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Hamburg, den 24. November 2008

Das "Zentrum für Antisemitismusforschung" auf Abwegen

Über die Gleichsetzung von Antisemitismus und "Islamophobie" · Von Matthias Küntzel

Ist es wieder soweit? Gleicht die „Wut der neuen Muslimfeinde“ der Judenfeindschaft der Dreißigerjahre? Dies jedenfalls suggeriert das „Zentrum für Antisemitismusforschung der Technischen Universität Berlin“ in seinem „Jahrbuch 2008“, das in diesen Tagen erschien. Dessen Schwerpunktteil behandelt auf 120 Seiten das Thema: „Feindbild Islam und Islamisierter Antisemitismus“.

Am 8. Dezember 2008 wird das „Zentrum“ seine neuesten Erkenntnisse auf einer „wissenschaftlichen Konferenz“ mit dem Titel „Feindbild Muslim – Feindbild Jude“ präsentieren. Thematischer Schwerpunkt ist die Frage, „welche Gemeinsamkeiten Judenfeinde und Islamfeinde teilen.“ Ob man von einer wissenschaftlichen Konferenz wird sprechen können, muss sich zeigen. Bei der Lektüre des neuen „Jahrbuchs“ kommen Zweifel auf.

Wenden wir uns zunächst dem Begriff des „Islamfeindes“ zu. Ganz am Anfang des Jahrbuchs definiert Frau Dr. Königseder, eine Mitarbeiterin des Zentrums, den Begriff „Islamophobie“ als generell ablehnende Einstellung „gegenüber muslimischen Personen und allen Glaubensrichtungen, Symbolen und religiösen Praktiken des Islams.“[1]

Doch eben daran hält sich Frau Dr. Königseder nicht. Ich greife als Beispiel ihre Darstellung des Streits um die dänischen Mohammed-Karikaturen heraus. Es habe sich, schreibt sie, bei den Bildern von Mohammed um ein „Hetzwerk“ gehandelt habe, das niemals hätte veröffentlicht werden dürfen. Anstatt „die Presse- und Meinungsfreiheit … wie eine Monstranz vor sich her“ zu tragen, hätten die Medien „die Verletzung des religiösen Empfindens und damit der Menschenwürde vieler Muslime“ bedenken und somit auch auf eine spätere Veröffentlichung dieser Bilder verzichten müssen. Im Gegensatz zu den „meisten westlichen Medien“ habe sich die britische Zeitung „Guardian“ vorbildlich verhalten, weil „ihr die Solidarität mit den Muslimen wichtiger (war) als mit den dänischen Kollegen.“[2]

Diese Darstellung geht von falschen Prämissen aus. „DIE Muslime“ hat es auch beim Karikaturenstreit nicht gegeben. Nicht wenige Muslime hatten die Veröffentlichung der Bilder in einer dänischen Tageszeitung befürwortet oder akzeptiert. Wenn die Autorin behauptet, dass die Bilder „bei Muslimen in aller Welt … auf Ablehnung“ gestoßen seien, unterschlägt sie, dass dies nur für die Muslime einer spezifischen „Glaubensrichtung“ stimmt. Im Widerspruch zu der von ihr zitierten Definition, bringt sie alle Medien, die sich den Forderungen jener islamistischen Tendenz nicht unterwarfen, in den Ruf der „Islamfeindlichkeit“.

Ihr Text ist aber nicht nur inkonsistent. Er ersetzt die Darstellung objektiv ermittelbarer Zusammenhänge durch gefühlte Empathie und bietet subjektive Gesinnung als wissenschaftliches Urteil feil.

