihre Unterjochung unter Allahs Gesetz bezweckt. Seine Rechtfertigung des Terrors fällt all den Muslimen und Musliminnen in den Rücken, die gegen die Talibanisierung ihrer Lebensumstände kämpfen.

Es ist bezeichnend für die gegenwärtige Situation, dass kurz nach dem Pariser Massaker ein führender Politiker der Linken den Selbstmordterror an derart prominenter Stelle rechtfertigt, ohne dass die Öffentlichkeit daran groß Anstoß nimmt.

Die Verachtung des Lebens breitet sich derweil nicht nur in Form der Selbstmordattentate aus. Die Kultur des Todes manifestiert sich auch in der Praxis der „menschlichen Schutzschilde“, die von Hamas und Hisbollah begonnen und vom Islamischen Staat übernommen worden ist. Im Juli 2014 wurde während des Gaza-Kriegs 260 Hamas-Raketen von Schulen abgefeuert, 160 von Moscheen und anderen religiösen Einrichtungen, 50 von Krankenhäusern sowie 597 von sonstigen Bevölkerungszentren.[18]

Selbstmordattentate sind generell zu verurteilen. Auch Organisationen wie die PKK oder die Tamil Tigers, die ihrer Mitglieder in den sicheren Tod schicken, haben die Bezeichnung „Befreiungsbewegung“ verwirkt. Islamistische motivierte Selbstmordattentat aber sind eine Kriegserklärung an die Menschheit und muss als solche erkannt und geächtet werden.

1 So Zawahiri in seinem im März 2001 erschienenen Buch „Knights under the Prophet’s Banner“, zit. nach Berliner Zeitung, 8. März 2002.

2 Waliullah Rahmani: Combating the Ideology of Suicide Terrorism in Afghanistan. Terrorism Monitor, Volume IV, Issue 21, 2. November 2006. Rahmani zufolge fand das erste Selbstmordattentat in Afghanistan erst 1992 statt.

3 Sure 78, Vers 33 sowie 56/12 und 76/19.

4 Zit. nach Haidar G. Azodanloo: Characteristics of Ayatollah Kohomeini’s discourse and the Iraq-Iran war, in: Orient, 1993, Heft 3, S. 409.

5 Zit. nach Spiegel 31/1982, S. 93.

6 Josef Croiteru: Der Märtyrer als Waffe. Die historischen Wurzeln des Selbstmordattentats. München 2003, S. 132.

7 Amos Harel, in Haaretz, 4. Januar 2015.

8 Jonathan Spyer, in The Australian, January 23, 2016. Die Zahl der freiwilligen Selbsttötungskandidaten soll aber stark zurückgegangen sein, berichtet Spyer, weshalb man die Angriffstaktik habe ändern müssen.

9 Zit. nach MEMRI, Special Dispatch No. 5996, March 17, 2015.

10 Ebd.

11 Zit. nach IRNA, September 15, 2014.

12 The Pew Global Attitudes Project: Support for Terror Wanes Among Muslim Publics, July 14, 2005, p. 2 sowie dies.: Muslim Views on Suicide Bombing in 2014, www.pewglobal.org .

13 Zit nach MEMRI, Special Dispatch No. 6170, September 30, 2015.

14 Zit. nach MEMRI, Special Dispatch No. 6116, July 28, 2015.

15 “Radikale Willkommenskultur”, Evelyn Finger im Gespräch mit dem Religionspädagogen Ednan Aslan, in: ZEIT, 31. März 2016. Im Gegensatz zu dieser Darstellung setzen islamistischen Organisationen auch weibliche Selbstmordattentäter (z.B. in Nigeria, Irak, Tschetschenien oder gegen Israelis) ein, obwohl den Frauen ansonsten die Teilnahme an Straßenkämpfen oder das Tragen von Waffen verboten ist.

16 “Nothing in this Convention shall affect … the activities of the parties during an armed conflict, including in situations of foreign occupation…”, heißt es in dem 2002 vorgelegten Formulierungsvorschlag der Organisation für Islamische Zusammenarbeit, siehe www.un.org/documents/ga/docs/57/a5737.pdf , Annex IV.

17 Martin Reeh, Oskar und die Selbstmordbomber, in: taz, 11. Januar 2016.

18 Independent Media Review Analysis (IMRA), 5. August 2014.