Nicht besser sieht es mit dem Schlüsselbegriff „Islamismus“ aus: Er wird an keiner Stelle des Jahrbuchs ernsthaft definiert. Frau Dr. Königseders Erklärungsversuch kann eine solche Definition nicht ersetzen. Sie macht sich in ihren Beitrag für eine „Sichtweise“ stark, „die zwischen Religion und Islamismus, dem häufig für politische Ziele missbrauchten Islam, unterscheidet.“[3]

Der Islam wird durch Islamisten aber nicht „missbraucht“, sondern auf spezifische Weise interpretiert. Die Gründer des Islamismus – Hassan al-Banna, Sayyid Qutb, Abu al-Maududi – waren tiefreligiöse Menschen, die religiöse Traktate schrieben. Wer diese religiöse Dimension des Islamismus nicht zur Kenntnis nimmt, kann dessen Ideologie und Politik schwerlich verstehen. Wenn Frau Dr. Königseder darüber hinaus kolportiert, „dass auch seriöse Journalisten häufig einen Zusammenhang zwischen Terrorismus und Islam konstruieren“[4], wenn sie also selbst noch den Selbstmordterror von den Paradies-Verheißungen abzukoppeln sucht, die der Koran dem „Märtyrer“ verheißt, dann verweist dies auf einen bemerkenswert ignoranten Umgang mit der zur Verfügung stehenden Literatur.

Bemerkenswert sind auch die Kriterien, die Prof. Benz in seinem Versuch einer Abgrenzung von „Islam“ und „Islamismus“ benutzt. So unterscheidet er zwischen „der Mehrheit friedlicher Muslime“ auf der einen und „einer terroristischen Minderheit von Extremisten“[5] auf der anderen Seite. Damit suggeriert er einen Gegensatz, wie er in den Siebzigerjahren zwischen der westdeutschen Mehrheitsbevölkerung und der „Roten Armee Fraktion“ bestand. Mit der Wirklichkeit eines erstarkten iranischen Regimes, einer im Gaza regierenden Hamas und einer international aktiven Muslimbruderschaft, die in Jordanien und in Ägypten das politische Klima bestimmt, hat dies wenig zu tun.

Es ist nicht eine „kleine Minderheit wütender und extremer Islamisten“, so Prof. Benz , die einem Ahmadinejad und einem Nasrallah die Treue schwört, sondern es handelt sich um eine Massenerscheinung in der arabischen Welt. Oder will Prof. Benz das Mullah-Regime, die Hizbollah und die Hamas aus der Gruppe der Islamisten herausnehmen, um sie bei der „Mehrheit friedlicher Muslime“ zu verorten?

Diese Beispiele mögen ausreichen, um zu zeigen, dass das Jahrbuch eine Reihe von Schlüsselbegriffen wie „Islamfeind“ oder „Islamismus“ versus „Islam“ nicht präzise, sondern schwammig oder fehlerhaft definiert. Das eigentliche und grundsätzliche Problem aber ist die Selbstverständlichkeit, mit der ausgerechnet ein Forschungszentrum zum Antisemitismus die gegenwärtige „Islamfeindschaft“ mit der historischen Judenfeindschaft parallelisiert.

„Die Wut der neuen Muslimfeinde gleicht dem alten Zorn der Antisemiten gegen die Juden“ behauptet Prof. Benz im Vorwort des Jahrbuchs 2008. Jetzt sei es die „Aufgabe der Antisemitismusforschung … ,beide Phänomene in den Blick zu nehmen: Hass gegen die Juden und den Judenstaat, wie er von Muslimen artikuliert wird, und Hass gegen die Muslime, der sich der gleichen Methoden bedient, die vom christlichen Antijudaismus wie vom rassistischen Antisemitismus entwickelt wurden.“[6]

Nun lässt sich nicht behaupten, dass Prof. Benz mit dieser Ansicht allein dasteht. „Muslime als Juden der Gegenwart“ – so lautete beispielsweise die Überschrift eines Artikels, den die Gruppe „Campo Antiimperialista“ am 16. September 2007 veröffentlichte. Das „Campo“ behauptet, dass „die Islamophobie das moderne Pendant zum historischen Antisemitismus“ sei und erklärt pointiert: „Was früher Verjudung hieß heißt heute Islamisierung.“[7] Dieses „Campo Antiimperialista“ fungiert als europäisches Sprachrohr von Hizbollah und Hamas. Es verherrlicht deren Selbstmordattentate und sucht den Islamismus gegen alle Anfechtungen zu verteidigen. Dass Prof. Benz über diesen Zuspruch glücklich sein kann, wage ich zu bezweifeln.

Um nicht missverstanden zu werden: Es ist eine Sache, im post-nationalsozialistischen Deutschland den Rassismus zu thematisieren, der nach wie vor nicht nur auf Massenebene sondern auch institutionell verankert ist. Ich kenne zum Beispiel keine andere Demokratie, die indirekt – durch das Verbot der Doppelstaatsangehörigkeit – einen relevanten Teil der Bevölkerung vom „allgemeinen Wahlrecht“ ausschließt. Die Selbstverständlichkeit, mit der hierzulande „Polenwitze“ goutiert werden, gehört dazu und natürlich auch das rassistische Ressentiment gegen „die Muslime“. Dieses Ressentiment existiert in Internet-Foren ebenso, wie in den Texten eines Hans-Peter Raddatz – Texte, die Peter Widmann in diesem „Jahrbuch“ einer streckenweise lesenswerten und soliden Kritik unterzieht.
Es ist aber eine völlig andere Sache, diesen zu bekämpfenden Rassismus mit dem historischen und gegenwärtigen Antisemitismus auf eine Stufe zu stellen. Warum? Aus mindestens fünf Gründen:

Erstens übersieht diese Gleichsetzung, dass sich die Ideologie des Antisemitismus auf die Elemente des Rassismus nicht beschränkt. Gewiss sind im modernen Antisemitismus immer rassistische Momente enthalten. Das wichtigste Merkmal aber, das den Antisemitismus von allen anderen Denkformen unterscheidet, kommt im Rassismus nicht vor. Ich meine damit die Verschwörungstheorie, die Juden sowohl für den Kapitalismus wie auch für den Kommunismus, für Aids, Revolutionen, Finanzkrisen – kurz: für alle „unerklärlichen“ Katastrophen der Moderne verantwortlich macht.

Dieser Verschwörungswahn ist kein Vorurteil, sondern eine fixe Sichtweise auf die Welt. Während der Rassismus Menschen in der Regel „klein“ macht, um sie zu versklaven, auszubeuten oder auszuweisen, macht der Antisemitismus die Juden wahnhaft „groß“. Der Begriff vom „Erlösungsantisemitismus“, den der Holocaust-Forscher Saul Friedländer prägte, kennzeichnet dieses Phänomen genau: Wenn man annimmt, dass Juden für das Elend dieser Welt verantwortlich sind, kann nur eine Maßnahme diese Welt „erlösen“: ihre Vernichtung. Dieses Paradigma der Judenfeindschaft trifft auf den Rassismus nicht zu: Von einem „Erlösungsrassismus“ kann keine Rede sein. Es gibt keine „Protokolle der Weisen von Mekka“. Muslimen wird nicht unterstellt, die Drahtzieher aller Revolutionen und Kriege zu sein.

Zweitens wird mit dieser Gleichsetzung der Holocaust trivialisiert. Im Sommer war es Faruk Sen, der ehemaligen Leiter des Essener Zentrums für Türkeistudien, der mit seiner Aussage, die Türken seien „die neuen Juden Europas“, den Holocaust en passent für nebensächlich erklärte.[8]
Im Herbst entschuldigte sich Professor Hans-Werner Sinn, weil er die Lage der Manager in 2008 mit dem Status der Juden von 1929 verglichen hatte.[9]
Heute ist es ausgerechnet das „Zentrum für Antisemitismusforschung“, das diese Linie fortsetzt, indem es das alte „Feindbild Jude“ mit dem neuen „Feindbild Muslim“ auf eine Stufe stellt. Wenn Prof. Benz die Gefahr eines neuen Völkermords, diesmal an den Muslimen, an die Wand malt – er „belegt“ zum Beispiel die Gefährlichkeit der Ausgrenzung von Muslimen mit dem Verweis auf die Schoa – dann wird der Holocaust in der Tat trivialisiert.[10]

Drittens ist der Vergleich auch deshalb so absurd, weil sich die Vorbehalte gegen Muslime auf reale Ereignisse gründen, was man beim Antisemitismus gerade nicht behaupten kann. Prof. Benz schreibt: „Antiislamische Ressentiments haben seit dem 11. September 2001 weltweit Konjunktur. Die Ermordung des niederländischen Filmemachers Theo van Gogh im November 2004 löste emotionale Reaktionen im Publikum aus, die sich zu einem Phänomen steigerten, dass man mittlerweile als Islamophobie bezeichnet.“[11] Seine Gleichstellung von „Feindbild Muslim – Feindbild Jude“ provoziert die Frage, welcher „11. September“ je von Juden verübt worden ist. Gibt es einen Juden, der auf offener Straße einen Filmemacher abgestochen und dies mit den Geboten der Thora begründet hat?

Viertens braucht man das Ausmaß an Vorurteilen und Diskriminierungen gegenüber Muslimen nicht zu beschönigen, um dennoch zu erkennen, dass sich die Auswirkungen des „Feindbilds Muslim“ und des „Feindbilds Jude“ qualitativ unterscheiden. Es werden hierzulande keine muslimischen Gräber geschändet. Es wird kein ausländisches Satellitensender ausgestrahlt, der schon im Kinderprogramm die Vernichtung aller Muslime fordert. Es wird kein Imam abgestochen. Wir kennen keine Fälle von Muslimen, die aufgrund des Terrors ihrer Mitschüler die Schule wechseln mussten oder wegen ihrer Gebetskette verprügelt wurden. Niemand will ein islamisches Land beseitigen. Die Moscheen und Veranstaltungsräume bedürfen keiner polizeilichen Dauerbewachung.

Fünftens aber läuft die fatale Gleichsetzung des „altem Antisemitismus“ mit der „neuer Muslimfeindschaft“ darauf hinaus, die gegenwärtig vordringlichste Aufgabe im Umgang mit dem Antisemitismus zu hintertreiben: Die Erforschung, Anprangerung und Bekämpfung des Antisemitismus, der sich aus islamischen und europäischen Quellen speist. Schon jetzt bringt der neue Kurs – um den Muslimfeinden keine Argumente in die Hände zu spielen – eine partielle Duldung von Judenfeindschaft unter Muslimen mit sich, wie unser abschließender Blick auf das Jahrbuch 2008 zeigt.

Hier findet sich der durchaus lesenswerte Beitrag über „Zwölf Gespräche mit jungen Berlinern palästinensischen und libanesischen Hintergrunds“, in dem die Autoren Sina Arnold und Günther Jikeli auf das Problem der Holcaustleugnung bzw. – befürwortung bei jungen Muslimen verweisen:

„Einige Jugendliche befürworten die Ermordung von sechs Millionen Juden im Dritten Reich eher beziehungsweise ausdrücklich. ... Eine Minderheit der Interviewpartner äußert deutlich Tötungsfantasien gegenüber Juden, indem sie vom Wunsch der ,Verbrennung’, ,Ausrottung’, ,Abschlachtung’ sowie davon, ,jeden Juden töten’ zu wollen reden.“[12]

Diese Sichtweisen auf den Holocaust dürften einem weiteren Autor des Jahrbuchs, dem Mitarbeiter der „Bundeszentrale für Politische Bildung“ im Projekt „Jugendkultur, Religion und Demokratie“, Dr. Jochen Müller, bekannt sein. Um so bemerkenswerter nimmt sich Müllers Vorschlag für den Umgang mit derartigen Positionen aus. Er schreibt:

Es gilt, „die ,anderen’ Geschichten und die ,anderen’ realen Erfahrungen, von denen in Deutschland lebende Jugendliche mit Migrationshintergrund berichten, stärker zu beachten, zu würdigen und anzuerkennen. ... Dazu gehört auch eine Revision des Politik- und Geschichtsunterrichts: Wenn etwa der Holocaust hierzulande als Zivilisationsbruch und Geburtsstunde eines neuen Europas gilt, so kann er diese zentrale Bedeutung für Migranten aus der arabisch-muslimischen Welt nicht einnehmen. Hier stünden – darauf verweisen auch arabische Wissenschaftler – vielmehr die Kolonialzeit und ihre Folgen im Zentrum des kollektiven historischen Gedächtnisses. Es muss auf dieser Basis überdacht werden, wie eine zeitgemäße ,Holocaust-Education’ aussehen soll, wenn 70, 80 oder 90 % der Schüler migrantischer Herkunft sind.“[13]

Hier kippt ein Verhaltensschema, das sich von „Islamfeindschaft“ abzugrenzen sucht, in die verständnisvolle Duldung von Antisemitismus um. Müllers Vorschlag läuft darauf hinaus, dass das öffentliche deutsche Schulwesen die Holocaust-Befürwortung unter Muslimen und das damit verbundene Judenbild akzeptiert.

Diese Gedankenlosigkeit in der Sache korreliert mit der Gedankenlosigkeit einer Sprache, die den „Holocaust … als … Geburtsstunde eines neuen Europa“ charakterisiert. Warum hat die Redaktion des Jahrbuchs, die Müllers sprachlichen Schnitzer offenkundig nicht bemerkte, dessen Pädagogik-Vorschlag als diskussionswürdig akzeptiert?

Müllers Empfehlung ist nicht nur moralisch zweifelhaft, sondern auch systematisch verkehrt, weist sie doch bestimmten Schülern aufgrund ethnischer Merkmale bestimmte kollektive Rollenerwartungen zu. In Wirklichkeit sind nicht wenige muslimische Jugendliche, wie ich aus langjähriger Unterrichtstätigkeit weiß, auch an Aufklärung über das jüdische Schicksal und den Holocaust interessiert.

Auch Yasemin Shooman, eine Mitarbeiterin im „Zentrum für Antisemitismusforschung“, scheint sich beim Kampf gegen das „Feindbild Islam“ vom Antisemitismus vieler Muslime nicht stören lassen zu wollen. So fügte sie in ihrem Beitrag über „Islamfeindschaft im World Wide Web“ ein Kapitel ein, das für den künftigen Umgang des „Zentrums“ mit der Judenfeindschaft im Islam paradigmatisch sein könnte. Seine Überschrift: „Die Instrumentalisierung des Antisemitismusvorwurfs gegenüber Muslimen.“

Frau Shooman zufolge liefert „der Antisemitismusvorwurf ein scheinbar rational begründetes Argument für die Ablehnung eines ganzen Kollektivs.“ Der „Antisemitismusvorwurf“ diene „in islamfeindlichen Kreisen als Ventil für Ressentiments gegenüber Muslimen.“[14]

Eine Auseinandersetzung mit jenem Antisemitismus findet bei ihr nicht statt. Ob der „Antisemitismusvorwurf“ berechtigt war oder nicht, interessiert Frau Shooman nicht. Was sie ärgert, ist, dass der Vorwurf des Antisemitismus „scheinbar rational“ begründet werden kann. Zuende gedacht könnte diese Argumentation auf eine Neuorientierung hinauslaufen, die besagt: Wer weiterhin die Judenfeindschaft unter Muslimen angreift und kritisiert, handelt so, wie früher der Judenfeind. Wer sich mit dieser Judenfeindschaft hingegen arrangiert, hat aus der Geschichte gelernt.

Man fühlt sich nachgerade erleichtert, wenn Peter Widmann in diesem „Jahrbuch“ schreibt: „Aus fachlicher Sicht gibt es keinen Grund, entsprechende Fragen [nach der Rolle der Judenfeindschaft in muslimisch geprägten Ländern] pauschal als islamfeindlich zurückzuweisen.“[15]

Die Neuorientierung des „Zentrums für Antisemitismusforschung“ fällt nicht in eine beliebige Zeit. Noch nie hat sich der islamische Antisemitismus so aggressiv, offensiv und eliminatorisch artikuliert, wie jetzt. Noch nie wurde die Beseitigung des jüdischen Staats derart regelmäßig und lautstark propagiert, wie seit Ahmadinejad. Nie zuvor hat eine großes Land die Leugnung des Holocaust in das Zentrum seiner Außenpolitik gerückt. Nie zuvor wurde das Forum der Vereinten Nationen für eine glasklar antisemitische Rede missbraucht, wie sie am 23. September 2008 Mahmoud Ahmadinejad dort hielt.

Die Wucht dieser Entwicklungen, die mit dem 11. September begannen, hat das „Zentrum für Antisemitismusforschung“ mit der Alternative konfrontiert, diesen neuen Gefahren entweder die Stirn zu bieten und die institutseigene Forschung und Publizistik darauf zu konzentrieren, oder aber den Kopf einzuziehen und deren Thematisierung zu vermeiden.

Das Vorwort von Professor Benz im Jahrbuch 2008 macht die verfehlte Weichenstellung manifest. Es richtet den Focus auf das weltweite „antiislamische Ressentiment“ und widmet der ersten offen antisemitischen Aufstachelung vor dem Forum der Vereinten Nationen kein Wort. Vielleicht spitzt sich diese Logik zu. Vielleicht wird, je offenkundiger der islamische Antisemitismus sein Gefahrenpotential mobilisiert, umso eifriger das „Zentrum für Antisemitismusforschung“ zu einem „Zentrum gegen Antisemitismusvorwürfe“ mutieren.

Sehe ich zu schwarz? Greifen in diese Auseinandersetzung, um die Institutslinie zu korrigieren, doch noch politischen Parteien, Stiftungen, Finanziers, interessierte Einzelpersonen, zivilgesellschaftlichen Agenturen ein? Die Konferenz „Feindbild Muslim – Feindbild Jude“, das sei zum Abschluss gesagt, findet am 8. Dezember 2008 in der TU Berlin, Straße des 17. Juni 135 in Raum H 1035 statt; das Zentrum selbst ist unter zfa10154@mailbox.tu-berlin.de zu erreichen.
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[1] Angelika Königseder, Feindbild Islam, in; Wolfgang Benz (Hg.), Jahrbuch für Antisemitismusforschung 17, Berlin 2008, S. 18. Hervorhebung von mir.
[2] Königseder, a.a.O., S. 31ff.
[3] Königseder, a.a.O., S. 42.
[4] Königseder, a.a.O., S. 41.
[5] Wolfgang Benz, Vorwort, in: Jahrbuch, a.a.O, S. 10.
[6] Wolfgang Benz, Vorwort, Jahrbuch, a.a.O., S. 9 und 11.
[7] Muslime als Juden der Gegenwart, unter: http://www.antiimperialista .org, 26. September 2007.
[8] Christoph Ehrhardt, Alleingänge und Entgleisungen, in: FAZ.Net, 3. Juli 2008.
[9] “1929 traf es die Juden – heute die Manager”, Interview mit Hans-Werner Sinn, in : Tagesspiegel, 27. Oktober 2008.
[10] Er schreibt: „Die Verabredung einer Mehrheit gegen das Kollektiv der Minderheit, das ausgegrenzt wird (einst und immer noch ,die Juden’, jetzt zusätzlich ,die Muslime’), ist gefährlich, wie das Paradigma der Judenfeindschaft durch seine Umsetzung im Völkermord lehrt.“ Benz, a.a.O., S. 9.
[11] Wolfgang Benz, Vorwort, a.a.O., S. 9.
[12] Sina Arnold, Günther Jikeli, Judenhass und Gruppendruck – Zwölf Gespräche mit jungen Berlinern palästinensichen und libanesischen Hintergrunds, in: Jahrbuch, a.a.O., s. 112f.
[13] Jochen Müller, Zwischen Abgrenzen und Anerkennen. Überlegungen zur pädagogischen Begegnung von antisemitischen Einstellungen bei deutschen Jugendlichen muslimisch/arabischer Herkunft, in: Jahrbuch, a.a.O., S. 100f.
[14] Yasemin Shooman, Islamfeindschaft im World Wide Web, Jahrbuch, a.a.O., S. 78ff. Hervorhebung von mir.
[15] Peter Widmann, Der Feind kommt aus dem Morgenland. Rechtspopulistische „Islamkritiker“ um den Publizisten Hans-Peter Raddatz suchen die Opfergemeinschaft mit Juden, in: Jahrbuch, a.a.O., S. 46.